Posted in: Ausgabe 2 / 2020
Anstelle eines Vorworts

Muße und Wissenschaft?

Hoffnungen, Verunsicherungen, Enttäuschungen

Jochen Gimmel

MM_Ausgabe 8_Gimmel_9-14

„Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben schon in bedenklich jungen Jahren zu wenig Zeit zum Nachdenken; sie müssen permanent Anträge stellen, Papers schreiben oder sich Begutachtungen stellen. Unser System ist sehr leistungsorientiert geworden. Aber wenn man vor lauter Exzellenz nicht mehr zum Nachdenken kommt und vor lauter Konkurrenz nicht mehr zur Kooperation, dann machen wir etwas falsch. Forscher müssen auch mal einen halben Tag durch den Park gehen und einfach nur nachdenken können.“

Katja Becker, Die Zeit, 16. Januar 2020 (Nr. 4), S. 31.

Muße und Wissenschaft?

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Debattenbeitrag

Das Verblassen eines Ideals

Zur Atemlosigkeit der Wissenschaften

Jochen Gimmel, Andreas Kirchner und Marion Mangelsdorf

Posted in: Ausgabe 2 / 2020
Wissenschaftlicher Beitrag

Es war einmal eine Fröhliche Wissenschaft

Zur Funktion von Muße und akademischer Freiheit für die Entstehung der Universitäten und Intellektuellen in Europa

Marcel Bubert

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Wissenschaftlicher Beitrag

Abschweifen

Auf Umwegen zu Wissenschaft und Muße

Jochen Gimmel

MM_Ausgabe 8_Gimmel_37-48

Das gedankliche Abschweifen kann für die Wissenschaft äußerst fruchtbar werden. Eine ungeheure Zahl an Ideen, Theorien, Systemen, Interpretationsansätzen und Einfällen verdanken sich womöglich nur den Um- und Abwegen unserer Gedanken und Fragen. Wenn dem so ist, dann müssten wir darüber nachdenken, ob wir dieses Abkommen vom rechten wissenschaftlichen Weg nicht eigens akademisch honorieren und legitimieren sollten. Die durchaus strittige Frage, ob Wissenschaft in besonderer Weise etwas mit Muße zu tun hat oder zu tun haben sollte, möchte ich mit Verweis auf die Fruchtbarkeit von Um- und Abwegen bejahen. Diese Umwege benötigen eine besondere Freizügigkeit und Zielvergessenheit, die – davon bin ich überzeugt – so etwas wie Muße voraussetzen. Ich möchte versuchen unterschiedliche Aspekte von Wissenschaft durch vier Metaphern zu charakterisieren: Als wissenschaftliche Goldsuche, die konzentriert das erschlossene Terrain, den Claim, durchwühlt und durchsiebt, um ein in Unzen abzuwiegendes Körnchen Wahrheit zu bergen. Dieses zielgerichtete Erschließen von Forschungsergebnissen müsste von einer Art wissenschaftlicher Pilzsuche unterschieden werden, die mit offen-ungerichtetem Blick und doch eindeutiger Sachintention den Wald sichtet und die Früchte ihrer Erkenntnissuche tastenden Auges quasi ‚erschnüffelt‘. Im dritten Fall, dem Ab- und Umherschweifen, fallen dem Forscher die Früchte der Wissenschaft gerade dann in den Schoß, wenn er sie nicht erwartet, genau dann, wenn er gar nicht sucht, sondern über sie förmlich stolpert bei seinen Spaziergängen auf unbekannten Wegen in nicht vermessenem Gelände. Ich fürchte allerdings, dass unser wissenschaftlicher Alltag oft keiner dieser drei Metaphern gleicht, sondern vielmehr der Arbeit eines Bergmanns, der in den Schacht fährt, Kohle abbaut und das Gestein auf geschientem Weg zur Halde abtransportieren lässt.
Abschweifen

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Wissenschaftlicher Beitrag

„… dass der Mensch heimgeholt wird in die Heimat des Geheimnishaften“

Zur Muße unter den Bedingungen der Gegenwart

Andreas Kirchner

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„Die Muße ist der Anfang, der Urgrund von allem!“[1]Aristoteles Politik VIII 3 1337b 31f. – „Wir arbeiten, um Muße zu haben, und wir führen Krieg, um Frieden zu haben.“[2]Aristoteles Nikomachische Ethik X 7 1177b 4f. Wörtlicher ließe sich „wir arbeiten, um Muße zu haben“ übersetzen mit „wir haben keine Muße, um Muße zu haben“. – Das schrieb Aristoteles vor mehr als 2300 Jahren. Damit wollte er nicht weniger sagen, als dass die Muße sowohl der Zweck unseres Daseins ist als auch der Grund allen Arbeitens, Herstellens und Handelns und überhaupt aller Unruhe des Lebens. Für ihn sucht alle Unruhe zuletzt nach ihrer Vollendung in der Ruhe selbstzweckhafter Selbstverwirklichung, das heißt: eines Tuns, das nichts außer sich selbst will. Für den antiken Philosophen ist diese vollkommene Selbstzweckhaftigkeit allein im Denken erreicht. Auf die philosophisch sehr voraussetzungsreiche Beschreibung dieses ‚Tuns‘, das nichts anderes ist als das Denken um des Denkens, des Verstehens und Begreifens willen, soll hier nicht näher eingegangen werden. Es lässt sich aber erahnen, dass hier ein Verständnis von Wissenschaft angesprochen und begründet wird, wie es für die Frage nach Muße und Wissenschaft bis heute brisant ist. In der Selbstbezüglichkeit des Denkens, dem es nur um das Verstehen als solchem geht, kommt der Mensch, so die aristotelische Anthropologie, zu seiner höchsten möglichen Vervollkommnung.
„… dass der Mensch heimgeholt wird in die Heimat des Geheimnishaften“

Anmerkungen

Anmerkungen
1 Aristoteles Politik VIII 3 1337b 31f.
2 Aristoteles Nikomachische Ethik X 7 1177b 4f. Wörtlicher ließe sich „wir arbeiten, um Muße zu haben“ übersetzen mit „wir haben keine Muße, um Muße zu haben“.
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Wissenschaftlicher Beitrag

Willkommen in der Elfenbeinhöhle

Frist und Frust in der Universität

Martin Büdel

MM_Ausgabe 8_Buedel_57-64

Mit der Anrufung der Muße scheint nicht selten eine gehörige Portion Nostalgie verbunden zu sein. Gerade an den Universitäten mag der ein oder andere „voll Neid auf“ die „Zeit, Muße, Ruhe und Gelassenheit“ blicken, mit der „der klassische deutsche Professor“ (und bis 1923 waren dies in Deutschland ja tatsächlich ausschließlich Männer) im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gesegnet war: „Keine Gremieninflation, keine E-Mail-Flut, keine übervollen Seminarräume, keine Deputatserhöhung, kein Drittmitteleinwerbungszwang“ und so weiter.[1]Jochen Hörisch, Die ungeliebte Universität, München 2006, 60–61. Die Universität hatte ein völlig anderes Gesicht als die momentan gerne als ‚Massenuniversität‘ verunglimpfte, und die Aufgaben des lehrenden Personals, zumal der Professorenschaft, waren noch längst nicht nach heutigen Maximen der Projekt- und Managementleitbilder ausgerichtet. Es scheint, dass viel mehr Zeit zum Forschen und Bücherschreiben vorhanden war, gerade im Fall der Geisteswissenschaftler, an die auch Hörisch insbesondere denkt. Warum also nicht vom Überfluss an Zeit und Muße träumen, den die Alma mater in der Vergangenheit zu bieten schien?
Willkommen in der Elfenbeinhöhle

Anmerkungen

Anmerkungen
1 Jochen Hörisch, Die ungeliebte Universität, München 2006, 60–61.
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Wissenschaftlicher Beitrag

Muße als Voraussetzung einer Dialogkultur quer zur zeitgenössischen Alma Mater?!

Marion Mangelsdorf und Doris Ingrisch

MM_Ausgabe 8_MangelsdorfIngrisch_65-73

„Dialoge sind umwegig“, schreibt Christina Thürmer-Rohr in Neugier und Askese – Vom Siechtum des dialogischen Prinzips an der Dienstleistungs-Universität. Dialoge „brauchen Zeit. Sie halten auf. Ihr Ausgang ist offen. Die Wege sind nicht planbar, die Einsichten, Faszinationen und Enttäuschungen unerwartet. Im Dialog bewegen Menschen sich wie Fremde. Niemand weiß genau, was geschehen wird. Der Dialog hält nicht Kurs, er wird nicht durch Ziele stimuliert und nicht durch Resultate dirigiert. Er zeigt den einzelnen ihre Grenzen. Er braucht und stiftet Verwirrung. Er begibt sich in Gefahrenzonen. Er vervielfältigt das Feld der Fragen. Er löst die Gesten der Belehrung und Bekehrung ab und wird zum Wagnis für Herrschaft jeder Art.“[1]Christina Thürmer-Rohr, „Neugier und Askese – Vom Siechtum des dialogischen Prinzips an der Dienstleistungs-Universität“, in: Thomas Greven/Oliver Jarasch (Hgg.), Für eine lebendige … Weiterlesen

Muße als Voraussetzung einer Dialogkultur quer zur zeitgenössischen Alma Mater?!

Anmerkungen

Anmerkungen
1 Christina Thürmer-Rohr, „Neugier und Askese – Vom Siechtum des dialogischen Prinzips an der Dienstleistungs-Universität“, in: Thomas Greven/Oliver Jarasch (Hgg.), Für eine lebendige Wissenschaft des Politischen. Umweg als Methode (Festschrift für Ekkehart Krippendorff zum 65. Geburtstag), Frankfurt a. M. 1999, 61–74, 61.
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Gespräch

Muße als Bedingung der Möglichkeit inter- und transdisziplinärer Forschung

Gert Dressel und Marion Mangelsdorf

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Gespräch

Aufgehoben-Sein in Wissenschaft und Kunst

Ein Dialog über Muße und Musen, Nutzen und Sinn

Jörg Holkenbrink und Anna Seitz

MM_Ausgabe 8_SeitzHolkenbrink_87-95

Das Zentrum für Performance Studies (ZPS) der Universität Bremen entwickelt seit der Jahrtausendwende regelmäßig Projekte, die eine künstlerische Orientierung in wissenschaftlichen Arbeitszusammenhängen ermöglichen. Das dem Zentrum angeschlossene Theater der Versammlung zwischen Bildung, Wissenschaft und Kunst (TdV) gilt als eines der ersten Forschungstheater in Deutschland. Im folgenden Dialog, der aus E-Mail-Korrespondenzen und vertiefenden Kaffeehaus-Gesprächen hervorgegangen ist, begegnen sich die Philosophin und Dramaturgin Anna Seitz und Jörg Holkenbrink, Performativitätsforscher, Regisseur und Leiter des ZPS und des TdV.
Aufgehoben-Sein in Wissenschaft und Kunst

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Werkstattberichte – subjektive und disziplinäre Zugänge zur Wissenschaft

Müllhalde Wissenschaft?

Zur Replikationskrise in der Psychologie

Anja S. Göritz

MM_Ausgabe 8_Goeritz_97-100

Seit gut zehn Jahren wütet die sogenannte Replikationskrise in der Psychologie und in anderen Wissenschaften wie der Medizin.[1]Ich danke Helmut Fink für hilfreiche Anmerkungen zu diesem Beitrag. Zum persönlichen Weckruf wurde für mich der Artikel von John Ioannidis Why most published research findings are false. Seit der Veröffentlichung dieses Artikels haben vielfache Replikationsstudien gezeigt, dass möglicherweise sechzig und mehr Prozent – jedenfalls erschreckend viele – der in angesehenen Fachzeitschriften veröffentlichten Ergebnisse nicht replizierbar sind.
Müllhalde Wissenschaft?

Anmerkungen

Anmerkungen
1 Ich danke Helmut Fink für hilfreiche Anmerkungen zu diesem Beitrag.
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Werkstattberichte – subjektive und disziplinäre Zugänge zur Wissenschaft

Theologie als Wissenschaft?

Zur Frage nach der Wissenschaftlichkeit einer umstrittenen Disziplin

Andreas Kirchner

MM_Ausgabe 8_Kirchner_101-110

Als ich zuletzt wieder einmal mit den Fragen konfrontiert war, inwiefern Theologie als Wissenschaft gelten könne und ob ich mich mit dem Wissenschaftsverständnis meiner Disziplin identifizieren könne, wusste ich spontan keine Antwort. Die Frage klang diesmal keinesfalls aggressiv oder polemisch, sondern aufrichtig interessiert – und gerade deshalb verfiel ich nicht in die sonst reflexhaft vorgetragenen Apologetiken. Ich schwieg zunächst, begann zu grübeln und stellte die mir sonst genügenden Antworten grundsätzlich in Frage. Dabei ist offensichtlich, dass die Frage nach dem Wissenschaftsstatus von Theologie verschiedene neuralgische Punkte aufweist. Einerseits operiert sie selbst mit Begriffen, die bei genauerer Betrachtung ungeklärt und zumindest fragwürdig sind. Andererseits fragt sie auch die eigene Positionierung an, die sich noch einmal auf einer anderen als der bloßen Sachebene bewegt. Der vorliegende Text ist nun das Ergebnis einer längeren, vor allem persönlichen Auseinandersetzung mit der Frage nach der Theologie als Wissenschaft.
Theologie als Wissenschaft?

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Werkstattberichte – subjektive und disziplinäre Zugänge zur Wissenschaft

Philologische Gelassenheit

Christian Schmidt

MM_Ausgabe 8_Schmidt_111-112

Beim nächsten Ausatmen schließe ich die Augen. Die ersten Eindrücke der Innenwelt flackern auf, darunter eine hartnäckige Wut auf Ostereier mit Marc de Champagne-Füllung, dann, ich kann nichts dafür, sofort der Buchanfang „The first time I drank piss was on a fire escape overlooking downtown Los Angeles“. Ich konzentriere mich auf den Atem, weil der Herzschlag zu unheimlich ist.
Philologische Gelassenheit

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Werkstattberichte – subjektive und disziplinäre Zugänge zur Wissenschaft

Philosophie als Wissenschaft?

Zu meinem Verständnis von Philosophie, Wissenschaft und Muße

Jochen Gimmel

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Werkstattberichte – subjektive und disziplinäre Zugänge zur Wissenschaft

Wo ich in der Slavistik Muße erlebe ‒ oder auch nicht

Regine Nohejl

MM_Ausgabe 8_Nohejl_121-126

Die westliche Slavistik ist eine vergleichsweise junge Wissenschaft. Das Fach ist bis heute nicht so etabliert, wie es die großen Traditionsfächer sind ‒ mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt: mehr Abstand, mehr Freiräume, aber auch mehr Unsicherheit, mehr Unwägbarkeiten, mehr Erklärungs- und Rechtfertigungsbedarf ‒ im Denken wie im akademischen Alltag.
Wo ich in der Slavistik Muße erlebe ‒ oder auch nicht

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Addendum // Wissenschaftlicher Beitrag

Muße, Freiheit und Würde in der Ökonomie als Wissenschaft

Robert Simon

MM_Ausgabe 8_Simon_127-141

Vorbemerkung der Herausgeber*innen: Dieser Beitrag ist nachträglich in diese Sonderausgabe zum Thema „Muße und Wissenschaft“ aufgenommen worden. Seinem Inhalt nach gehört er in die Rubrik „Wissenschaftliche Beiträge“ und beruht auf einem Vortrag, der im Rahmen der Ringvorlesung „Muße und Wissenschaft“ im Rahmen des SFB 1015 gehalten wurde. Die nachträgliche Aufnahme begründet sich also zum einen durch den lebendigen Diskussionszusammenhang unseres Vorhabens, dem er entspringt, zum anderen aber auch durch seine Fragestellung, die für dieses Themenheft zentrale Motive wie den Begriff der Ökonomisierung und des Herstellungsparadigmas der Wissenschaften aus einer geistesgeschichtlichen Perspektive in den Blick nimmt.
Muße, Freiheit und Würde in der Ökonomie als Wissenschaft