Leitartikel

„Nicht nur Menschen, sondern auch viel Zeit muß gegenwärtig totgeschlagen werden.“

Alina Enzensberger

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Was haben Krieg und Muße miteinander zu tun? Auf den ersten Blick scheinen sie widersprüchlich zu sein. Krieg ist instrumentell. Er ist gewalttätig, zerstörerisch, dynamisch, technisiert, er reißt Menschenleben, Städte und Landschaften mit sich und bringt oft wie in einem Katalysator gesellschaftliche Prozesse oder Konflikte in großer Beschleunigung zum Vorschein. Im Krieg sollen bestimmte äußere Ziele eines Staates oder einer Gruppe mit brutalen Gewaltmitteln möglichst schnell erreicht werden. Muße hingegen hat mit Ruhe und Erfülltheit zu tun. Mußevolles Tun ist an keine äußeren Zwecke gebunden und erscheint eher weltabgewandt. Muße ist frei genutzte Zeit des Einzelnen, ein geistiger Freiraum, zum konzentrierten Denken und bewusster Tätigkeit. Sie scheint mit Lebensgenuss, Ausgeglichenheit und innerer Stimmigkeit in Verbindung zu stehen; Menschen sollen dabei nicht zu Schaden kommen.

Zwar lassen sich Muße und Krieg historisch durchaus kombinieren und in einem Atemzug nennen, wie es etwa Friedrich Nietzsche in seinen Gedanken zu Muße und Müßiggang von 1882 mit Blick auf die Antike tut. Muße und Krieg, so heißt es bei ihm, seien im Altertum die beiden einzigen angemessenen Tätigkeiten eines Aristokraten gewesen: „‚Die Vornehmheit und die Ehre sind allein bei otium und bellum‘: so klang die Stimme des antiken Vorurteils!“1 Doch für das 20. Jahrhundert, besonders aber für die Zeit der beiden Weltkriege, scheint diese antike aristokratische Zusammengehörigkeit von Muße und Krieg im gemeinsamen Ziel der ehrenvollen Auszeichnung nicht mehr gegeben zu sein. Schon im Ersten Weltkrieg waren die Gesellschaften der beteiligten Staaten dazu aufgefordert, ihr gesamtes Tun auf die militärischen Notwendigkeiten zu richten. In diesem Sinn war der Konflikt von 1914-1918 mit seinen über zehn Millionen Toten ein ‚totaler‘ Krieg. Er war es deshalb, weil sich die militärische Führung nicht nur darauf konzentrierte, die Soldaten zu befehligen, sondern die gesamte Gesellschaft in allen ihren Bereichen militärisch zu durchdringen und dem Kriegszweck zu unterwerfen. Alle Bürgerinnen und Bürger, Männer, Frauen, aber auch Kinder, Alte und Kranke sollten zum Sieg beitragen, keine potenzielle Kraft der Nation durfte in dieser ernsten Lage vergeudet werden. Persönliche Muße, zweckfreie Betätigung, geistige Tätigkeit ohne offensichtlichen Nutzen für den militärischen Erfolg erschienen in dieser Situation nicht nur unpassend, sondern sogar besorgniserregend und gefährlich. Und doch gab es auch im Ersten Weltkrieg Momente des Müßiggangs und Räume der Muße. Einer dieser Räume war das Heimatlazarett des Deutschen Kaiserreichs. Auf welche Weise dort Muße und Müßiggang während des Weltkriegs verhandelt wurden, soll hier beispielhaft skizziert werden. Es wird sich zeigen, dass es für Soldaten im Lazarett zwar durchaus Momente erfüllten Mußeerlebens, der freien Zeit und des Nichtsstuns gab, diese jedoch von den deutschen Militärverwaltungsbehörden nur im Gewand des „schädlichen Müßiggangs“ wahrgenommen und problematisiert wurden.

Zwischen 1914 und 1918 waren nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche des Kaiserreichs militarisiert. Dies galt auch und gerade für den Bereich der Medizin und damit für die Versorgung der verwundeten und kranken Soldaten. Durch die moderne Waffentechnik – vor allem leichtere Maschinengewehre, Panzer, Bombenflugzeuge und chemisches Kampfgas – kostete die technisierte Kriegführung nicht nur unzählige Menschen das Leben, sondern produzierte auch Millionen von Verwundeten und Kranken. Diese kriegsversehrten Männer mussten in den Lazaretten an der Front und im Heimatgebiet behandelt werden. Danach schickten die Ärzte ihre Patienten entweder als ,geheilt‘, und ‚kriegsverwendungsfähig‘ zum Militärdienst zurück – das war aus Sicht der Militärverwaltungsbehörden der optimale Verlauf – oder sie entließen sie als ,arbeitsverwendungsfähig‘ oder gar ‚kriegsunbrauchbar‘ in die Heimat.

Die schiere Menge an Toten und Verletzten überstieg alle Vorstellungen der Zeitgenossen. Mit so vielen Versehrten hatte zu Kriegsbeginn niemand gerechnet, auch nicht die Militärmedizinalbehörden. Gerade in den ersten Monaten mussten daher schnelle, manchmal improvisierte Lösungen für die Einrichtung zusätzlicher Lazarette im Heimatgebiet gefunden werden. Zunächst noch in regulären Krankenhäusern und Garnisonslazaretten untergebracht, wurden Reserve- und Vereinslazarette bald auch in anderen öffentlichen Gebäuden eingerichtet, etwa in Schulen, Festsälen oder Turnhallen. So wuchs das medizinische Versorgungssystem des Kaiserreichs zu einem riesigen, weitverzweigten Apparat an. Bald war er auch für die Sanitätsbehörden selbst nur noch mit Mühe zu überblicken, zumal sie die Lazarette im Verlauf des Krieges immer wieder umorganisierten, umbenannten und neu zusammenfügten.

In diesen Heimatlazaretten hielten sich die deutschen Soldaten je nach Schwere ihrer Krankheit oder Verwundung für Wochen oder gar Monate zur Behandlung auf. Besonders für die leichter Verwundeten unter ihnen erwies sich die plötzliche Unterbrechung ihres Militäreinsatzes oft als große Erleichterung. Im Hospital waren sie keiner permanenten äußeren Lebensgefahr mehr ausgesetzt. Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger kümmerten sich um sie, es gab regelmäßige Mahlzeiten und für jeden Patienten ein eigenes, sauberes Bett. Nun war auch mehr Kontakt zur Familie und zu anderen Zivilisten möglich als noch an der Front. Die Patienten konnten Besucher empfangen, ins Theater und zu Tanzveranstaltungen in der Stadt gehen, Frauen kennenlernen, nahegelegene Ortschaften erkunden und so ihre Freizeit zumindest teilweise selbst gestalten.2 Für die große Zahl an Schwerwundeten und -kranken kamen derartige Vergnügungen jedoch nicht in Frage. Sie mussten ihren langen Genesungsprozess, diese erzwungene Ruhezeit, notgedrungen anders überbrücken.3 So verbrachte etwa der schwerverwundete Walter Rolvien, ein Leutnant aus Clausthal, viele Wochen in einem Lazarett nahe seiner Heimatstadt, nachdem er während eines Einsatzes an der Westfront an Schulter und Oberarm getroffen worden war. In seinem tagebuchartigen Erinnerungsbericht beschrieb er, wie seine anfängliche Zufriedenheit über den angenehmen Lazarettaufenthalt bald verflog und einer großen Unruhe wich. Die lange Zeit der Untätigkeit sei für ihn nur mit Mühe zu ertragen gewesen:

„Dieses Lazarettleben macht mich unstät und sehnsüchtig. Je kräftiger man sich fühlt, um so stärker strebt man hinaus. Aber die Wunde heilt langsam. Die Verpflegung und die Ordnung sind hier ansprechend, aber auf die Dauer wird dieses müssige Leben unter dem Szepter einer greisen und herrschsüchtigen Schwester sinnlos. Während im vorigen Lazarett alles auf Durchgang eingestellt war, scheinen die Verwundeten hier ein für allemal das Ende des Krieges abwarten zu wollen. Gewiss liegen hier schwere Fälle, die, sind sie ausgeheilt, nichts mehr mit Militärischem zu tun haben werden. Aber auch die Heilfähigen hält man über Gebühr lange fest. […] Ich fühle mich bald wie eingekerkert. Dieser regelmässige Trott, eigentlich der stumpfe, festgefügte Ablauf von Essen und Schlafen ruiniert mich.“4

So kritisch wie Rolvien bewerteten jedoch nicht alle Patienten die Situation des Lazaretts. Im Gegenteil: Manche von ihnen scheinen gerade den gleichförmigen Tagesablauf, der durch Visite, ärztliche Untersuchungen, Fiebermessen und Mahlzeiten klar strukturiert war, als beruhigend und geistig anregend wahrgenommen zu haben. Die Patienten konnten in dieser Zeit künstlerisch tätig werden, Gespräche führen, musizieren, lesen – und sie konnten es mit Muße tun. Solche Momente der Muße beschrieb etwa der junge Dortmunder Soldat Adolf Dünnebacke in seinem Kriegstagebuch. Er schilderte darin seinen mehrmonatigen Lazarettaufenthalt bei Hannover als eine Phase träumerischer Ruhe und intensiver Lektüretätigkeit. Über die erste Woche dort notierte er:

18.6.18: […] Liegen in hellen, luftigen Lazarettbaracken inmitten eines kleinen, parkartigen Gartens. Bequeme weiße Betten. Gute Verpflegung. Durch Verordnung des Arztes ans Bett gebannt, beschäftige ich mich mit Essen, Trinken, Schlafen und Lesen.

20.6.18: Das sind Tage voll Ruhe und Frieden und Sonnenschein. Rosen leuchten vor meinem Fenster. Bisweilen trägt ein leiser Lufthauch eine Welle von Duft herein. Die Mittagsschwüle hat alles Leben eingeschläfert. Tiefe träumende Stille herrscht. Das Rollen eines Eisenbahnzugs erwacht in der Ferne, schwillt allmählich an und wird zum Brausen, wird schwächer, leiser, und erstirbt in dem großen Schweigen, das wieder die Erde deckt wie ein uferloses Meer. Dies sind Tage des Vergessens und Erinnerns. Vergessen ist die trübe Gegenwart mit ihrem lauten Kriegsgeschrei, ihrem Elend und ihrer Not und ferne Kindertage leuchten auf wie Lichtlein dem Wanderer in der Nacht der Vergangenheit. […]

23.6.18: Drei Tage hat es geregnet und drei Nächte gegossen, nur hin und wieder durch einen kleinen Wolkenbruch unterbrochen. Heute wird es wieder etwas heller. Ich lese, lese, lese.5

6Neben privater Lektüre waren auch andere Tätigkeiten für bettlägerige Patienten möglich, um die freien Stunden des Tages zu füllen. Verbreitet und offenbar auch beliebt waren Handwerksarbeiten wie Schnitzen, Knüpfen und Körbeflechten. Krankenschwestern oder Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter städtischer Fürsorge- und Volkserziehungsinstitutionen führten dazu geeignete Techniken oder Modelle vor, die aber von den Soldaten mithilfe spezieller Lazarett-Beschäftigungsbücher auch selbst erlernt werden konnten. Die Auto- ren solcher Bastelbücher waren häufig Lazarettpfarrer. Mit zuversichtlichen Worten und einfachen handwerklichen Anleitungen wollten sie dem „Grübeln“ nicht-beschäftigter Patienten entgegenwirken. Denn Grübeln und Langeweile erschienen den Fürsorgeexperten als die beiden größten Gefährdungen des Heilerfolgs. So erklärte etwa Willy Müller, Militärgeistlicher im Straßburger Lazarett Stephanienheim, im Vorwort seines Arbeitsbuchs von 1916:

„Wir treten mit ganzer Seele für die Verwundeten-Beschäftigung deshalb ein, weil wir ihr große Bedeutung als Heilfaktor in seelischer wie in kör- perlicher Hinsicht beimessen. Der moralische Wert der Beschäftigung der Verwundeten liegt auf der Hand. Aus den Aussagen mancher Kranker haben wir ersehen können, wie schwer viele unter der Langweile zu leiden haben. ‚Nicht nur Menschen, sondern auch viel Zeit muß gegenwärtig tot geschlagen werden‘, bekannte einer. Da tut es wirklich not, die Kräfte der Genesenden nutzbar zu machen, um bei ihnen die Langeweile durch ein Glücksgefühl zu ersetzen, das nur der Schaffende empfindet.“7

Doch was war für die Fürsorgeexperten das eigentlich Problematische an der konstatierten Langeweile im Lazarett? Aus Sicht vieler Krankenschwestern, Militärgeistlicher oder Mitarbeiterinnen sozialer Fürsorgevereine, die aufgrund ihrer Berufe nah am einzelnen Patienten arbeiteten, stellte sich das ‚müßige Leben‘ im Lazarett vor allem als ein individuelles psychologisches Problem für die Soldaten dar. Das wochenlange Nichts-Tun schmälere das Selbstbewusstsein der Männer. Es verleite zu Zukunftssorgen und tiefer Melancholie, die schlimmstenfalls sogar in Suizidgedanken gipfeln könne. Dass es tatsächlich registrierte Fälle von Selbstmord in Heimatlazaretten gab, wird diese Überzeugung der Fürsorgekräfte noch verstärkt haben. Es schien also klar: Die destruktive Langeweile musste beseitigt werden. Stattdessen sollten die Soldaten ihre freien Stunden mit ‚erbauliche‘ Tätigkeiten und heiterer Lektüre füllen.

Für viele Vertreter der deutschen Kriegsministerien und der ihnen unterstellten Sanitätsämter lag das eigentliche Problem des maladen Nichts-Tuns im Lazarett an anderer Stelle. Sie wollten die Soldaten nicht nur möglichst schnell gesund und damit wieder an der Front sehen, sondern betonten in ihren internen Schreiben auch den unruhestiftenden Aspekt der Untätigkeit im Lazarett. Ob diese Untätigkeit nun als Muße oder als Müßiggang anzusehen war, diese Unterscheidung spielte aus der Sicht der Behörden keine Rolle. Jedes (scheinbar) untätige Dasein von Bürgerinnen und Bürgern in Zeiten des Krieges, gerade aber von Männern im wehrfähigen Alter, erschien aus dieser Perspektive unpatriotisch und parasitär. Wer nicht für den Krieg arbeitete, der arbeitete gewissermaßen gegen ihn und damit gegen das Vaterland. Vor diesem Hintergrund wird nachvollziehbar, warum auch das Lazarett selbst für die Behörden als ein tendenziell verdächtiger Ort galt: Wenn die Soldaten dort zu lange ‚herumlagen‘, nichts Vernünftiges taten und auch nichts zur Kriegsanstrengung beitrugen, dann, so die Vorstellung, entfernten sie sich geistig immer mehr aus dem Bereich militärischer Disziplin und würden bald anfällig für schädliches Gedankengut.8 Die gedankliche Essenz des Sprichworts „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ bildete in dieser Sichtweise das bedrohliche Hintergrundrauschen, welches das „Laster“ potenziell im Lazarett und ausgehend von den Lazarettpatienten verortete. Dieses Laster konnte sich verschiedentlich äußern: in genereller ‚schlechter Stimmung‘ und Kriegsunlust, die bald auch auf andere Lazarettpatienten übergreifen konnte, im Aufbegehren gegen Vorgesetzte und schließlich, so die größte Sorge, in revolutionären Umtrieben. Aus Sicht der Behörden führten daher stumpfes Zeit Totschlagen, langes privates Nachdenken oder Beschäftigung um der Beschäftigung willen nicht nur in die falsche Richtung, sondern stellten ein ernstes gesellschaftliches Risiko dar. So warnte der Militärarzt und spätere DDP-Politiker Willy Hellpach in der Zeitschrift Medizinische Klinik davor, die Lazarettzeit für die Soldaten allzu wohlig zu gestalten:

„Der verwundete oder erkrankte Soldat kann vom Lazarett fordern, daß er darin alles finde, was zu seiner Genesung nötig und dienlich sei: gute Einrichtungen, Ärzte, Pflege. […] Damit aber sind wir an der Grenze des Wünschenswerten. Jeder Schritt darüber hinaus birgt die Gefahr, daß das Lazarettleben, besonders für die schon Genesenden, zu schön werde. Und das darf es nicht. Verbreiten wir zuviel Behagen, zuviel Molligkeit, zuviel Gemütlichkeit, zuviel Abwechslung im Lazarett, so wird aus der Heilanstalt schließlich ein Klub- oder Vereinshaus, in dessen Atmosphäre sich der letzte Zweck der Behandlung, die Herstellung der Kriegsbrauchbarkeit, verflüchtigt.“9

Mit diesen Aussagen befand sich Hellpach auf der allgemeinen Linie der Militärmedizinalbehörden. Zwar sollte das Hospital nach Meinung der Behördenvertreter durchaus ein Ort der Ruhe sein – jedoch einer medizinisch verordneten Ruhe, die den schnellen Heilerfolg beförderte, und gerade kein Raum für private Muße und Lebensgenuss. Vielmehr sollte der Aufenthalt im Lazarett gesellschaftlichen Zwecken dienen und die Patienten noch vor Ort gezielt auf ihr Leben ‚danach‘ vorbereiten – ob sich dieses ‚danach‘ nun wieder bei der Truppe oder als Zivilist in der Heimat abspielen würde. So heißt es etwa im internen Protokoll einer militärärztlichen Besprechung in der Berliner Kaiser-Wilhelms-Akademie, bei der sich rund 60 höhere Vertreter des Militärsanitätsdienstes im Dezember 1916 zur Abstimmung strategischer Fragen zusammengefunden hatten: „Jeder der arbeiten kann, muss für das Vaterland arbeiten. Den widerstrebenden Lazarettinsassen, die arbeitsfähig sind, ist nachdrücklich zu erklären, dass sie infolge des Kriegshilfsdienstgesetzes verpflichtet sind zur Arbeit und dass sie nicht die Zeit mit Kartenspiel, Spazierengehen usw. totschlagen dürfen.“10 Weiter heißt es, man könne nun überlegen, die Lazarettwerkstätten allgemein „auf Kriegsindustrie“ umzustellen. Die Patienten würden in ihnen dann beispielsweise nicht nur einfache Bastkörbe herstellen, sondern richtige Geschosskörbe für die Truppen. Von dieser in der Berliner Besprechung empfohlenen Arbeit in Lazarettwerkstätten waren jedoch nicht alle Behördenvertreter überzeugt. Nur zwei Monate zuvor hatte etwa der Chef des Sanitätsamts in München, Obergeneralarzt Philipp Hofbauer, die Arbeit in Werkstätten als geeignete Beschäftigungsform für Rekonvaleszente angezweifelt. In seinem Bericht an die Reservelazarettdi- rektoren seines Armeekorps empfahl er stattdessen eine Vorgehensweise, die in der Festung Cöln mit großem Erfolg erprobt worden sei. Dort habe man Lazarettpatienten gewinnbringend in örtlichen Betrieben beschäftigt, ihnen einen kleinen Lohn ermöglicht und auf diese Weise dem Müßiggang klug vorgebeugt. Dies sei wohl auch für Bayern der einzig gangbare Weg:

„Der Erfolg des Cölner Versuches war schon nach einigen Wochen ein sehr guter. Der Müßiggang, dem die Lazarettinsassen trotz aller Veranstaltungen in der Hauptsache ausgeliefert sind und der gerade für die Genesenden bei längerem Lazarettaufenthalt ernste Gefahren in sich birgt, sowie die gesundheitschädliche Langeweile fielen fort. Das beschäftigungslose Dasein, welches nur grübelnde Gedanken hervorrief, war ausgeschaltet und die Arbeit, nach diesen Gesichtspunkten gestaltet, wirkte produktiv. Der arbeitsfähige Lazarettinsasse ging nicht mehr müßig.“11

Die in Hofbauers Aussagen ausgedrückte Vorstellung vom Müßiggang als einem gesellschaftlichen Risiko mag in ihrer Deutlichkeit ungewöhnlich sein, sie war aber historisch nicht neu. Im Grunde setzte sie unter Kriegsbedingungen nur diejenigen bekannten Auffassungen fort, die bereits seit Langem jede Form von Müßiggang, aber auch Muße als Widerstand gegen bürgerliche Normen und eine das Individuum vereinnahmende Arbeitsethik wahrgenommen hatten. Die obrigkeitliche Kritik am Müßiggang hatte also Tradition, richtete sich aber in der ökonomisch zugespitzten Situation des Weltkriegs auch dezidiert auf die Insassen deutscher Heimatlazarette. Nun schien es einem verräterischen Verhalten nahezukommen, Müßiggang zu betreiben, ja überhaupt ‚krank‘ zu sein, wenn es doch auf jeden Mann ankam. Der Gipfel des Verrats war aus dieser Sicht die Simulation von Krankheit oder die aktive Selbstverstümmlung von Soldaten. Sie entsprach einer provokativen Arbeits- und Dienstverweigerung, die gewissermaßen einer Fahnenflucht gleich kam.

Die Verurteilung des Müßiggangs in der Heimat setzte sich über den ganzen Krieg hinweg fort. Sie endete auch nicht mit der offiziellen Einstellung der Kampfhandlungen im November 1918, sondern spielte in der Nachkriegszeit weiterhin eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Verachtung von Müßiggängern, von Verrätern aus den eigenen Reihen, den „psychisch Minderwertigen in den Heimatlazaretten und Heimatkasernen“,12 die den tapferen Kameraden an der Front in den Rücken gefallen seien, wurde so zu einem Element der sich formierenden Dolchstoßlegende. Aus dieser Warte erschien den Kritikern auch der Matrosenaufstand in Kiel als eine Ausgeburt des degenerierenden Müßiggangs. Mit Meutereien und Befehlsverweigerungen der Matrosen hatte im November 1918 in Kiel ein Aufstand begonnen, der zu landesweiten Unruhen und Arbeiterstreiks geführt hatte und zuletzt in den Sturz der Hohenzollernmonarchie mündete. In diesen Ereignissen schien sich die Angst der staatlichen Behörden vor dem Müßiggang auf dramatische Weise bestätigt zu haben: Auslöser der Revolution sei einzig und allein die jahrelange Untätigkeit der Matrosen auf den Schiffen gewesen. Die Frustration eines endlosen Wartens habe die Mannschaften moralisch geschwächt und für revolutionäres Gedankengut empfänglich gemacht. So hatte sich in den Novembertagen des Jahres 1918 das alte Sprichwort vom Müßiggang, der aller Laster Anfang sei, für die Kritiker bewahrheitet. Sein umstürzlerisches Potenzial, das die Behörden so viele Jahre beschworen hatten, schien sich hier in explosiver Weise Ausdruck verschafft zu haben.

Empfohlene Zitierweise:

Alina Enzensberger: „Nicht nur Menschen, sondern auch viel Zeit muss gegenwärtig tot geschlagen werden“.
Müßiggang und Mußemomente im deutschen Lazarett des Ersten Weltkriegs, 1914-1918, In: Muße. Ein Magazin, 1. Jhg. 2015, Heft 1, S. 1-6.
DOI: 10.6094/musse-magazin/1.2015.1
URL: http://mussemagazin.de/?p=910
Datum des Zugriffs: 24.10.2017

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