Schreibaschram

Über einen Ort der Muße für Pausengestörte und Schreibkurbedürftige

Anna Karina Sennefelder im Gespräch mit Ingrid Scherübl

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Ingrid Scherübl kennt die typischen Probleme von DoktorandInnen. Sie war selbst wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität der Künste (UdK) Berlin und hat ein eigenes Promotionsprojekt, das auf Seitenzuwachs wartet. Die Idee zur Gründung eines Schreibaschram, einer „Klostersimulation für Schreibende“, kam ihr das erste Mal in einem Aschram in Indien. Das Konzept, das aus dieser Idee entstanden ist, hat allerdings nichts mit Osho, orangenen Kutten und Gebeten zu tun, sondern ist ein säkulares Seminar für Schreibende, die den positiven Einfluss von Rückzug und Struktur für die eigene Schreibarbeit erleben wollen. Übrigens: Wenn Sie der Begriff „Aschram“ intuitiv abstößt, sollten Sie trotzdem weiterlesen, denn ein wenig Anfangsirritation gehört zum Konzept.

Im Vorfeld unseres Gesprächs plauderten Ingrid Scherübl und ich ein wenig über die Muße. Während man in der Forschung meist davon ausgeht, dass diese sich nicht erzwingen lässt, vertritt Ingrid Scherübl die Auffassung, dass es bestimmte „Zutaten“ gibt, mittels derer man ein Sich-Einstellen von Muße „orchestrieren“ könne. Dazu gehöre vor allem ein rhythmischer Wechsel aus Anstrengung und Entspannung. Während wir uns über den Schreibaschram als möglichen Rahmen für gelungene Mußeerfahrungen und schriftstellerische Produktivität unterhalten haben, wurde eines immer deutlicher: Die wichtigste Zutat gelingenden Schreibens ist ‒ die Pause.1

 

Sennefelder // Kann der Schreibaschram als ein Ort verstanden werden, der es einem ermöglicht, Muße zu erleben?

Scherübl // Der Schreibaschram ist ein Raum, der auf das Schreiben hin optimiert wird und zum Schreiben gehört Muße. Schreiben ist kein Arbeitshandeln wie jedes andere, das man linear abarbeitet, sondern das braucht diese Mußeschleifen immer wieder, um sich entfalten zu können. Ich glaube, Schreiben schlägt immer wieder Schleifen und dabei ist Muße ein wichtiges Element, denn unter Druck läuft einfach wenig – man produziert dann zwar Text, aber man schreibt vielleicht gar nicht in einem wirklich inspirierten Sinne.

Sennefelder // „Schreibaschram“ klingt ein bisschen nach Selbstfindungswochenende, nach Yoga-Kurs und Stressabbauprogramm ‒ wie verorten Sie sich mit ihrem Format in der schier unüberblickbaren Szene alternativer Aufgaben-Bewältigungsangebote?2

Scherübl // Die Idee des Schreibaschram war eigentlich die, dass die Methode des Klosterlebens, die seit Jahrhunderten eingesetzt wird für Wissensarbeit, uns heutigen Schreibenden von Nutzen sein kann. Ich selber bin kein religiöser Mensch und habe nach einer Kindheit in der bayerischen Provinz keine besonders starke Affinität zur katholischen Kirche, habe mir aber gesagt: Die Methode selber ist doch wunderbar! Und so habe ich diese dann in ein Seminar übersetzt und dieses funktioniert durch eine sehr klare Tagesstruktur für jeden Einzelnen in seinem Arbeitsprozess. Was dort passiert ist, dass die Teilnehmer sich als Schreibende sehr gut kennenlernen und sich auch wieder als kompetent erfahren. Selbst Menschen mit Schreibblockaden erleben in so einem Rahmen, was sie als Schreibende tatsächlich drauf haben und auch was sie selbst tun können, um an diese Potenziale zu kommen. Besonders interessant sind dabei übrigens die Erkenntnisse zur Pause. Viele Leute sagen, sie haben vorher keine Pausen ohne andere Erledigungen praktiziert, d.h. sie können nicht umschalten oder sie machen ihre Pause immer nur dann, wenn gerade ein Schreibproblem vorliegt und sie nicht weiter kommen.

Sennefelder // Das heißt, die Anleitung zur Pause scheint wichtig für gelingendes Schreiben. Aber nehmen wir einmal an, ich miete mir einigermaßen günstig eine einsame Hütte oder ein Strandhaus und ziehe mich dort eine Woche lang ohne Internet und Telefon zurück, ausgestattet nur mit Notebook, Schreibzeug und Büchern – wäre das nicht genauso effizient für das Voranbringen meines Schreibprojektes wie der Schreibaschram?

Scherübl // Die einsame Hütte kann natürlich auch sehr gut funktionieren und das praktizieren ja auch viele, im Schreibaschram kommen aber noch mehrere Dinge hinzu. Einmal hat man hier eine vorgegebene Struktur, in die man sich hineinfallen lassen kann, man muss keine Entscheidungen treffen. Man weiß einfach, was dran ist. Dann hat man eine gleichgesinnte Gemeinschaft, Leute, die ähnliche Ziele verfolgen, was zu einer motivierenden Dynamik führt. Es gibt natürlich auch Coaching-Angebote und Workshops, d.h. es wird sehr viel aktiv unternommen von uns als Trainerinnen, von Katja Günther und mir, um den Schreibprozess zu vertiefen und um das Schreiben zu optimieren.

Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen nach einem Widerspruch zur Muße, wenn wir sagen, wir unternehmen einfach viel, damit das Schreiben optimal ablaufen kann. Ich glaube aber, dass wir mit dieser Struktur etwas gefunden haben, was eine produktive Balance von Anstrengung und Entspannung biete, die tatsächlich funktioniert. Die Leute gehen 10 Tage in den Schreibaschram, haben sehr viel gearbeitet und kommen am Schluss mit dem Gefühl von Urlaub da raus. Das habe ich wirklich schon oft von Leuten gehört, dass sie sagen, sie haben hier doppelt so viel geschafft wie sonst, fühlen sich aber entspannt und erholt.

Sennefelder // Sie würden also sagen, dass der Aufenthalt an einem Ort mit strengen Regeln oder vielleicht sogar zwanghaften Strukturen kreative Prozesse paradoxerweise eben nicht unterbindet, sondern diese sogar fördert?3

Scherübl // Ich glaube, dass sich Kreativität an Rahmen entzünden kann, an Vorgaben und an Begrenzung. Denn auch Freiheit können wir ja nur erleben, wenn es Grenzen gibt. Man darf sich das aber auch nicht super totalitär vorstellen. Die Klostersimulation beginnt immer mit einem ersten Gong und dann startet das Experiment für jeden gleichzeitig. Die Leute kommen ja gerade mit dem Wunsch, sich in dieser Struktur zu erleben. Im Alltag haben wir eher zu wenig Struktur, denn es ist eine sehr freie Aufgabe, eine Doktorarbeit zu schreiben, das kann auch überfordern. Sich dann aber in einem anderen System kennenzulernen und sich als schreibkompetent zu erleben, das ist für viele ein Riesenschritt nach vorne. Einmal zu wissen: was sind die Regeln meiner Produktivität? Welche individuellen Voraussetzungen kann ich, auch in meinem Alltag erfüllen, um mein Schreiben effizient voranzubringen? Und zum zweiten auch, dieses Erlebnis: „Wow, ich habe mal wieder richtig viel geschrieben!“, das kann man sich nur erarbeiten, wenn man sich der Sache mal ganz intensiv widmet und nicht nebenbei schreibt.

Sennefelder // Sie haben vorhin angesprochen, dass sie im Schreibaschram auch Workshops und individuelles Coaching anbieten. Was wird denn dadurch zusätzlich abgedeckt?

Scherübl // Unser Tagesablauf sieht am Nachmittag einen möglichen Schreibworkshop vor, der ist nicht verpflichtend, sondern steht zur Verfügung, wenn ich das Gefühl habe, es könnte mir gut tun, anders über meine Arbeit nachzudenken. Und jeder Teilnehmer erhält auch einmal die Gelegenheit, ein Einzelcoaching bei Katja Günther zu machen, die Schreibcoach ist und WissenschaftlerInnen seit vielen Jahren auf ihren Karrierewegen unterstützt. Schreiben bedeutet ja nicht nur, am Schreibtisch zu sitzen und sich etwas aus dem Gehirn zu melken, sondern vor allem einen kreativen Umgang mit Inhalten. Dazu machen wir verschiedene Dinge, zum Beispiel kann man das Kapitel, an dem man gerade sitzt, einmal als Wissensmaschine bauen. Schreiben heißt auch entscheiden, die Workshops fungieren oft als Entscheidungshilfen. Von anderen Angeboten unterscheiden wir uns dadurch, dass wir für den jeweils aktuellen Schreibprozess sofort umsetzbare Impulse liefern und kreative Methoden dabei einsetzen.

Sennefelder // Nach Auffassung unseres Muße-Forschungsverbundes schließen sich Muße und Arbeit zwar gerade nicht aus, dennoch ist ja die Organisation und Durchführung eines Schreibaschram sicher anstrengend; bedeutet „Schreibaschram“ für Sie persönlich also eher Muße oder Mühsal?

Scherübl // Ich würde sagen, ich erlebe beides. Ich bin nach einem Schreibaschram immer sehr erschöpft. Trotzdem habe ich aber auch Mußemomente, wenn ich in so einem Gruppenprozess erlebe: ach, jetzt gehen gerade alle voll in ihrer Arbeit auf, schreiben und es passiert ganz viel. Da kommt dann auch viel von den Teilnehmern zurück, die froh und dankbar für dieses Erlebnis sind. Auf die Askese folgt ja auch eine ganz natürliche Ekstase. Der letzte Abend im Schreibaschram ist – obwohl wir das den Teilnehmern natürlich vorab nicht sagen – immer eine ganz tolle Party, die ergibt sich auch ganz natürlich ohne Planung und Vorsatz. Sie ist einfach das Ergebnis aus den Leistungen über die Tage hinweg. Jeder hat an diesem Abend so viel zu feiern! Manchmal glaube ich Schreiben ist auch eine Art Droge…Wir sind auf eine Art auch „Tripsitter“, weil die Leute immer tief in ihr Schreiben gehen und wir dann kommen und sagen, so, jetzt ist Zeit für eine Pause. Wir schaffen einen sicheren Rahmen dafür, dass sich die Leute total in ihr Schreiben fallen lassen können. Für mich ist es deshalb zwar harte Arbeit, aber gleichzeitig eine, die mich beglückt.

Sennefelder // Welche Rolle spielt eigentlich der Ort? Nach welchen Kriterien wählen Sie die Orte aus, an denen der Schreibaschram stattfinden soll?4

Scherübl // Da haben wir inzwischen vieles ausprobiert. Für mich ist der Ort sehr wichtig. Nicht nur wichtig im Hinblick eines Tapetenwechsels, sondern es muss auch ein Rückzugsort sein. Das heißt, da muss das Internet einschränkbar sein. Außerdem sind wir immer in der Natur oder im Grünen, also in nicht-urbanen Gegenden. Dadurch werden Reizeinflüsse runtergefahren und es hilft sehr, wenn man selber schöpferisch werden möchte, in einer reizarmen Umgebung zu sein.

Sennefelder // Das klingt jetzt in der Tat nach einem topischen Muße-Ort. Denn wenn man sich in der Literatur- Kunst- und Kulturgeschichte nach Muße-Thematisierungen umsieht, begegnet man einer Fülle von idyllischen Orten wie Gärten, Inseln, Schlössern, Hügeln, Wäldern – und Sie würden also sagen, dass der Rückzug in einen geschützten Naturraum nach wie vor dem Schreiben dienlich ist?

Scherübl // Ich würde zumindest sagen, dass es in unserem Konzept funktioniert. Natürlich könnte man auch einmal sagen, man mietet das Restaurant vom Fernsehturm auf dem Alexanderplatz und schreibt mit Blick auf die Stadt. Aber auch da wäre man der Stadt enthoben…ich glaube, dieses Sich-Rausziehen hat schon eine Bedeutung für das Schreiben. Wobei das auch auf die Schreibtypen ankommt: ich kenne Leute, für die ist Schreiben ein quasi zwanghaftes Bedürfnis und ich kenne, vor allem aus dem Seminarbereich, auch Leute, die sich dazu als Teil ihrer Qualifikationsarbeit immer wieder zwingen müssen. Und für diese Schreibtypen ist der Rückzug schon sehr wichtig, denn Schreiben ist für jeden eine anforderungsreiche Selbststeuerungsaufgabe und da ist es gut, wenn äußere Einflüsse nicht so stark durchkommen.

Sennefelder // In unserem Muße-SFB haben wir die Theorie, dass Rückzug, Einsamkeit und Kontemplation nicht notwendigerweise zum Erleben von Muße und zu Produktivität führen müssen, sondern dass sich ein Subjekt damit auch überfordern kann. In diesem Fall kippt die Isolation manchmal in müßiggängerisches Nichtstun, das Subjekt wird melancholisch oder verfällt ‒ ganz typisch gerade für das Kloster! ‒ der acedia, jener „Trägheit des Herzens“, die die Mönche vor allem im Mittelalter beklagten. Würden Sie sagen, dass der Schreibaschram auch zu solch krisenhaften Erfahrungen führen kann?

Scherübl // Jetzt muss ich nochmal nachfragen, „Trägheit des Herzens“?

Sennefelder // Die acedia wird im Rahmen eines unserer Teilprojekte untersucht. Dabei wird nach der Überforderung asketischer Mönche gefragt, die in der Einsamkeit der Klosterzelle mit der „Trägheit des Herzens“ zu kämpfen haben. Isolation und der Rückzug führen also gerade im Kloster nicht immer zu einer inneren Ruhe, zu Muße oder zu Produktivität, sondern dieser Rückzug kann für das Subjekt auch gefährlich sein.

Scherübl // Also ich kann mir auf jeden Fall vorstellen, dass, wenn ich das als ein lebenslanges Projekt betreibe, ein gewisser horror vacui auftritt… aber durch die zeitliche Begrenzung ist das im Schreibaschram nicht der Fall. Natürlich ist das Schreiben einer Promotion aber eine krisenhafte Erfahrung! Das ist ja auch eine inszenierte Überforderung und klar, da gibt es auch mal Tränen bei dem ein oder anderen. Das ist völlig normal und kommt auch außerhalb des Schreibaschrams vor. Die Leute mühen sich ab, wachsen über sich hinaus und dem wird nicht Rechnung getragen, dass es da auch um einen persönlichen Wachstumsprozess geht und dass da keiner eine mühelose Performance hinkriegt. Damit muss man sich nicht zermürben, denn genau diese Erfahrung ist Teil eines seriösen Promotionsprozesses. Aber zur Frage des Rückzugs und ob das unangenehm sein kann. Das habe ich noch nie als Feedback gehört. Aber bei uns wird auch immer in Stille Mittag gegessen, einige erleben das als unangenehm…

Sennefelder // Beim Essen wird grundsätzlich nicht gesprochen?

Scherübl // Nur während dem Mittagessen wird erstmal in Stille gegessen, da hat jeder schon vier Stunden konzentriert geschrieben und das ist dann ein langsames Aufwachen aus dem Schreibprozess.

Sennefelder // Empfinden die Teilnehmer das nicht als Überforderung, während der gemeinsamen Pause nicht miteinander zu sprechen?

Scherübl // Doch, extrovertierte Typen, die sich im Kontakt mit anderen und durch Sprechen erholen, finden das anfangs blöd. Es ist aber auch ein Schutzraum für introvertierte Leute. Das Leben in einer Gruppe, kann ja auch anstrengend werden. Wir laden daher ein für sich zu sein. Aber es spielt sich einfach ein. Dadurch, dass die Tage immer wieder auf die gleiche Art und Weise ablaufen, tritt eine Gewöhnung an alle Aspekte des Schreibaschram-Lebens ein und auch ein gewisser Automatismus – und das Schreiben läuft dann wie von selber ab, wird immer dynamischer. Der Rhythmus schleift sich ein – und die Stille, die Meditation, die Bewegung am morgen wird dann integriert und ist nicht mehr weg zu denken.

Sennefelder // Wie sieht eigentlich das typische Profil von jemandem aus, der sich für Ihren Schreibaschram anmeldet? Und daran angeknüpft: Wem würden Sie einen Besuch des Schreibaschrams besonders empfehlen und wer ist vielleicht eher fehl am Platz?5

Scherübl // Ich habe bisher kein richtiges Profil entwickelt, aber es sind tendenziell etwas mehr Frauen, die kommen, was, glaube ich, aber daran liegt, dass die meisten verantwortungsvoller im Familienleben eingebunden sind und sich damit ihre Schreibzeit ermöglichen wollen.

Es sind aber interessanterweise nicht die total verzweifelten SchreiberInnen, sondern es sind viele dabei, die gerne schreiben und sehr gut schreiben. Das fiel mir beim ersten Schreibaschram auf: Das sind ja lauter exzellente WissenschaftlerInnen! Da saßen viele an ihrer Habilitation, haben aber gesagt: ich will mich jetzt darauf konzentrieren und ich will das ganz intensiv machen, ich will mein Schreiben tiefer entdecken und weiter entwickeln. Es sind also durchaus Schreibbegeisterte da. Es kommen aber auch Leute, die in der Promotion feststecken und es endlich zu Ende bringen wollen oder bei denen sie schon eine Weile ruht und die wieder einsteigen.

Sennefelder // Ein Problem, mit dem Schreibende generell zu kämpfen haben, ist die Prokrastination. Kann denn der Schreibaschram helfen, Prokrastinationsmuster auch längerfristig zu durchbrechen?

Scherübl // Also, ich habe mal eine Schreibtrainerin sagen hören, Prokrastination existiere eigentlich gar nicht, sondern das sei eine Art von Pausenstörung. Ich glaube, dass im Schreibaschram tatsächlich keine Prokrastination stattfinden kann, dazu ist zu viel System am Werk. Und so ist er eine Gelegenheit, neue Muster einzuüben. Denn neues Verhalten entsteht durch Wiederholung und dadurch, dass ich das zehn Tage am Stück produktiv anders gemacht habe, ergeben sich wirklich andere Verhaltensweisen. Zum Beispiel im Kommunikationsverhalten: Wenn ich meine Internetdiät gehalten habe und eben mal nicht auf jede WhatsApp-Message reagiert habe, dann besteht eine reale Chance, mit Mustern zu brechen, die nicht schreibförderlich sind. Für viele ist also das bewusste Trennen von Arbeiten und Nicht-Arbeiten auf jeden Fall etwas, das stattfindet, auch noch im Nachgang. Es hilft auch, wenn man sich sein Arbeiten markiert: Eine Teilnehmerin hat mir zum Beispiel berichtet, dass sie nach dem Schreibaschram als erstes ihren Schreibtisch umgestellt hat. Sie hatte im Schreibaschram einen Schreibtisch mit Wand im Rücken gelost und wollte damit ihre intensive Arbeitserfahrung zu Hause nachinszenieren.

Sennefelder // Sie haben schon angesprochen, dass Sie im Schreibaschram das Internet dezidiert auf 60 Minuten am Tag begrenzen. Würden Sie sich denn dem medienkritischen Diskurs anschließen und sagen, dass unsere Konzentrationsfähigkeit nachlässt und mediale Angebote Gefahren und Hürden für das Schreiben darstellen?

Scherübl // Ja, ich würde sagen, das Internet ist großartig für das Lesen aber hinderlich für das Schreiben. Zu viel Input kann beim Schreiben ein Problem werden. Es gibt Studien, die zeigen, dass es nach einer Unterbrechung zehn Minuten dauert, bis man wieder voll bei der Sache ist und wenn zum Beispiel E-Mails im Minutentakt bei einem eingehen, kann man gar nicht in so eine tiefe Auseinandersetzung kommen, wie wenn man eben ‚ununterbrochen‘ arbeitet. Tatsächlich glaube ich, dass es eine der schwierigsten Sachen unserer Zeit ist, bei sich zu bleiben und im hier und jetzt zu sein. Das klingt zwar abgedroschen, aber ich finde, das ist tatsächlich keine Selbstverständlichkeit mehr, dass man sich konzentriert und eine Sache ganz vertieft bearbeitet, das lernen wir heute nicht mehr und wir brauchen Training und Übung, um diese Kompetenz zu stärken.

Sennefelder // Zum Thema Offenheit: Es ist bekanntlich immer schwierig, ein neues Konzept in Umlauf zu bringen, zumal, wenn es sich um so etwas Spezielles wie Ihren Schreibaschram handelt. Mit welchen Reaktionen und Fragen sind sie konfrontiert, wenn Sie Ihr Konzept einer breiten Öffentlichkeit vorstellen?

Scherübl // Von Seiten der Schreibcoaches erfahre ich sehr viel Interesse und Bestärkung. Und auch insgesamt gibt es positives Feedback, vorausgesetzt, man hat einmal verstanden, was der Schreibaschram ist. Denn der Begriff „Schreibaschram“ schreckt tatsächlich viele Leute erstmal ab, weil sie nicht wissen, was ein Aschram ist und auch weil sich manche dann orangefarbene Kleider oder so vorstellen. Ich habe mich dazu aber entschieden, weil mir das Konzept in einem Aschram eingefallen ist, das ist also der Entstehungsgeschichte geschuldet und ich merke, auch wenn es erstmal ein bisschen verstört, es passt einfach so am besten. Es ist eben kein Schreib-Retreat und kein Wohlfühl-Irgendwas. Es ist ein Training in Hingabe an die Wissenschaft und an das Schreiben. Insofern passt für mich das Kloster als Referenz.

Übrigens hatten wir im ersten Schreibaschram einen Doktoranden, der meinte: „Ich habe niemandem gesagt, dass ich in einen Schreibaschram fahre, ich habe erzählt, ich mache jetzt mal Auszeit für die Diss.“ Für ihn hat das Ganze aber so gut funktioniert, dass er dann auch mit dem Namen leben konnte.

Sennefelder // A propos Skeptiker: Die Kosten für die Teilnahme an einem acht- bis zehntägigen Schreibaschram belaufen sich auf mindestens 800 Euro, eine Summe, die gerade für PromovendInnen eine erhebliche Belastung darstellen dürfte. Reproduziert der Schreibaschram durch diese Gebühren nicht gewissermaßen die Verhältnisse antiker Gesellschaften, in denen Räume der Kreativität und der Muße einer relativ kleinen Elite vorbehalten waren, die sich diese leisten konnten?

Scherübl // Ich biete den Schreibaschram aus diesem Grund meistens in Kooperation mit Universitäten oder anderen Weiterbildungsanbietern an, wie z.B. mit der UdK, denn dann gibt es die Möglichkeit, sich eine Bildungsprämie zu organisieren, die dann die Teilnahmekosten halbiert. Aber klar, der Schreibaschram ist ein nicht billiges, ganzheitliches Science-Life-Training ‒ und das kostet. Das liegt aber auch daran, dass das Projekt an sich niemand finanziell unterstützt. Was es gibt, ist die individuelle Förderung von StipendiatInnen. Eine einzelne Person kann sich dann fördern lassen und so organisiert zum Beispiel Prof. Schildhauer mit dem wissenschaftlichen Beirat der UdK immer wieder Stipendien für einzelne TeilnehmerInnen.

Das führt aber zu einem ganz anderen Thema, nämlich der Frage, wie der wissenschaftliche Nachwuchs an deutschen Universitäten eigentlich gefördert wird. Denn es liegt nicht in meiner Verantwortung, das Angebot einer breiten Masse zu ermöglichen, sondern das ist die Verantwortung der Personalentwicklungsentscheider an Universitäten. Und wenn man das gegenwärtig mit der freien Wirtschaft vergleicht, wo die Nachwuchskräfte, die „corporate highflyers“, gefördert und umworben werden, dann ist es traurig zu sehen, wie Universitäten mit ihren Leuten umgehen. Und ich denke, viele der besten WissenschaftlerInnen bleiben nicht im System, nicht nur aufgrund prekärer Arbeitsverhältnisse, sondern auch aufgrund mangelnder Unterstützung und Förderung auf dem Karriereweg. Denn da herrscht einfach das Prinzip: „Wenn du’s packst, dann hast du’s gepackt und ansonsten musst Du gucken, wie du’s hinkriegst“ und das liegt an einem sehr konservativen und antiquierten Bild von Profession. Einige Universitäten machen bereits konstruktive und sinnvolle Angebote für ihren Nachwuchs. Das könnte aber noch viel mehr werden. Das Interesse am Schreibaschram zeigt uns ja den Bedarf.

Sennefelder // Nehmen wir an, ich bin überzeugt von Ihrem Programm, melde mich an und komme, ebenso wie es zahlreiche Ihrer bisherigen Teilnehmer berichten, während des Schreibaschram ungemein voran – sitze danach aber wieder am eigenen Schreibtisch, mit den üblichen Hemmungen, das entscheidende Dokument zu öffnen oder das Kapitel endlich fertig zu schreiben. Was kann man tun, um mehr Schreibaschram im Alltag zu haben?

Scherübl // Was ich von TeilnehmerInnen aus dem ersten Schreibaschram gehört habe, ist zum Bespiel, dass sie sich einen eigenen kleinen Schreibaschram organisiert haben. Denn im Schreibaschram wird auch ein peer-coaching angeleitet, also eine systematische Fallintervision in Kleingruppen und da haben sich manche Gruppen fortgesetzt.

Man lernt im Schreibaschram aber auch diverse Methoden kennen, z.B. in den Workshops, wie man sich ins Schreiben bringt; eine davon stellen wir im „Schreibbimpulsfächer“ vor. Dieses kleine Selbstcoaching-Tool kommt im Januar im UTB-Verlag heraus. Man bekommt also viele Ressourcen an die Hand, die wir entwickelt haben und die das Schreiben stützen. Die intensive Schreiberfahrung trägt einen aber auch eine ganze Weile. TeilnehmerInnen aus dem ersten Schreibaschram haben mir dennoch berichtet, dass sie es toll fänden, so etwas einmal im Jahr zu machen, um sich sozusagen zu „kalibrieren“ und „einzutunen“, um ihre Arbeit wieder ruhevoll zu machen und eben nicht mit diesem inneren Stress und diesen Überforderungsgefühlen, in die man schnell hineinkommt, bei so einer Mammutaufgabe wie einer Promotion.67

Ingrid Scherübl und Katja Günther bieten derzeit zwei Mal pro Jahr einen offenen Schreibaschram an, an dem jeder teilnehmen kann, der ein Schreibprojekt in der Schublade hat. Der nächste findet vom 14. bis zum 23. Februar 2015 in Neu Schönau, veranstaltet durch die Universität der Künste (UdK) Berlin statt.  In einem infoblatt gibt es Details zur Teilnahme und Anmeldung.

Auch für Graduiertenkollegs oder Forschungsteams, die etwa in einer Gruppe ein Buch schreiben müssen, wird der Schreibaschram exklusiv angeboten, wie zuletzt in Schweden, für die Mälardalen Universität und die Freie Universität Berlin.

Homepage: schreibaschram.de

Empfohlene Zitierweise:

Anna Karina Sennefelder: Schreibaschram. Im Gespräch mit Ingrid Scherübl über
einen Ort der Muße für Pausengestörte und Schreibkurbedürftige.
In: Muße. Ein Magazin, 1. Jhg. 2015, Heft 1, S. 7-14.
DOI: 10.6094/musse-magazin/1.2015.7
URL: http://mussemagazin.de/?p=909
Datum des Zugriffs: 20.09.2017

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