Rezension

Stillesüchtig

Matti Bauer - Still

Pia Florence Masurczak

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Ein Sommer auf einer bayerischen Alm und dann auch noch in Schwarz-Weiß gefilmt – Matti Bauers Dokumentarfilm Still steigt gleich mit ganz großen Klischees ein. Dazu gehören  selbstredend Bilder vom Käsen und Kühestreicheln; man könnte also fast schon Angst vor einem weiteren Aussteiger-Film über die schöne Einfachheit und das einfache Schöne bekommen. Wenn da nicht Uschi wäre, die Protagonistin des Films und, das ist eine ebenso banale wie grandiose Feststellung, eine unfassbar coole Frau. Aus ihrer Perspektive bekommt der Almsommer einen wesentlich lebendigeren Dreh, denn Uschi ackert, schwitzt, motzt, sammelt im strömenden Regen bockige Kühe ein, heizt den Uralt-Herd mit Holz und muss diese ganze Mühsal überhaupt erst einmal gegen ihre Eltern durchsetzen, die die Arbeit für eine Frau alleine zu schwer finden. Wer Landwirtschaft für ein nettes Muße-Idyll hält, das macht der Film deutlich, ist schon sehr naiv oder romantisch. Und trotzdem findet Uschi in diesem Sommer die Stille, auf die sie gehofft hatte und die sie in den Jahren, die Matti Bauer sie danach begleitet, immer wieder als Referenz benutzt.

In den nächsten sechs oder sieben Sommern bekommt sie allerdings keine Möglichkeit mehr, dieser Stille nachzuhorchen. Stattdessen bekommt sie ein Kind, dessen Vater schon vor der Geburt nicht mehr da ist, arbeitet auf dem Hof der langsam aber sicher älter werdenden Eltern und überlegt sich, ob sie den kleinen Familienbetrieb mit 20 Kühen alleine weiterführen will und kann. Auch hier ist die Landschaft wieder sehr idyllisch inszeniert – der Hof liegt eingebettet zwischen Wiesen und Hängen. Die Arbeit aber ist hart und hört nicht auf. Zum Glück hat man trotz schwarz-weißer Bilder nie das Gefühl, bei Schwarzwaldhaus 19021 gelandet zu sein. Die Bilder sind zwar schön, aber nicht unbedingt nostalgisch; auch der neue Traktor, die Elektrozäune der Kuhweiden und der praktische VW-Kombi sind selbstverständlich im Bild, ebenso wie Uschis Jogginghosen und die Piloten-Uniform ihres neuen Freundes. Und sicher trägt auch das Fehlen eines Soundtracks oder überhaupt von Geräuschen, die sich nicht aus den Bildern erklären, zu diesem Eindruck bei. Obwohl der Hof augenscheinlich in einiger Entfernung zum nächsten Ort liegt, sind weder Uschi noch ihre Eltern Einsiedler ohne Bezug zur scheinbar entgegengesetzten modernen Gesellschaft. Dass die Tochter ihren Sohn alleine großzieht wird zumindest nicht als größeres Problem für die Eltern thematisiert und eher nebenher erzählt, ebenso wie die für ihre Generation vielleicht typischen Backpacker-Reisen Uschis nach Südamerika. Auch dass die Eltern sich trennen, nachdem sie den Hof schließlich übergeben haben, wirkt zwar traurig, aber keineswegs wie ein Tabubruch. Uschi und ihr Vater bewirtschaften den Hof von da an allein.

Der Film setzt erzählerisch stark auf die Überlegungen zur Hofübernahme, die hier allerdings scheinbar ohne größere Generationenkonflikte bewältigt wird. Das ist dann wiederum doch ein bisschen zu viel der Idylle, denn schlussendlich geht damit auch das Ende des Hofs als Haupterwerb einher. Einige der Kühe müssen verkauft werden, denn Uschi kann und will den Betrieb nur noch als zweites Standbein führen. Die ökonomischen Zwänge für kleine Höfe, die nur dank Subventionen überhaupt ansatzweise mit der Agrarindustrie konkurrieren können, thematisiert der Regisseur überhaupt nicht. Angesprochen werden dagegen die persönlichen und familiären Zwänge, die so ein Familienbetrieb eben auch hervorbringt. Weder der Vater, der nicht mehr mitarbeiten kann, noch der Enkel wollen diejenigen sein, die aufgegeben haben. Die Entscheidung über die eigene Zukunft, das wird in diesem Kontext besonders deutlich, ist nicht frei; auch in Still wird sich über die Arbeit, oder vielleicht besser: den Beruf definiert.

Wie schwer diese Zwänge wiegen, wird angedeutet, aber nicht auserzählt. Die Bildsprache der ruhigen, langen Kameraeinstellungen und die eher sparsam eingesetzten Kommentare des Erzählers (Matti Bauer selbst) sind in dieser Hinsicht zurückhaltend. In seiner Kinofassung ist Still aus mehreren kürzeren Dokumentationen über Uschi entstanden, die alle in Farbe gedreht wurden. Die Entscheidung für Schwarz-Weiß steht deshalb auch für eine weitere Form der, durchaus auch künstlichen, Zurücknahme des Regisseurs gegenüber seinem Material. Immer wieder spricht der Erzähler auch an, dass die Protagonistin gerade nicht gefilmt oder interviewt werden will. Ein wenig gedrängt wirkt es nur dann hin und wieder, wenn der Filmemacher Uschi oder ihre Eltern befragt; zwar brechen seine Fragen zum Glück immer wieder das bei diesem Thema vielleicht allzu leichte Kippen ins Idyll, gleichzeitig wirken die Personen aber wesentlich näher und vielleicht authentischer, wenn sie einfach während der Arbeit erzählen. Nun projiziert man allerdings auch den Wert ‚Authentizität‘ gerne und schnell auf das bäuerliche Leben. Insofern lässt sich dieser Widerspruch vielleicht einfach nicht lösen.2

Uschi selbst ist es, die dem ganzen Film die Frage nach Selbstbestimmung und den dafür notwendigen Voraussetzungen einschreibt. Man merkt von Beginn an, als sie für den Sommer auf die Alm zieht und ganz betont allein sein will, dass das für sie entscheidend ist. „Ich denk‘ dass grundsätzlich jeder erst einmal für sich allein sein können muss. Das gilt ja nicht nur für die Alm, das gilt für unten auch,“ sagt Uschi, mit erhobenem Kinn und in selbstverständlichem Ton, sehr früh im Film. Wie sehr dieser eine Sommer in den darauf folgenden Jahren für sie zum Referenzpunkt für ein selbstbestimmtes, eigenständiges Leben wird, bleibt für den Zuschauer lange eher eine Vermutung. In der Zwischenzeit hat man den Eindruck, dass sie sich mit der Arbeit auf dem Hof und ihrer neuen Rolle als Mutter und Eigentümerin des Betriebs trotz der Widrigkeiten angefreundet hat, auch wenn sie mit ihrem kleinen Sohn so bald wie möglich einen Ausflug auf die Alm macht. Als sie am Ende des Films ein zweites Mal schwanger ist und die Hochzeit mit dem Freund bevorsteht, als sich also eher noch mehr Verpflichtungen anbahnen, verweist Uschi aber auf ihre Sehnsucht nach einem weiteren Sommer in den Bergen. Eingeprägt hat sich ihr anscheinend nicht nur die Erkenntnis, dass sie allein für sich und ihre „Weiberwirtschaft“ von Kühen sorgen kann, sondern auch die Schönheit der Stille, die diese Form der selbstgewählten Einsamkeit ermöglicht. Still schafft es, seine Protagonistin weder auf ihren selbstbewussten Pragmatismus noch auf ihre Wünsche und Hoffnungen eindeutig festzulegen. So bleibt, ahnt man als ZuschauerIn, der Almsommer trotz oder vielleicht auch wegen der Verantwortung für Kind, Hof und Mann wenigstens in der Erinnerung die freiere, selbstbestimmtere und eine vielleicht durchaus realistische Möglichkeit der Existenz. Denn sie sei, sagt Uschi, „stillesüchtig“.

Still von Matti Bauer (Buch und Regie), Zorro Film, Deutschland 2014.

Weitere Informationen zum Film auf zorrofilm.de 3

 

Empfohlene Zitierweise:

Pia Florence Masurczak: Stillesüchtig. Matti Bauer // Still,
In: Muße. Ein Magazin, 1. Jhg. 2015, Heft 1, S. 37-39.
DOI: 10.6094/musse-magazin/1.2015.37
URL: http://mussemagazin.de/?p=71
Datum des Zugriffs: 14.12.2017

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