Rezension

Der Klang der ‚primitiven‘ Muße

Deichkind - Arbeit nervt

Heidi Liedke

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„Hört ihr die Signale? Die Saufsignale? Ein Hoch auf die internationale Getränkequalität! Ein Hoch auf die Säufersolidarität!“ Die Bässe wummern, die Beats sind rhythmisch, es ist fast unmöglich, ruhig sitzen zu bleiben. Im Hintergrund und zwischendrin ertönt das von vielen mit dem wohligen Feierabend assoziierte klirrende Geräusch einer Bierflasche, die geöffnet wird. Der Kronkorken fliegt in die Ecke. „Kein Gott, kein Staat, lieber was zu saufen.“ Die einen motiviert das Lied „Hört ihr die Signale“ zur spontanen Tanzpause, die anderen rümpfen die Nase und sind verärgert: was ertönt da nur wieder für ein Krach aus den Lautsprechern?

Deichkind, die 1997 gegründete Krawallkapelle aus Hamburg, sorgt seit jeher entweder für Befremden oder für Schreie der Ekstase oder beides. Die Kinder vom Deich sind nicht artig und wollen es auch gar nicht sein. In einem ihrer bekanntesten Lieder von 2006,  „Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)“, rufen sie junge Leute dazu auf, in Abwesenheit ihrer Eltern wilde Partys Zuhause zu schmeißen und die Boxen vom Papa mit in die Sauna zu nehmen.

Das hat auf den ersten Blick nichts mit Besinnung zu tun, und schon gar nichts mit Muße. Und doch lässt sich die Agenda der Band und insbesondere ihr 2008 erschienenes Album „Arbeit nervt“1 als ungestüme, rohbeinige und – natürlich – provokant-vulgäre Version eines Aufrufs zu einem kollektiven Mußeexzess verstehen. Das Album zelebriert vermeintliche Loser und Versager, solche, die von der Gesellschaft verstoßen wurden. Genauer gesagt solche, die von Anfang an keine Lust auf sie hatten. Allen anderen bietet Deichkind nun die Möglichkeit, durch den Besuch eines Konzerts oder das Anhören der Platte „die Lizenz zum temporären Ausklinken“ zu erwerben, wie Jan Kedves es formuliert hat.2 Mit den Klängen von Deichkinds Elektro-Punk, oder wie auch immer man ihre Musik nennen will, driftet der Zuhörende nunmehr, eher liegend als stehend, durch die Tage und Nächte. In dieser Welt nach dem Ausklinken ist die einzige Aktivität, mit der Metro auf eine Party zu fahren oder den Fernsehkanal zu wechseln. Das muss man nicht gut finden; nein, vor allem das brave gebildete Akademikerkind wird das entrüstet (wenn auch für eine Sekunde lang in Versuchung gebracht) ablehnen müssen. Denn die Band vereint alle Charakteristika, die von Eltern und Pädagogen verdammt werden und führt manche Rezensenten zu dem Schluss: „Deichkind sind asozial.“3

Aber man kann auch jene im universitären Curriculum erlernte Fähigkeit des kritischen Reflektierens und genauen Hinschauens aktivieren und sich fragen, ob diese Gegenwelt, die Deichkind entwirft, nicht in mehrerer Hinsicht dem ähnelt, was Michel Foucault meinte, als er von Heterotopien sprach.4 In diesen Gegenwelten ist es nie kultiviert, gesittet und nachdenklich; ein Kaffeehaus, in dem die Bohemiens und Intellektuellen ausgestreckt auf Chaiselongues den Mußestunden frönen und genüsslich an ihren Zigarren ziehen ist keine Gegenwelt; dann schon eher die zwielichtige Opiumhöhle. Foucault verweist u.a. auf Bordelle und Irrenhäuser, und, möchte man es zugespitzt formulieren, hört man auf „Arbeit nervt“ einen Chor aus Stimmen, die Faulheit und Laster heraufbeschwören, die bösen verstoßenen Schwestern der Muße. Fraglich bleibt, ob Deichkinds Gegenwelt ein die gesellschaftliche Ordnung stabilisierendes Ventil darstellt; doch betrachtet man nach einem Konzert der Band die verschwitzten Gesichter, die am nächsten Morgen in der Mehrheit wieder in der ‚echten‘ Welt angekommen sind, müde, aber ein bisschen ausgeglichener, ist man versucht, die Frage zu bejahen.

Ist es so weit gekommen, ist die Menschheit kurz vorm Untergang, dass wir ernsthaft, den Kopf nachdenklich zur Seite geneigt, den Klängen von Deichkind lauschen und zu dem Schluss kommen, dass ‚da was dran ist‘ an dem, was die von sich geben? Und, viel wichtiger, ist das Laster überhaupt das missratene Geschwisterkind der Muße? Muss man nicht vielmehr von den zwei Gesichtern der Muße sprechen, von einer Tages- und Nachtmuße vielleicht? Was aus diesen Überlegungen folgt, ist die Einsicht, dass es nicht mit ‚unrechten‘ Dingen zugeht, wenn man sich von Deichkinds Rufen verführen lässt; vielleicht muss man sich vielmehr an den Gedanken gewöhnen, dass es mehrere Formen der Muße gibt (und geben muss).

Als Text gelesen und dekonstruiert, führt „Arbeit nervt“ nämlich genau in diese Richtung. Zum einen stellt es eine Parodie von der mittlerweile automatisierten Differenzierung von Arbeit und Freizeit dar; in diesem Zusammenhang ist natürlich der zweiwöchige Strandurlaub die prototypische Belohnung, die sich die Arbeitnehmerin oder der Arbeitnehmer gönnt, um fernab des Büroalltags die Seele zusammen mit der Familie baumeln zu lassen. Doch in dem Lied „Urlaub vom Urlaub“ wärmt die Sonne nicht, sondern blendet; gute Buffets heben nicht automatisch die Stimmung; es kommt zu Streitereien im  ‚Paradies.‘ Auch hier gilt: was Muße für den einen ist, ist nicht automatisch Muße für den anderen. Zum anderen offenbart „Arbeit nervt“ eine Kritik an kommerziellen Muße-Praktiken und am überintellektualisierten Verständnis des Muße-Konzepts,5 und ruft auf zur Rückbesinnung auf den Menschen – egal ob Lehrer, Kellner, Gärtner, Banker, Broker, Richter – gleichzeitig als Unruhe- und  auch Ruheherd. Dass man nicht auf Knopfdruck zur Ruhe kommen kann oder indem man ein bestimmtes Wort wiederholt, wird z.B. in „Ich und mein Computer“ ironisiert. Das Wort „Sanduhr“, hier in Bezug auf das Sanduhr-Symbol, das auf alten Windows-Computern erscheint, wenn ein Programm geladen wird, wird so oft wiederholt, dass man sich an der Entspannung dienende Meditationstechniken erinnert fühlt. Man ist aber nicht entspannt, sondern genervt und gelangweilt – man ist einer Muße im Gewand eines Scharlatans zum Opfer gefallen. Ebenso verhält es sich mit dem Meeresrauschen am Schluss von „Urlaub vom Urlaub“, neben „Luftbahn“ dem einzig braven Popsong der Platte, das 45 Sekunden lang vor sich hinrauscht, wie von einer Entspannungs-CD, und man sich um sein Geld betrogen fühlt. Übertritt man nämlich einmal die Schwelle in Deichkinds Gegenwelt, tauscht man den Verzicht auf die erlernte, sozial antrainierte Artigkeit ein gegen einen Mußerausch nach körperlicher Verausgabung. Man will gewissermaßen auf unkontrollierten Wegen zum Mußeempfinden gelangen, und eben nicht auf kontrollierten.

Die Sprache der Lieder auf „Arbeit nervt“ ist zweifellos (und sicherlich wohlkalkuliert) manchmal zu roh oder vulgär, um in den Feuilletons ernst genommen zu werden; außerdem will Deichkind ja auch nicht den Feuilleton beglücken, sondern die Massen zum Zappeln bringen. Und soll es nicht gerade Aufgabe der Musik sein, unaussprechbare und nicht breit zu diskutierende Sehnsüchte anzusprechen? Deichkind präsentiert die fleischgewordene, primitive, teilweise zum Fremdschämen bewegende Form der Muße. Der lockere Umgang mit und die Verharmlosung von Alkoholismus sind durchaus problematisch und gleiches gilt – auch das darf der Vollständigkeit halber nicht ignoriert werden – für die Verherrlichung von Übergewichtigkeit in „Dicker Bauch“, insbesondere im Hinblick auf die junge Hörerschaft, die sich der Ironie der Aussagen nicht immer bewusst ist. Doch man kann sich des Gedankens nicht verwehren, dass diese Lieder uns daran erinnern, dass wir, auch wenn wir es im öffentlichen Diskurs gar nicht oder ungern ausdrücken, faul sein wollen und sogar ab und zu müssen. Diese ‚primitive‘ Form der Muße ist nicht so schön und auch ein bisschen verschwitzt. Aber man kann eben auch Muße erleben, wenn man nach einer Party ins Bett fällt. Auch wenn Deichkind alle möglichen Töne nur nicht den einen guten treffen und das Maß bewusst und provozierend um einiges überschreiten, ist doch die Überschreitung eine Erinnerung an diesen einen Schritt mehr, den es vielleicht auch in Richtung Gegenwelt einmal zu gehen lohnt.

Deichkind, Arbeit Nervt, Universal Music 20086

 

Empfohlene Zitierweise:

Heidi Liedke: Der Klang der ‚primitiven‘ Muße. Deichkind // Arbeit nervt,
In: Muße. Ein Magazin, 1. Jhg. 2015, Heft 1, S. 30-32.
DOI: 10.6094/musse-magazin/1.2015.30
URL: http://mussemagazin.de/?p=542
Datum des Zugriffs: 20.09.2017

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