Rezension

Pleasure Gardens

David Coke/Alan Borg - Vauxhall Gardens: A History

Kerstin Fest

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Mit Vauxhall Gardens: A History liefern David Coke und Alan Borg einen üppig ausgestatteten Bildband der dem Leser detailverliebt und umfassend die Geschichte der Vauxhall Gardens, einer der Hauptattraktionen im London des 18. und 19. Jahrhunderts, näherbringt.

Die am Südufer der Themse im Stadtbezirk Lambeth gelegenen Gärten standen einst metonymisch für pleasure gardens: kommerzielle Parkanlagen, in denen Besucher und Besucherinnen sowohl lustwandeln, als auch Musik genießen und Essen und Trinken konsumieren konnten. Der Band folgt der Geschichte Vauxhall Gardens größtenteils chronologisch, geht dabei aber auch auf Themen wie die Vermarktung der Gärten und das Kunstverständnis ihres Betreibers ein.

Schon vor der Errichtung der eigentlichen Vauxhall Gardens1 gibt es Belege für Freizeitvergnügungen in der Gegend. Nicht nur fanden sich in der Umgebung der bekannten Heilquelle Lambeth Wells zahlreiche Tavernen, ab Mitte des 17. Jahrhunderts bot auch ein tea garden, betrieben von Boydel Cuper, dem ehemaligen Gärtner des Earls of Arundel, Zerstreuung und Erholung. Schon in Cuper’s (oder Cupid’s) Gardens lag der Fokus nicht nur auf reinem Naturgenuss. Neben Spazierwegen gab es zum Beispiel Kegelbahnen, aber die ParkbesucherInnen hatten auch die Möglichkeit, antike Marmorstatuen zu bestaunen, welche der ehemalige Arbeitgeber Cupers aus Griechenland mitgebracht hatte. Diese Kombination aus Erholung, Vergnügen und künstlerischer Erbauung sollte ein Markenzeichen der späteren pleasure gardens werden.

1661 erwähnt John Evelyn erstmals einen spring garden in Vauxhall, den auch der eifrigeTagebuchschreiber Samuel Pepys häufig frequentiert. Pepys berichtet von Familienspaziergängen und Picknicks, aber auch von heimlichen Rendezvous mit zweifelhaften Damen. In ihren Ausführungen kommen Coke und Borg immer wieder auf diese vielfältigen, oft widersprüchlichen, Deutungen und Nutzen der Gärten zurück: sie sind ein Platz der Idylle und Muße (besonders im Gegensatz zur verschmutzten und hektischen Metropole), aber auch eine Stätte der Verführung und der Intrigen.

Den Hauptteil ihres Bandes widmen Coke und Borg Jonathan Tyers (1702-1769), dem Sohn eines wohlhabenden Londoner Leder- und Fellhändlers, der die Gärten 1729 pachtete und in ihnen bis zu seinem Tod im Jahr 1769 seine Vision eines modernen Mußeortes verwirklichte. In Tyers Projekt vereinen sich kapitalistisches Gewinnstreben und bürgerlicher Bildungsauftrag, was Vauxhall Gardens zu einem zentralen Bestandteil der Londoner Unterhaltungsindustrie werden ließ. Wie Coke und Borg eindrucksvoll schildern, unterscheidet sich Vauxhall Gardens von anderen Parks und Gärten vor allem durch Tyers‘ Bestreben, seinen Park zu mehr als zu einem reinen Vergnügungsort zu machen. Tyers‘ Hauptaugenmerk liegt von Anfang darauf, den teilweise moralisch nicht einwandfreien Ruf der pleasure gardens für Vauxhall zu entschärfen (obwohl die Gärten weiterhin ein beliebter Ort für Rendezvous und Flirts bleiben und sich auch die Londoner Prostituierten zu keiner Zeit vollständig vertreiben ließen). So lobt John Lockwood 1735, dass es in Tyers‘ Garten keine „lewd women“ mehr gebe, sondern Vogelgesang und Gartenarchitektur, die „elegant and virtues [sic] minds“ erfreue.

Auch zahlreiche andere Erneuerungen appellieren an ein Publikum, das zwar Unterhaltung und Genuss schätzt, aber sich auch als niveauvolles Bildungsbürgertum sieht. Ein Beispiel für Tyers‘ Talent, diese Bedürfnisse zu befriedigen und dabei auch noch Gewinn zu machen, sind die supper boxes. In diesen Sitzecken konnten Besucher und Besucherinnen Erfrischungen zu sich nehmen und dabei entweder das Treiben des Parks weiter verfolgen oder sich an den Gemälden erfreuen, die Tyers für die supper boxes in Auftrag gegeben hatte. Bei diesen handelte es sich um durchaus qualitätsvolle Genremalerei junger Maler, die Tyers von seinem Freund, dem höchst erfolgreichen Maler William Hogarth vermittelt worden waren. Als Dank für seine Hilfe erhielt Hogarth eine goldene Dauerkarte auf Lebenszeit, auf der sich zwei allegorische Frauengestalten, Virtus und Voluptas, freundschaftlich die Hände reichen.

Neben der Malerei galt Jonathan Tyers‘ Interesse auch der Musik. 1735 lässt er ein eingeschossiges Konzertgebäude bauen, auf dessen Terrasse ein dreißigköpfiges Orchester Musik zum Besten gibt. Auch hier legt Tyers Wert auf Qualität: die Architektur des Gebäudes war der Akustik der Gärten angepasst, so dass auch Spaziergänger, die sich nicht in unmittelbarer Nähe befanden, sich an ihr erfreuen konnten, die Musiker waren durchgängig bekannt und erfolgreich und das Musikprogramms zielte darauf ab, den Parkbesuchern gute zeitgenössische Kompositionen nahezubringen. Vauxhall Gardens sollte also nicht nur Zerstreuung ermöglichen, sondern mußeerfüllten Kulturgenuss.

Besonders hervorzuheben ist hier Tyers‘ Unterstützung für Georg Friedrich Händel, der zu dem am häufigsten gespielten Komponisten in Vauxhall Gardens avancierte. Vauxhall Gardens ist auch der Schauplatz der ersten öffentlichen Aufführung von Händels Feuerwerksmusik, deren Generalprobe dort 1749 vor rund 12000 Gästen über die Bühne ging. Die enge Verbindung zwischen dem deutschen Komponisten und den Gärten findet auch Ausdruck in der von Tyers bei dem renommierten französischen Bildhauer Louis François Roubiliac in Auftrag gegebenen Statue aus Carrara-Marmor, die Händel lebensgroß und in entspannter Pose zeigt. Die Statue (die sich heute im Victoria & Albert Museum befindet) wurde 1738 an zentraler Stelle in Vauxhall Gardens errichtet und ermöglichte es dem Publikum quasi Angesicht zu Angesicht der Musik des Maestros zu lauschen und dabei auch noch die Bildhauerkunst Roubiliacs genießen zu können.2

Coke und Borg vergessen bei aller Bewunderung für Tyers‘ Bemühungen um die Kunst aber auch nicht die finanzielle Seite der Vauxhall Gardens zu be- leuchten. In dem Kapitel „‘The Complicated Machine‘: Vauxhall Gardens as a Business“ zeigen die Autoren, dass Tyers für zeitgenössische Verhältnisse einem Großunternehmen vorstand. Er beschäftigte über hundert Angestellte und betrieb äußerst aktive Werbemaßnahmen. Darin versprach er den gestressten Londonern nicht nur Erholung, sondern auch immer neue Attraktionen und vergaß auch nicht darauf hinzuweisen, dass auch Mitglieder des Königshauses immer wieder den Park besuchten. Letzteres ließ er in der Presse verlautbaren und auch in Gedichten und Liedern verbreiten. Um den Park auf dem neuesten Stand zu halten, investierte Tyers auch in neue Technologien. So wurde die berühmte zauberhafte Beleuchtung der Gärten durch ein ausgeklügeltes System ermöglicht, das den Arbeitskräften erlaubte, die mehreren tausend Gaslichter zentral zu steuern.

Bei den Eintrittspreisen kalkulierte Jonathan Tyers scharf und achtete darauf ein möglichst breites Mittelschichtspublikum anzusprechen. Ein Ticket kostete einen Shilling, was dem Preis einer Theaterkarte für die oberen Ränge entsprach. Der finanzielle Hauptgewinn lieferte die Gastronomie von Vauxhall Gardens: zu Spitzenzeiten wurden bis zu 7000 Gäste pro Abend verköstigt. Bei den Speisen handelte es sich um englische Hausmannskost und auch hier zeigen sich Spuren von Tyers‘ Geschäftssinn: immer wieder werden in zeitgenössischen Publikationen die kleinen Portionen bemängelt, der Schinkenaufschnitt wird sogar mit Spinnweben verglichen.

Die letzten Kapitel des Bandes beschäftigen sich mit der Zeit nach Tyers und mit dem Ende der Vauxhall Gardens im Jahr 1859. Während das 18. Jahrhundert ohne Zweifel die Hochzeit der Gärten darstellt, kann Vauxhall auch im 19. Jahrhundert seinen Besuchern noch einiges bieten: unter anderem spektakuläre Feuerwerke, Heißluftballonfahrten eine jährliche Nachstellung der Schlacht von Waterloo, sowie Zirkusdarbietungen und aus heutiger Sicht mehr als zweifelhafte Völkerschauen, in denen „siamesische Zwillinge“, amerikanische Ureinwohner und algerische Beduinenfamilien betrachtet werden konnten. Auch der von Charles Dickens bewunderte schwarze amerikanische Varieteekünstler William Henry Lane, genannt Master Juba, trat in Vauxhall Gardens auf. All dies konnte aber die immer größer werdenden finanziellen Schwierigkeiten nicht aufhalten. 1840 mussten die Besitzer erstmals Konkurs anmelden, der Hauptgrund lag wohl an den sich verändernden Freizeitgewohnheiten der Londoner. Durch das Anwachsen Londons lag der Park mittlerweile auch nicht mehr vor den Toren der Stadt im Grünen, sondern inmitten eines Wohngebietes, dessen Bewohner sich immer heftiger gegen die Lärmbelästigung zur Wehr setzten. 1859 schloss Vauxhall Gardens für immer. Wie Coke und Borg etwas wehmütig anmerken, lassen sich heute kaum mehr Spuren des ehemaligen Glanzes finden. Vauxhall ist vor allem als neuralgischer Verkehrsknotenpunkt und als Standort der Zentrale des britischen Geheimdienstes bekannt.

Neben den detaillierten historischen Schilderungen thematisieren Coke und Borg auch immer wieder die Rolle der Gärten im kulturellen Kontext ihrer Zeit. Vauxhall Gardens werden in den Romanen Henry Fieldings und Frances Burneys erwähnt; William Wordworth erinnert sich ihrer in seinem autobiographischen Gedicht Prelude. Besonders interessant sind jedoch die Erwähnungen Vauxhall Gardens in der Populärkultur. Coke und Borg zitieren hier zahlreiche Satiren, Pamphlete und Lieder, die lebhaft das Sozialleben der Mittelschicht des 18. Jahrhunderts widerspiegeln. Erwähnung finden auch Objekte wie der Vauxhall Fan (einem Fächer mit Abbildungen der Attraktionen des Parks) und andere Souvenirs, die BesucherInnen erstehen konnten.

Bei Vauxhall Gardens: A History handelt es sich strenggenommen nicht um eine wissenschaftliche Publikation, weswegen für manche LeserIn die theoretische und interpretatorische Auseinandersetzung mit der Thematik zu kurz kommen mag. Der Band ist jedoch ein Coffee Table Book im besten Sinne, das, besonders wegen der zahlreichen und hochqualitativen Illustrationen, einen faszinierenden Einblick in das Freizeitleben und die Mußepraktiken des 18. und 19. Jahrhunderts gibt.

David Coke und Alan Borg. Vauxhall Gardens: A History. New Haven/London: Yale University Press, 2011.3

 

Empfohlene Zitierweise:

Kerstin Fest: Pleasure Gardens. David Coke/Alan Borg // Vauxhall Gardens: A History,
In: Muße. Ein Magazin, 1. Jhg. 2015, Heft 1, S. 33-36.
DOI: 10.6094/musse-magazin/1.2015.33
URL: http://mussemagazin.de/?p=534
Datum des Zugriffs: 23.11.2017

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