Wissenschaftlicher Beitrag

Muße als Forschungsgegenstand

Günter Figal

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Für A.M.E.S. – nulla dies sine otio

Wer sich die Muße als Forschungsgegenstand wählt, muss sich wegen der Rechtfertigung seines Tuns keine Sorgen machen. Der gegenüber geistes- oder kulturwissenschaftlichen Forschungen gelegentlich zu hörende Sinnlosigkeitsverdacht kommt gegenüber der Muße nicht auf. Zumindest haben wir, die wir uns in einem neu eingerichteten Sonderforschungsbereich mit der Muße beschäftigen wollen, es so erfahren. Dieser Sonderforschungsbereich, Muße. Konzepte, Räume, Figuren besteht seit Anfang des Jahres 2013.1 Das Thema fand und findet Anklang, es trifft auf lebhaftes Interesse; den Sinn, ja die Notwendigkeit der Muße zweifelt niemand an, und es leuchtet ein, warum das so ist. Wir alle brauchen Muße oder mehr Muße, wir vermissen sie, und im Allgemeinen können wir auch sagen, woran das liegt. Immer dichter werdende Terminkalender, die Last des Vielreisens, der mit den elektronischen Medien verbundene Zwang zur Dauerkommunikation, die Beschäftigung mit mehreren, oder kaum noch überschaubar vielen Dingen auf einmal, auch multi tasking genannt – das sind Aspekte des gegenwärtigen Berufslebens, auf die man nicht selten mit dem Wunsch nach Muße reagiert. Sätze, die mit Man müsste endlich einmal wieder… beginnen, zeigen diesen Wunsch an. Und dabei ist es keineswegs nur „mehr Freizeit“, was man sich wünscht, sondern öfter sogar ist es die Möglichkeit, endlich einmal wieder in Ruhe arbeiten zu können, sich endlich einmal wieder ohne Druck einer Sache zu widmen und das, was man tut, richtig zu tun, ganz bei der Sache, nicht nur mit halber Aufmerksamkeit und unzureichend, weil die nächste Aufgabe schon wartet und drängt. Der Wunsch nach Muße betrifft das moderne Berufsleben nicht nur in einigen Aspekten, sondern als solches. Insofern gibt dieser Wunsch Anlass, auch über neue, andere Formen der Berufstätigkeit nachzudenken.

Der Wunsch nach Muße oder mehr Muße gehört atmosphärisch mit anderen Wünschen oder Wirklichkeiten der Gegenwart zusammen, zum Beispiel mit der unter dem Etikett slow food auftretenden Überzeugung, man solle die nicht selten giftigen und häufig minderwertigen Produkte der Lebensmittelindustrie lieber durch tier- und menschenfreundliche und vorwiegend regionale Lebensmittel ersetzen, oder auch mit dem Zweifel daran, ob die Urlaubsreise wirklich in die Karibik oder nach Patagonien führen muss. Hierher gehört auch die Einsicht, dass hochwertige und entsprechend nachhaltige Gebrauchsdinge am Ende die besseren und sogar die billigeren sind. Was man tut, richtig tun – das gehört zusammen mit dem Bewusstsein für das Wertige, mit dem Wunsch, lieber dort, wo man ist, zu sein als überall und nirgends.

Dieses Atmosphärische einer veränderten Lebenseinstellung ist schon mannigfach bedacht und formuliert worden, im populären Sachbuch ebenso wie in der wissenschaftlichen Untersuchung, und es hat auch an programmatischen Überlegungen dazu, was zu tun sei, nicht gefehlt. Besonders erfolgreich war dabei der von dem Soziologen Hartmut Rosa in die öffentliche Debatte gebrachte Begriff der Entschleunigung.2 Dieser Begriff konnte überzeugen und anregen, unter anderem zu einer bemerkenswerten Kunstausstellung, die im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen war : Entschleunigung scheint das zu sein, was wir brauchen, wenn, wie Rosa und vor ihm schon der französische Kulturtheoretiker Paul Virilio zu zeigen versuchten, Beschleunigung der Grundzug der Moderne ist, jener vor allem durch die industrielle Revolution bestimmten Epoche, deren katastrophen- und krisenreiche Entwicklung das zwanzigste Jahrhundert bestimmt hat und die auch die unsere ist. Nachdem die unter dem Gesichtspunkt der Beschleunigung gesehene Moderne ein Jahrhundert lang immer schneller und schneller geworden ist und die Beschleunigung zu immer neuen Problemen geführt hat, bedarf es jetzt offenbar der Bremse; man muss das Veränderungstempo zurücknehmen, damit die moderne Welt erträglich ist.

Die skeptische Nachfrage muss erlaubt sein, ob das so stimmt. Dass die von Virilio und Rosa diagnostizierte Beschleunigung ein Grundzug der Moderne ist, lässt sich nicht ernsthaft bezweifeln. Fraglich ist jedoch, ob die Moderne sich allein von der Beschleunigung her begreifen lässt, wie Rosa es vorschlägt. Das Problem der sogenannten digitalen Revolution zum Beispiel ist ja nicht nur das „immer schneller“, sondern auch das „immer mehr“, und mit dem „immer mehr“ verbindet sich ein „immer komplexer“, ein „immer dichter“. Wir sind mit einer solchen Fülle an Daten und Informationen konfrontiert, dass wir sie nicht mehr beherrschen können und uns, mit einem Wort des immer noch scharfsinnigsten Moderne-Diagnostikers, Friedrich Nietzsche, gesagt, die Welt „noch einmal unendlich geworden“ ist.3 Weil angesichts dieser Komplexität – gerade im Bereich des menschlich Gemachten, des zur Weltübersicht Bestimmten – die Beherrschung unmöglich geworden ist, kann die Einsicht aufkommen, man solle lieber im Begrenzten, Überschaubaren etwas richtig tun, statt sich weiterhin im Wahn fortschreitender Technik- oder auch Naturbeherrschung zu verlieren. Mit der Verlangsamung oder Entschleunigung, einem alle Tätigkeitsbereiche umfassenden Tai Chi-Programm ist es dabei nicht getan. Langsamer, das heißt vielleicht: weniger effizient, weniger anstrengend, weniger selbstzerstörerisch. Aber es heißt nicht unbedingt: anders als im Eroberungs- und Verfügungsstil der früheren Moderne. Wenn dieser und nicht sein Tempo das Problem ist, kommt es auf das „anders“ und nicht allein auf das „langsamer“ an.

Dabei sollte die Einsicht, dass es anders gehen muss, ohne missionarische Emphase auskommen. Man sollte den Weltverbesserungs- und Lebensreformgestus der früheren Moderne nicht wiederholen und eine globale und dabei möglichst rasche Umstellung des Lebens- und Tätigkeitsverständnis fordern. Besser ist es, sich mit den Möglichkeiten der Umstellung im Kleinen zu begnügen, im Besonderen des jeweiligen Lebens und Tuns, ohne Rückversicherung, ob alle anderen ‚schon’ genauso verfahren. Und vordem sollte man sich darauf besinnen, wie überhaupt man sich anders verhalten kann und will.

Dabei kann der Begriff der Muße ein Schlüsselbegriff sein. Aber dass es um Muße oder wenigstens um mehr Muße geht, heißt zunächst noch gar nicht viel. Zwar wissen wir irgendwie, was Muße ist, aber wir wissen es eben irgendwie. Wir haben eine zwar bestimmte, aber zugleich auch ungenaue Vorstellung davon, wie es ist, in Muße zu sein. Doch wenn wir diese Vorstellung in Worte fassen wollen, wird es meist schwierig. Wie vieles, von dem wir eine bestimmte Vorstellung haben, lässt sich die Muße nicht ohne weiteres beschreiben und begreifen. Damit zeigt sich, dass die Frage nach der Muße eine philosophische Frage ist. Die das Phänomen Muße besteht, was ich den Augustinus-Test nennen möchte: sie ist etwas, das man kennt, ohne es, wenn man gefragt wird, was es sei, bestimmen und beschreiben zu können.

Der Augustinus-Test gibt auch Auskunft darüber, wie eine solche Bestimmung und Beschreibung möglich ist. Man muss versuchen, das Vorverständnis dessen, was man verstehen will, zu klären und in diesem Sinne fragen, was man sinnvollerweise wünschen oder wollen kann, wenn es darum geht, geleitet durch den Wunsch nach Muße oder mehr Muße, eine andere Einstellung zum Tun zu gewinnen. Dafür bedarf es keiner besonderen wissenschaftlichen Methoden oder Begrifflichkeiten. Vielmehr kann und sollte man die Muße so nehmen, wie sie sich zeigt, und sie zeigt sich in der Weise, wie wir von ihr sprechen, auch ohne sie bestimmen oder gar definieren zu wollen. Um das Vorverständnis der Muße zu entwickeln, muss man darauf achten, wie sie zur Sprache kommt, welche Bezeichnungen und Beschreibungen uns angemessen erscheinen und welche nicht, welche zu eng oder zu weit sind. So, im Gewebe verschiedener Eingrenzungen und Abgrenzungen, müsste sich ein erstes Verständnis der Muße ergeben. Anschaulich kann dieses Verständnis werden, indem wir darauf achten, wie wir das Wort „Muße“ mit unseren Erfahrungen verbinden. Wie und wo sagen wir, dass wir in Muße, mußevoll oder vielleicht auch nur müßig sind?

Was die Abgrenzung der Muße betrifft, so ist als erstes noch einmal festzuhalten, dass Muße nicht identisch mit Freizeit ist. Freizeit ist die Zeit, in der man nicht arbeiten muss; sie ist negativ von der Arbeitszeit und also von der Arbeit her bestimmt. Freizeit schließt die Arbeit aus, aber lässt sie als ausgeschlossene umso gegenwärtiger sein, und deshalb kann die Weise, in der man seine Freizeit verbringt, auch ganz durch eine Arbeitshaltung bestimmt sein. Derart ausschließend ist die Muße nicht. Man kann in Muße arbeiten, wobei die Arbeit allerdings durch die Muße verändert wird. Außerdem gibt es Arbeitsformen, die sich erst in Muße entfalten können. Kreative Arbeiten verschiedener Art brauchen Muße, damit sie erfolgreich sein können.

Aber die Muße ist auf solche Arbeitsformen nicht festgelegt. Lange Spaziergänge, Wanderungen sind mußevolle Tätigkeiten dieser Art. Muße ist keine Freizeit, aber sie kann die Freizeit ausfüllen und ihr einen Sinn geben, den sie in faden Standardvergnügungen nicht hat. Wenn die Muße nicht in dieser Weise sinnvoll erfüllt ist, wird sie zum Müßiggang; sie ist, mit den lateinischen Ausdrücken gesagt, nicht mehr otium, sondern otiositas. Müßiggang kann für eine Weile entlastend, auch lustvoll sein, wird aber auf die Dauer zur quälend unerfüllten, ungefüllten Zeit und so zur Langeweile. Bloßer Müßiggang ist ‚zu nichts’, während die Muße immer zu etwas ist.

Aber wie wird das, was man in Muße tut, durch die Muße verändert? Was ist anders, wenn man etwas in Muße tut? Man ist in seinem Tun auf eigentümliche Weise frei, so dass zur Muße wesentlich Freiheit gehört. Wer Muße hat, ist frei davon, etwas zu müssen, nicht absolut, sondern in je bestimmter Hinsicht. Mit Muße einer Arbeit nachgehen können, das heißt unter anderem: keinem Zwang zu unterstehen und keine bestimmten Erwartungen erfüllen zu müssen. Sofern eine Tätigkeit der Versorgung, dem Lebensunterhalt, der Karriere dient, steht sie unter Erfolgsdruck, und sobald ein solcher Druck spürbar ist, wie geringfügig auch immer, kann sich das Tun nicht frei entfalten. Erst ohne inneren oder äußeren Druck kann man sich einer Sache wirklich zuwenden, derart, dass es nun wesentlich um diese Sache geht. Freiheit von sachfremden Aspekten des Tuns ist Freiheit zur Sache. Insofern kann ein Tun in Muße ein in ganz besonderer Weise erfülltes Tun sein, in dem die eigenen Fähigkeiten frei zur Geltung kommen. Nicht zuletzt das mag es sein, was Aristoteles, den Meister philosophischer Beschreibung, dazu bewogen hat, das Gut-Leben, die glückliche Lebenserfülltheit (εὐδαιμονία) in der Muße zu sehen.4

Der Zwang oder Druck, der die Muße verhindert, lässt sich von hier aus noch in anderer Hinsicht verstehen. Wenn die Muße Erfülltheit ist, ein Zustand, in dem einem trotz aller Lebensoffenheit nichts fehlt, dann muss es zur Muße gehören, dass sie nicht willensbestimmt ist. Wollen gibt es nicht ohne Unerfülltheit; wäre alles so, wie es sein soll, müsste man nichts oder zumindest im Wesentlichen nichts wollen. Die Muße schließt das Wollen nicht in jeder Hinsicht aus, aber mit einem willens- und damit oft auch machtbestimmten, auf Überlegenheit und Beherrschung ausgerichteten Leben ist sie unvereinbar, weshalb Aristoteles das politische Leben, sofern es in diesem um Macht und ehrende Anerkennung geht, nicht als ein Leben in Muße versteht.5 Das Glück, das, wenn man Aristoteles folgt, zur Muße gehört, kann nicht bewirkt, erst recht nicht erzwungen werden. Es stellt sich ein, und es kann sich nur einstellen, wenn man die anderen und ebenso die Dinge, mit denen man zu tun hat, sein lässt.  Damit ist keine resignierte Passivität gemeint, auch keine Apathie, sondern eine wache Aufgeschlossenheit, in der man sich  auf das, was da ist, einlassen kann und also selbst gelassen ist. Zur Muße gehört Gelassenheit; wer Muße hat, kann die Dinge  sein lassen und versteht so viel besser, wie die Dinge sind.

In einer derart gelassenen Haltung wird nichts forciert. Hetze, überstürzende Eilfertigkeit, nervöser Eifer sind mit der Muße unvereinbar. Etwas in Muße zu tun, das heißt also immer auch: es ohne Zeitdruck zu tun, und genauer betrachtet, ist der Erwartungsdruck, der Druck, ein Ziel erreichen zu müssen, oder der Willensdruck, immer auch Zeitdruck. In der Muße drängt nichts, nichts ist eilig; man hat Zeit.

Doch sieht man genauer hin, versteht man, dass Muße nicht darin besteht, Zeit zu haben. Zeit haben kann man auch, wenn man Ziele verfolgt, ehrgeizig oder machtbewusst oder so, dass man Erwartungen zu erfüllen oder Unumgängliches zu besorgen hat. Dass man sich eine, sei es gemessene oder nur geschätzte, Zeitspanne geben kann, bevor etwas, das zu tun ist, getan sein sollte,  ändert nichts am diktatorischen Charakter der Zeit. Auch wer Zeit hat, steht unter Zeitdruck, nur dass dieser vorübergehend gelockert und so etwas sanfter ist. In der Muße hingegen ist es anders. Sobald man Muße hat, etwas zu tun, spielt die Zeit keine Rolle mehr. Gewiss hört die Zeit nicht auf, aber sie ist in eigentümlicher Weise außer Kraft gesetzt. Zwar kann man wissen, dass man für eine mußevolle Beschäftigung mit etwas nicht alle Zeit der Welt hat, sondern vielleicht nur ein paar Tage oder ein paar Stunden,doch wenn diese Tage oder Stunden mußevoll sind, gilt in ihnen das Tages- oder Stundenmaß nicht. Man ist nicht durch das Vergehen der Zeit bestimmt und kann deshalb ungezwungen bei der Sache sein. Diese Sache ist einfach nur da, und man ist mit ihr und für sie da. Man kann sie gelten lassen. So kann sie sich zeigen, wie sie ist.

Das aber heißt, dass die Muße immer auch etwas Kontemplatives ist. Aristoteles hat sie nicht umsonst als Wesensmoment der θεωρία bestimmt, der philosophischen Betrachtung, die keinen praktischen und politischen Zwängen unterliegt. Aber das Kontemplative der Muße ist nicht auf die philosophische Betrachtung beschränkt. Vielmehr ist jede in Muße ausgeübte Tätigkeit immer auch kontemplativ. Eine Tätigkeit kann gestaltend oder bewerkstelligend sein; sofern sie in Muße ausgeübt wird, bleibt sie ohne Lösungsforcierung. In Muße lässt man das, womit man beschäftigt ist, immer auch sich ergeben. Lösungen dürfen offen bleiben; sie dürfen im Kontext anderer Möglichkeiten stehen und dabei auch des Unvorhergesehenen, des nicht von vorn herein Absehbaren. So kann das Werk, an dem ein Künstler in Muße gearbeitet hat, den Künstler selbst überraschen. In einem wissenschaftlichen oder philosophischen Gespräch können sich Einsichten ergeben, mit denen niemand der Beteiligten vorher gerechnet hat. Auch kann es sein, dass man im mußevollen Nichtstun auf neue Gedanken kommt oder etwas, an dem man sich schon lange abgearbeitet hat, mit einem Mal, ohne jedes Zutun, verständlich wird.

So ist es, weil mußevolles Tun nicht durch die Abfolge, durch das „jetzt dies und dann das“, sondern durch das Nebeneinander bestimmt ist. In der Muße ist alles, dessen sie bedarf, da, und man kann es in seinem Dasein auf sich beruhen lassen. Die Muße ist, anders gesagt, nicht wesentlich zeitlich, sondern räumlich, und zwar in besonders ausgeprägter Weise. Diese ausgeprägte Räumlichkeit ist es, was die Zeit in der beschriebenen Weise unwesentlich macht. Die Zeit, um es noch einmal zu sagen, hört in der Muße nicht auf. Aber sie dominiert nicht, sondern erweist sich als räumliche Zeit, als Zeit, die in den Raum gehört, und allein nach Maßgabe des Raums wirksam ist. Bei der räumlichen Zeit gehört jede Abfolge ins Nebeneinander; verschiedene Abfolgen bringen das, was nebeneinander ist, in je verschiedener Weise zur Geltung und sind so durch das Nebeneinander bestimmt.

Der Raumcharakter der Muße steckt schon im Wort selbst. „Muße“ bedeutet ursprünglich „Spielraum“. Dass „muße ist“ heißt entsprechend, dass es Raum für etwas gibt. Im Alemannischen heißt „musz“ oder „muesz“ soviel wie spatium, Zwischenraum und damit auch Freiraum.6 Auch wenn das Wort nicht mehr in dieser Bedeutung verwendet wird, bleibt sein räumlicher Sinn erhalten. Muße haben, das heißt: in einem Spielraum oder Freiraum sein, in einem Raum, in dem sich das Tun ebenso frei, im Nebeneinander seiner Möglichkeiten, entfalten kann wie das, womit man es zu tun hat. Wo verschiedene Möglichkeiten nebeneinander offen bleiben, kann man sie erkunden, ohne sich auf eine von ihnen sofort festzulegen. Weil nichts unter Druck entschieden werden muss, kann eine Sache in der Fülle ihrer Möglichkeiten zur Geltung kommen. Als Beispiel dafür mag die Beschäftigung mit einem Kunstwerk dienen, das immer ganz als es selbst da ist, im Nebeneinander seiner Erscheinungsmöglichkeiten und deshalb in diesen Möglichkeiten, unter verschiedenen Gesichtspunkten seiner Zugänglichkeit, erkundet werden kann. Auch wenn man immer nur eine seiner Zugänglichkeiten realisiert, sind die anderen gegenwärtig. Immer hat man es unbeeinträchtigt mit dem Werk in seiner Ganzheit zu tun. Nie fehlt etwas, nie wird etwas vermisst. Immer hält man sich in der Räumlichkeit dieses Kunstwerks.

Dass die Muße in ihrem Wesen räumlich ist, zeigt sich noch auf andere Weise, nämlich mit den eigens für sie gebauten und eingerichteten Räumen. Akademien, Klöster, Eremitagen, Landsitze, Teehäuser und Gärten, Dichter- und Denkerhütten, Komponierhäuschen, Bäder, Cafés, Urlaubshotels sind Mußeorte, Mußeräume solcher Art. Ihre Einrichtung weicht in charakteristischer Weise von Bauten ab, die der Arbeit, dem effizienten Tun und damit dem Nutzen unterstellt sind. Fabriken, Bürogebäude, Behörden, Bahnhöfe und Flughäfen, auch Universitäten müssen die Tätigkeiten, die in ihnen ausgeübt werden sollen, so leicht machen wie nur möglich. Übersichtliche Gliederung, möglichst direkte Wege und ein gutes Orientierungssystem sind ebenso wichtig wie reibungslos funktionierende Transportanlagen. Mußeräume sind anders. Statt effizienter Tätigkeiten lassen sie zur Ruhe kommen. Sie bieten Möglichkeiten des Gesprächs, der ungestörten Lektüre. Und ermöglichen statt der erfolgsorientierten Konzentration die Besinnung und Sammlung. Bei alledem legen sie nicht fest; sie bieten Möglichkeiten, die man realisieren kann, aber nicht realisieren muss, und die auch als nicht realisierte den Aufenthalt in ihnen bestimmen.

Außerdem sind Mußeräume nicht selten so konzipiert, dass sie als Räume erfahren werden können. Wege in einem Garten führen oft nicht zu Zielen, die als Ziele von Bedeutung sind, sondern haben allein den Sinn, den Garten aus verschiedenen Perspektiven sichtbar zu machen. Dabei kann, wie in manchen japanischen Gärten, der Weg ganz der Betrachtung unterstellt sein, zum Beispiel dadurch, dass er den Schritt erschwert und nicht einfach zurückgelegt werden kann. Wege, die aus unregelmäßigen, in unregelmäßigem Abstand angeordneten Trittsteinen bestehen, sind Betrachtungswege, die oft zu Rastplätzen mit besonderer Aussicht führen. Ebenso ist es bei Gebäuden, die weniger Durchgänge als Durchblicke und Ausblicke bieten und die nach außen geöffnet sind, so dass auch ihre Umgebung zu dem durch sie eröffneten Raum gehört.

Mußeräume dieser Art sind also selbst durch das Kontemplative bestimmt, und deshalb können sie Möglichkeiten der Kontemplation eröffnen. Indem sie je nach Standpunkt anders betrachtet werden können, sind sie als Räume gegenwärtig. Zugleich nehmen sie auf; man kann sich in ihnen aufhalten, ohne im Wesentlichen anderes als diesen Aufenthalt zu wollen. Zur Muße gehört Aufenthalt in diesem Sinne; in ihrem räumlichen Wesen ist die Muße ein solcher Aufenthalt.

Wo man sich aufhält, dort ist man nicht immer. Man weilt oder verweilt dort, für eine kürzere oder längere Weile, was eine ungemessene Zeitspanne, aber weniger die flüchtige Zeit als die Zeit im Dauern ist. Im Dauern aber tritt die Zeit zurück; dass sie, wie man sagt, „vergeht“, ist an Veränderung gebunden; wenn sich nichts verändert, merkt man nicht, wie die Zeit vergeht. Ihr Vergehen wird unwesentlich, wenn man sie weniger von der Veränderung als von dem Raum her versteht, in den sie gehört. Der Raum ändert sich nicht, was auch immer in ihm geschehen mag. Er lässt die Zeit dauern.

Allein in einer solchen Dauer lässt sich verweilen, denn Weilen oder Verweilen ist immer auch ein Bleiben;  es ist durch eine eigentümliche Ruhe bestimmt. Wo man verweilt und sich in diesem Sinne aufhält, da ist man zwar nicht immer, aber man ist auch nicht im Aufbruch und Übergang; man ist wirklich da, wo man ist. Je ruhiger der Aufenthalt ist, desto weniger ist man in Gedanken noch oder schon woanders. So ist der Aufenthalt erfüllt, und er kann erfüllt sein, weil der Raum, in dem man sich aufhält, Erfülltheit bietet. Man ist, wo man ist; man kann und möchte nichts als dort sein, gelassenstatt willensbestimmt, frei davon, etwas zu müssen.

Die Muße, wie sie sich in der bisherigen Betrachtung ergeben hat, ist demnach ein freies, gelassenes, erfülltes und wesentlich kontemplatives Sichaufhalten, in dem Tätigkeiten anders sind als sonst oder das Tätigkeiten, die ihm gemäß sind aus sich heraus freisetzt – ein Sichaufhalten in einem Raum, der Erfüllung bietet und der zugleich freigibt, nämlich dafür, sich in diesem Raum in seinem Sinne,  also im Aufenthalt zu verhalten. Alles Verhalten wird dabei in den Aufenthalt eingebunden sein.

Daraus, dass die Muße derart raumgebunden ist, erklärt sich die Bedeutung der Mußeräume. Damit Muße sich einstellen kann, sucht man solche Räume auf. Damit verbindet sich allerdings keine Mußegarantie. Es kann sein, dass man gerade in der Ruhe eines Mußeraums die eigene Unruhe spürt und keine Muße findet. Es kann auch sein, dass jemand das Wesen eines Mußeraums ignoriert und in einem für die Meditation gedachten Garten geschäftig seine Emails liest. Räume ermöglichen, sie bewirken nicht, wie stark ihre Atmosphäre auch zu spüren, wie deutlich ihnen das durch sie Ermöglichte auch abzulesen sein mag. Auf Räume und auf das je von ihnen Ermöglichte muss man sich einlassen; nur so kann es wirklich sein.

Mußeräume garantieren also keine Muße, und umgekehrt ist die Muße nicht auf Räume beschränkt, die eigens als Mußeräume konzipiert sind. Muße kann sich auch anderswo einstellen, zum Beispiel in der Wartehalle eines Flughafens, im Getriebe des Reisens, oder mitten in der Stadt auf einem belebten Platz. Möglich ist das allerdings nur, indem die Flughafenhalle oder der Platz gleichsam in Mußebereitschaft als Mußeraum entdeckt wird. Man versteht einen solchen Raum unabhängig von seiner normalen Bestimmung oder gegenläufig zu dieser als eine Möglichkeit des mußevollen, also durch Erfülltheit, Kontemplation, Gelassenheit und Freiheit bestimmten Aufenthaltes. Dazu müssen allerdings die wesentlichen Bedingungen für einen solchen Aufenthalt gewährleistet sein. Orte , die kontemplatives Verhalten unmöglich machen, etwa weil sie zu laut sind, zugig oder auf andere Weise unwirtlich, kommen auch als improvisierte oder neu entdeckte Mußeräume nicht in Betracht. Deshalb gibt es Räume, die eigens für die Muße konzipiert sind. Sie werden vorgefunden, als Architektur gewordene Mußekultur, oder werden aus den leitenden Vorstellungen einer Mußekultur erst entwickelt wie zum Beispiel die Teehäuser und Teegärten der japanischen Teekultur in der Momoyama-Zeit (1573-1603).

Muße ist also raumgebunden. Sie ist auf Mußeräume angewiesen, die vorgefunden, entdeckt oder eigens gestaltet werden können. In ihrer Raumgebundenheit wiederum ist die Muße in besonderer, besonders ausgeprägter Weise räumlich. Muße hat ihren Raum entweder bereits gefunden oder sie findet jeweils ihren Raum. Sie braucht, je besonders und durchaus wechselnd, ihren Raum, weil sie räumliches Erleben als Erleben eines Raumes ist, der Aufenthalt im Sinne der Muße zulässt oder ermöglicht. Vieles spricht dafür, in dieser Raumgebundenheit das Eigentümliche der Muße zu suchen. Muße ist nicht einfach Freiheit, sondern Freiheit ist – wie Erfülltheit und Gelassenheit –  auch anders als in Muße möglich. Frei ist man auch in jedem Verhalten, zu dem es Alternativen gab, die realisierbar gewesen wären. Erfüllt kann ein Leben durchweg sein, und in diesem Sinne ist es erfüllt, wenn nichts Wesentliches fehlt, was auch immer im Einzelnen fehlen und zu besorgen sein mag. Für sich genommen, ist die Gelassenheit eine Haltung, die sich gerade in außerordentlich unmüßigen Situationen bewähren kann. Das für die Kontemplation eigentümliche Nebeneinander verschiedener Möglichkeiten gibt es auch im Nachdenken darüber, was – durchaus unter Zeitdruck – zu tun ist, und insofern hat jedes Handeln in seiner Vernünftigkeit ein kontemplatives Moment. Doch in der Muße sind Freiheit, Erfülltheit, Gelassenheit und das betrachtende Verstehen, die Kontemplation, auf eigentümliche Weise räumlich gesammelt. Sie sind in den Grenzen eines Raums, der sie jeweils zulässt, begünstigt oder ermöglicht, zusammen da und, wie in besonders klarem Licht, in ihrem Zusammen erlebbar und erkennbar.

Wenn es so ist, müsste die Muße ein Schlüssel zum Verständnis des menschlichen Lebens überhaupt sein. Statt am Tun, Herstellen und Bewirken, die so lange dominierend für das Selbstverständnis des menschlichen Lebens gewesen sind, orientierte man sich dann besser an der Muße, also an der menschlichen Möglichkeit, das Tun im Zusammenhang seiner Möglichkeit zu erfahren, mehr oder weniger nah am Tun, mehr oder weniger nah am Spielraum der Möglichkeiten, in den das Tun gehört. In der Muße zeigt sich das menschliche Leben als räumliche Freiheit. Es zeigt sich, dass die vita activa in eine Offenheit jenseits von Tun und Lassen gehört.7

 

Vortrag auf der Sommerakademie der Studienstiftung des deutschen Volkes in La Villa 2014.8

Empfohlene Zitierweise:


Günther Figal: Muße als Forschungsgegenstand, In: Muße. Ein Magazin,
1. Jhg. 2015, Heft 1, S. 15-23.
DOI: 10.6094/musse-magazin/1.2015.15
URL: http://mussemagazin.de/?p=530
Datum des Zugriffs: 24.10.2017

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