Tagungsbericht

Bestimmte Leere, Freiheit

Tagung - Raumzeitlichkeit der Muße

Anna Hirsch

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Eine Wand. 500 leere Seiten. Grauer Stein, Wasser. Sie können Leere, Stein, Wasser bleiben. Wird mit ihnen gespielt, wird ihnen ein Rahmen gegeben und dieser gefüllt, kann aber auch etwas Neues aus ihnen entstehen, beispielsweise ein Fresko, ein Roman oder ein faszinierender Bau. Gemeinsam hat dieses Neue die Weise seiner Entstehung: In der freien Auseinandersetzung mit dem Material eröffnet sich ein Spielraum von Malerei, Literatur oder Architektur, der zur Geltung bringt, was MalerInnen, AutorInnen oder ArchitektInnen zu sagen haben.

Um eben diesen Spielraum ging es auf einer von Prof. Günter Figal, Prof. Hans W. Hubert und Prof. Thomas Klinkert geleiteten Tagung. Der Sonderforschungsbereich 1015 an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg beschäftigte sich hier vom 26.-28. Juni 2014 mit der Raumzeitlichkeit der Muße. Die Tagenden unternahmen den Versuch, das Phänomen der Muße verständlicher zu machen, insofern in ihr, so die einleitenden Worte des Freiburger Philosophen Günter Figal, „eine Grunderfahrung in Bezug auf Raum und Zeit gemacht wird, die uns als solche nicht bewusst sein muss, die wir aber reflektieren können“. Eine solche Reflexion vollzog sich dabei zunächst in dem systematischen Beitrag Thomas Jürgaschs über eine gegenständlichkeitsbezogene Semantik der Muße und Hideki Mines Überlegungen zur Erfahrung der zeitlich-räumlichen Struktur der Muße in der handelnden Anschauung. Darüber hinaus orientierte sich das Interesse aber in erster Linie an konkreten Beispielen für Mußeräume und deren Beschreibung: Heike Gfrereis, Leiterin der Museumsabteilung im Deutschen Literaturarchiv Marbach und Honorarprofessorin für Literaturwissenschaft an der Universität Stuttgart, sprach über „Papierplätze“ als materielle Formen der Inspiration. Der Kunsthistoriker Toni Hildebrandt beschäftigte sich mit der Topologie ruhender und fließender Gewässer bei Peter Zumthor und Stanley Cavell. Hans W. Hubert ging es, ebenfalls aus kunstgeschichtlicher Perspektive, um die Groteskenmalerei der Renaissance. Die künstlichen Grottenanlagen wurden als Mußeräume der Genueser Oligarchie von Stephanie Hanke vorgestellt. Der Germanist Ralph Häfner sprach über den Autor Johann Christian Günther und den prekären Status der Muße in der Frühaufklärung, der Romanist Thomas Klinkert über den arkadischen Chronotopos als Manifestationsform der Muße. Ein weiterer begrifflich orientierter Vortrag der Philosophin Iris Laner zur epistemischen Dimension ästhetischer Erfahrung nach Merleau-Ponty entfiel.

Die genannten Reflexionen gingen dabei über eine bloße Beispielsammlung konkreter Mußeräume weit hinaus, indem Orte und Materialien phänomenale Parallelen erkennen ließen, die Möglichkeitsräume von Muße und in Muße vollzogene Tätigkeiten näher erklären lassen. So sind 500 leere Seiten der Rahmen, den sich Hermann Hesse für sein Glasperlenspiel gegeben hat: Auf ihnen sollte die Erzählung gefasst werden, sie geben den Raum vor, in dem sich der Autor bewegt. Schreibend, aber auch denkend, entwerfend. Die Seiten sind leer und sie mögen in ihrer Leere bedrohlich gewesen sein, sie sind aber gerade darin der Möglichkeitsraum, den der Autor für sich selbst sichtbar werden lassen kann. Hier soll einmal ein Text stehen, der Weg dahin aber liegt offen in der Weite der leeren Seite. Wer schreibt oder zeichnet, bewegt sich an der Grenze zwischen Dasein und Wegsein, oder, wie es Alfred Döblin beschreibt, kurz davor, sich selbst, als Autor, zu vergessen. Erst die Begrenzung dieser Offenheit – es sind und bleiben bei Hesse genau 500 Seiten – ermöglicht dem Autor die Bewegung, weil sie ihn hineinholt in den Raum des Schreibens und ihm eine literarische Bleibe gibt. Gleiches gilt, wie im Vortrag Hans W. Huberts deutlich wurde, für die Räume beispielsweise der loggetta des Kardinals Bibbiena. In der eröffnenden Leere einer hell grundierten Wand und innerhalb der vorgegebenen Struktur einer systematischen Architektur kommt die Groteskenmalerei der Renaissance zur Darstellung. In ihren absurden, erotischen, manieristisch bis surrealistischen Darstellungen wird laut Hubert ein „verrücktes Spiel von Täuschung und Enttäuschung“ inszeniert wird, „nicht um einen tieferen Sinn zu entblößen, sondern um Sinnlosigkeit zu offenbaren“. Wände und leere Seiten, kurz „Flachware“, wie Heike Gfrereis das Papier, aber auch andere Materialien wie Rinde oder Blätter nennt , eröffnet derart Räume der Inspiration. Dabei wird immer neu an- und umgeordnet, auch entfremdet und in zufälliger Bestimmtheit verwendet. Papiere anderen Inhaltes werden zu Manuskriptseiten wie jenen von Hesses Steppenwolf, Orte anderer Bestimmungen geraten zu Räumen des Schreibens.Sie werden mehr oder weniger zufällig und bewusst umgedeutet in einem Tun, das begleitet ist von der Bewegung des Schreibenden, geistiger wie körperlicher.1

Ähnliches gilt für einen ganz anderen, intuitiv naheliegenderen Mußeort, für den nicht erst die zahlreichen wissenschaftlichen Beiträge, sondern schon der Werbeprospekt mit einer anderen Zeiterfahrung wirbt: Hier „umspült Sie die Zeit geschmeidig. Sie murmelt friedlich vor sich her und plätschert dahin, bis sie schließlich versickert und versiegt.“ Gemeint ist die Zeit des Besuchers der von Peter Zumthor entworfenen Therme Vals, „nicht einfach ein Thermalbad“, sondern ein „Wurf“, wie es weiter heißt, und wie es auch Toni Hildebrandts Vortrag erkennen lässt. Zwar ist in der Therme Muße ebenso wenig herstellbar wie durch die Malerei oder im Schreiben, doch sind dem Vergessen der Zeitorientierung und einer andersartigen Raumerfahrung hier beste Bedingungen gegeben. Peter Zumthors Architektur ist, wie es Hildebrandt ausführt, eine Architektur der Muße, die nicht einfach kontemplative Räume gestalten will. Sie gibt vielmehr den Elementen, hier dem Wasser, Spielraum für eine immer andere Bewegung in der leeren Weite. Innerhalb der ordnenden Architektur der 60000 Platten aus Valserquarzit gilt es, diese Bewegung frei, als eigene Bewegung eingelassen in die Bewegung des Wasser zu erfahren.2 Wie auf dem Papier folgt die Erfahrung dabei einem ins Werk gefügten System von Wegen, Richtungen und Freigaben, darin und dagegen aber steht und bewegen sich der Erfahrende, wie das Wasser und die Sprache, und der Architekt wie der Schreibende in Auseinandersetzung mit dem vorgefundenen Material. Es ist, so beschreibt Peter Zumthor seinen Arbeitsprozess selbst, ein „geduldiger Entwurfsprozess“, geprägt aber durch eine „Leichtigkeit des Anfangs“.3

Andere Beispiele ließen Hildebrandt diese Eindrücke bestätigen, so Frank Lloyd Wrights Fallingwater oder Tadao Andos Water Temple. Eine weitere Perspektive aber wurde durch den Bezug auf die Installation Ghost Light Light House des jungen Künstlers Florian Graf eröffnet. In der bewussten Aufgabe eines sicheren, entsprechend eindeutiger zu bestimmenden (Muße-)Ortes – die Installation lässt einen unbefestigten Leuchtturm aus Holz führerlos über den Bodensee treiben – wird Kunst „bodenlos, nomadisch und mobil“, folgt aber doch einem architektonischen Denken, insofern der Leuchtturm gegenüber dem Wasser einen erbauten Mußeraum darstellt, in dem gelebt und gearbeitet werden könnte. Die Erfahrung der Reise, die der Schreibende wie der Badende ebenso zu machen in die Lage versetzt werden, wird thematisch als Gelegenheit zur Muße für Graf, auch und gerade in der Überwindung des Verlusts einer ortsgebundenen Mitte und feststehender Kategorien eines Außen- und Innenraums.4

Zu einer bewussten Inszenierung derartiger Momente und der damit einhergehenden Gefährdung eigentlichen Mußeerlebens geraten dagegen die von Stephanie Hanke untersuchten Grottenanlagen der Genueser Oligarchen, so die Grotte der Villa Rosazza Di Negro: Der Rückzug in die mit fröhlichen Szenerien und Wasserspielen ausgestaltete Grotte verspricht einen Erheiterungseffekt und den Besuch einer Wunderkammer, deren Bestaunen zur Repräsentation gerät. Der mußevolle Rückzug, die Konzentration auf das Innere der Grotte und des Erfahrenden selbst bleibt scheinbar, werden doch in gesellschaftlicher Runde im Wesentlichen kaufmännische und politische Interessen verhandelt. Ähnlich problematische Bezüge zur Muße werden dabei, wie Ralph Häfner in seinem Beitrag zu Johann Christian Günthers Der entlarvte Crispinus beispielhaft ausführte, im Theater reflektiert, wenn Mußekultur im Sinne eines bloßen Gedächtniswerkes vorgeführt wird, dessen Präsenz die Gegenwart zu erdrücken scheint. Alle in der Tagung vorgestellten Mußeräume aber – seien sie konkrete Räume wie das Blatt Papier, die Therme oder ein Palast, seien sie zu beschreibende Raumerfahrungen oder bloße Imaginationen, geraten insofern zu Übergängen verschiedener Erfahrungsmöglichkeiten, aber auch Wendepunkten bestimmter Gesellschaftsentwürfe, als sie konzentrierende Räume, aber auch Räume der Repräsentation und Ausgrenzung darstellen. Dem zur Eröffnung der Tagung von Günter Figal formulierten eigenen Anspruch, Forschungsergebnisse aus dem Sonderforschungsbereich aufzugreifen, diese aber anhand externer Perspektiven „konzentriert und informell“ zu bereichern, wurde die Tagung mit dem geschilderten Einblick in verschiedene heterotopische Mußeräume gerecht. Die Erkenntnisse aus Vorträgen und Diskussion erleichtern den Zugang zu einem Phänomen, das sich immer wieder zu entziehen scheint und dabei scheinbar Nebensächliches zum Thema geraten lässt: spielerisch-offene Bewegungen, Versuch, Zufall, aber auch Krise und Ausgrenzung – alles auf einer Wand, auf 500 leeren Seiten, in Stein und Wasser.5

 

Empfohlene Zitierweise:

Anna Hirsch: Bestimmte Leere, Freiheit. Tagungs / Raumzeitlichkeit der Muße,
In: Muße. Ein Magazin, 1. Jhg. 2015, Heft 1, S. 26-29
DOI: 10.6094/musse-magazin/1.2015.26
URL: http://mussemagazin.de/?p=470
Datum des Zugriffs: 20.09.2017

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