Rezension

„In achtzig Tagen aus dem Bett“ – Stefanie Sargnagels Buch „Fitness“

Inga Wilke

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Eine Rezension über eines von Stefanie Sargnagels Büchern muss zwangsläufig fragen: Wer ist eigentlich diese Person, die sich da selbst so unverblümt und direkt, manche sagen „schön“, „größenwahnsinnig“ und „überheblich“1, als faule, ständig rauchende und trinkende Frau präsentiert, die im Wiener Gemeindebau wohnt und sich neben dem Dauerkunststudium mit einem Job im Callcenter über Wasser hält? Was steckt hinter dem Facebook-Phänomen Stefanie Sargnagel? Die Kurzversion: Stefanie Sargnagel, Markenzeichen rote Baskenmütze, ist Wiener Künstlerin und Autorin von inzwischen vier Büchern, in denen sie ihre fast täglich geposteten Facebook-Statusmeldungen zusammen mit Paint-Zeichnungen veröffentlicht. Das Dauerkunststudium in der Malerklasse von Daniel Richter hat sie inzwischen abgebrochen, den Job bei der Rufnummernauskunft (verarbeitet im ersten Buch „Binge Living. Callcenter-Monologe“) muss sie auch nicht mehr machen. Stattdessen widmete sie sich ihrer Karriere als Autorin oder Projekten wie der Gründung der feministischen Burschenschaft „Hysteria“. Der „Liebling der Feuilletonisten, die jemanden Prekäres hypen wollen“2 schreibt für den Standard, die ZEIT, das VICE Magazin und berichtet für den Bayerischen Rundfunk. Mittlerweile kann sie von dem leben, was sie aus sich gemacht hat.

Stefanie Sargnagels Einträge in ihrem zweiten Buch „Fitness“ (2015) sind ein wilder Mix aus Alltagsbeobachtungen, subjektivem Einschätzen der Welt, Paint-Krakeleien und persönlichen Einsichten, auch sehr intimer körperlicher Natur. Chronologisch geordnet und jeweils mit einem Datum versehen, umspannen die ein- bis mehrzeiligen Texte den Zeitraum Februar 2014 bis Juli 2015.

„23.04.2015 „Wie geht das, dass man an einem fixen Tag in der Woche sagt, heute hab ich Yoga? Woher soll man wissen, wann man verkatert ist?“ (S. 239)

Der Schreibstil ist direkt und derb, teilweise beleidigend, die Schilderungen mal banal, mal tiefsinnig und schonungslos bis eklig. Die Posts wirken wie ad hoc verfasste Reaktionen auf die Dinge, die Sargnagel in ihrem Alltag und in ihrem Kopf begegnen. Den roten Faden dieses „Künstlerromans ohne Plot“3 spannt dementsprechend sie selbst. Sie berichtet aus ihrem Alltag im Callcenter, im Gemeindebau, im Beisl und auf den Wiener Straßen, von Ausflügen zu Lesungen in Düsseldorf und Berlin, zu KünstlerfreundInnen in New York oder zum FPÖ-Oktoberfest. Immer wieder geht es um den Kunst-, Literatur-, Kultur- und Medienbetrieb und ihre eigene Verortung in diesem Kosmos, den sie hier noch als erstaunt-distanzierte Beobachterin beschreibt, obwohl sie eigentlich selbst schon mittendrin steckt. Die scheinbar beiläufig, eigentlich jedoch wohlüberlegt komponiert hergestellte Authentizität und Intimität machen die Texte plastisch und greifbar. Durch den Berichtstil entsteht ein Als-wäre-ich-dabei-Gefühl bei den Lesenden – so unangenehm oder schockierend dieses Dabeisein im Einzelnen auch wäre. Gleichzeitig wird hier eine prekäre  Gegenwelt präsentiert, die dem Leser und der Leserin im Stile von TV-Serien wie „Frauentausch“ oder „Berlin Tag und Nacht“ einen wohligen Schauer der Überlegenheit beschert. Faszination und Abscheu, Ekel und Genuss spazieren Hand in Hand mit durch das Buch.

Sargnagel entwirft mit ihren Statusmeldungen in „Fitness“ das Bild einer Figur, die auf ihre Weise als Muße-Figur beschrieben werden kann:  Die faule, freigeistige, misanthropische, prekäre Künstlerin, die sehr viel Wert darauf legt, darzustellen, wie sie sich eifrig den Anforderungen der Leistungsgesellschaft entzieht. Eine Frau, die als Slackerin durchs Leben geht und die Praktiken ihres müßiggängerischen Lebensstils (rauchen, trinken, essen, spazieren gehen und schlafen) konsequent und ernsthaft pflegt. Sie präsentiert sich als weiblichen Oblomow, oft zu verkatert und unmotiviert, um aufzustehen und etwas Sinnvolles zu tun. Die zeitlichen Zwänge und Entfremdungsgefühle, die der (zur Existenzsicherung notwendige) Callcenter-Job auslöst, werden durch dieses Gegenprogramm kompensiert. Als Antrieb fungiert die Aussicht auf Cordon bleu und Bier im Beisl.

„27.04.2014 Scheiße, ich glaub, ich habe mir Ambitionen geholt.“ (S. 42)

Gleichzeitig sind die Diskurse und Anforderungen dieser Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft in den Texten omnipräsent. Die Charakteristika der ständig fordernden Welt da draußen mit ihren Imperativen zu Fleiß, Erfolg, Schönheit, Fitness usw. werden in den Zeilen wieder und wieder reproduziert. Sie dienen als Hintergrundfolie für die Themen, an denen sich die Autorin unermüdlich (und eigentlich doch recht fleißig) abarbeitet. Die hier kreierte widerständige Figur funktioniert nur über die Spannung zwischen dem Individuum, das so gerne einen freien Lebensentwurf wagen möchte, und der Gesellschaft, die diesem Plan immer wieder Steine in den Weg legt und gleichzeitig unverzichtbar für diesen Prozess ist. Neben all der proklamierten Faulheit und der ablehnenden Haltung gegenüber den Anforderungen, die beständig an sie gestellt werden – besonders nun, wo sie hauptberuflich Autorin ist – hat es Stefanie Sargnagel doch erfolgreich geschafft, den Literatur- und Kulturbetrieb als Spielplatz für sich einzunehmen, um sich nun häufig von der Schaukel aus über das eigene Schicksal zu beschweren.

„6.3.2015 Ich will keine erwachsene Frau sein, mehr eine Mischung aus kleinem Mädchen und fettem Hooligan.“ (S. 21)

Die Aushandlung von Geschlechterrollen wird auch immer wieder als Anforderung an Männer und Frauen in der Gegenwart bearbeitet. Sargnagel thematisiert ihr Frausein und die Ansprüche, die ihrer Wahrnehmung nach damit verbunden sind. Sie unterläuft mit den Schilderungen ihres exzessiven, unangepassten Lebensstils klassische Geschlechterbilder und will sich gleichzeitig nicht zu sehr von ihnen entfernen.

„21.10.2014 Heute zum vierten Mal zehn Minuten gejoggt, denke ich bin laufsüchtig.“ (S. 121)

In anderen Einträgen (vermehrt gegen Ende des Buches) beschreibt Sargnagel, wie sie versucht sich gesünder zu ernähren, weniger zu trinken, mehr Sport zu treiben. Auch wenn diese Versuche ironisch überspitzt geschildert werden, stellen sie doch einen Kurswechsel in Richtung eines Projekts „Gutes Leben“ dar – weicht die Widerständigkeit langsam der Angepasstheit?

„19.12.2014 Gibt’s neben Schweigekloster auch Schreiekloster?“ (S. 167)

Stefanie Sargnagel polarisiert mit ihrem Stil und mit ihrer Person. Sowohl im Feuilleton und im Literaturbetrieb als auch unter den RezipientInnen ihrer Werke und allgemein in der Öffentlichkeit wird sie gefeiert und gehasst. Dass sie sich in ihren Statusmeldungen oder durch Aktionen wie die Gründung der Burschenschaft „Hysteria“ (erklärtes Ziel: eine totalitäre matriarchalische Gesellschaft) immer wieder gegen den politischen Rechtskonservatismus in Österreich (und konkret gegen die FPÖ) stellt, bringt ihr regelmäßig Beleidigungen, Vergewaltigungs- und Morddrohungen, Shitstorms und Hetzkampagnen ein, im Frühjahr 2017 maßgeblich initiiert durch Berichterstattungen der Kronenzeitung, die ihr vorwarf bei einer Literaturstipendiumsreise durch Marokko Steuergelder verschwendet zu haben. Die Vergleiche mit Charlotte Roche und Lena Dunham (Feminismus), Thomas Bernhard (österreichisches Grantlertum), Clemens Mayer (Prekarität) und Rainald Goetz (Gegenwartsanalysen, die das Internet als Medium nutzen) stellen Versuche dar, Sargnagel irgendwie einzuordnen.

Die Ambivalenz und Widersprüchlichkeit der Figur Stefanie Sargnagel sind das Ergebnis eines Spiels aus Fremd- und Selbstbildern, Identitätsentwürfen und -verwürfen, Projektionen, Erwartungen und extremen Selbstinszenierungen. Da gibt es die Künstlerin und Autorin Sargnagel, ebenso wie die Studienabbrecherin Sargnagel, die schlafende neben der joggenden Sargnagel, die weibliche und die männliche Sargnagel, die unsichere und die überhebliche Sargnagel, das Kind, die Burschenschaftlerin und Gott. Dass sich diese schimärenhafte Selbstdarstellung – man könnte auch von personifizierten Paradoxien sprechen – nicht auflösen lässt, ist problematisch und unabdingbar zugleich.

 

Stefanie Sargnagel: Fitness. Wien: riedelsteiner dahimène edition, 2015.

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