Interview

Gender und die Kunst der Muße

Doris Ingrisch im Gespräch mit Marion Mangelsdorf

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Marion Mangelsdorf:

Muße, – zuallererst ruft das Wort Assoziationen in mir wach, die männlich geprägt und mit Privilegen verbunden sind, die nicht jedermensch Sache sind. Mir kommen Abbildungen in den Sinn, auf denen ich ein Genius inmitten seiner Studierstube vor Bücherbergen sitzen sehe, lesend, schreibend und sinnierend. Oder ich sehe Gelehrte durch ehrwürdige Hallen wandeln. – Welche Assoziationen kreisen in Deinem Kopf, wenn Du das Wort ,Muße‘ hörst?

 

Doris Ingrisch:

Bei mir tauchen zuerst Gegenbilder auf. Emsige Menschen, nein, eigentlich Frauen und Mädchen, die immer etwas in der Hand haben, haben müssen, nicht ruhen dürfen. Und dann auch Bilder von Künstlern, nicht Künstlerinnen, eher Künstler, wo sich dann eventuell am Bildrand so etwas wie eine Muse räkelt. Irgendwie bin ich mit diesen Bildern mittendrin im 19. Jahrhundert. Es sind keine Bilder der Jetzt-Zeit und alle sind mit Geschlechterbildern, in denen sich Geschlechterverhältnisse spiegeln, verbunden.

 

Marion Mangelsdorf:

Überspitzt würde ich behaupten, dass die zuvor beschriebenen klassischen Muße-Darstellungen damit einhergehen, eine abendländische Zentrierung auf den genialen männlichen Geist zu glorifizieren. Kontrastierend dazu sehe ich Frauenkörper, ähnlich wie Du, nackte Körper, die sich begehrlichen Blicken und auf einer Picknickdecke der Sonne entgegenstrecken. Die weibliche Ausformung der Muße steht der männlichen komplementär gegenüber, verkörpert die sinnliche und erotische Seite eines tätigen Nichtstuns. Was meinst Du?

 

Doris Ingrisch:

Es ist doch erschütternd, wie unentrinnbar – wenn wir uns erlauben, den Fokus darauf zu lenken – auch dieser Begriff, der auf den ersten Blick doch so gar nicht mit Geschlecht verbunden zu sein scheint, über Geschlechter- und Wissensordnungen definiert wird und seine Wirkmächtigkeit entfaltet. Wenn man Muße hat, dann auch das nur dem Geschlecht entsprechend und natürlich sind diese Muße-Formen jeweils wieder unterschiedlich kodiert und erfahren bestimmte Bewertungen.

 

Marion Mangelsdorf:

In Deinem Buch über das Verhältnis von Wissenschaft, Kunst und Gender1 hast Du Dich damit befasst, wie sich dieses Weltverhältnis im 18. Jahrhundert ausgestaltete. Magst Du ein wenig skizzieren, was im 18. Jahrhundert geschah?

 

Doris Ingrisch:

Wir haben es in dieser Zeit mit einer „Polarisierung der Geschlechtscharaktere“ zu tun, wie Karin Hausen es in ihrem gleichnamigen Artikel nannte. Sie beschreibt darin, wie sich im Prozess der Konstituierung der bürgerlichen Gesellschaft mit den Zuweisungen an Frauen und Männer auch die ihnen zugewiesenen Sphären wie beispielsweise so etwas wie Privatheit und Öffentlichkeit herausbildeten und damit eine Struktur von Gesellschaft, die bis heute ihre Wirksamkeit nicht verloren hat. Dies ist nur eines von vielen Beispielen einer umfassenden Bipolarisierung. Wir alle kennen Begriffspaare wie Ratio und Intuition, Geist und Körper, außen und innen, Kultur und Natur und auch heute noch schwingt die Höherwertigkeit von Ratio, Geist und Kultur gegenüber Intuition, Körper und Natur mit. Durch die Dichotomisierung erfuhren die Begriffe nämlich zudem eine Hierarchisierung und Naturali-sierung, anders als in anderen Kulturen, denken wir nur an das Yin/Yang, das zwar auch für entgegengesetzte, jedoch eng aufeinander bezogene Prinzipien steht. Das Harte und Feste erscheint vielfach immer noch mehr wert als das Weiche und Bewegliche, Objektivität mehr als Subjektivität. Wir finden heute dieses Schema noch in der Bewertung von hard und soft skills, hard und soft sciences wieder. Oder auch in der Hinsicht, wie westliche Gesellschaften Aktivität und Passivität bewerten. Und es ist ganz eindeutig, welche Begriffe männlich, welche weiblich konnotiert sind. Kurz gesagt, die neue symbolische Geschlechterordnung ging mit der Wissensordnung Hand in Hand. Ein Denken im Entweder-Oder war entstanden.

 

Marion Mangelsdorf:

Was aber geschieht, wenn solche eindeutigen Geschlechterzuordnungen, solche Stereotype durchbrochen, befragt sowie unsere als selbstverständlich angenommenen Vorstellungen und Bilder irritiert werden? Ein Klassiker der feministischen Literatur ist ja Virginia Woolf’s Essay „Ein Zimmer für sich allein“. Das kleine Bändchen nehme ich immer wieder in die Hand. Es formuliert pointiert, dass es zentral ist, sich Räume für Muße zu eröffnen, um in Ruhe schreiben oder seinen Gedanken nachgehen zu können, aber vor allem auch, um seinen eigenen Ausdruck zu finden.

 

Doris Ingrisch:

Unbedingt, im wahrsten Sinne des Wortes! Nur, wie soll das gehen? Für Virginia Woolf war das Anfang des 20. Jahrhunderts – der Band ist im Original 1929 erschienen – eine zentrale Frage und sie wies auf die Bedeutung von Rückzugsorten für Frauen hin. 90 Jahre danach stellen wir die Frage immer noch, aber unter anderen historischen Bedingungen, wie etwa dem Mehrfachgefordertsein von Frauen, die nun vielfach berufstätig sind und trotzdem die Hauptverantwortung für die Kinder und mitunter die pflegebedürftigen älteren Verwandten tragen. Selbst wenn sie einen Rückzugsort haben, bleibt die Frage, wie sie sich ein entsprechendes Zeitfenster schaffen können, um in einen Zustand der Muße gelangen zu können.

 

Marion Mangelsdorf:

Das ist für mich, was ein Nachdenken über Gender voranbringt: Dass wir zunächst einmal sensibel dafür werden, was uns als selbstverständlich erscheint, dass wir uns der Muster und Strukturen klarwerden, die uns zutiefst prägen. Dass wir uns unserer Sprache, Kultur, familiären Herkunft, unserer fachlichen oder beruflichen Ausrichtung, aber ebenso der damit verbundenen blinden Flecken bewusster werden. Dies, um in einem weiteren Schritt fragen zu können, was davon uns im Wege steht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, sowohl individuell als auch kollektiv. Für mich sind Muße-Momente davon geprägt, dass ich im Sinne von Goethes Sentenz sagen kann Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein. Es sind Momente, in denen ich mich befreit fühlen kann von Rollenvorstellungen, frei, um das zu tun, was und wie ich es tun möchte, ohne meine Erfahrungen, meine Körperlichkeit und Sinnlichkeit zu unterdrücken. Im Gegenteil. Ein mußevolles Leben würde diese Aspekte kunstvoll, durchaus auch lustvoll zu integrieren verstehen.

 

Doris Ingrisch:

Absolut, darum kreisen wir ja in diesem Gespräch und in unserer Arbeit. Wie und wo ist es möglich, einem bipolaren Denken zu entkommen? Das ist keine banale Frage. Eine bekannte Drogeriemarktkette wirbt ja, in Abwandlung von Goethes Sentenz, mit: „Hier bin ich Mensch, hier kauf’ ich ein.“ Diese Zeit will uns als Konsument*innen, nicht als Gestalter*innen, braucht uns als mit einem gewissen Frustrationsniveau Behaftete, die ihre Bedürfnisse über den Konsum zu befriedigen meinen. Was würde es den bedeuten, würden wir uns so etwas wie ganz fühlen? Vielleicht führt diese Frage in eine falsche Richtung, aber können wir wirklich ermessen, was es für eine Gesellschaft bedeuten würde, hätten wir jeweils das ganze Spektrum zur Verfügung? In der Forschung würde das bedeuten sowohl künstlerische als auch wissenschaftliche Herangehensweisen und zudem das, was aus der Kombination der beiden Felder erwächst. Wir wären in der Fülle, nicht im Mangel. Auch das ist etwas, das, denke ich über Muße nach, in mir erscheint. Die Freude an der Fülle. Die Sehnsucht danach.

 

Marion Mangelsdorf:

Dieser Freude an der Fülle, daran sich dem bipolaren Denken und Entweder-Oder-Prinzipien zu widersetzen, gehst du in Deinem bereits erwähnten Buch „Wissenschaft, Kunst und Gender“ mittels biographischer Beschreibungen von Menschen nach, die sich als Hybride zwischen zumeist getrennt betrachteten Sphären und Arbeitsweisen verstehen. Menschen, die ihr Schaffen zwischen Wissenschaft und Kunst verorten und sich damit einer Disziplinierung widersetzen, wie sie unsere auf Arbeitsteilung fixierte akademische Welt vorgibt. Kannst Du ein wenig erzählen, was Dir bei diesen Geschichten auffiel? Was geschieht, wenn Menschen integrative Formen des Forschens zwischen einem auf rationalen Bestimmungen und an Objektivität orientiertem Denken mit einem auf sinnlichen Erfahrungen und auf Prozessen basierendem Denken verbinden? Und inwieweit ist dieses Changieren zwischen dem einen und anderen gegendert?

 

Doris Ingrisch:

Wieso müssen sich Menschen eigentlich erklären, wenn sie Künstler*innen UND Wissenschafter*innen sind, Schauspieler*innen UND Philosoph*innen? Wieso wird eine junge Frau, die vorhat zu promovieren, davor gewarnt, ihre Tätigkeit als Bildhauerin im akademischen Kontext zu erwähnen? Welcher gesellschaftliche Mechanismus bringt sie dazu zu meinen, zwei Homepages, eine für sich als Künstlerin, eine für sich als Philosophin haben zu müssen, um in dieser Welt bestehen zu können? In einem der biografischen Interviews beschreibt eine Sozialwissenschafterin und Filmemacherin, ihr Nicht-Entscheiden-Können oder Nicht-Entscheiden-Wollen für das Eine oder das Andere. Oder eine Philosophin und Bildhauerin betont, dass sie gar nicht denken könnte, wenn sie nicht beides – wissenschaftliche und künstlerische Tätigkeit – verbinden könne. Sie bewege sich immer zwischen Schreibtisch und Werkbank hin und her. Die beiden Bereiche inspirierten einander, seien für sie nur zusammen wirksam. In so einer „interface biography“ unterwegs zu sein, birgt dann aber auch viele Ecken und Kanten. Wie z.B. nach der Frage der Identität: Sie sollte doch ein Mit-Sich-selbst-Eins-Sein, etwas Eindeutiges sein. Und wo ist das Eindeutige bei Wissenschaftler*in und Künstler*in? Wo eine Selbst-Verortung? Bei den Vorstellungen von Geschlecht sind viele immer noch in diesem Entweder-Oder gefangen. Bis vor Kurzem gab es juristisch nur zwei Auswahlmöglichkeiten für das Geschlecht. Das ist dasselbe Schema wie wenn man Kunst und Wissenschaft getrennt zueinander denkt. Doch wie könnte ich Gender allein denken? Wir alle haben einen sozialen, geopolitischen und ethnischen Hintergrund, gehören einer Generation an, haben unterschiedliche sexuelle Begehren, stecken in unterschiedlichen Commitments, die unser Leben prägen, in unterschiedlichen Werte- und Glaubenssystemen etc. Ich kann Gender nur in dieser Weise denken. In dieser Verbindung, nicht in der Trennung. In diesem Sinne sehe ich eine Analogie darin, unterschiedliche Erkenntnismöglichkeiten miteinander in Beziehung zu setzen und damit den Blick auf das Dazwischen zu lenken.

 

Marion Mangelsdorf:

Das heißt, ein solches Denken würde ein Transferwissen und damit vielfältige Übergänge und Verbindungen ermöglichen? Es könnte einer Vielfalt individueller, struktureller und epistemologischer Gestaltungsmöglichkeiten Raum geben? Unweigerlich scheinen wir bei solchen Aussichten auf Grenzen zu stoßen. Werden wir angesichts solcher Heterotopien, also Vorstellungen von alternativen Räumen und Konzepten, nicht zugleich herausgefordert, uns mit Machtstrukturen und Spannungsfeldern, mit bipolaren und hierarchisierenden Logiken auseinanderzusetzen? Das heißt mit solchen, die nicht zuletzt mit unseren Vorstellungen von Geschlechterdifferenzen korrespondieren?2 Muße, vielleicht schafft sie das, was Sigmund Freud in seinem Aufsatz „Das Unbehagenin der Kultur“ in Rückbezug auf seinen Freund, den Schriftsteller Roman Rolland, als „ozeanisches Gefühl“ beschreibt. Es ist „ein Gefühl, das er die Empfindung der ‚Ewigkeit‘ nennen möchte, ein Gefühl wie von etwas Unbegrenztem, Schrankenlosem, gleichsam ‚Ozeanischem‘.“ Zeugt ein solches Gefühl von der kindlichen Erfahrung des Einsseins mit der Welt sowie von einem Lustprinzip, das im sexuellen Begehren seinen Höhepunkt erfährt? Muße wäre wie diese gelungene Situation, in der kaum auszumachen ist, ob sich unser Organismus in einem Zustand höchster Anspannung oder Entspannung befindet. Es ist wie dieser kurze Moment zwischen ein- und ausatmen, dieser  Nullpunkt, an den Meditationen die Aufmerksamkeit hinlenken, ein Punkt, an dem wir Kraft sammeln, ganz bei uns sind und uns zugleich in Resonanz mit unserer Umgebung befinden. Nun, das kann immer nur ein flüchtiger Moment sein, aber es ist auch ein Moment, in dem ich die Frage nach Geschlecht völlig hintenanstellen würde. Muße könnte uns in jeder Hinsicht einen Raum eröffnen, uns im Prozess eines ‚undoing gender‘, einer kritischen Befragung und Überwindung von Geschlechterzuschreibungen unter-stützen.

 

Doris Ingrisch:

Dafür sollte aber auch die Muße selber neu gedacht werden, – uns dabei inspirieren zu lassen von Menschen, die sich in ihrem Denken und Tun nicht begrenzen ließen, das finde ich schön! Schön, sinnvoll und zielführend! Mit dem bipolaren Denken und dem Trennzwang, wie Dieter Wuttke ihn nannte, sind wir an einem Punkt angelangt, wo es bereits seit längerem deutlich geworden ist, dass die Welt und ein Großteil der Menschen darunter leiden und die zerstörerischen Kräfte, die freigesetzt wurden, sich immer deutlicher abzeichnen. Die Quantenphysik hat bereits vor rund 100 Jahren das Weltbild revidiert, auf dem dieses Denken beruht. Langsam bekommt es auch in weiteren Fachdisziplinen wissenschaftlichen Denkens Gehör, wie zum Beispiel im Denken über Bedeutungen, Werte und die Verantwortung, die wir dafür tragen, da sie Welt konstituieren. Ich denke da an Werner Heisenberg, Niels Bohr und Karen Barad. Darüber zu reflektieren, dass auch Muße gegendert ist, und wie sich Muße neu denken lässt, heißt ja auch oder vielleicht vor allem, Werte neu zu überdenken. Hier möchte ich betonen, dass Muße sich ebenfalls als ein Konzept begreifen lässt, das als ein Hybrides, Bewegliches, kulturell und historische Variables zu verstehen ist, als eines, das sich einer Entweder-Oder-Logik entzieht und Polaritäten überschreitet. Muße kann hier Möglichkeitsräume eröffnen, fluid werden lassen, was ansonsten allzu starr gedacht wurde und wird. 3

 

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