Ausgabe #5

Editorial

Muße und Exzess

Woran denken Sie, wenn Sie das Wort „Exzess“ hören? An geistige und körperliche Verausgabung, Schweißausbrüche und Lärm vielleicht, an Verschwendung, an Außer-Alltägliches, vielleicht einfach an die letzte Party und den Kater danach? Excessus (ūs, m.) ist im Lateinischen der Tod, etwas metaphorischer gefasst allerdings auch die Abschweifung; das dazugehörige Verb excedere – und damit ist man wieder unter den Lebenden – bedeutet herausgehen, weggehen, auswandern, aber auch herausragen und überschreiten.

Wir stellen zunächst fest: wir haben uns mit der aktuellen, nunmehr fünften Ausgabe von Muße. Ein Magazin exzessiv viel Zeit gelassen – weil sich der SFB 1015 ‚Muße’ seit Anfang des Jahres 2017 in der zweiten Förderphase (aus „Konzepte. Räume. Figuren“ wurde „Grenzen. Raumzeitlichkeit. Praktiken“) aufs Neue positioniert, befand sich das Gründungsteam des Magazins, allesamt Mitglieder „der ersten Stunde“, in einer Übergangsphase der Neuorientierung. Jede/r von uns war so mit seiner/ihrer ganz eigenen Form von Exzess im Sinne eines Weggehens beschäftigt. Doch auch in eher unruhigen Zeiten stellen sich teilweise unverhofft, teilweise aktiv herbeigeholt, zum Beispiel beim Eintauchen in kühles Wasser – eine Anspielung daran ist das Schwimmbadblau, das den Ton für diese Ausgabe anstimmt – Momente der Muße her. Das führte uns zu der Frage, was eigentlich der Zusammenhang von Exzess und Muße ist bzw. was denkbare Spielarten des breiter als gedacht gefächerten Exzess-Begriffs als Counterpart oder auch Ergänzung zu Muße sind.

So bewegen sich die Texte dieser Ausgabe zu Exzess in einem Spannungsfeld zwischen Alltag und Stilisierung. Michael Stasik begleitet in seinem ethnographischen Beitrag junge Männer in Sierra Leone beim Besuch eines Rap-Konzerts und betrachtet die kultähnliche Verehrung der Künstler unter dem Brennglas religionstheoretischer Überlegungen. Auch die Gedanken, die Andreas Kirchner über den Begriff des Exzesses im wissenschaftlichen Beitrag auf die Probe stellt, sind deutlich durch die Betrachtung religiöser Phänomene geprägt. Gleichzeitig suchen sie auch die Gemeinsamkeiten zwischen Muße und Exzess herauszuarbeiten, die nach Andreas Kirchner beide eine wichtige Grundbedingung im Streben nach Wissen darstellen.

Daneben findet sich die gewohnt bunte Vielfalt weiterer Beiträge. Unter anderem folgt Anna Sennefelder den Comicfiguren aus den Graphic Novels von Jiro Taniguchi beim Spazierengehen und Genießen. Verena Schneider begibt sich in ihrem Werkstattbericht auf die Suche nach der Muße und im Glossar klärt uns Julia Bertschik über Wesen und Begriff des Dandys auf.

Wir hoffen, Sie frönen nicht gleich nach der Lektüre dieses Editorials dem Exzess im Sinne eines Weggehens bzw. Wegklickens auf eine andere Website. Nehmen Sie sich Zeit für uns und tauchen Sie ein in die zum Teil erstaunlich mußevolle Welt des Exzesses.

Martin Büdel und Heidi Liedke
(Herausgeber/in der 5. Ausgabe)

– Für das Redaktionsteam –
Bianca Blum
Kerstin Fest
Tobias Keiling
Pia Masurczak
Anna Karina Sennefelder

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