Glossar

Dandy

Julia Bertschik

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Wer oder was ist ein Dandy? Der englische Begriff existiert seit ca. 1710 und bezeichnet einen Modenarren, Gecken, Stutzer, Gigerl, Beau, Fashionable oder überhaupt junge Leute, die in auffälliger Bekleidung Kirche oder Jahrmarkt besuchen. Woher der Begriff ‚Dandy‘ stammt, ist unklar. So findet er seit ca. 1780 als Koseform von Andrew an der schottisch-englischen Grenze Verwendung oder meint als „Jack-a-dandy“ den Günstling einer Frau in Irland. Mit dem bekannten Lied „Yankee Doodle“ machten sich die englischen Soldaten im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775-1783) über die Yankees, ihre amerikanischen Gegner, lustig („He stuck a feather in his hat / And called it macaroni. / Yankee Doodle, keep it up, / Yankee Doodle Dandy“). „Dandy pratt“, eine kleine, recht wertlose Silbermünze, hergestellt im 16. Jahrhundert unter Henry VII., bezeichnete auch unnütze Personen der Gesellschaft. Das schottische Verb „dandil“ steht wie das französische „dandiner“ für ‚herumstolzieren‘, also für eine stilisierte Art des Gehens.1

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Ebenso wenig klar wie die Etymologie des Dandy-Begriffs erweist sich auch eine Definition des schillernden Dandy-Phänomens. Seine Hochzeit liegt zwar in England und Frankreich des 19. Jahrhunderts,3 Adaptionen und Transformationen lassen sich aber bis heute bei Figuren des öffentlichen Lebens und der Popkultur wie Fritz J. Raddatz oder Sebastian Horsley, in der ‚Black Dandy‘-Bewegung kongolesischer ‚Sapeurs‘, in Männermode-Blogs im Internet oder auch in weiblichen Ausformungen der ‚Femme Dandy‘ bzw. der ‚Dandizette‘ verfolgen.4 Deutlich machen die unterschiedlichen Aspekte der hier präsentierten Wortgeschichte aber immerhin, dass es sich beim Dandy um eine zunächst negativ konnotierte bzw. der Lächerlichkeit preisgegebene, durch Originalität in Kleidung und Auftreten auffällige Erscheinung handelt, deren gesellschaftliche Zwecklosigkeit auf (vor allem finanzielle) Protektion angewiesen ist.

Denn zumindest der klassische Dandy des 19. Jahrhunderts verweigert sich einem bürgerlichen Arbeitsethos, indem er exzessiv der Muße frönt. Auch nach der Französischen Revolution versucht er damit, einen aristokratischen Lebensstil fortzusetzen, der nun zunehmend dem Untergang geweiht ist. Als Geistesaristokrat und Künstler seiner selbst gestaltet er sein Auftreten, seine Garderobe und seine Umgebung zum Gesamtkunstwerk und verkörpert dadurch die selbstzweckhaften Prinzipien der L’art pour l’art-Bewegung der Jahrhundertwende. So besteht etwa Joris-Karl Huysmans’ dandyistischer Kultroman der Décadence, À rebours (Gegen den Strich) von 1884, aus einer Aufzählung der exquisiten Kleidungsstücke, selbst kreierten Parfüms, außergewöhnlichen Menü-Zusammenstellungen, Möbel-, Bilder-, Blumen- und Bücherarrangements seines fiktiven Dandy-Protagonisten Jean Floressas Des Esseintes. Höhepunkt einer letztlich dem Tod geweihten Verkünstlichung der Natur bildet hier eine Riesenschildkröte, deren Panzer Des Esseintes mit Gold und Edelsteinen verzieren lässt, damit sie farblich besser zu seinen Teppichen passt. Legendär sind aber schon zu Beginn des Jahrhunderts die stundenlangen Experimente des englischen ‚Urdandys‘ George Bryan ‚Beau‘ Brummell (1778-1840) mit den gestärkten Halsbinden seiner Zeit, den Vorläufern der Krawatte. Sie gilt aufgrund ihrer rein dekorativen, ästhetisch variablen und spezifisch männlich-virilen Eigenart als die ‚Seele‘ der Beaux oder Dandys im Sinne eines Symbols ihrer Originalität.5

6Künstliche Paradiese fernab bürgerlicher Alltags- und Arbeitsroutinen zu erschaffen, ist also der häufig als nicht lebensfähig, ja dem Verfall preisgegebene Zeitvertreib des Dandys, nicht jedoch sein Karriereziel. Pedanterie, Fachmänner- und Spezialistentum, systematischer Methodenaufbau, zweckgerichteter Aktivismus und einseitige Konzentration auf bestimmte Interessensgebiete gehören nicht zu seiner müßiggängerischen Welt eines Privatiers – stattdessen kann der Dandy als ein Dilettant im positiven Sinne gelten.7

Ein solches Verständnis vom Dilettantismus greift auf die Ursprünge seiner Begriffs- und Bedeutungsgeschichte zurück, die zugleich mit den historischen Hintergründen des Dandytums verschränkt sind. So verstanden sich im England des 16. bis 18. Jahrhunderts Dilettanten als Repräsentanten einer geselligkeitsstiftenden und unpedantischen Gentleman-Kultur. 1734 etablierte sich in London die seinerzeit berühmte „Society of Dilettanti“, eine Gesellschaft aus Adligen und bürgerlichen Gelehrten, Kunstliebhabern und Kennern.8 Solche ‚Gentleman-Dilettanti‘ waren Teil der sogenannten Virtuoso-Bewegung, die Wissenschaft als Selbstzweck im Sinne einer reinen Geistesübung betrieb. Diese Bewegung griff wiederum auf die humanistische Tradition und die Hofmannskultur der italienischen Renaissance zurück, wie sie 1528 in Baldassare Castigliones einflussreichem Traktat Der Hofmann (Libro del Cortegiano) beschrieben worden ist. Propagiert wird für junge Adlige am Hof hier die vielfältige Ausbildung der eigenen Persönlichkeit, inklusive Kunst- und Musikausübung. Schon die antike Erziehungsethik bei Platon und Aristoteles betonte dabei die Muße als notwendige Voraussetzung für Kontemplation und Philosophie. Dies wendet Nietzsche in seinen späten philosophischen Schriften auf den hedonistisch geprägten Müßiggang an. So, wenn er das bekannte Sprichwort „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ in „Müßiggang ist aller Philosophie Anfang“ umdeutet und gegen die rein mechanischen und daher sinnlosen Tätigkeiten der unfreien Berufstätigen wie „Beamte, Kaufleute, Gelehrte“ wendet.9

Als solch ein talentierter Amateur im Sinne eines müßiggängerischen „Diledandy“10 erweist sich vor allem der titelgebende Protagonist in Richard von Schaukals Prosasammlung Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser von 1907. Zunächst trug sie sogar den ergänzenden Titelzusatz: eines Dandy und Dilettanten. Mit seiner hermetischen Rhetorik ‚tiefer Oberflächen-Effekte‘ („Jede große Tiefe hat eine spiegelnde Oberfläche“),11 einer Verbindung aus narzisstischer Formvollendung und gesellschaftlicher Provokation, setzt sich der Dandy hier selbst als einzeln gefasster Diamant, als brillant geschliffener, einsamer, kühler und schmückender Solitär in Szene: „Was den brutalen Beobachter am Dandy unangenehm berührt, ist seine Vielfältigkeit, die aus hundert Flächen sich komponierende Rundheit, die ihn reizt, weil er einseitig, einfältig, eckig ist. Der Dandy ist geschliffen. Er kann, indem er sich langsam dreht, alle seine Facetten erglänzen lassen. Er kann sie funkeln und erlöschen lassen. Aber sie bleiben immer geschliffen. […] Von dem Dandy gleitet alles ab. Seine Höflichkeit ist glatter als polierter Stahl.“12 Sein Auftreten ist die Verkörperung der „manieristischen Philosophie des beau geste“,13 einer ebenso von Oscar Wilde favorisierten, strikt formalen Theorie der grandiosen, jedoch leeren Gebärde: „Stil, nicht Aufrichtigkeit, [ist] das Wesentliche“.14

Schaukals Andreas von Balthesser stilisiert sich so zum Ideal eines dandyistischen Dilettanten und exzessiven Müßiggängers, dessen Vorstellung von Kunst und Kultur allein Haltung und Wahrnehmung bedeutet. Er begreift sich als „Künstler ohne Werk“, was den Ästhetizismus der Jahrhundertwende mit der Romantik verbindet.15 Der ‚Diledandy‘ gleicht somit aber auch „dem Typus des vielversprechenden jungen Mannes, ohne je über dieses Entwicklungsstadium hinaus zu gelangen“16 oder, in den Worten des französischen Dandy-Theoretikers Charles Baudelaires: Er ist „ein Herkules ohne Beschäftigung“.17

(Headerfoto: © Johanna Göcke)

 

Empfohlene Zitierweise:


Julia Bertschik: Dandy
In: Muße. Ein Magazin, 3. Jhg. 2017, Heft 1, S. 64-66.
URL: http://mussemagazin.de/?p=2283
Datum des Zugriffs: 24.10.2017

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