Rezension

Exzessiv passiv. Ein Wiedersehen mit The Big Lebowski

Yvonne Robel

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„Alle sagen, ich bin ein fauler Sack… und sie haben Recht.“ Mit diesem Satz bewarb das deutsche Filmplakat 1998 den damals frisch in die Kinos gekommenen Film The Big Lebowski (Ethan & Joel Coen). In den USA war die Krimikomödie zunächst nicht der Kassenschlager, den die Macher sich erhofft hatten. Erst verzögert erlangte sie den Kultstatus, den sie inzwischen innehat. Erschließt sich der Film eventuell auf besondere Weise erst durch ein Wieder- und Wiedersehen?
Der Blick auf die Handlung zumindest sagt zunächst recht wenig: Im Mittelpunkt steht Jeffrey Lebowski, arbeitslos, circa 50 Jahre alt, der sich selbst der Dude1 nennt und nach eigener Aussage vor allem bowlt, ein bisschen durch die Gegend fährt und hin und wieder einen Trip einwirft. Kurz: ein Alt-Hippie. Durch eine Verwechslung mit einem vermeintlichen Millionär gleichen Namens macht der Dude Bekanntschaft mit dessen obskurer Familie, diversen Schlägertypen und erpresserischen (deutschen) Nihilisten. Der Millionär Lebowski will ihn für die Übergabe von Lösegeld für seine angeblich entführte Ehefrau einspannen. Daraufhin entspinnt sich eine Verfolgungsgeschichte, an deren Ende sich herausstellt, dass Bunny Lebowski (die Gattin) nur auf Kurzurlaub war, dass Lebowski seine Frau loszuwerden hoffte und dass die Nihilisten Uli, Dieter und Franz sich eher selbst im Wege stehen als anderen. Parallel zu dieser Handlung geht es vor allem um eines: Bowling. 20 Minuten des Films sieht man den Dude auf der Bowlingbahn, mit seinen Freunden Walter und Donny. Als Donny am Ende des Films nach einer Konfrontation mit den Erpressern an einem Herzinfarkt stirbt, verabschieden ihn seine Freunde mit den Worten: „Er war ein guter Bowler. Und ein guter Mensch.“

Insbesondere um den durch den Dude repräsentierten Lebensstil, zu dem neben dem Bowlen im Wesentlichen gehört, zu kiffen, Bob Dylan zu hören und White Russian zu trinken, hat sich ein weltweiter Kult entwickelt. Seit 2002 begehen Fans in verschiedenen US-amerikanischen Städten jährlich das Lebowski-Fest,2 die britische Version davon findet unter dem Titel The Dude abides statt. 2005 rief der in Thailand lebende Journalist Oliver Benjamin The Church of the Latter-Day Dude ins Leben, deren Anhänger den Dudeismus als Weltanschauung pflegen (eine Mischung aus Taoismus, Epikur und Filmzitaten).3 Auf dem Buch- und Zeitschriftenmarkt gibt es diverse Anleitungen, wie man zum Dude wird beziehungsweise in seinem Sinne die Ruhe bewahrt.4In Shops werden Dude-Jogginghosen oder Nihilisten-Mützen zum Kauf angeboten.5 In Berlin, Dresden, Edinburgh, Glasgow, Prag, Belgrad und Reykjavik lässt sich abends in Lebowski-Bars bei einem Glas White Russian entspannen.

Der Dude scheint das Rumhängen als Teil seines Lebensstils zu beanspruchen. Ist es das, was die Fans fasziniert? Mit ihm begegnet uns in gewisser Weise ein privilegierter Nichtstuer. Sein Nichtstun scheint nicht erzwungen, wobei man nicht weiß, wovon er eigentlich lebt. Macht eben jene Undurchschaubarkeit sein Nichtstun anschlussfähig für viele? Als nicht-arbeitender, exzessiv passiver Anti-Held bringt der Dude offensichtlich Sehnsüchte zum Klingen. In seinen Körper scheint sich das Nichtstun gleichsam eingeschrieben zu haben. Der Dude ist, auch körperlich, im passiven und maximal im reaktiven Modus. Selbst der Sex mit der feministischen Künstlerin Maude Lebowski passiert ihm irgendwie. Der Körper des Dude ist wesentlicher Teil seiner Inszenierung als Anti-Held und damit auch sein gesamtes Äußeres, das gekennzeichnet ist durch Shorts, Bademantel, ausgebleichte T-Shirts, durchsichtige Plastiksandalen und strähnige Haare, die er nur fürs Bowlen mit einer Haarspange bändigt. Er trägt einen verdichteten Freizeitlook in die Öffentlichkeit. Damit präsentiert der Film gleichsam einen überzeichneten Phänotyp des Nichtstuns. Sinnbilder dafür sind die Wohnung des Dude, insbesondere sein Teppich sowie seine Badewanne – Orte des Horizontalen.6

Genau hier nimmt das Unheil seinen Lauf: Eingangs sieht man den Dude im Bademantel durch den Supermarkt schlurfen und beschwingt (begleitet vom Song Tumbling Tumbleweeds) nach Hause hüpfen. Als er seine Wohnungstür hinter sich schließt, greift ihn jemand in rasanter Geschwindigkeit von hinten an, bis sein Kopf schließlich in der Kloschüssel landet und einer der Eindringlinge auf seinen Teppich uriniert. Diese Szene lässt sich als Einbruch in die häusliche Gemächlichkeit des Dude bezeichnen. Oder als Beginn einer Permanent-Unterbrechung seines Nichtstuns, die ein tragendes Motiv des Films ist. Dabei spielen die Coen-Brüder zunächst mit recht klassischen Bildern: Das Nichtstun als selbstgewählte Entschleunigung im Gegensatz zum beschleunigten Getriebensein. Das Bowlen, teils in Slow Motion gezeigt, gerät dabei zum Inbegriff der Entschleunigung und Zeitdehnung.

Bowling steht theoretisch fürs Tun, wird hier aber als Sinnbild des quasi verlängerten Nichtstuns genutzt. Dabei spielt der Film mit dem recht gängigen Stereotyp des feierabendlichen Anti-Sports und überhöht es nur mehr. Der Dude, Walter und Donny hängen auch auf der Bowlingbahn schlaff herum oder starren einfach vor sich hin. Die Bowlingbahn reiht sich damit implizit in die Orte des Horizontalen. Sie wird vom Ort der Freizeit zum Ort des Nichtstuns und vom Ort des aktiven Körpers zum Ort der Passivität, potenziert dadurch, dass der Dude selbst im gesamten Film nicht einmal beim Bowlen zu sehen ist.

Was The Big Lebowski bei einem heutigen Wiedersehen unter anderem so sympathisch macht, ist, dass er mit seiner Hauptfigur keinerlei kreativ aufgeladenes Gegenbild zu klassischer Erwerbsarbeit anbietet. Wesentlich für aktuelle Entwürfe von Nichtstuern, wie sie uns derzeit nahezu inflationär in diversen Magazinen, Internetangeboten oder Besinnungsbüchern begegnen, ist die Inszenierung des Nichtstuns als individuelle, aktiv erworbene und kreativ genutzte Haltung, mit der man an Ideen von wertschaffender Muße appelliert. Die Figur des Dude bedient solche Ideale nicht. Er frönt keinem zielführendem Nichtstun im Sinne einer schöpferischen Muße. Auch scheint sein Rumhängen nicht zeitlich begrenzt, wie es aktuelle (Selbst-)Darstellungen von Nichtstuern oft propagieren, sondern auf Dauer angelegt.

Zudem meidet der Film eine dichotome Gegenüberstellung von Arbeit und Nicht-Arbeit. Während andere Filme über Nichtstuer diese meist mit einer recht klassischen – mal mehr, mal weniger als sinnvoll erachteten – Arbeitswelt konfrontieren,7 ist der Dude von Personen umgeben, die ihn zwar wegen seiner Nicht-Erwerbstätigkeit zur Rede stellen, sich dann aber als diejenigen entpuppen, die den Weg des leichtesten Widerstandes wählen, um zu schnellem Geld zu kommen (freilich nicht immer mit Erfolg). Die Coen-Brüder präsentieren uns eine Welt aus Großstadtindianern, Spielern, Pornoproduzenten sowie Performance- und LebenskünstlerInnen. Als Marty, der Schattentheater tanzende Vermieter des Dude, verlegen zu ihm aufblickend und stotternd darauf hinweist, dass heute bereits der 10. des Monats sei, antwortet der Dude: „Is ja irre.“ Diese Szene steht nicht nur für die absolute Entschleunigung des Protagonisten, sondern spielt zugleich mit Rollen-Erwartungen und Hierarchien, die aus der Unterscheidung zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit erwachsen. Nicht zuletzt bricht die Figur des Dude auch permanent mit Leistungsidealen eines überholten Männlichkeitsmodells.8

Zusammengefasst: Es lohnt sich, The Big Lebowski neu und wieder zu sehen – als Film über einen Typen, der sich der Produktivität in mehrfacher Hinsicht entzieht, über andere, die fern von Erwerbsarbeit schwer beschäftigt sind, und über die Sehnsucht nach einem herrlich exzessiven, passiven und ziellosen Nichtstun.

Empfohlene Zitierweise:


Yvonne Robel : Exzessiv passiv. Ein Wiedersehen mit The Big Lebowski
In: Muße. Ein Magazin, 3. Jhg. 2017, Heft 1, S. 37-39.
URL: http://mussemagazin.de/?p=2242
Datum des Zugriffs: 23.11.2017

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