Rezension

Flaneuse: Women Walk the City in Paris, New York, Tokyo, Venice and London

Kerstin Fest

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Lauren Elkins Buch ist zu einem gewissen Grade das, was im Englischen ein memoir genannt wird – eine autobiographische Erzählung, die auf einen bestimmten Lebensabschnitt der Autorin fokussiert. In diesem Fall ist es Elkins Studienzeit an der Sorbonne. Die Stärke des Buches liegt darin, dass es sich nicht bloß auf Elkins subjektives Erzählen beschränken lässt, sondern überdies auch kultur- und kunstgeschichtliche Erzählstränge geschickt mit der Lebensabschnittsgeschichte der Autorin verwebt werden. Das verbindende Glied ist dabei die Figur der Flaneuse, also die weibliche Version des Flaneurs, des beinahe schon stereotypen Repräsentanten der urbanen Moderne, den Julia Bertschick in ihrem Beitrag in dieser Ausgabe diskutiert.

Elkin stellt sich die Frage, ob es auch als Frau möglich ist, den Asphalt zu botanisieren, wie es Walter Benjamin ausdrückt.1 Dass sie nicht die erste Frau ist, die sich mit diesem Thema beschäftigt, belegt sie in einem kurzen Forschungsüberblick, in dem die einschlägigen Werke von Griselda Pollock, Deborah Parsons und Janet Wolff abgehandelt werden.2 Elkins Antwort erinnert dann auch sehr an Deborah Parsons Überlegungen in Streetwalking the Metropolis. Women, the City and Modernity (2000), einem Standardwerk des Forschungsgebiets: Die Flaneuse ist nicht einfach das Pendant des klassischen Flaneurs; nicht sie muss sich der maskulin konnotierten Definition des Begriffs angleichen, sondern die Konzepte des Flaneurs und des Flanierens müssen neu gedacht werden. Dies ermöglicht wiederum eine neue Sichtweise auf Themen wie Urbanität, öffentlicher Raum und female agency.

Elkins Herangehensweise ist aber natürlich keine akademische. Die Autorin assoziiert vielmehr und so erscheint der Text in der Tat flanierend. Das Buch ist in zwölf Abschnitte eingeteilt, wovon neun die Namen von Metropolen tragen: New York, Paris, London, Venedig und Tokio. Paris, dem Lebensmittelpunkt der Autorin, werden drei Kapitel gewidmet. New York ist als Rahmung der Reisen der Autorin gesetzt. Elkin hat in jeder dieser Städte mehr oder weniger lange gelebt (die kürzeste Zeit – nur einige Wochen – verbrachte sie in Venedig) und sich den urbanen Raum im wahrsten Sinne des Wortes ergangen. Jeder Ort kann auch einem Abschnitt im Leben der Autorin zugeordnet werden: New York steht für die Kindheit und Jugend der Autorin, Paris für den Beginn eines selbstbestimmten Lebens, London für eine Phase der Desillusionierung, Venedig für das Suchen nach Identität und Tokyo für den vorübergehenden Verlust derselben.Interessanter ist jedoch, wie Elkin zwischen eigener Erinnerung und dem Leben und Werk ausgesuchter Künstlerinnen wechselt, sich so einem zielgerichteten Erzählfluss und Handlungsfaden entzieht und vielmehr ein Netzwerk des weiblichen Flanierens erschafft.

Dass Jean Rhys die Leitfigur des ersten Pariser Kapitels ist und Virginia Woolf jenes über London bestimmt, ist dabei wenig originell und die Prosa der Autorin läuft hier auch öfters Gefahr, ins Kitschige abzugleiten. Ganz anders dagegen das Kapitel zu Venedig: Hier ist es die Konzeptkünstlerin Sophie Calle, die zwei Wochen lang einem ihr nur entfernt bekannten Mann ohne sein Wissen durch Venedig folgte und dies in ihrem Buch Suite Vénitienne (1983) dokumentierte, und die Elkin durch Venedig führt. In diesem Abschnitt gelingt es Elkin, das klischeebeladene Bild der durch Paris streifenden jungen Frau zurückzulassen und durch die weitaus dunklere und bedrohlichere Figur der Jägerin – wenn nicht gar gefährlichen Stalkerin – einzutauschen.

Dass es Elkins Text gut tut, wenn er sich gerade nicht um ihren Sehnsuchtsort Paris dreht, zeigt auch das Tokio gewidmete Kapitel. Anders als im Fall der europäischen Städte, zieht Elkin nicht aus eigenem Betreiben nach Japan, sondern folgt ihrem damaligen Verlobten (die Beziehung scheitert bald darauf). In Tokio findet sich Elkin in der Rolle einer expat spouse wieder und stößt an ihre persönlichen kulturellen Grenzen. Ihre erste Wohnung in Tokio befindet sich zwar zwischen zwei Haupverkehrsadern, die Stadteile, die Elkin erkunden möchte, erscheinen ihr aber unerreichbar. Teil ihrer Entfremdung istdie Tatsache, dass Tokio keine Stadt für Fußgänger ist und so Elkins Strategie ihren Platz in Städten – sowohl im Wort-, aber auch im metaphorischen Sinn – durch gehen zu etablieren, ins Leere läuft. Anders als Roland Barthes, aus dessen Empire of Signs (1970) sie zitiert, gelingt es ihr nicht die fremde Stadt als völlig anderes Zeichensystem zu begreifen. In Tokio sind nicht nur die Aufschriften für sie unentzifferbar, auch der urbane ‚Text‘ bleibt ihr verschlossen.

Die Schwächen des Buches zeigen sich, wenn Elkin sich ihrer ‚Lebensstadt‘ Paris widmet. Hier kippt sie immer wieder ins Schwärmerische, das dann doch zu sehr nach amerikanischer Frankophilie klingt. Die folgende Passage ist leider nur eine von vielen, die von Jean-Pierre Jeunets Die fabelhafte Welt der Amélie (2001) inspiriert zu sein scheinen:

I walked up and down the boulevard, between home and school; I dined at its restaurants, sat in La Coupole, where for five francs you could get a big pot of coffee and an equally big pot of steamed milk and stay at your table for hours and hours. Sometimes I went to Le Sélect and played with their enormous lazy cat.
Was in dem Buch auch immer wieder störend bemerkbar wird, ist Elkins seltsam ablehnende Haltung gegenüber der Idee der Stadt als politischer Ort. Die Studentenunruhen im Paris der 1960er Jahre kommentiert sie ebenso abwertend wie die heutige Occupy-Bewegung. Die Gründe sind aber nicht unbedingt politischer oder ideologischer Natur. Politische Aktionen sind ihr, so scheint es, zu geplant und organisiert, um in ihr Bild des mußehaften und spontanen Flanierens zu passen. Es ist bezeichnend, dass nur eine ungeplante Mahnwache nach den Pariser Anschlägen im November 2015 positiv dargestellt wird.

Die vielleicht größte Schwäche des Buches ist aber Elkins immer wieder in Erscheinung tretende Unfähigkeit zur Selbstreflexion. Dies zeigt sich besonders im Kapitel New York, Return: Elkin, deren Studentenvisum abgelaufen ist, wird nach einem Aufenthalt in London bei der Wiedereinreise nach Frankreich aufgehalten. Diese kurze Verzögerung – Elkin darf schlussendlich einreisen, nachdem der Zollbeamte kurz Rücksprache mit seinem Vorgesetzten gehalten hat – wertet die Autorin als persönlichen Affront und Einschränkung ihrer Freiheit. Die ironische Bemerkung des Zöllners, dass sich auch Reisen in die USA schwierig gestalten können, empfindet sie als verletzend, sich selbst – eine weiße, US-amerikanische Akademikerin aus der Mittelschicht – nimmt sie als Opfer von Diskriminierung wahr:

Americans can go anywhere, it turns out, as long as we have the cash but we can‘t stay. Not without a visa. That was another reason I hated that security guard.

„Check your privilege!“, würde man ihr da gerne sagen. Auch ist ihre kurz darauf folgende Identifikation mit syrischen und afghanischen Flüchtlingen („All of us are exiles.“) mehr als naiv, von dem verunglückten Wortspiel mit dem Namen Homi Bhabhas ganz zu schweigen: „‘To be unhomed is not to be homeless‘, writes this wonderful critic named Homi.“

Elkins Buch ist also über weite Strecken angenehm zu lesen und bietet einen gut geschriebenen ersten Blick auf eine zentrale Mußefigur der Moderne. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema darf sich die Leserin aber nicht erwarten.

Lauren Elkin, Flaneuse: Women Walk the City in Paris, New York, Tokyo, Venice and London (London: Chatto & Windus, 2016)
https://www.penguin.co.uk/books/1098499/flaneuse/

Empfohlene Zitierweise:


Kerstin Fest: Flaneuse: Women Walk the City in Paris, New York, Tokyo, Venice and London
In: Muße. Ein Magazin, 3. Jhg. 2017, Heft 1, S. 29-31.
URL: http://mussemagazin.de/?p=2211
Datum des Zugriffs: 24.10.2017

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