Rezension

Verschwendung. Veblens „Theorie der feinen Leute“

Martin Büdel

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Gerade, als Sie beginnen wollen diesen Text zu lesen, schleicht sich bei Ihnen ein mulmiges Gefühl ein. Ein Gedanke setzt sich fest, der Gedanke, in eben diesem Augenblick Ihre Zeit zu vergeuden. Eigentlich haben Sie selbst noch jede Menge zu tun, eine wichtige Deadline steht kurz bevor, Sie müssten das eigentlich noch schnell fertigstellen und naja, über Ihre sozialen Netzwerke haben Sie eben mitbekommen, dass es eine neue Ausgabe von Muße. Ein Magazin gibt und Sie wollten nur mal eben schnell. Jetzt hängen Sie fest.

Es klingt aber auch verlockend, das Versprechen nach Muße, der Sound der Freiheit schwingt mit und die Aussicht auf ‚produktive Unproduktivität‘. Sie können also beruhigt sein. Ohne, dass Sie es wollen oder es momentan schon wissen, vollzieht sich bei Ihnen jetzt ein wichtiger Prozess. Sie sind nur scheinbar unproduktiv. In Wahrheit hängt über Ihnen der „Zauber der Muße“.1 Also, spüren Sie hinein, wie viel schöpferische Kraft auch in diesem noch so kleinen Augenblick angelegt ist. Atmen Sie tief durch. Und lesen Sie dann ganz in Ruhe weiter.2Es ist ja auch nicht einfach. Woran machen wir fest, ob wir in einem Moment unsere Zeit wirklich nutzlos vergeuden? Ist dieser Text Ihre Zeit wert? Sie sind sich schon gar nicht mehr so sicher. Das Gespräch mit der Kollegin in der letzten Kaffeepause? Die Freunde, die Sie am Abend noch treffen wollen? Das Projekt, zu dem Sie schon morgen einen ersten Zwischenbericht abgeben sollen? Was haben Sie davon? Zeit ist schließlich Geld und Geld, das kann ich Ihnen bereits jetzt versprechen, bekommen Sie hier nicht. Andererseits, auch Geld ist ja nur Mittel zum Zweck. Aber worin besteht dieses Ziel für uns, wenn wir unsere Zeit für einen Lohn hergeben, den wir dann wieder ausgeben, um nützliche und weniger nützliche Dinge kaufen, oder auch die Zeit anderer in Anspruch nehmen und gestalten zu können?

Geht es nach Thorstein Veblen (1857 – 1929), Professor der Ökonomie in Chicago, in Missouri und zuletzt an der New School for Social Research in New York, so ist die Antwort klar.3 Das Streben nach „Prestige“, diesem „neidvollen Zweck“ (S. 85/86), treibt das Handeln von Menschen an. „Es ist der Konkurrenzneid“, so schrieb Veblen in seiner 1899 erschienenen Theory of the Leisure Class, „der die Methoden prägt und die Güter auswählt, welche für den persönlichen Komfort und eine anständige Lebensweise nötig sind“ (S. 49). Nicht die Sicherung der eigenen Existenz sei als Grundmotiv in der Geschichte menschlicher Gesellschaften entscheidend gewesen für die Ausbildung von Klassenunterschieden oder die Entwicklung der Institution des Eigentums, sondern der „Wettlauf um Ansehen und Ehrbarkeit“ (S. 48). So schreibt Veblen programmatisch für seine weiteren Überlegungen im zweiten Kapitel: „Wenn es wirklich stimmen würde – wie manchmal angenommen wird –, daß der Anreiz zum Akkumulieren von Gütern nur in der Sorge um die Existenz und im Wunsch nach materiellem Komfort liegt, dann müßte es auch möglich sein, die wirtschaftlichen Bedürfnisse einer Gesellschaft an einem bestimmten Punkt der industriellen Entwicklung ganz zu befriedigen. Da aber der Kampf in erster Linie in einem Wettlauf um Ansehen und Ehrbarkeit besteht, die beide auf einem diskriminierenden Vergleich beruhen, so kann dieses Ziel niemals erreicht werden“ (ebd.).

Das „Hauptmotiv“ menschlichen Handelns im Kontext sozialer und ökonomischer Institutionen war nach Veblens Ansicht „von Anfang an die mit Neid betrachtete Auszeichnung, die dem Reichtum anhaftet“ (S. 44). Mit zunehmender sozialer Differenzierung von Gesellschaften sei „Besitz […] Grundlage des öffentlichen Ansehens“ geworden und bilde „die Voraussetzung für […] Selbstachtung“ (S. 47). Allein daraus erkläre sich die „chronische Unzufriedenheit“ von so vielen Menschen, ihr „ruheloses Streben“ und der „neiderfüllte Vergleich“ (S. 48). Besonders wichtig sei es unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen deshalb, Reichtum nicht einfach nur zu erwerben und zu besitzen, sondern auch, diesen deutlich sichtbar zur Schau zu stellen, zum Beispiel in Form nutzloser Beschäftigungen, denen man nachgehen könne, weil man vom Zwang zu produktiver Arbeit frei sei, oder aber auch in Form des Konsums überflüssiger Dinge.4

Prestigestreben wird damit zum Paradigma seiner Erklärungen sozialen Verhaltens. Veblen analysiert verschiedene Sphären moderner Gesellschaften wie den Sport (in Kapitel X: Überreste der Tapferkeit im modernen Leben), die Mode (in Kapitel VII: Die Kleidung als Ausdruck des Geldes), Möbel, Gärten oder auch Haustiere (in Kapitel VI: Die Normen des Geschmacks). Vor allem letztere Analyse nimmt immer wieder absurd-komische Züge an, beispielsweise wenn Veblen den repräsentativen Stellenwert eines gut gepflegten Rasens untersucht: „Vom ästhetischen Standpunkt aus ist der Rasen eine Kuhweide; und in gewissen Fällen – nämlich dort, wo die Kostspieligkeit der Pflege jeden Verdacht der Wirtschaftlichkeit sowieso ausschließt – wird heute das einstige Idyll […] mit Hilfe einer Kuh auf dem Rasen tatsächlich wiederhergestellt. Eine solche Kuh gehört dann meistens einer teuren Rasse an.“ (S. 135). Solche bissigen Kommentare über die unterschiedlichsten Lebensbereiche finden sich an vielen Stellen in Veblens Buch. Doch nicht zuletzt diese detaillierten Beschreibungen haben ihm den Ruf als wichtigem Vorläufer für soziologische Analysen von Lebensstilen und Klassenunterschieden eingebracht.5

Allerdings erscheint in Veblens Theorie fast alles als Verschwendung, was an Konsum und Zeitverwendung über ein nützliches Maß hinausgeht. Selbst wenn sich nützliche Aspekte von Gegenständen oder Tätigkeiten mit schönen Eigenschaften verbinden, unterliegen sie „dem großen ökonomischen Gesetz der Verschwendung“ (S. 91). Alles, was nicht als unmittelbar „produktive Arbeit“ oder „produktive Verwendung der Zeit“ (S. 58) gelten kann, ist überflüssig, manche Wissenschaft lediglich „quasi-gelehrt“ und Kunst nur „quasi-künstlerisch“ (S. 59). Nützlichkeit ist für ihn also das entscheidende Kriterium dafür, ob eine Tätigkeit wertvoll ist. Aber woran lässt sich Nützlichkeit festmachen?

Veblen betont in seinem Text immer wieder, dass er die Phänomene des Konsums und der Muße „vom Standpunkt der ökonomischen Theorie aus betrachtet“ (S. 254). Er schreibt, dass es ihm dabei weniger um eine Wertung menschlicher Wesenszüge oder Lebensgewohnheiten gehe, als vielmehr um den Nachvollzug der Herausbildung sozioökonomischer Institutionen wie der des Eigentums. Seine Intention liege vor allem darin herauszuarbeiten, „welche wirtschaftlichen Motive“ (S. 162) dem Handeln der Menschen zugrunde liegen und die Entwicklung dominierender ästhetischer Wertmaßstäbe und eines daran orientierten Konsumverhaltens begünstigt hätten. Die Befreiung von produktiver Arbeit, die dem unmittelbaren Lebensunterhalt diene, habe dabei stets einen hohen Stellenwert gehabt und sei über alle Epochen hinweg der Zurechnung von Prestige förderlich gewesen. Im Blickwinkel von Veblens ökonomischer Theorie sind dies jedoch vor allem „Kennzeichen überflüssiger Kostspieligkeit“ (S. 153). Nutzen erwächst, so formuliert es Veblen zumindest an einer Stelle besonders deutlich, in diesem Sinne aus der „industrielle[n] Brauchbarkeit des Individuums“ (S. 294). Auf einige Schwierigkeiten dieses extrem beschränkten Begriffs des Ökonomischen als Orientierung am unmittelbaren Nutzen für den Lebenserhalt und die industrielle Produktion komme ich gleich noch zurück.
Welcher Stellenwert kommt dann Muße zu? Was findet sich von ihrem Zauber in Veblens Theorie der „müßigen Klasse“? Antworten auf diese Fragen haben sich schon ein Stück weit angedeutet, denn auch die „würdigen und schönen“ Attribute der Muße sind für Veblen lediglich „sekundär und abgeleitet“. Der eigentliche Kern liegt dagegen in der „Muße als Mittel […], um die Hochachtung anderer zu gewinnen“ (S. 52), vor allem als „Beweis von Reichtum“: „Nicht zu arbeiten ist nicht einfach ehrenvoll und verdienstlich, sondern bildet auch die Voraussetzung der Wohlanständigkeit. […] Nicht zu arbeiten zeugt von Reichtum und wird deshalb zum konventionellen Merkmal der gesellschaftlichen Stellung, und diese Betonung der Verdienstlichkeit des Reichtums führt zu einer erhöhten Bewertung der Muße“ (S. 56). Muße als die „nicht produktive Verwendung von Zeit“ ist dann einerseits Ausdruck dafür, „daß produktive Arbeit unwürdig sei“ und andererseits dient sie dazu „zu beweisen, daß man reich genug ist, um ein untätiges Leben zu führen“ (S. 58). Anstatt sich mit dem Erwerb der lebensnotwendigen Dinge herumschlagen zu müssen, könne es sich die müßige Klasse und auch ein Teil der Mittelklasse leisten, selbst nicht arbeiten zu müssen und auch anderen wiederum (gelegentlich) eine solche Zeitverschwendung ermöglichen zu können. „Stellvertretende Muße“ (S. 71) nennt Veblen die Verrichtungen von Dienern oder Hausangestellten oder auch Ehefrauen im Haus, die über ein notwendiges Maß hinausgehen, ohne dass sie tatsächlich produktive Arbeit im engeren Sinne leisten würden.
Solche Formulierungen können durchaus als bewusst überzogen und ironisch interpretiert werden. Dennoch macht sich an ihnen in der Rezeption von Veblen teilweise die Kritik fest. Theodor Adornos Vorwurf beispielsweise, Veblens Überlegungen seien ein „Angriff auf die Kultur“, entbehrt nicht jeglicher Grundlage. Wie Adorno zurecht hervorhebt, bewegen sich die Begriffe des Ökonomischen und Nützlichen bei Veblen oft eher im Vagen: „Seine Rede von ökonomisch kommt überein mit der des Geschäftsmanns, der eine unnütze Ausgabe als unökonomisch ablehnt“. Während er zwar „Muße als Voraussetzung […] von Humanität“ durchaus wahrnehme, so lege er als Maßstab seiner Kulturkritik doch viel zu sehr den „eigenen puritanischen Arbeitsethos“ an, sei gar ein „Sparkommissar der Kultur“: „Während er als Ökonom mit der Kultur zu souverän umspringt und sie als Verschwendung vom Budget streicht, resigniert er insgeheim vor ihrem bloßen Dasein außerhalb des Budgetbereichs. Er verkennt, daß über ihr Recht oder Unrecht nicht nach der ressortmäßigen Einstellung des Fragenden, sondern nach der Erkenntnis des Zusammenhanges der Gesellschaft zu urteilen ist. Daher inhäriert seiner Kulturkritik ein Moment der Clownerie“.6

Aber Veblens Ausführungen lassen sich auch als Annäherung an die Frage nach der gesellschaftlichen Balance zwischen dem technischen Fortschritt industrieller Produktion, der Dominanz finanzieller Macht und der Verteilung von Arbeit und frei verfügbarer Zeit lesen. Zumindest die Fragen, die Veblen stellt und die bei der Lektüre aufkommen, deuten in eine solche Richtung. So argumentiert Veblen gegen die problematische und lähmende „ungleiche Verteilung von Reichtum“ (S. 199) aufgrund ihrer ökonomischen Ineffizienz, auch weil die dadurch entstehenden „Entbehrung[en] für das untere Ende“ gesellschaftlichen Veränderungen im Weg stünden. Auch wenn Veblens Institutionenökonomie in mancher Hinsicht als etwas problematisch erweist, indem sie beispielsweise von einem extremen Nutzenbegriff ausgeht, so lässt sie sich durchaus mit Überlegungen wie denen von John Maynard Keynes zusammenbringen.7 Zum Beispiel führen manche Gedankengänge Veblens zu der Frage, ob die technische und wirtschaftliche Entwicklung nicht eigentlich die Voraussetzungen dafür schaffen könnte, weit weniger Zeit für Arbeit aufbringen zu müssen und weit mehr Zeit zur – frei nach Veblen – ‚freien Verschwendung‘ zu haben, nicht nur durch die dank Geburt oder Glück erreichte Zugehörigkeit zu einer müßigen Klasse. Keynes hatte ja nicht zuletzt die Möglichkeit in Aussicht gestellt, zum Ausgang des 20. Jahrhunderts eine 15-Stunden-Woche einführen zu können. Dann wäre Muße als frei verfügbare und selbstbestimmt verbrachte Zeit kein Privileg mehr und nicht mehr aus dem Prestigegewinn zu erklären.8
Dass viele von uns weiterhin sehr viel Zeit für Arbeit in Lohnarbeitsverhältnissen aufbringen, liegt, geht es nach dem Ethnologen David Graeber, vor allem am fehlenden Willen der Herrschenden, an diesen Machtverhältnissen etwas zu ändern. Entgegen der gegenwärtigen Möglichkeiten in technischer Hinsicht würden sie es bewusst vermeiden, einem großen Teil der Menschen mehr Zeit außerhalb von Lohnarbeit zu ermöglichen, beispielsweise durch eine drastische Kürzung der Arbeitszeit, wie sie ja auch Keynes vorgeschlagen hatte: „The ruling class has figured out that a happy and productive population with free time on their hands is a mortal danger (think of what started to happen when this even began to be approximated in the `60s). And, on the other hand, the feeling that work is a moral value in itself, and that anyone not willing to submit themselves to some kind of intense work discipline for most of their waking hours deserves nothing, is extraordinarily convenient for them“.9 Ähnlich wie Veblen kritisiert auch Graeber die vielen gesellschaftlich unsinnigen oder unnützen Tätigkeiten, die nichts zu einer Verbesserung der Lebensumstände vieler Menschen beitragen würden und somit keinen gesellschaftlichen Wert besäßen.
Anders als Veblen unternimmt Graeber aber keinen „Angriff auf die Kultur“. Im Gegenteil: Graeber dreht den Spieß sozusagen um. Als eines seiner Beispiele für „bullshit jobs“ dient ein Musiker, der mit seiner Musik viele Menschen glücklich gemacht habe, aber nach einigen erfolglosen Alben seinen Plattenvertrag verliert. Seine neue Arbeitsstelle in einer Anwaltskanzlei ist im Gegensatz zu seiner Tätigkeit als Musiker völlig überflüssig, wie er selbst sofort eingestehen würde, so Graeber. Die neue ‚müßige Klasse’, die dafür bezahlt werde, nichts, oder zumindest nichts Sinnvolles zur Unterstützung produktiver Arbeit zu tun, ist nach Ansicht von Graeber ganz besonders im Management und in Verwaltungen zu finden. Graeber deutet die müßige Klasse damit ein Stück weit um, weil er sie in bestimmten Bereichen und Ebenen der Hierarchie bzw. der Arbeitsteilung von Unternehmen oder Organisationen verortet. Anders als Veblens ‚feine Leute’ zeichnet sich diese Gruppe nicht durch Prestigegewinn durch Konsum und die Verfügbarkeit von Zeit aus, sondern durch ihre scheinbar unproduktive Stellung im Gefüge der Arbeitsgesellschaft. Diese pauschale Verurteilung erscheint als etwas extrem, aber zumindest können Graebers Anschuldigungen in Verbindung mit Veblens Untersuchung der ökonomischen Institutionen uns zum Nachdenken über die Frage bringen, in welchen Bereichen wir selbst eigentlich gesellschaftlichen Wert sehen und ob die Dinge, die wir tun, etwas dazu beitragen, egal ob sie sich als Arbeit, Ehrenamt oder in sonstigen, oft ja auch eher beliebig interpretierbaren Kategorien einordnen lassen.
Ich will Sie jetzt zumindest in einer Hinsicht beruhigen. Der Text ist fast zu Ende und Sie könnten sich wieder ihren eigenen Aufgaben widmen, wenn Sie das denn wollen. Ob Lektüre, das Nachdenken über die Fragen produktiver und unproduktiver Tätigkeit oder andere Mußepraktiken denn nun Verschwendung sind oder nicht, sei dahingestellt. Meist erkennen wir ja erst im Rückblick auf einen vergangenen Zeitabschnitt, wie wir die Dinge einordnen können, die wir in dieser Phase angepackt haben, oder die uns zugestoßen sind, was, um ein Beispiel zu nennen, Paul Feyerabend dazu bewog – sicher nicht ohne einen kräftigen Schuss Ironie – einen großen Teil seiner philosophischen Lebenstätigkeit als „Zeitverschwendung“ abzutun.10

Nun denn: Für die freie Verschwendung ihrer Zeit stehen Ihnen jetzt noch viele andere Möglichkeiten zu Verfügung, zum Beispiel die Lektüre der weiteren Beiträge in dieser Ausgabe von Muße. Ein Magazin. Viel Vergnügen!

Empfohlene Zitierweise:


Martin Büdel: Verschwendung
In: Muße. Ein Magazin, 3. Jhg. 2017, Heft 1, S. 24-28.
URL: http://mussemagazin.de/?p=2200
Datum des Zugriffs: 23.11.2017

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