Interview

Drogen und Rausch in der Literatur

Pia Masurczak im Gespräch mit Hermann Herlinghaus

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Pia Masurczak: Sie beschäftigen sich seit einigen Jahren mit dem Verhältnis von Literatur und Rauscherfahrungen und dem gesellschaftlich-kulturellen Kontext von Drogenschmuggel bis -konsum. Wie fanden Sie Zugang zu dieser Thematik?

Hermann Herlinghaus: ‚Drogen und Rausch’ sind Signalworte mit unterschiedlichen Bedeutungen. Der deutsche Terminus Rausch hat ein weiteres Bedeutungsspektrum als bspw. intoxication, intoxicación, intoxication (engl., span., franz.). Rausch setzt nicht notwendig Drogenerfahrungen voraus. Da Drogen eine große Bandbreite mit unterschiedlichen Implikationen besitzen und häufig mit einem Stigma behaftet sind, hat meine Arbeit einen anderen Ausgangspunkt – die aus der griechischen Antike stammende Begriffsfigur des „pharmakon” (‚Heilmittel’, ‚Gift’ oder ‚magische Substanz’ mit fließenden semantischen Grenzen). Dieses Bedeutungsspektrum ist hilfreich für eine Differenzierung, da unterschiedliche Drogen (Psychoaktiva) nur in seltenen Fällen auf einen Nenner gebracht werden können. Überdies kann ein und dieselbe Droge sowohl als Medizin wie als Gift wirken, abhängig von der Zusammensetzung, Dosierung, Form der Verabreichung (Primärfaktoren), gesundheitlichem und psychischem Zustand des Konsumenten, Umweltfaktoren, sozialer Einbindung und kulturellen Traditionen (Sekundärfaktoren). Ein spezialisierter, biochemisch orientierter Begriff der Pharmakologie befasst sich mit den Primärwirkungen jeweiliger Substanzen auf den Organismus.

Mich aber interessiert eine weiter gefasste pharmakologische Perspektive, da diese unser literatur- und kulturwissenschaftliches Arbeiten sehr bereichern kann. Psychoaktive Substanzen und Erfahrungen haben in allen Kulturen eine außerordentlich große Rolle gespielt. Die westlichen Entwicklungen zeichnet aus, dass sich im Zuge transatlantischer Modernisierung zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert die Zahl der natürlichen (und später künstlich synthetisierten) Drogen vervielfacht hat, dass jedoch das regulative und gemeinschaftsstiftende Potential ritualistischen oder medizinischen Drogengebrauchs vormoderner Kulturen weitgehend verloren ging. Auch stellen die moderne und ‚postmoderne’ Massen- und Konsumkultur eine große Zahl von Ersatzstimulanzien zur Verfügung. Eines der Ergebnisse eines undifferenzierten Drogenbegriffs ist der sogenannte „war on drugs”, der die Probleme unkontrollierten Drogenkonsums, endemischer Gewalt und die Ungleichheiten zwischen Nord und Süd verschärft hat. Wollten wir von einer „psychoaktiven Moderne” sprechen, so müssten wir ihre widersprüchlichen Attribute konzeptionell erschließen (ein Manko nicht nur der Kulturwissenschaften). Literatur kann in dieser Hinsicht aufschlussreich sein. Es geht nicht schlichtweg um Erweiterung des literaturwissenschaftlichen Referenzbereichs auf biologische, kulturelle und ökologische Bezüge; eine biologische, ökologische und anthropologische Perspektivierung von Literatur erfordert konzeptionelles Umdenken.

Wenn vom lateinamerikanischen Raum in Verbindung mit Drogen die Rede ist, dann fast ausschließlich im Zusammenhang mit Drogenkriminalität, Gewalt von Kartellen und von Drogenschmuggel und der damit verbundenen Ausbeutung von MigrantInnen. Wie verbinden lateinamerikanische SchriftstellerInnen diese gesellschaftliche Problematik mit der Beschreibung von Rausch?

Der lateinamerikanische Raum der global zugespitzten Drogenkonflikte und des hemisphärischen Drogenkriegs war Ausgangspunkt meiner Arbeit, vor allem die Entstehung einer neuen literarischen Tendenz, über die ich 2013 die Monographie Narcoepics veröffentlicht habe. Paradoxerweise spielt in dieser Literatur im Unterschied zu den Drogenromanen der klassischen Moderne und der Counterculture der 1960er (von Thomas De Quincey über Hermann Hesse bis hin zu William Burroughs und Maxine Hong Kingston) die Narrativisierung von Rauscherfahrung eine relativ geringe Rolle. Die bevorzugten Themen dieser Romane sind Migration, soziale und affektive Marginalisierung, Internationalisierung des Drogenhandels, die geopolitische Drogenpolitik der USA, die neue psychokulturelle Situation in Gesellschaften, die fast komplett vom Drogenhandel unterwandert wurden und die Gewalt gegen Frauen. Vor allem haben die lateinamerikanischen Narko-Epiken mir geholfen, einen präziseren Blick auf die Gesamtproblematik zu werfen, das heißt auf die zutiefst widersprüchliche Involviertheit der Moderne mit dem Thema der bewusstseinserweiternden Substanzen. Daher schlage ich den Begriff der psychoaktiven Modernisierung vor. Warum werden bestimmte Narkotika so restriktiv gehandhabt oder bekämpft? Es geht auf der einen Seite um ökonomische und (geo)politische Machtinteressen. Zugleich aber berühren Bewusstseinsüberschreitungen die anthropologische Verfasstheit des Menschen insgesamt – seine kulturelle Identität, seine sozialen, ökologischen, ästhetischen, sexuellen und wesentlich auch seine kognitiven Erfahrungen. Erkenntnistheoretisch bedeutet dies zum Beispiel, dass mit Hilfe bestimmter Halluzinogene jeweilige, normativ geprägte Wahrnehmungsraster außer Kraft gesetzt werden können und veränderte Einsichten in das Körperliche, das Seelische und in Weltzusammenhänge möglich sind.

Kurz gesagt, die heutigen lateinamerikanischen Narco-Romane haben mir auch geholfen, einen präziseren Blick (zurück) auf die Drogenromane der westeuropäischen und US-amerikanischen Moderne zu richten. Es ist spannend, diese Literaturtradition aus ihrem nicht selten eurozentristischen Analysefokus zu lösen und sie als ästhetische Signatur eine weltweit intensiv umkämpften psychoaktiven Modernisierung vertiefend zu lesen.

Was genau verstehen Sie unter „psychoaktiver Modernisierung”?

Damit meine ich zunächst die Einsicht in einen von unseren Disziplinen noch kaum reflektierten Tatbestand: Für die Konstituierung der westlichen Moderne, ihrer Werte und künstlerischen Imaginarien hat seit dem 17. Jahrhundert die Distribution psychoaktiver Substanzen zwischen der Alten und der Neuen Welt, zusammen mit der asymmetrischen Aufteilung in Weltregionen eine zentrale Rolle gespielt: Kultivierung und Produktion im Süden, Konsum und Genuss im Norden. Aus den bekannten Diskursen wissen wir, dass das aufgeklärte und ‚demokratisch-autonome’ Individuum eine Konstruktion der idealtypisch westlich verfassten Gesellschaften ist; doch sind wir uns viel weniger dessen bewusst, dass die Existenz dieses Individuums inmitten von Industrialisierung, Urbanisierung, später hochtechnologischer bzw. postindustrieller Entwicklungen wesentlich von kultur- und identitätsstiftenden Rauscherfahrungen geprägt war. Dies kann uns eine erneute, global orientierte Lektüre der klassischen Drogenromane vermitteln.

Lassen Sie uns genauer zu den Rauscherfahrungen sprechen. Gibt es überhaupt einen ‚normalen’ Modus, von dem die Drogenerfahrung die Ausnahme ist?

Norm und Ausnahme definieren sich je nach Kultur und Gesellschaft unterschiedlich. Ich fange einmal etwas polemisch an. Wenn ich zur Aufrechterhaltung meiner Alltagskompetenz einschließlich beruflichen Engagements täglich unter anderem fünf Tassen Kaffee, zwei Stück Kuchen, vielleicht eine Zigarette sowie zwei Gläser Wein konsumiere, so lebt mein Körper mit einer nicht unerheblichen Menge an Toxinen. Das aber interessiert die VerwalterInnen der pharmakologischen Normen nicht. Unser Drogenverständnis ist von einer arbiträren Entgegensetzung ‚guter’ und ‚böser’ Narkotika gekennzeichnet. Diese hält zeitgenössischer Forschung längst nicht mehr stand. Vor allem werden westliche Standarddrogen toleriert (einschließlich des hochgradig addiktiven Zuckers), welche zum Teil schädigender als eine Reihe verbotener bzw. restringierter Opiate und Halluzinogene sind, oder ihre Verbreitung trägt wie im Fall der Zigaretten die Aufschrift des Risikos. Hingegen haftet das Stigma des Bösen zum Beispiel jenen Substanzen an, die sowohl bewusstseinsverändernd wie halluzinativ wirken (am bekanntesten wohl das LSD). Der springende Punkt sind nicht zufällig das Funktionieren und die Beeinflussbarkeit des menschlichen Bewusstseins, die Neurologen wie Geisteswissenschaftlern noch immer zahlreiche Fragen aufgeben. Um die Art und Weise von Beinflussbarkeit und Beeinflussung menschlichen Bewusstseins ranken sich Normen, Regeln und Verbote und damit die Fragen der Legitimität und Illegitimität von Psychoaktiva.

Rauscherfahrungen bzw. frei verfügbarer Zugang zu Halluzinogenen erscheinen von einer einflussreichen Position westlicher Zweckrationalität und abstrakter Vernunft aus als problematisch und zum Teil gefährlich. Wann aber wird der ‚normale’ Bewusstseinsmodus überschritten? Verallgemeinert gesagt: dann, wenn die als Realitätsprinzip anerkannte Wahrnehmung von Raum und Zeit verändert scheint, wenn im Bewusstsein die Adäquatheit von Formen und Dimensionen der Außenwelt zur Disposition gestellt ist und wenn im betreffenden Menschen die das Individuum auszeichnende Distanzfähigkeit zu Anderen und zur Umwelt aufgehoben wird.

Wie erzählen AutorInnen vom Rausch, so dass die LeserInnen ihn eventuell nachvollziehen können? Haben sich bestimmte Muster herausgebildet, die die außeralltägliche Erfahrung vermitteln sollen, etwa Wiederholungsstrukturen oder veränderte Zeiterfahrung?

So außeralltäglich ist Rauscherfahrung keinesfalls. Es gibt inzwischen Untersuchungen zum Drogencharakter zahlreicher massenkultureller Angebote: bestimmte Fernsehformate wie etwa MTV, Werbespots und multimediale Musikperformances. Heute haben wir es mit addiktiven Einflüssen des Internets und digitaler Artefakte wie dem Smartphone zu tun. Gerade die letztgenannten Bereiche haben Zeiterfahrung verändert und neue Widerholungsstrukturen menschlichen Verhaltens etabliert. Wie ließe sich leugnen, dass das heutige Nutzungsmenü eines iPhones (zusammen etwa mit der WhatsApp-Kultur) auch Simulationen von Muße neuer Art bereit hält? Aber kehren wir zur klassischen Drogenliteratur der Moderne zurück – der Verwobenheit der westlichen Literaturen mit dem Thema der Drogenerfahrungen. Vor welcher Folie und in welcher Weise erzählt die Literatur von Rauscherlebnissen?

Zunächst ein kurzer Blick ins 19. Jahrhundert, denn Literaten wie De Quincey, Baudelaire, Rimbaud, Apollinaire, Mallarmé und nicht wenige Autoren der Romantik waren Wegbereiter dessen, was wir als Rauschliteratur der Moderne bezeichnen. Einerseits ging es um die Erprobung neuer Welten der Kreativität etwa durch eine transgressive Poetik der Worte und durch ekstatisches Transzendenzerleben – dies in skeptischer Abwendung sowohl vom Rationalismus wie von einem religiösen Ekstasebegriff. Zugleich beobachten wir unter Autoren und Künstlern ein gewachsenes Interesse an wissenschaftlicher Erkenntnis, was sich am Modell des wiederholt praktizierten Selbstexperiments mit Drogen (vor allem Haschisch, Opium) zeigte. Literaten wurden (auch in Konkurrenz zu Versuchen, die Naturwissenschaftler am eigenen Körper durchführten) zu Erforschern alterner Zonen von Fantasie und Bewusstsein. Im 20. Jahrhundert setzt sich diese Tendenz trotz einsetzender Drogenverbote zunächst fort; Surrealismus in der ersten Jahrhunderthälfte und nordamerikanische Counterculture in der zweiten sind markante Szenarien. Zum Beispiel Walter Benjamins Selbstversuche mit Haschisch geben Auskunft über eine drastisch transformierte Zeit- und Raumerfahrung. So berichtet Benjamin in einem seiner Haschisch-Protokolle von einem ‚Trip’ in Marseille 1928: „Auf dem Hintergrunde dieser immensen Dimensionen des inneren Erlebens, der absoluten Dauer und der unermesslichen Raumwelt, verweilt nun ein wundervoller, seliger Humor desto lieber bei den Kontingenzen der Raum- und der Zeitwelt.”1 Benjamin ist insofern wichtig, als er Rauscherfahrungen differenziert im Schnittpunkt von Literatur, Ästhetik, Anthropologie und Philosophie situiert. In der zweiten Hälfe des 20. Jahrhunderts denken wir natürlich an Aldous Huxley und sein berühmtes, dem Peyote-(Meskalin-)Rausch gewidmetes Buch The Doors of Perception: Heaven and Hell (Die Pforten der Wahrnehmung: Himmel und Hölle). Huxley war einer der geistigen Pioniere der nordamerikanischen Counterculture. Diese aber reduzierte sich nicht auf die von den Medien verbreiteten Exzesse. Zum Beispiel widmet sich das Werk von Maxine Hong Kingston den Ressourcen, die eine gezielte Arbeit mit Bewusstseinsüberschreitung eröffnet. Die Autorin literarisiert transformative Herausforderungen – Expansion des Bewusstseins mit Hilfe bestimmter Drogen könne die Kraft der Imagination in einem Maße steigern, dass diese in die Lage gerate, die Wirklichkeit selbst zu verändern. Die real begründete Utopie bestand darin, solche Wissens- und Erfahrungstechniken mit einer neuen Community Culture (Gemeinschaftskultur) zusammenzuführen. Das heißt, Halluzinogene und andere Narkotika wurden als Türöffner verstanden, um von da aus Fragen von großer Tragweite anzugehen.

Es liegt nahe, dass durch Psychoaktiva bewirkte visionäre Erfahrungen, die in den genannten Fällen stark reflexiv verarbeitet wurden, auch als spezifische Mußeerfahrungen lesbar sind.

Muße. Ein Magazin beschäftigt sich in der aktuellen Ausgabe mit dem thematischen Schwerpunkt „Exzess“. Daher die Frage: Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Drogenrausch und Muße? Wir reden oft über die mögliche oder unmögliche Herstellbarkeit einer Mußeerfahrung – könnten wir es uns vielleicht sehr einfach machen?

Rundheraus gesagt – ja. Wenn in medizinisch, psychologisch und räumlich gesicherten Kontexten mit gut vorbereiteten Teilnehmern gezielt Rauscherfahrungen zur Bewusstseinsüberschreitung induziert werden (etwa durch wohldosierte halluzinative Substanzen), dann kann es zu genuinen Mußeerfahrungen kommen. Die Effekte können derart sein, dass in der Folge gar keine Drogen mehr nötig sind, um die gemachten Erfahrungen intellektuell und affektiv weiter zu vertiefen. Gerade solche kreativen und rekreativen Anregungen, die aus der modernen Rauschliteratur und –essayistik entlehnt und mit neueren neurowissenschaftlichen Einsichten kombiniert werden können, sind leider unter dem Diktat zeitgenössischer, von den USA global durchgesetzter Drogenpolitik in Verruf geraten. Heute stellt sich die Forschung glücklicherweise wieder diesen Engführungen. Nicht wenige Spezialisten gehen davon aus, dass auch ein nichtmedizinischer, doch regulierter, fachlich und ethisch kompetenter Umgang mit bestimmten Substanzen der Bewusstseinsüberschreitung maßgeblich zur Lösung oder Milderung weit verbreiteter psychopathologischer Probleme der heutigen Welt beitragen kann.

Ein schöner Satz, um es noch einmal mit Benjamin zu sagen, evoziert direkt die Verbindung zur Muße: „Man müßte, um den Rätseln des Rauschglücks näher zu kommen, über den Ariadnefaden nachdenken. Welche Lust in dem bloßen Akt, einen Knäuel abzurollen. Und diese Lust (ist) ganz tief verwandt mit der Rauschlust wie mit der Schaffenslust. … rhythmische Seligkeit, die da im Abspulen eines Knäuels besteht. Eine solche Gewißheit vom kunstreich gewundenen Knäuel, das wir abspulen – ist das nicht das Glück jeder, zumindest prosaförmigen, Produktivität? Und im Haschisch sind wir genießende Prosawesen höchster Potenz.”2
Zusammenfassend: Rauscherfahrungen in ihrer Relevanz für ein erweitertes Nachdenken über Muße sind nicht notwendigerweise an Drogen oder psychoaktive Substanzen gebunden. Doch gerade ein sinnvolles Nachdenken über drogeninduzierte Erfahrungen der Bewusstseinsüberschreitung können den reflexiven Horizont des Mußeprojekts an der Universität Freiburg konzeptionell und phänomenologisch erweitern helfen.
Von Hermann Herlinghaus sind zu diesem Thema bislang die folgenden Monographien erschienen:

Violence Without Guilt, New York: Palgrave/Macmillan 2008.
Narcoepics, London/New York: Bloomsbury 2013.

Zudem erscheint Ende 2017, herausgegeben von Hermann Herlinghaus, der Tagungsband The Pharmakon: Concept Figure, Image of Transgression, Poetic Practice, Heidelberg: Universitätsverlag C. Winter.

Empfohlene Zitierweise:


Pia Masurczak: Drogen und Rausch in der Literatur
In: Muße. Ein Magazin, 3. Jhg. 2017, Heft 1, S. 18-23.
URL: http://mussemagazin.de/?p=2192
Datum des Zugriffs: 24.10.2017

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