Wissenschaftlicher Beitrag

Wir brauchen den Exzess!

Andreas Kirchner

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„The road of excess leads to the palace of wisdom.“1 – William Blake schrieb diese Worte um das Jahr 1789 herum. Mit seinem Denken, das sich durch eine Inversion üblicher Wertvorstellungen auszeichnete, erntete er unter seinen Zeitgenossen vor allem Kopfschütteln und sogar Entsetzen. Wie kann gerade der Exzess als Schlüssel zur Weisheit und Erkenntnis gedacht werden? Die Verbindung dieser Begriffe lässt auch heute noch stutzen. Nicht anders mag es dem Leser ergehen, wenn ihm schon mit der Überschrift dieses Artikels jene forsche These begegnet, die den Exzess zu einem Imperativ erhebt und als eine Notwendigkeit versteht. Was ist denn das Besondere und Eigentümliche dieses Exzesses und warum zur Hölle sollten wir ihn brauchen?

Diese Fragen sind nicht nur theoretisch relevant. Unser Verständnis dessen, was ein Exzess eigentlich ist, hat auch stets gegenwarts-, gesellschafts- und normenkritische Implikationen. Schließlich gilt der Exzess als Grenzüberschreitung und fordert die Übertretung von Regeln und Normen der Konsensgesellschaft. Die Frage nach dem Exzess hat daher auch Relevanz für unsere politische Gegenwart. Erleben wir nicht gerade eine Entwicklung, die in nahezu globalem Ausmaß zivilisatorische Errungenschaften wie die Menschenrechtskonvention oder konkret den Verzicht auf Diskriminierung aufgrund religiöser, ethnischer oder kultureller Charakteristika, die Anerkennung übernationaler Gesetzesnormen mehr oder weniger radikal infrage stellt? Wird damit nicht das, was gestern noch als sichere Norm galt, aus einer eben noch für beinahe unmöglich gehaltenen Position der Macht heraus im steten Angriff abgetragen? Ist nicht, um ein Beispiel zu nennen, die Rede von den sogenannten „alternativen Fakten“ durch Vertreter des US-Präsidenten auch als ein Exzess zu werten, der sich gegen die Verpflichtung auf Wahrheit und unabhängige Berichterstattung, gegen die Anerkennung der freien und kritischen Presse richtet?

Genauso deutlich ließe sich die aktuelle Konjunktur dieser Form des Exzesses, der sich zunächst, wenn man es so nennen mag, als ein „Verbalexzess“ zeigt, im europäischen Raum nachweisen. Denken wir nur an die ätzenden Entgleisungen des griechischen Europaabgeordneten Eleftherios Synadinos, der zuletzt die Türken insgesamt als „dumme und schmutzige Barbaren“ bezeichnete. Derartige skandalöse Exzesse lassen sich aktuell viele finden. Ihnen allen scheint gemein, dass sie nicht nur eine kurzweilige Abweichung von der Norm darstellen, sondern Markstein einer permanenten Grenzüberschreitung sind. Dies lässt sich auch in der Reaktion des damaligen Präsidenten des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, auf Synadinos erkennen. Dieser verwies Synadinos auf dessen Ausfälle hin des Saales und begründete dies damit, dass es Synadinos und anderen Europafeinden unablässig und systematisch um die Überschreitung roter Linien gehe. Angesichts solcher Vorkommnisse und Entwicklungen könnte man fast den Eindruck gewinnen, dass der Exzess als normative Grenzüberschreitung paradoxerweise selbst zum Normzustand unserer politischen Gegenwart verkommen ist. Umso wichtiger scheinen deshalb ganz grundsätzliche Überlegungen zum Exzess zu sein, denen sich dieser Text widmet.

Expositionen des Exzesses

Was ein Exzess ist, lässt sich jedoch nicht so leicht sagen, wie man vielleicht meinen könnte. Die definitorische Bestimmung greift notwendig zu kurz, weil sie zwar die Begriffsoberfläche berührt, doch die innere Beschaffenheit des Begriffs nicht mit dem Zaun der Worte einzuhegen versteht. Daher ist – nach einigen etymologischen Grundlegungen – eine alternative Zugriffsweise auf den Exzess notwendig, die sich uns im Nachdenken über die Vielfalt an Exzess-Phänomenen bietet. Allerdings ist „Exzess“ zunächst ein abstrakter Begriff, der also nicht einem eindeutigen Gegenstand in der Erscheinungswelt entspricht, sondern eine Interpretation von uns in dieser Welt begegnenden Phänomenen darstellt.

Nun lässt sich aber erst einmal anhand der etymologischen Betrachtung feststellen, welche Vorgeschichte dem heutigen Verständnis vorausgeht. Damit soll keineswegs beansprucht werden, den Begriff in seiner Bedeutung für die Gegenwart bereits hinreichend erschließen zu können. Die etymologische Annäherung ist jedoch hilfreich, um den Boden, aus dem heraus der heutige Bedeutungsgehalt erwachsen ist, im Ansatz zu verstehen. Zunächst also dies: Der Terminus „Exzess“ gründet auf dem lateinischen Verb excedere, was sich aus der Präposition ex und dem Verb cedere zusammensetzt. Es bedeutet etwa heraustreten, über etwas hinausgehen. In der Begriffsgeschichte hat sich diese Bedeutung des Übertretens und des Hinausgehens im heutigen Exzess-Begriff nun auf eine normative Grenzüberschreitung hin zugespitzt. Damit gehen die allgemeineren Verständnisweisen von Ausschweifung und Abschweifung bzw. Abweichung, Maßlosigkeit und Zügellosigkeit einher.2 Diese scheinen für sich zunächst allesamt negativ konnotiert und lassen die subjektive Unschärfe, die weite Intension und die vielfältigen Konkretionsformen des Begriffs bereits erahnen. Dieser allgemeinen Verortung folgen grundsätzliche Fragen: Was ist die Mitte, aus welcher abgeschweift oder abgewichen wird, aus der jemand also heraustritt? Wer bestimmt, welche Bewegung (auch jene des Geistes) als Abweichung gilt? Anhand welches Kriteriums lässt sich das überhaupt entscheiden? Ist der Exzess vielleicht als ein Antonym der Konzentration zu verstehen? Bedeutet er einen Kontrollverlust? Ist der Exzess notwendig negativ zu begreifen? Welche Funktion erfüllt der Exzess und wie verhalten sich Aktivität und Passivität in ihm? Diese und viele weitere Fragen stellen sich hier. Sie dürfen an dieser Stelle nicht allesamt auf eine ausführliche Antwort hoffen, doch können sie helfen zu verstehen, wann und warum der Exzess für uns notwendig sein kann.

Weil „Exzess“ kein selbstexplikativer Ausdruck ist,3 ist der Begriff unscharf und also immer auch subjektiv aufgeladen. Das bedeutet zwar nicht, dass es keine Form des Exzesses geben kann, die nicht allgemeiner als Exzess eingestuft würde, doch ist das, was wir als einen Exzess wahrnehmen, eben immer auch bedingt durch das kulturelle, historische, soziale oder religiöse Normgefüge. Der eigene Standpunkt und der jeweilige Horizont prägen den Blick auf die Grenze und deren Verortung, denn schließlich stehen beide – der eigene und der andere Standort – stets in einem dynamischen Relationsverhältnis zueinander. Daher gewährt die Anwendung des Exzess-Begriffs immer auch einen Blick auf das Normengefüge des Sprechenden.

Die Relativität des Exzesses

Einige Beispiele können zeigen, wie relativ das, was wir als Exzess wahrnehmen, sein kann. Schauen wir zunächst auf einen „Exzess“, der vor allem durch unterschiedliche kulturelle Prä-gung als solcher erscheint. Einem außenstehenden Beobachter mag sich ein solcher etwa in den schiitischen Aschura-Festen und Ritualen zeigen. Diese als Höhepunkt der zu Ehren von Husain ibn Ali und dessen ebenfalls in der Schlacht zu Kerbela (680 n. Chr.) im heutigen Irak gefallenen Verwandten abgehaltenen Feierlichkeiten am 10. Muharram gehen mit blutigen Selbstgeißelungen und immer wieder auch mit Übergriffen auf die Darsteller der Mörder des Ali einher. Insgesamt wirkt das Geschehen auf Außenstehende hoch emotionalisiert und blutig, es wirkt sogar durchaus gefährlich für die Involvierten. So steht ein fremder Beobachter gegebenenfalls eher skeptisch oder auch ablehnend vor den Bildern dieser Feierlichkeiten und fragt sich, was denn hinter diesen Exzessen stecke. Doch wenn sich das Ritual aus Sicht des externen Beobachters auch als ein Exzess darstellen mag, ist dies aus der Sicht der involvierten Teilnehmer keineswegs der Fall. Vielmehr ist es fester Bestandteil von Trauerritualen und so gerade nicht als normen-sprengender Exzess zu begreifen. Das Geschehen folgt einer feierlichen Inszenierung und deren Regeln.4 Hier begegnet uns also ein Beispiel dafür, dass der Exzess – ebenso wie die Norm, die er überschreitet – religiös-kulturell bedingt ist, dass beide perspektivisch schillern und nur auf den ersten flüchtigen Blick starr scheinen.
Die Unschärfe lässt sich auch in der historischen Betrachtung zeigen. So verbindet zum Beispiel Caillois das Fest wesentlich mit dem excès, der Exzess sei für den Erfolg der Zeremonien notwendig.5 Diese Verbindung hat ein prominentes Vorbild. Sigmund Freud erklärte in Totem und Tabu: „Ein Fest ist ein gestatteter, vielmehr ein gebotener Exzeß, ein feierlicher Durchbruch eines Verbotes. Nicht weil die Menschen infolge irgend einer Vorschrift froh gestimmt sind, begehen sie die Ausschreitungen, sondern der Exzeß liegt im Wesen des Festes; die festliche Stimmung wird durch die Freigebung des sonst Verbotenen erzeugt.“6 Es stellt sich die Frage, ob wir auch heute noch so selbstverständlich jedes Fest, das der engen freudschen Beschreibung folgt, bereits als Exzess begreifen würden? Wäre nicht gerade der teils beinahe liturgische Cha-rakter, jedenfalls aber die starre Regelhaftigkeit,7 die auch den von Freud an dieser Stelle untersuchten Phänomenen zukommt, für uns beinahe das Gegenteil dessen, was wir heute als Exzess ansehen? Die „Freigebung des Verbotenen“, so wird der Exzess an dieser Stelle näher gefasst, folgt einem rituellen Schema und ist in enge räumliche wie auch zeitliche Grenzen verwiesen. Doch das bloße Feiern eines Festes allein wird heutzutage kaum mehr als ein Exzess beschrieben. Dagegen findet der Exzess-Begriff heute zumeist dort Verwendung, wo Regeln, Normen und rituelle Inszenierungen eines Festes durchbrochen werden. Wir können also sehen, dass gerade dort im Kontext von Festen der Exzess Erwähnung findet, wo die Grenzen der Regelhaftigkeit dieser festlichen Abläufe gesprengt werden, etwa durch Alkohol und andere Drogen, durch Aggression und Gewalt.

Diese beiden Beispiele zeigen einerseits die Relativität des Exzess-Begriffes und schärfen andererseits noch einmal unser Verständnis davon. Wenn wir aber feststellen, dass die Überschreitung des Exzesses eine signifikante Übertretung einer allgemein geltenden Norm bezeich-net, ist sogleich hinzuzufügen, dass diese Übertretung selbst wieder nicht absolut, sondern nur bedingt sein kann. Mag sie Spiel mit der Grenze, Ausloten des Möglichen oder bewusste Provokation sein: immer ist sie ambivalent und fragil. Auch ist das Verhältnis von Norm und Exzess dynamisch:8 Um die Überschreitung überhaupt vollziehen zu können, setzt der Heraustretende zunächst einmal die Norm voraus, die er dann überschreitet. Grenze und Grenzüberschreitung sind untrennbar verbunden. Um es noch einmal mit William Blake zu sagen: „You never know what is enough unless you know what is more than enough.“ Das Überschreiten der Norm bedingt zugleich eine vorherige Anerkennung derselben, eine Zuwendung zur Norm, die dann so-gleich wieder aufgehoben wird. Doch diese Aufhebung kann nicht als bloße Leugnung der Norm verstanden werden. Der Exzess setzt vielmehr wieder eine eigene Norm jenseits der vorherigen, er stellt im eigentliche Sinne keine Maßlosigkeit, sondern vielmehr eine Neusetzung des eigenen Maßstabes dar. Das Maß, von dem er loslässt, tauscht er nun gegen ein neues, eigenes Maß ein.

Der zerstörende Exzess

Hier ergibt sich ein Problem: Was ist, wenn der die Grenze Überschreitende zugleich alle Kontrolle über sein Handeln aufgibt, wenn er also alle Zügel loslässt und, gleichsam als Versuch höchster Freiheit, sich dem, was dann geschehen möge, hingibt und nicht länger auf etwas abzielt? Ist dieser scheinbare Exzess aller Exzesse nicht gerade doch wieder die Annihilation jeglicher Norm? Bleibt hier nicht nur übrig, die Ablehnung jeglichen Ziels anzuerkennen? Dagegen lässt sich fragen: Ist eine Annihilation jeglicher Norm nicht selbst wieder offensichtliche Setzung einer Norm der Annihilation? Ich möchte daran zweifeln, dass eine vollständige Aufgabe jeglichen Ziels überhaupt denkbar ist. Hier geraten wir an die Grenze der Selbstreferenzialität und das damit verbundene Problem der logischen Antinomie. Auch an den konkreten Formen des Exzesses, die oft mit umfassender Preisgabe verbunden gedacht werden, lässt sich die völlige Preisgabe jeglicher Norm in Frage stellen. Ein Blick auf die dabei in den Sinn kommenden For-men des Exzesses mit Drogen und Alkohol lässt bereits fragwürdig erscheinen, inwiefern diese überhaupt als ziellos zu verstehen sind. Hat nicht derjenige, der sich im Übermaß mit Drogen betäubt, oft recht klar zu benennende Motive: das Vergessen, die Realitätsflucht, die Verabschiedung aus der äußeren Wirklichkeit, die dann im unbegrenzt scheinenden inneren Möglich-keitsraum aufgehen soll? Schwieriger scheint es hier, Formen von Gewaltexzessen einzuordnen. Allerdings brechen diese unentwegt an der Wirklichkeit des anderen Leibes. Die schlagende Faust erkennt das Gegenüber, auf welches sie sich ja zubewegt, zunächst an. Auch mit dem Hass und der Gewalt von tausend Schlägen lässt sich die Wirklichkeit des Gegenübers nicht leugnen.
Wenn wir von Gewaltexzessen lesen, begegnet übrigens allzu oft jenes merkwürdige Phänomen, dass sich die Gewalttäter in ihrem Verhalten gerechtfertigt sehen, da sie doch „bloß“ zur Notwehr und zur Verteidigung aufgrund einer Provokation oder eines Angriffs der Gegenseite gezwungen wurden. Die rationalisierenden Selbstrechtfertigungsstrategien zeigen hier ihr ganzes kreatives Potential. In der verzerrenden Deutung gilt:9 Die Grenze des Anstands und des notwendigen Respekts – so das stets gleiche Argument – verletzt immer zuerst der andere. Tatsäch-lich ist die gegen den Anderen geübte (physische) Gewalt eine ständige Grenzverletzung, denn schon allein der Leib des Gegenübers bildet eine Grenze, die wahrgenommen, aber nicht respek-tiert und daher mit den zur Verfügung stehenden Mitteln traktiert wird. Im äußersten Extrem zeigen sich der Gewaltexzess par excellence und die Grenzverletzung in der Katastrophe der beiden Weltkriege und der durchtechnisierten Massenvernichtung, die in ihrer kalten Effizienz der Vernichtung des Lebens weit über die einfachen Formen verletzender Gewalt hinausgehen. Gerade am Beispiel des totalen Kriegs im 20. Jahrhundert und dessen Propaganda lassen sich die Rechtfertigungsstrategien in aller Widerwärtigkeit erkennen. Ein anschauliches Paradigma im Reigen dieser Wirklichkeitsverzerrungen bietet die artikulierte Verteidigungshaltung, wie sie uns im Zuge des Überfalls auf Polen begegnet. Dieser dürfe ja lediglich als ein „Zurückschießen“ gelten. Das diesen fatalen Entwicklungen zugrundeliegende Denken, welches den konkreten Menschen nur noch als Element einer höheren und notwendigen Gesetzmäßigkeit der Geschichte auffasst und den Täter in seinem Handeln, da er ja eben nur mehr als Werkzeug eines höheren Kampfes diene, rechtfertigt, wurde bekanntermaßen besonders von Hannah Arendt analysiert. Sie zeigt auf, dass der einzelne Mensch, in die Banden des Terrors gezwungen, keine Bedeutung mehr über jene des bloßen Werkzeugs hinaus hat, ja dass es ihn jenseits der totalitären Bewegung überhaupt nicht mehr gibt: Der „totale Terror setzt an die Stelle der Zäune des Gesetzes […] ein eisernes Band, das alle so eng aneinanderschließt […], als seien alle zusammengeschmolzen in ein einziges Wesen von gigantischen Ausmaßen. […] Dem Terror gelingt es, Menschen so zu organisieren, als gäbe es sie gar nicht im Plural, sondern nur im Singular.“10 In dieser grausamsten Form des übersteigerten Gewaltexzesses also wird der einzelne Mensch radikal negiert, soweit es der Bewegung möglich ist. Die Gewalt selbst folgt dabei zwar einer kalten und konsequenten Logik, doch kein Mensch hat hier als Mensch noch länger Bedeutung, ist nur Werkzeug und Mittel.
Der Exzess muss übrigens nicht immer eine Steigerung, Übersteigerung und Überschreitung des Maßes bedeuten. Er kann umgekehrt auch in der betonten Unterminierung der geltenden Grenze gesehen werden. Wenn es etwa einen radikalen Verzicht auf eine (bestimmte Form der) Nahrung gibt oder eine radikale Ablehnung vorehelicher sexueller Erfahrung (etwa in fundamentalistischen Kreisen) zu beobachten ist, lässt sich zurecht fragen, ob nicht auch dies als eine Form des Exzesses gelten muss. Doch zeigt sich auch hier die Relativität des Begriffes: Die Verweige-rung oder Unterschreitung der normativen Grenze stellt aus der Sicht der Akteure zumeist ein Korrektiv dar. Für sie sind es gerade wieder die anderen, die die Grenze des Erlaubten, des Richtigen oder des Guten überschreiten. Hier lässt sich zumeist ein komplexes System des alternativen Maßes finden und die bewusst gesetzte Unterschreitung ist damit in besonderer Weise als Kritik der geltenden gesellschaftlichen Norm zu begreifen. Die Verweigerung zielt darauf ab, die geltende Norm oder Grenze zu brechen und ein anderes oder neues Maß zu beanspruchen.

In der Anwendung des Exzess-Begriffs auf so offensichtlich unterschiedliche Aspekte menschlichen Denkens, Sprechens und Handelns lässt sich vor allem die Unschärfe des Begriffs erkennen. Phänomene des Exzesses können auch ganz unterschiedliche Ebenen von Subjekten betreffen. Für den einzelnen Menschen kann er in psychologischer Hinsicht im Kontext der Entwicklung als ein Moment der Individuation verstanden werden, im Kontext von Gruppen hinge-gen greifen bspw. massenpsychologische Erklärungsmuster. Wenn wir im Umfeld von Fußballspielen Exzesse der Gewalt erleben oder im Kontext von Religionen von Exzessen lesen, dann sind diese sicherlich anders zu bewerten als ähnliche Erfahrungen einzelner. All diesen Formen des Exzesses ist aber gemein, dass sie nicht in dem Imperativ des Exzesses eingeschlossen werden dürfen, da sie nämlich nicht die Freiheit der Entfaltung und der Äußerung des Anderen achten, sich gewaltvoll gegen Andere stellen, ohne zugleich selbst von diesem gewaltvoll angegangen zu sein.11 Daher ist zu bemerken, dass der Exzess, von dem wir meinen, dass wir ihn brauchen, selbst wieder (moralische) Grenzen benötigt.

Grenzen des schöpferischen Exzesses

Das bedeutet für die Form des Exzesses, der hier das Wort gesprochen werden soll, aber nun ein merkwürdiges Paradox: Als Grenzüberschreitung ist er in bestimmten Grenzen gerechtfertigt und geboten, ist Teil der menschlichen Entwicklung. Dieser scheinbare Widerspruch löst sich jedoch, wenn man bedenkt, von welcher Grenze hier jeweils die Rede ist. Einmal ist es nämlich die Grenze, die sich von der normativen Handlungs- und Denkweise anderer Menschen absetzt, die aber zugleich auch unverrückbare Grenzen des Anderen achtet und nicht überschreitet, vor allem in ethischer Hinsicht. Der Andere ist dann also in seinem Handeln und Tun infrage gestellt und die von ihm beanspruchten Normen werden angefragt und übergangen. Niemals aber wird er existentiell, d.h. in seinem Dasein, in Frage gestellt und angegriffen. Sobald der (andere) Mensch selbst die Grenze ist, die überschritten wird und deren Aufhebung gefordert wird, ist der Exzess höchst problematisch und abzulehnen. Vor diesem Hintergrund zeigen vor allem Drogenexzesse und Gewaltexzesse ihren durchweg negativen Gehalt. Sie müssen darum auch scheitern. Zu unwirklich bleibt der innere Möglichkeitsraum, den sie postulieren und aus dem sie zuerst auch ihre ganze Macht beziehen. Zu tödlich sind dagegen die Konsequenzen in der äußeren Realität. Der totale Krieg ist gerade deshalb total, weil er jedes Maß verloren hat und die Vernichtung selbst zum Zweck und Maß wird. Der Mensch ist das Material dieser Vernichtung. Wenn wir aber feststellten, dass der Exzess die Norm anerkennen müsse, um diese im Weiteren zu überschreiten, lässt sich, angesichts der radikalen Negation des Anderen bzw. des Menschen in diesen Formen des Exzesses, urteilen, dass der Exzess hier zu seiner eigenen Perversion verkommen ist – besonders da, wo er sämtliche Grenzen und Regeln zugleich radikal leugnet und beispielsweise die Zustimmung oder auch die Aufforderung zu umfassender Inhumanität und Unsittlichkeit gibt.1213 Wenn wir von einem Imperativ des Exzesses sprechen, dann können und wollen wir daher nicht diese Formen von Exzessen – insofern sie noch als ein Exzess gelten dürfen – fordern und fördern, die doch im Letzten reine Destruktion, totale Vernichtung bedeuten. Sie verletzten das Recht auf Leben selbst und richten sich gegen die notwendigen Grundlagen des Lebens eines jeden. Daher betonen wir ihre Ablehnung hier in aller Deutlichkeit! Wer diesen Widerspruch außer Acht lässt, kann das zentrale Anliegen des Imperativs des Exzesses nicht verstehen. Welche Formen des Exzesses bleiben dann aber noch für unseren Imperativ? Stellen wir die Frage einmal anders: Gibt es nicht auch Formen des Exzesses, ohne die der Mensch und die Gesellschaft insgesamt nicht vorstellbar sind? Wie steht es etwa um die keine Grenzen kennende Sehnsucht des Menschen nach Wissen und Verstehen, das unermüdliche Fragen und Streben nach dem Neuen, Unentdeckten, kurzum: die Neugier,14 die immer auch einem Exzess des Wissenwollens folgt, die den Menschen und die Gesellschaft zu dem werden ließen, das sie heute sind? Was wüssten wir heute über den Menschen, wären da nicht jene Wissbegierigen gewe-sen, die sich entgegen der strikten kulturellen und religiösen Verbote in Sektionen über die Ana-tomie des Körpers bildeten? Es ist wohl kein Geheimnis, „dass in der ganzen Wissenschaftsge-schichte die meisten großen Entdeckungen, die sich letztlich als Wohltaten für die Menschheit erwiesen […], von Männern oder Frauen gemacht wurden […], denen nicht der Wunsch, nützlich zu sein, Antrieb gewesen ist, sondern allein der, ihre Neugier zu befriedigen. […] Neugier, die in etwas Nützliches münden kann, aber nicht muss, […] geht zurück auf Galilei, Bacon und Sir Isaac Newton“15 – und noch weit darüber hinaus. Spiegelt nicht schon die Anekdote über Thales jene zweckfreie Neugier des nach Erkenntnis strebenden Wissenschaftlers?16Zuletzt ist es nicht von ungefähr, dass der vielen als Wissenschaftler par excellence geltende Albert Einstein in einem Brief an Carl Seelig (1952) über sich selbst schrieb: „Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig.“ 17Es scheint, als begegne uns in den Wissenschaften eine paradoxe Struktur, die nämlich einerseits einem unbändigen Wissenwollen folgt, das – von seinen Grundsätzen her – nicht nach Nutzen und Anwendung fragt.18Andererseits ist die Maßlosigkeit der Neugier in den Wissen-schaften selbst kultiviert, folgt bestimmten (etwa ethischen) Regeln und misst sich an (etwa methodischen) Anforderungen. Gerade die jüngeren Debatten um die „Redlichkeit in der Wissen-schaft“, um Plagiate und Datenbetrug, sind doch auch Ausdruck dieser Grenzen der Wissen-schaften. Die Maßlosigkeit der Neugier fordert ein Maß der Methode, um ihr zu folgen. Damit lässt sich dieses Streben nach Wissen als ein Ausdruck des kultivierten Exzesses – eine Formulierung, die paradox und befremdlich anmutet – verstehen. Dieser Exzess, der gleichwohl nicht blind sein, sondern die eigenen Regeln auch immer wieder neu befragen darf, der Grenzen sieht und sie zum Wohle des Menschen und der Gesellschaft auslotet und den einzelnen Menschen nicht zum Werkzeug, sondern Zweck des Handelns macht, dürfen wir als das Paradigma für den notwendigen Exzess ansehen.

Der notwendige Exzess

Damit sehen wir den Exzess in einem neuen Licht. Grundsätzlich teilt auch dieser Exzess eine wesentliche Funktion mit anderen Formen, doch setzt er eine gewisse Bewusstheit und eine Achtung vor dem Leben voraus. Dieser Exzess will nicht zerstören, ist aber dennoch ein kühner Entwurf eines neuen Maßes und eine kritische Anfrage an das überkommene alte Maß. Er erweist sich als Kritik des Subjektes an jener Grenze, die eine andere spezifische Gruppe oder ein Subjekt zuvor gezogen hat. Die Setzung wird durch die Überschreitung der Grenze (Transgression) gebrochen, die Grenze wird so neuerlich verschoben und bietet sich danach wieder der Kritik dar, die auch sie zu ihrer Zeit überschreiten wird. Die von dieser Form des Exzesses angegangene Grenze selbst und auch der Exzess sind dann geschichtlich bedingte Erscheinungen und Größen, die ihre jeweilige Geltung in einem bestimmten Kontext und zu einer bestimmten Zeit erlangten und vielleicht auch einige Zeit überdauern werden. Früher oder später aber werden sie im Strom der Geschichte vergehen oder neu bestimmt werden. So ist der Exzess die Äußerung eines kritischen Potentials. Er stellt die Norm nicht einfach nur in Frage, sondern ist gelebte Grenzüberschreitung, die sich als eine schöpferische Erweiterung des Blicks, des Denkens und des Handelns erweist. Damit schließen wir den Kreis zu jenem merkwürdigen Zitat von William Blake, mit welchem wir diesen Text eröffneten. Wie Blake selbst ist auch der Exzess eine Überschreitung der normativen Grenzen einer Zeit, der Meinung und der Gesellschaft. Er ist seiner Zeit voraus, ist Bedingung der Möglichkeit für die neuen Zeiten, die da kommen mögen, und ist dabei doch nicht grenzenlos. Der Exzess, dem wir hier das Wort sprechen, erkennt den unverbrüchlichen Wert des Lebens und des Menschen, richtet sich gegen ein Handeln und ein Denken, ist in der Tat kritisch und streitbar, richtet sich aber niemals gegen das Dasein selbst. Wo aber diese Grenzen der Wissenschaften überschritten werden, können die Folgen des einstigen Exzes-ses der Neugier katastrophal sein – das zeigt uns Hiroshima.19

Zuletzt darf man feststellen, dass der Exzess, den wir brauchen, weniger rekursiv als vielmehr gegenwartsbezogen (und progressiv) zu verstehen ist. Genauer geht es ihm nicht so sehr um den Bruch mit dem Alten, sondern vielmehr um die Eröffnung des Neuen, welches zwar selbst wieder als Norm gelten möge, das sich dann aber als wesentlich für die Entwicklung der Norm, für das Widerspiel von Setzung und Erhebung erweist. Diesen Exzess also brauchen wir, der das Mögliche immer wieder neu auslotet und ein furchtloses Zugehen auf Grenzen bedeutet. So können diese neu verhandelt und bestimmt werden, können die Zeiten sich ändern und kann das Heute zum Gestern mit dem Rücken stehen, ohne sich in der Sorge um das Morgen zu verlieren. Dieser Exzess zeigt sich vor allem in dem unbändigen Drang der Neugier ins Unbekannte – er allein ermöglicht erst und leitet die Wissenschaften. Keine Frage: Es gibt zahllose Formen des Exzesses, die fatal sind und die dem Menschen vor allem Leid und Unheil bringen. Die unzähligen Toten der Gewalt und der Kriege, und jene, die den Drogenexzessen erliegen, sind nur ein Beispiel für diese Trivialität. Das aber darf den Exzess nicht insgesamt in Verruf bringen, weil Grenzen sonst starr und unverrückbar bleiben – starre und „sichere“ Grenzen aber fordern ihrerseits zahllose Opfer und sind zuletzt nicht minder fatal. Der Exzess, für den hier das Wort erhoben werden soll, lässt sich deshalb vielleicht als das Fragezeichen beschreiben, das wir dort setzen, wo andere einen Punkt sehen. Er ist eine dröhnende Kritik der Norm, eine beständige Suche nach dem Machbaren, dem Maß der Dinge und des Lebens. Er befreit uns aus überkom-menen Schranken, entfesselt Kräfte und befreit aus der Enge blinder Tradition. Er ist gerade kein sicherer Hafen, sondern der Aufbruch auf die raue See.

Dieser „notwendige“ Exzess ist nicht jener, in dem der Mensch aufhört zu sein und sich aus den unvermeidlichen Grundverhältnissen seiner natürlichen Bedingtheit abwendet, sich passiv der Erfahrung überlässt. Auch ist es nicht jener, in dem ein Mensch einem anderen das Recht abspricht da zu sein. Diese sind die dunklen Seiten des für sich so unscharfen Begriffs, es sind die Kehrseiten des den Menschen auszeichnenden Vermögens, Grenzen immer wieder angehen und neu bestimmen zu wollen. Dieses unersättliche Streben des Menschen begründet seine ganze Größe. Wenn Pascal daher meint, dass das ganze Unglück des Menschen daher rühre, dass dieser nicht einfach still in seinem Zimmer bleiben könne, wo er hingehöre, dann dürfen wir erwidern, dass das Gegenteil ebenso zutrifft. Der Exzess, den wir brauchen, ist jener der bewussten Tat, die sich selbst hinterfragt und immerzu weiterfragt, die dennoch furchtlos voranschreitet und nicht innehält, wenn sie nicht gute Gründe dafür weiß. Es ist dies der Exzess des immer unzufriedenen Wissenschaftlers, der in seinem Streben nach Begriff und Erkenntnis keine Grenze gelten lässt, die nicht mit dem Mörtel einer vernünftigen, das Leben achtenden Ethik gemauert ist. So kommt dieser Exzess an eine Grenze, die er gelten lässt, weil sie das Recht und die Würde der anderen Geschöpfe neben ihm hütet. Aktion und Passion bestimmen den Exzess, der sich in einem Widerspiel von Bewusstheit und Unbewusstheit ereignet. Das Unbewusste hat sicher seinen Anteil am Erfolg des Exzesses, aber ohne das zum Bewusstsein gebrachte Neuland, dass der Grenzen Überschreitende entdeckte und nun erkundet, wäre aller Exzess nur der verzweifelte Wettlauf eines Blinden in der Nacht. Nicht zuletzt zeigt sich, wie viel das Konzept des Exzesses mit dem der Muße gemein hat: die ambivalente und die paradoxe Grundstruktur, die Transgression oder auch die Eröffnung neuer Räume und Möglichkeiten.

Empfohlene Zitierweise:


Andreas Kirchner: Wir brauchen den Exzess! Exzess und Erkenntnis
In: Muße. Ein Magazin, 3. Jhg. 2017, Heft 1, S. 9-17.
URL: http://mussemagazin.de/?p=2153
Datum des Zugriffs: 23.11.2017

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