Rezension

Tierisch gute Muße

Bertrand Russells In Praise of Idleness, illustriert von Bradley Trevor Greive.

Tobias Keiling

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Bertrand Russells Essay „In Praise of Idleness“ ist ein moderner Klassiker einer Philosophie der Muße. Den scharfen Geist und die Aktualität dieses Textes hat der australische Cartoonist Greive neu entdeckt und eine Ausgabe illustriert. Seine humoristische Einführung ist eine Liebeserklärung an Russell als Philosophen der Muße.

Ein Faultier – was für ein Tier sollte man auch erwarten auf dem Cover der Neuausgabe von In Praise of Idleness, die der australische Independent-Verlag Nero Books[1] unternommen hat? Gehalten im Stil zoologischer Radierungen hat das Faultier etwas Antiquiertes, was auch für sein besonderes Accessoire gilt: die Pfeife, die es als Personifikation Russells zu erkennen gibt. 1Nimmt man sie mit Humor, so führt das Faultier vor, lässt sich Armchair Philosophy auch kopfüber betreiben. Kein Wunder, dass auch Greive sich für das Buch mit Tier und Pfeife ablichten lässt, die Augen weit aufgerissen.

Die Augen und der Gesichtsausdruck fallen bei allen Tieren auf, die Greive für den Band gezeichnet hat: Sie haben große, wache, ausdrucksvolle, manchmal skeptische Augen, die sich mit etwas beschäftigen und staunen oder aussehen, als blickten sie in sich hinein. Wesen, die solche Augen haben, sind intelligente Lebewesen – seien es Menschen, Faultiere, Bären, Elefanten oder Maulwürfe. Greive hat den Text von Russells Essay mit einem Vorwort und einer Einleitung, einem Nachwort und Fußnoten eingerahmt. Die Tiere illustrieren Zitate aus Russells Werk, die Greive als aphoristische Lebensweisheiten präsentiert und die den Fließtext unterbrechen. Die Ensembles aus Text und Bild nehmen jeweils eine Seite ein, die Russells Essay und Greives eigene Texte unterbricht – sie bieten visual relief, wie Greive in seiner Einleitung schreibt, while you are considering Russell’s provocative words of wisdom. (9)

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Greives Bilder sind dabei oft selbst nicht weniger provokativ und tiefsinnig als Russells kluge Sätze. Sie haben die große Stärke, immer humorvoll, aber nie niedlich zu sein. Beizeiten ist der Humor, der sich zwischen den Illustrationen und Russells Weisheiten abspielt, sogar ausgesprochen bitter. Wie bei dem Eisbären, der ungläubig einen Schädel anstarrt und dem langsam aufzugehen scheint, dass es sein eigener sein könnte. Die Symbolik kennt man aus Hamlet. Aber wenn ein klimabedrohtes Tier über sein Ende nachdenkt, dann ist das weniger tragisch als dass es auf die Situation aufmerksam macht, in der Eisbären und Menschen gleichermaßen gefährdet sind. Dass Melancholie ob des süßen Tiers und seines tiefsinnigen Blicks die falsche Reaktion ist, fasst Russell in nüchterne Worte, die aus dem traurigen Eisbären ein philosophisches Vorbild werden lassen:

We all have the tendency to think that the world must conform to our prejudices. The opposite view involves some effort of thought, and most people would die sooner than think – in fact they do so. (37)

Bild und Text bilden hier einen neuen Zusammenhang, der den philosophischen Gedanken aktualisiert und auf eine neue Situation bezieht. Gerade dadurch wird nicht nur der philosophische Gedanke nachvollziehbar, Russells allgemeine Wahrheit wird konkret sichtbar. Zu den Weisheiten, die Russell formuliert, schafft Greive nicht nur eine visuelle Entsprechung, die mit einem Blick für sich einnimmt.

Text und Tier werden vielmehr Teil einer moralischen Erziehung. Das wäre schwer erträglich, wäre diese Erziehung nicht von Humor getragen und würde sie nicht darauf zielen, einen ins Selberdenken zu bringen. Die Vermittlung des Allgemeinen und Besonderen muss jede und jeder für sich nachvollziehen – und kann das auch. Wenn die vielen Tiere mit den großen Augen eines zeigen, dann, dass Philosophie jedem die Augen öffnen kann. Anders als im Falle Hamlets – und des Eisbären? – ist unser Schicksal nicht ausgemacht. Höchste Zeit, darüber nachzudenken.

Bradley Trevor Greive (aka „BTG“) stellt einerseits den größtmöglichen Kontrast zu einem professionellen Denker dar: Unterhaltsam, witty und nie um eine Pointe verlegen, gehört Greive zu den unwahrscheinlicheren Autoren einer Einführung in ein philosophisches Werk. Aber genau das überbrückt jene Distanz, die wohl jede/r zu philosophischen Sätzen fühlt. Greives Einführung ist keine philosophische, sondern eine persönliche: Das Vorwort ist ein Bekenntnistext, der seine eigene Konversion zum Russell-Leser anekdotisch beschreibt.

Glaubt man Greive, dann machten ihn seine brasilianischen Verleger auf Russells Essay aufmerksam. Keine Erinnerung an die durchzechte Nacht, die darauf folgt; erst am Morgen danach entdeckt Greive die Buchempfehlung wieder:

I found I was lying on top of an unruffled bed, still dressed for quasi-serious literary business. However, my initial sense of relief was somewhat tempered by the subsequent discovery of a juicy half-eaten hamburger stuffed cruelly into my jacket pocket, the folded beef patty and deformed bun squished into a determined scowl. Compelled to anxiously probe all my pockets for additional trans-fat-dense fare, I fumbled across the crumpled piece of paper upon which Marcos had written the title of Russell’s essay. Thank God. (3)

Die Bekehrung lässt nicht lange auf sich warten: I read the essay once, twice, and then, just the ending for a third time. I was hooked. Russell’s message changed my life. (4) – Das mag wahr sein, aber die Konversion zu Russells Philosophie der Muße ist augenzwinkernd: Greives Rhetorik strotzt vor Pathos, Lust an Anekdote, Übertreibung und Ironie, was Selbstironie zum Glück einschließt.

Absichtlich oder nicht stellt sich Greive damit in die Tradition der Lobrede auf die Philosophie, denn seine Bekehrung zur Philosophie fängt genau da an, wo Platons Symposion aufhört, nach einer durchzechten Nacht. Greive nimmt damit die Rolle des Alkibiades ein, der volltrunken eine Eloge auf Sokrates hält, die in eine homoerotische Liebeserklärung abdriftet. Von Philosophie würde Alkibiades gern etwas verstehen, konzentriert sich aber stattdessen auf Sokrates als Person. Russell ist Greives Sokrates, aber im Unterschied zu Alkibiades beginnt seine Hommage nach der Ausnüchterung. Zudem kann Greive zeichnen.

Was Greives Hommage erreicht, ist die Verbindung von Russells Essay mit seiner Person aufzuzeigen: Russell hat vorgelebt, was er in Praise of Idleness fordert – gerade das macht ihm zum echten philosophischen Vorbild – und Greives Ausgabe zu einer humorigen Einführung in Leben und Werk. Was Russell über Arbeit sagt, macht die Ambivalenz dieser begeisterten Hommage deutlich: Russell mag vielleicht the most brilliantly succint definition of work ever conceived (23) anbieten, aber es ist keineswegs so klar, dass die Definition auch richtig ist. Denn Russell schreibt: Work is of two kinds: first, altering the position of matter relative at or near the earth’s surface relatively to another; second, telling other people to do so. (39)

Das hört sich klug und allgemeingültig an, könnte aber schlicht zu unspezifisch sein. Dann wäre die Definition zwar brilliantly succinct, aber immer noch falsch. Russell selbst ist schnell bei einem engeren Arbeitsbegriff, der zu dieser Definition im Widerspruch steht: Arbeit ist für ihn vor allem Arbeitszeit, Lebenszeit, die Menschen mit Arbeit und nicht in idleness oder, das ist für Russell dasselbe, leisure zubringen. Das sollten, fordert Russell, in einer modernen Gesellschaft nicht mehr als vier Stunden sein.

Aber ob Greives Rekonstruktion von Russells Essay philosophisch richtig und sein Lob nicht übertrieben ist: darauf kommt es nicht an. Ob der Gehalt seiner Philosophie überzeugt, ist für Greives Ansatz weniger wichtig als die Haltung, aus der heraus Russell schreibt; Was Russell für Greive zum Vorbild macht, ist der state of Active Idleness (86), der nicht nur im Essay beschrieben wird, sondern den Russell selbst immer wieder gesucht und zuerst als Junge im Garten und bei langen Spaziergängen entdeckt hat. Muss noch gesagt werden, dass „Bertie“ Waise war, der von einer strenggläubigen Großmutter und a parade of Germanic tutors (86) unterrichtet wurde – die Muße also bereits Flucht vor einer entfremdeten Erziehung? Das versteht sich in Greives Biographie des kreativen idler beinahe von selbst.

Dennoch ist Greives Nachwort und seine philosophische Rekonstruktion von Russells gelebter und beschriebener Muße etwas zu zeitgemäß. Denn aus der Active Idleness, die Russell im Rückblick beschreibt, wird bei Greive die Russell Method of Creative Discipline, Russells Anleitung zum produktiven Kreativ-Sein:

  • Exhaustive Research and thought to the point of complete immersion in the subject.
  • Attaining physical and objective distance from the project, during which further contemplation is undertaken in a state of Active Idleness.
  • Seeing the work or solution as a whole, and reproducing same.
  • Sober self-criticism and editing after the fact to ensure the creative and intellectual integrity of the project. (101)

Die Abfolge dieser Schritte suggeriert, dass Muße herstellbar ist, und die Russell-Methode – study, escape, contemplation, inspiration, critical evaluation (101) – immer funktioniert. Der Erfolg gibt ihr Recht: A number of famous authors since Russell have shared similar working methods, including Hemingway—who, when based in Cuba and Key West, would abandon his writing each afternoon to go fishing. (101) Die Russell-Methode mag die Erfolgsformel produktiver Autoren sein, zu denen Russell (über 70 Titel) und Greive (über 25 Millionen verkaufte Bücher) beide gehören. Aber schon der Gedanke einer Methode für die Muße zwingt diese wieder in eine Produktionslogik. Zeit dafür haben letztlich nur die, die nicht Arbeiten müssen oder deren Arbeit kreativ ist. Das aber sind nur die happy few einer intellektuellen und humoristischen Elite.

So richtig Greives (Selbst-)Beschreibung produktiver Autorschaft deshalb sein mag, sie geht an einem entscheidenden Gedanken Russells vorbei: dem gleichen Recht auf Muße. Gerade dieses Recht ist das Spezifikum von Muße in der Moderne, wie Russell schreibt: Leisure, within limits, [is] not the prerogrative of small privileged classes, but a right evenly distributed throughout the community. The morality of work is the morality of slaves, and the modern world has no need of slavery. (42-43) Diesen gesellschaftspolitischen Anspruch einer gleichen Verteilung von Muße unterschlägt Greive, weil er in Russell zu viel von sich selbst entdeckt. Anders als etwa für Nietzsche kommt es Russell nicht auf die Leistungen der Genies an, die Muße möglich macht, sondern auf den individuellen, aber gleichen Zugang zum Glück, das die Muße verspricht.

Das wird auch deutlich in jener Utopie, mit welcher der Essay endet und die Greive schon bei der ersten Bekanntschaft mit Russell dreimal las, die aber viel mehr als die Russell-Methode für kreatives Schreiben umfasst:

Above all, there will be happiness and joy of life, instead of frayed nerves, weariness, and dyspepsia. … Since men will not be tired in their spare time, they will not demand only such amusements as are passive and vapid. At least one per cent will probably devote the time not spent in professional work to pursuits of some public importance, and, since they will not depend upon these pursuits for their livelihoods, their originality will be unhampered, and there will be no need to conform to the standards set by elderly pundits. But it is not only in these exceptional cases that the advantages of leisure will appear. Ordinary men and women, having the opportunity of a happy life, will become more kindly and less persecuting and less inclined to view others with suspicion. The taste for war will die out. (71)

 Worauf es Russell also ankommt, sind gerade nicht die exceptional cases der Kreativen. Muße ist vielmehr deshalb ein hohes Gut, weil sie nicht nur dem one percent die Möglichkeit kreativer Arbeit gibt, sondern jeder und jedem die Möglichkeit, ihr und sein Glück zu suchen. Die Russell-Methode kommt dagegen nicht nur als Lebenshilfe, sondern lebt von dem Versprechen, man selbst könne auch zu jener kleinen Gruppe gehören, die mit Muße Erfolg hat.

Das alles schmälert den Gewinn nicht, den Greives Bilder, Russells Weisheiten und die (Re-)Lektüre seines Essays mit sich bringen, die man kaum besser und tiefsinniger unterhalten genießen kann als mit Greives Bildern vor Augen. Außerdem hat Greive auch ein Gespür für die Grenzen der Muße-Methode. Selbst wenn sein Nachwort an Russells Politik der Muße vorbeigeht, macht Greive auf den echten Anfang der Philosophie aufmerksam: Die sokratische Devise Question everything (107) will Greive seiner Bestimmung der Russell-Methode noch voranstellen. Aber nimmt man das Fragen ernst, dann versetzt es in einen Zustand der Unbestimmtheit und des Möglichkeitssinns. Mit diesem ersten Schritte hört die Methode auf, Methode zu sein. Greives eigene Bilder machen das am deutlichsten, wenn sie zum Betrachten einladen.

Denn was die Tiere mit ihrer ‚Muße‘ anstellen, folgt keiner Methode. Und die Stimmung, in die einen Greives Zeichnungen und Russells zu Aphorismen gewordene Formulierungen versetzen, ist eher eine Stimmung der Fraglichkeit und Nachdenklichkeit als der erste Schritt einer Kreativitätsmethode. Fragen ist der Anfang der Philosophie. Aber es lässt sich nicht erzwingen, was schon Alkibiades nicht verstanden hat. Greive spielt mit dem popkulturellen Trend zur Selbstverniedlichung des Menschen im Tier und verkehrt ihn in einen Gedankenanstoß. Das ergäbe bloß ein gutes Kinderbuch, wäre da nicht Russells Philosophie. So ist es eine launige, aber gelungene Einladung zum Nachdenken und Nachleben.

 

Bertrand Russell, In Praise of Idleness. With an Introduction, Afterword, Notes and Illustrations by Bradley Trevor Greive. First printed in 2015. Reprinted in 2016. Collingwood, Australia: Nero Books.

ISBN 978-1-863 957 908

www.nerobooks.com

Abbildungen: Wikimedia oder mit freundlicher Genehmigung von Nero Books.

[1] https://www.blackincbooks.com.au/imprint/nero

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Empfohlene Zitierweise:


Tobias Keiling: Tierisch gute Muße. Bertrand Russels In Praise of Idleness, illustriert von Bradley Trevor Greive
In: Muße. Ein Magazin, 2. Jhg. 2016, Heft 2, S. 43-47.
DOI: 10.60494/musse-magazin/2.2016.43
URL: http://mussemagazin.de/?p=1864
Datum des Zugriffs: 24.05.2017

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