Muße im Senegal

Interview mit dem Erzähler und Schriftsteller Zoumba

Thomas Klinkert und Anna Karina Sennefelder

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Das Interview mit Zoumba (alias Pape Samba Sow) wurde im Januar 2015 in Freiburg geführt. Zoumba, der in Saint-Louis im Senegal lebt, ist professioneller Geschichtenerzähler und Schriftsteller. Er ist Begründer und Vorsitzender des Vereins COCON (Les Compagnons-Conteurs du NORD: Sénégal). An der Universität Saint-Louis bietet er regelmäßig Seminare zum mündlichen Erzählen an.Im Januar 2015 war Zoumba auf Einladung des SFB 1015 „Muße. Konzepte, Räume, Figuren“ zu Gast in Freiburg.

Thomas Klinkert : Zoumba, im Rahmen des SFB untersuchen wir Muße, die auf Lateinisch otium, auf Französisch loisir, auf Englisch idleness oder leisure heißt. In den verschiedenen Sprachen gibt es somit verschiedene Begriffe, die nicht immer genau dasselbe bedeuten. Wir haben Sie zu uns eingeladen, weil Sie Künstler sind und aus einer afrikanischen Kultur stammen. Gibt es die Muße in Ihrer Kultur? Wenn ja, in welchem Zusammenhang steht sie mit Ihrer Arbeit als Künstler?

Z: Bei uns kann man die Muße nicht gut von tätigen Beschäftigungen unterscheiden, denn alles, was wir tun, besitzt eine fließende Form. Wenn der Hirte arbeitet, dann kümmert er sich um seine Schafe oder Ziegen; er lebt ununterbrochen mit ihnen, sodass es schwer fällt zu sagen, wann der Hirte nicht mehr Hirte ist; er ist und bleibt immer Hirte. Genauso ist es mit dem Holzfäller, er lebt in der Natur, bei den Bäumen, er fällt die Bäume, und selbst wenn er keine Bäume fällt, dann schläft er bei ihnen, auf einem Bett aus Blättern usw. Er ist ein Teil der Natur. Aber wir kennen auch das, was man Muße nennt, Momente, in denen man nichts tut. Wir stellen uns vor, dass wir frei sind und dass die Zeit uns gehört. Ich arbeite nicht für irgendjemanden, sondern bin einfach nur da, allein oder auch in einer Gruppe, ganz bei mir. Was aber fange ich mit meiner Einsamkeit an? Bei mir zu Hause in Saint-Louis im Senegal – ob das allgemein in Afrika so ist, weiß ich nicht – kocht man, wenn man gerade nichts zu tun hat und daher wahrhaft frei ist, einen Tee, einen Tee auf senegalesische Art, der sehr speziell ist, denn wir mögen es, uns Zeit zu nehmen. Man trinkt drei Gläser Tee, die jeweils unterschiedlich sind. Man kocht den Tee sehr langsam, nicht mit einem Gaskocher oder einem elektrischen Herd, sondern über einem Holz- oder Kohlenfeuer, was natürlich sehr lange dauert. Aber das ist der einzige Moment, in dem man sich wahrhaft frei fühlt, da man sich alles sagen kann; man ist ja nicht allein, sondern mit anderen zusammen.

TK: Ist das eine Zeremonie?

Z: Das ist eine Zeremonie. Und wenn ich alleine anfange, den Tee zu machen, dann bedeutet das, dass ich mir Besuch erhoffe. Man sagt sogar, dass es der eigentliche Zweck des Teekochens sei, Leute herbeizuholen. Das zeigt uns, dass der Senegalese nicht gerne allein ist. Kaum dass man anfängt, Tee zu kochen, vermutlich aufgrund des Duftes…

TK: Der Duft lockt die anderen an?

Z: Ja. Wenn irgendjemand in einem Kilometer Entfernung Tee kochen würde, dann würde ich es merken. Und ich würde mir sagen: „Da gehe ich jetzt hin.“ Wir im Senegal sind gewissermaßen alle süchtig nach Tee.

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Anna Karina Sennefelder: Gibt es in der im Senegal gesprochenen Sprache Wolof einen Begriff für die Muße?

Z: Es gibt viele Begriffe, aber ich weiß nicht, welcher genau passen würde, um die Muße zu bezeichnen. Wenn es sich um eine Phase der Unterhaltung und des Vergnügens handelt, dann würde man fo sagen. Fo ist eine Muße, die zum Vergnügen dient. Wenn es sich um eine Muße der Einsamkeit handelt, dann sagt man weet.

AKS: Und wie sagen Sie es auf Französisch? Sagen Sie loisir oder otium? Verwenden Sie überhaupt den Begriff otium?

Z: Nein, das ist ein Begriff aus der Gelehrtensprache. Ich musste ihn erst im Wörterbuch nachschlagen, als ich die Einladung nach Freiburg erhielt. Wir sagen le loisir oder auch les loisirs.

TK: In unseren Forschungen haben wir festgestellt, dass der Muße häufig eine Ambivalenz innewohnt. Im Deutschen etwa gibt es neben der tendenziell positiven Muße auch den potentiell lasterhaften Müßiggang. Man kritisiert die Muße häufig deshalb, weil man annimmt, dass sie zur Trägheit führe, zur sündhaften acedia, oder zur Melancholie, zum ennui. So gibt es eine ganze Palette von Begriffen, die das bezeichnen, was als Gefährdung für das Individuum wahrgenommen wird.

Z: In der schwarzafrikanischen Kultur sagt man, dass ein Kind, das erzogen werden soll, niemals der Untätigkeit überlassen werden dürfe. Daher ist man in Afrika immer in Aktion begriffen; man bewegt sich die ganze Zeit, selbst wenn man allein ist.

AKS: Das Nichtstun ist somit gefährlich?

Z: Es gilt als gefährlich. Wenn man einfach nur so da ist, allein und frei und ohne etwas zu tun zu haben, dann führt das zu schlechter Laune. Dann wird das Leben uneigentlich. Genau so ist es, wenn man wie ein Roboter immer mechanisch dieselben Dinge wiederholt. Wenn man sich zwingt, jeden Tag zur selben Zeit dieselben Dinge zu tun.

TK: Als wir uns neulich bei Ihrer Aufführung trafen, da sprachen Sie davon, dass die Einsamkeit in Afrika gar nicht existiere.

Z: Sie existiert nicht als solche, denn unser Leben beruht auf dem Prinzip der Gemeinschaft. Wenn sich jemand isoliert, dann hat das zur Folge, dass die Leute sich wundern. Sie sagen dann, es sei nicht normal, dass ein Afrikaner sich von den anderen zurückziehe, da unsere Gesellschaft nach dem Prinzip der Gemeinschaft funktioniert. Die Leute kommen dann und fragen: „Was ist denn nur los mit dir?“ Es mag sein, dass du dich in der Einsamkeit wohlfühlst, aber die Leute wollen von dir wissen, was los ist und warum du dich zurückziehst. Da muss man sich dann immer rechtfertigen. Und wenn die Leute dich von der Untätigkeit zur Beschäftigung führen wollen, dann holen sie dich in die Gemeinschaft zurück.

AKS: Ich möchte Sie etwas zu den mußetypischen Verhaltensweisen fragen. Sie sprachen von der Gewohnheit des gemeinsamen Teetrinkens. Gibt es noch andere mußeaffine Praktiken?

Z: Ja. Es gibt die individuelle Meditation im Gebet. Man schreibt nicht. Wir haben keine Tradition des Schreibens, aber wir lesen. Man liest den Koran, denn wir sind Muslime.

TK: Kann man also sagen, dass das Lesen des Korans ein Ausdruck von Muße sei? Können denn viele Menschen lesen?

Z: Ja, es gibt viele, die lesen können. Man lernt den Koran lesen, auch wenn man kein Arabisch versteht.

TK: Haben Sie denn Arabisch gelernt?

Z: Nein, ich habe nicht Arabisch gelernt, sondern den Koran. Ich kann daraus bestimmte Stellen rezitieren, ohne viel davon zu verstehen. Natürlich haben bei uns einige auch Arabisch gelernt. So gibt es etwa in der Schule, in der ich als Lehrer arbeite, Hausaufgabenbetreuer, die ganz im Gegensatz zu mir, sobald sie einen Moment frei haben, obwohl sie in einer konventionellen französischen Schule sind, zum Koran greifen und mit ihm ein Mußeerlebnis haben. Sie ziehen sich in eine Ecke zurück und man sieht in ihren Augen die Glückseligkeit aufscheinen.

TK: Das wäre dann also eine Art Einsamkeit?

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Z: Ja. Man versenkt sich in den Koran, man meditiert, es ist eine Art Eremitentum, selbst wenn man sich in Gesellschaft anderer befindet. Auch wenn die Schulglocke ertönt, stört sie das nicht.

TK: Was ich besonders interessant fand, war, dass Sie vorhin beispielhaft von den Hirten gesprochen haben. Im mythischen Arkadien der Schäferromane, die ich in meiner Arbeit unter anderem untersucht habe, treffen sich die Hirten an einem Brunnen und fangen an zu singen und zu dichten, um sich gegenseitig von ihrer meist unglücklichen Liebe zu erzählen. Aus der Muße der Schäfer heraus entsteht die Poesie. Gibt es das bei Ihnen auch? Haben die Hirten zum Beispiel eine Flöte und dichten sie auch?

Z: Ja, sie spielen Flöte. Im Norden des Senegal, an der Grenze zu Mauretanien, befindet sich ein Gebiet namens Walo, das Schwemmland des Flusses Senegal, und Fouta, eine sehr trockene Gegend, die schon zur Sahelzone gehört und wo hauptsächlich Hirten mit ihren Herden leben. Der Hirte hat ein ganz besonderes Verhältnis zum Sand. Der Sandboden gehört ihm, er fühlt sich als Herrscher des Sandes, weil er über seine Tiere herrscht, die ihm gehorchen. Er spricht zu ihnen mit seiner Flöte. Die Melodien, die er ihnen vorspielt, bleiben stets gleich, denn die Tiere können sie verstehen. So spricht er zu den Tieren und gibt ihnen Anweisungen: „Wir ziehen los“, „Wir kehren zurück“, „Es ist Abend“, „Es ist Morgen“ usw.

TK: Er spielt also auf der Flöte. Singt er auch? Gibt es Lieder?

Z: Ja. Er singt und es gibt Lieder, auf Peul. Denn die Hirten gehören zum Stamm der Peul. Das sind Nomaden.

TK: Dichten sie?

Z: Aber ja! Es sind große Dichter. In ihren Gedichten kommen auch viele Wörter aus dem Arabischen vor, denn sie leben nahe der Grenze zu Mauretanien. Die Peul sind ein Volk der großen Dichter. Stärker als wir geben sie sich der Kontemplation hin. Wenn ich von den Hirten spreche, dann denke ich aber auch an die Frauen der Fischer. Saint-Louis ist nämlich eine Gegend, in der man Fischfang betreibt. Am Morgen fahren alle Fischer aufs Meer hinaus. Manchmal bleiben sie bis zu vierzehn Tage oder vier Wochen draußen. Sie heuern auf koreanischen oder japanischen Kuttern an und fahren hinaus, das ist der Fischfang im großen Stil. Aber selbst die lokalen Fischer können mehrere Tage oder eine Woche lang draußen bleiben, bis ihr Boot mit Fischen voll ist. Wenn sie zurückkommen, gibt es Arbeit für ihre Frauen, sie trocknen und räuchern die gefangenen Fische oder frieren sie ein. Wenn ihre Männer und Söhne aber unterwegs sind, draußen auf dem Meer, sind die Frauen allein. Und wenn sie allein sind, dann kommen sie zusammen. Das ist keine individuelle Muße, sie kommen zusammen und erzählen sich bis spät in die Nacht Geschichten. Und wenn die Männer nach Hause kommen und den gefangenen Fisch ihren Frauen geben, auf dass sie ihn zum Markt bringen und dort verkaufen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, dann treffen sich die Männer.

TK: Sind sie denn gar nicht bei ihren Frauen, nachdem sie tagelang weg waren?

Z: Ja, aber nur nachts, denn tagsüber gehen die Frauen auf den Markt.

TK: Männer und Frauen arbeiten also alternierend? Während die Männer auf dem Meer draußen sind, erzählen sich die Frauen Geschichten; wenn die Männer zurückkehren, verkaufen die Frauen die Ware auf dem Markt?

Z: Genau. Es gibt übrigens auch eine interessante Beobachtung bezüglich der traditionellen Feste und Zeremonien. Ich selbst bin kein Fischer, stamme nicht aus deren Viertel; wenn meine Frau ein Kind zur Welt bringt, dann feiern wir am achten Tag nach der Geburt ein Fest. Im Viertel der Fischer von Saint-Louis dagegen feiert man nicht unbedingt am achten Tag nach der Geburt das Fest. Eine Frau bekommt zum Beispiel heute ein Kind. Das Geburtsfest findet aber erst in drei Monaten statt. Warum? Nun, wenn man acht Tage nach der Geburt das Fest feiern wollte, dann würden keine Gäste kommen, weil die Fischer gerade draußen auf dem Meer wären. Man muss das Fest also dann feiern, wenn die Fischer eine Pause machen. Solche Pausen gibt es durchaus und dann kann man richtig und schön lange feiern, denn sie dauern bis zu zehn Tagen.

AKS: Mich interessiert der Stellenwert der Arbeit in Ihrer Kultur. Man kann ja durchaus in der Arbeit auch Mußeerlebnisse haben, d.h. Muße und Arbeit sind nicht unbedingt als Gegensätze zu begreifen. Wie ist in Ihrer Kultur das Verhältnis von Muße und Arbeit?

Z: Bei uns, so sagt man, kommt die Arbeit an erster Stelle. Man sagt, dass die Arbeit äußerst wichtig sei, denn schon im Koran steht geschrieben – und auch die Alten sagen es –, dass Gott selbst niemals müßig gewesen sei. Um den Menschen zu erschaffen, musste Gott arbeiten. Also sagt man: Man muss alles tun, um zu arbeiten und um stets aktiv zu sein. Sobald man faul ist, gilt man bei den Leuten als gottlos.

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AKS: Das ist ja in unserer Gesellschaft ganz ähnlich. Wir haben ein starkes Arbeitsethos und wenn jemand sich der Arbeit verweigert, dann wird das nicht gerne gesehen.

Z: Das gilt als Faulheit.

TK: Gibt es denn in Ihrem Alltag, während der Arbeit, Momente des Rückzugs, der Meditation, des Innehaltens, die durchaus Teil des Alltags sind und zugleich Kreativität ermöglichen?

Z: Nun, ich kann nicht allgemein für die Kultur des Senegal oder Afrikas sprechen, aber was mich persönlich betrifft, so habe ich – und das entspricht meiner Natur als Dichter – eine sehr direkte und unmittelbare Beziehung zu der mich umgebenden Natur, d.h. dem Fluss Senegal. Für mich wohnt dem Fluss gewissermaßen eine Musik inne, und wenn ich so etwas wie Inspiration verspüre, dann gehe ich zum Fluss und fühle mich sofort wohl in meiner Haut und werde von guten Ideen erfasst. Ich habe dann sehr gute Eingebungen und kann schreiben. Es entspricht meiner Natur, mich am Fluss aufzuhalten.

AKS: Das scheint so etwas wie ein universelles oder anthropologisches Merkmal zu sein, denn häufig ist das Wasser ja auch in der Literatur ein Mußeelement, die Wellen und die Meeresbrandung etwa. Was ist denn für Sie persönlich der idealtypische Mußemoment? Bei uns ist es zum Beispiel die Einsamkeit im Wald oder wenn man auf einem Hügel steht, mit einem schönen Blick auf die Umgebung; so wird das in der Literatur immer wieder dargestellt. Wie ist es für Sie persönlich?

Z: Ich persönlich denke, dass sich Muße dann ergibt, wenn man sich von seiner alltäglichen Umgebung entfernt. Muße ist immer auch räumlich bestimmt. Ich denke, dass der Schäfer, solange er sich auf dem Sandboden befindet, keine Muße haben kann, da er seiner unmittelbaren Umgebung verhaftet bleibt. Um Muße erleben zu können, muss er sich entfernen.

TK: Nachdem wir schon vom Raum sprechen, würde ich gerne auch von der Zeit sprechen und vom Verhältnis zwischen Raum und Zeit. Neulich sagten Sie, dass einem Klischee zufolge die Europäer im Besitz der Uhrzeit seien, die Afrikaner dagegen im Besitz der Zeit. Wie aber verhält sich die Zeit, die die Afrikaner besitzen, zum Raum, den sie ja auch besitzen, insbesondere die Nomaden?

Z: Für mich ist das verblüffend, wenn ich nach Europa komme. Hier in Freiburg zum Beispiel sehe ich den Raum. Die Straßen sind breit und geräumig. Es gibt sogar eigene Spuren für die Straßenbahn. Man hat wirklich viel Platz. Wenn ich dagegen im Senegal bin und mir eine europäische Straße vorstelle, dann sehe ich etwas Geschlossenes; eine Straße ohne Raum, auf der alles eingeschlossen ist.

TK: Entspricht das Ihrer persönlichen Vorstellung?

Z: Das ist allgemein die Vorstellung im Senegal, in Saint-Louis. Es handelt sich um ein Vorurteil. Wir Afrikaner haben den Raum. Wir können Ackerbau betreiben. Der Ackerbau ist die wichtigste Tätigkeit der Afrikaner. 75 bis 80 % von uns arbeiten auf dem Feld, und dennoch schaffen sie es nicht, uns zu ernähren. Wir betreiben Ackerbau und Viehzucht auf extensive Weise, denn wir haben Raum im Überfluss, wir haben soviel davon, dass wir gar nicht wissen, was wir damit machen sollen. Im wörtlichen Sinn besetzen wir den Raum, anstatt auf engem Raum etwas so anzupflanzen, dass es üppig wächst. Die Häuser übrigens gehören normalerweise der Gemeinschaft. Alle Angehörigen wohnen in einem Haus. Wenn zum Beispiel meine Tochter heiratet, dann wird ihr Ehemann bei uns einziehen. Und mein ältester Sohn wird seine Ehefrau ebenfalls ins Haus holen. Das ist normalerweise so. Das bedeutet dann, dass wir alle zusammen aus einem Topf essen. Hier in Europa, wenn man zusammen beim Essen sitzt, dann unterhält man sich und erzählt von den Erlebnissen des Tages. Es wird erwartet, dass man sich unterhält, daher hebt man sich die Informationen eigens dafür auf. Bei uns dagegen spricht man nicht während des Essens. Der einzige, der sprechen darf, ist das Familienoberhaupt, denn bei uns gelten strenge Hierarchien.

TK: Wann kann man denn dann sprechen?

Z: Es gibt Momente, die dafür vorgesehen sind, vor allem nachts. Denn bei uns ist es tagsüber ja sehr heiß. Nur nachts wird es etwas frischer und man kann dann das Haus verlassen, denn dort ist es auch nachts noch heiß, weil sich viele Menschen darin befinden. Man geht also raus und dann ist es an der Zeit, sich Geschichten zu erzählen, Ratespiele zu spielen, Sprichworte aufzusagen… Dann bilden sich auch kleine Gruppen, in denen man sich gegenseitig erzählt, was am Tage passiert ist. Dabei finden auch Liebende zusammen.

TK: Und wann erzählen Sie Ihre Geschichten?

Z: Meist am Abend. Meine Kinder rechnen damit, dass ich nach dem Abendessen Geschichten erzähle. Ich fange aber spontan damit an. Und wenn ich mal keine Geschichten erzähle, dann tut es meine Frau oder meine Mutter.

AKS: Manche Philosophen sagen, dass das Erleben von Muße glücklich mache. Der Glücksaspekt spielt für unsere Auffassung von Muße eine wichtige Rolle. Ist es für Sie auch so, dass Muße und Glück zusammenhängen?

Z: Für mich persönlich ist Glück eine relative Vorstellung. Glück ist für mich das, was ich mir besonders wünsche. Bei uns im Senegal bedeutet Glück zum Beispiel, dass man eine Frau hat, dass man Kinder hat, das gehört bei uns dazu, anders als in Europa, wo viele unverheiratet sind und keine Kinder wollen. Auch die Ernährung ist wichtig. In dem Stück, das ich gestern aufgeführt habe, heißt es, dass es in Afrika kein wichtigeres Thema gibt als die Ernährung. Wenn sie sichergestellt ist, dann ist man glücklich, denn bekanntlich ist das für viele ein Problem. Selten gibt es einen Afrikaner, einen Senegalesen, der die Gewissheit hat, dass er seine Familie ernähren kann. Denn in Afrika sind die Familien sehr groß. Das Problem ist, dass ich arbeiten muss, um zwanzig Personen zu ernähren. Ich selbst bin da, meine Frau und meine Kinder sind da, aber auch meine Verwandten. Manche von ihnen sind mir anvertraut worden; einige wohnen dauerhaft bei mir, andere kommen zum Mittag- oder Abendessen. Das bringt Sorgen und Probleme mit sich.

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TK: Ich hätte eine Frage bezüglich des Publikums. In Europa ist das Publikum der Literatur spätestens seit dem 18. Jahrhundert mehrheitlich weiblich. Wie ist das bei Ihnen im Senegal? Lesen dort Männer und Frauen?

Z: Bei uns ist das anders. Das lässt sich am Beispiel des Korans zeigen. Es tut mir leid, aber in unserer Kultur wurden die Frauen lange Zeit geringgeschätzt. Die Leser des Korans waren Männer. Sie lasen und lernten den Koran und haben ihn sich so ausgedeutet, dass sie ihre Vorherrschaft gegenüber den Frauen damit legitimieren konnten. Die Frauen hatten gar nicht das Recht, den Koran zu lesen, sie hatten kein Recht auf Bildung. Dafür gibt es natürlich keine Rechtfertigung.

AKS: Ist die Muße Ihrer Meinung nach etwas Geschlechtsspezifisches? Ich habe in meinen Forschungen festgestellt, dass der Dichter, der Flaneur, das Genie vor allem als männliche Figuren gedacht werden. Das Mußeprinzip ist in Europa dominant männlich. Nach Momenten weiblicher Muße muss man lange suchen. Wie ist das bei Ihnen?

Z: Was mich persönlich betrifft, so beobachte ich, dass die Frau immer noch vor allem als Bild des Schönen und des Anmutigen wahrgenommen wird. Die schreibende Frau hat sich noch nicht als Rollenmodell durchgesetzt. Es schreibt der Mann und die Frau soll ihn dabei inspirieren.

TK: Haben Sie denn bei Ihrem Aufenthalt in Freiburg Momente erlebt, die Ihnen als Momente der Muße erschienen?

Z: Ja. Und das war seltsam. Ich war mit Freunden zusammen. Wir steigen aus der Straßenbahn aus, gehen ein wenig und dann treffen wir auf Obdachlose mit ihren Weinflaschen. Einer von ihnen war ziemlich kräftig und dick. Ich habe mich mit ihm zusammen fotografiert. Ich hatte den Eindruck, dass diese Leute sich wohlfühlten. Am Abend vielleicht, wenn es kalt ist und sie kein Dach über dem Kopf haben, wo sie schlafen können, dann leiden sie vermutlich, aber in diesem Augenblick – denn es geht um den Augenblick im Hier und Jetzt – ging es ihnen gut. Ihr Zeitvertreib ist es, Wein zu trinken, da zu sitzen und die Leute zu beobachten, die vorübergehen. Ich sah auch einen, der mitten auf der Straße Gitarre spielte, aber nicht er schien mir wahrhaft glücklich zu sein, sondern ein anderer, der ihm zuschaute und zuhörte. Er gab ihm keine Münze, er stand bloß da und befand sich in einem kontemplativen Zustand, er bewunderte den Musiker und man spürte, dass er glücklich war.

TK: Wäre so etwas auch in Saint-Louis möglich? Gibt es dort Leute, die sich auf die Straße stellen und Musik machen?

Z: Immer. In Saint-Louis ist es den Leuten nicht bewusst, dass sie mit ihrer Musik die religiösen Gesänge stören könnten. Sie können stören, weil sie immer sehr laut und zu den unmöglichsten Zeiten musizieren. Auch tagsüber musizieren die Leute. Wir machen unsere Proben auf der Straße und das ist ein Problem. Aber so ist es eben bei uns. In unserer Vorstellung von der Stadt existiert das Haus nicht. Es gibt nur die Straße. Der Raum ist also immer offen.

 

Transkription der Aufnahme: Cécile Roche

Photos von: Stephanie Boye

Redaktionelle Bearbeitung und Übersetzung ins Deutsche: Thomas Klinkert

Empfohlene Zitierweise:


Thomas Klinkert & Anna Karina Sennefelder: Muße im Senegal. Interview mit dem Erzähler und Schriftsteller Zoumba
In: Muße. Ein Magazin, 2. Jhg. 2016 Heft 2, S. 30-38.
DOI: 10.60494/musse-magazin/2.2016.30
URL: http://mussemagazin.de/?p=1848
Datum des Zugriffs: 23.11.2017

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