Rezension

Josef Pieper – Muße und Kult.

Michael Vollstädt

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Das erstmalig 1948 veröffentlichte Büchlein „Muße und Kult“ von Josef Pieper kann ohne Übertreibung als ein Klassiker des 20. Jahrhunderts zum Thema Muße bezeichnet werden. Dies belegen bereits die zahlreichen Auflagen des Werkes, zuletzt die Neuauflage von 2007, die ein umfangreiches Vorwort des langjährigen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Kardinal Karl Lehmann enthält, der neben einer Würdigung der Schrift auch die Umstände der Entstehung sowie die Einordnung dieses Opusculum innerhalb des Gesamtwerk Piepers darlegt.Neben hilfreichen Hinweisen bleiben dort jedoch einige Aspekte dieser Schrift unberücksichtigt, die hier deshalb etwas eingehender beleuchtet werden sollen.

Grundsätzlich fällt beim Lesen des Bands der häufige Rekurs auf Thomas von Aquin sofort ins Auge. Thomas ist auch im restlichen Œuvre Piepers die zentrale Referenzquelle. Neben dem Aquinaten werden als Kronzeugen der Muße-Tradition vor allem Platon und Aristoteles aufgerufen. Darin zeigt sich ein grundlegender Zug des pieperschen Werkes im Ganzen sowie dieser Schrift im Speziellen: die Einheitlichkeit einer abendländischen Tradition, die bei Pieper vor allem mit den Namen Platon und Thomas von Aquin gekennzeichnet werden können. Dieser Zusammenhang von paganer Philosophie und christlicher Theologie, die einen einheitlichen Traditionsstrang darstellt, erweist sich deutlich an der Gleichsetzung von scholé und deren Privativform ascholía mit ihren lateinischen Äquivalenten otium und negotium (vgl. Pieper 2007, 49f.). Diese Identifikation der Termini aufgrund ihrer Äquivalenz auf der Wortebene – wie sie immer wieder in der Forschungsliteratur vorgefunden werden kann – ist allerdings ausgehend von ihrer differenzierten Bedeutung und literaturgeschichtlichen Verwendung her zu hinterfragen. Zu schnell wird hier ein Traditionsstrang vom Griechischen zum Lateinischen konstruiert, der sich bei näherem Hinsehen als problematisch erweist. Dies zeigt sich beispielsweise im Kommentar des Aquinaten zur Nikomachischen Ethik des Aristoteles. Bei der Auslegung der zentralen Passagen zur Muße (scholé) dieses aristotelischen Werkes (vgl. Aristoteles, EN X 7, 1177a12-1178a8) verwendet Thomas nicht das Wort otium, sondern vacatio (vgl. Thomas von Aquin, Sent. Eth. X 11). Ebenso wird eine der zentralen biblischen Referenzstellen zur Muße (scholé), die sich in Psalm 45, 11 findet und von Pieper seiner Schrift vorangestellt wird, in der maßgeblichen lateinischen Übersetzung der Heiligen Schrift, der Vulgata, mit vacare übersetzt und nicht mit otium. Auch wenn eine Äquivalenz in einigen Bereichen und bei einigen Autoren durchaus vorliegt, ist die schlichte Identifikation von griechisch scholé und lateinisch otium problematischer als sie auf den ersten Blick erscheint.

Der Grund für diese weitverbreitete Identifikation der beiden Termini ist neben der onomasiologischen Nähe in der Vorstellung einer Tradition zu sehen, die von der vorchristlichen Philosophie zur christlichen Theologie führt. Dabei wird nicht selten das bereits frühchristliche praeparatioperfectio-Schema in diese Überlegungen miteinbezogen, so dass die pagane Philosophie als Vorbereitung (praeparatio) für eine christliche Theologie verstanden wird, in der diese Philosophie ihre Vollendung findet (perfectio). Dieser Gedanke findet sich auch an mehreren Stellen des thomasischen Werkes und dürfte auch dem Gedankengang Piepers zugrunde liegen. Demgemäß werden dem Traditionsrekurs eine gemeinsame Ausrichtung sowie eine gemeinsame inhaltliche Bestimmung zugewiesen.

Muße wird in diesem Zusammenhang von Pieper – auch in expliziter Anlehnung an Kierkegaard (vgl. Pieper 2007, 82) – als Übereinstimmung des Menschen mit sich selbst verstanden. Demgegenüber steht die Mußelosigkeit, die eine Fraktur des Selbstbildes darstellt, die den Menschen zur Verzweiflung führt und für die sich Pieper des christlich-monastischen Begriffes der acedia bedient (vgl. Pieper 2007, 85). Acedia geht auf das griechische akedía zurück und bedeutet Sorglosigkeit, d.h. in diesem Kontext die Vernachlässigung des Selbst. Der Begriff der acedia dient im monastischen Bereich der Kennzeichnung eines Zustandes einer negativen Unproduktivität, die das Subjekt lähmt und belastet. Pieper übernimmt diesen traditionell monastischen Begriff und verbindet ihn mit der modernen Philosophie – in diesem Fall Kierkegaard. Acedia bezeichnet hierbei die Schattenseite der Muße, den Müßiggang, welcher der Muße zwar in seiner scheinbaren Untätigkeit ähnelt, sich aber in seiner Wirkung auf das Subjekt radikal unterscheidet. Acedia lähmt das Subjekt und bedrückt es, weil es keinen Bezug zu sich selbst findet. Demgegenüber eröffnet die Muße vielmehr einen produktiven Raum für die Reflexion, so dass Muße als Möglichkeitsraum der Sorge um sich selbst beschrieben werden kann.

Die spezifische Konnotation der Muße wird noch deutlicher anhand ihrer Beziehung zur Arbeit. Pieper sieht in der Muße ein Korrektiv zur modernen Arbeitswelt, was er an drei Punkten festmacht. Erstens wird die Muße durch fehlende Aktivität gekennzeichnet, sie wird vielmehr als ein Geschehen-Lassen beschrieben und auch mit dem Schweigen in Verbindung gebracht (vgl. Pieper 2007, 86-89). Daraus wird ersichtlich, dass der Muße eine gewisse Passivität eigen ist, die allerdings nicht negativ konnotiert ist, sondern vielmehr als Entlastung begriffen werden kann. Zweitens setzt Pieper die Muße der Mühe entgegen und stellt einen Bezug von Muße zu Fest und Feier her (vgl. Pieper 2007, 89f.). Muße wird in diesem Zusammenhang, obgleich passiv konnotiert, nicht als Nichts-Tun verstanden, sondern vielmehr als ein Annehmen und Bejahen, was dem Charakter der Sorge und Annahme des Selbst entspricht. Drittens enthebt Pieper die Muße der Funktionalisierung des modernen Arbeitsverständnisses, insofern sie sich nicht auf eine soziale Funktion – als reine Erholung und Regenerierung – reduzieren lässt (vgl. Pieper 2007, 90-92). Vielmehr wird mit der Muße ein anderer Lebensmodus beschrieben, die vita contemplativa, die der vita activa des modernen Arbeitsverständnisses entgegengesetzt wird. Pieper stellt hierbei den Vorrang der vita contemplativa gegenüber der vita activa heraus (vgl. Pieper 2007, 91).

Die These des Vorranges der vita contemplativa wurde vor allem durch Hannah Arendt in ihrem Buch Vita activa (Originaltitel: The Human Condition) kritisiert. Pieper erklärt jedoch, warum die Muße über der vita activa steht: Die vita activa kennzeichne den menschlichen Bereich, wohingegen die Muße in ihrer Verbindung zur Kontemplation bereits in den Bereich des Göttlichen hineinreiche. Diesen Gedanken entnimmt Pieper der bereits angesprochenen Behandlung der Muße und Kontemplation in der Nikomachischen Ethik. Aristoteles beschreibt dort die vita contemplativa als etwas Göttliches, da die Kontemplation (griech. theoría) als Fähigkeit des Menschen zur Selbstreflexion diesen in die Sphäre des Göttlichen erhebt (vgl. Aristoteles, EN X 7, 1177b26-31), insofern sich das Göttliche bei Aristoteles durch seine Selbstreflexivität auszeichnet. Diesen theologischen Gehalt der Mußevorstellung übernimmt Pieper, indem er auf die paradoxale Struktur der Muße hinweist, die zum einen eine spezifisch menschliche, zum anderen aber auch eine übermenschliche Komponente enthält (vgl. Pieper 2007, 93f.). Diese Paradoxalität erklärt den höheren Wert der mit der Muße verbundenen vita contemplativa, insofern der Mensch hier über sich selbst hinaus strebt. Dies vollzieht sich dadurch, dass sich der Mensch innerhalb der Muße selbst in einem bivalenten, paradoxalen Zustand von aktiver Passivität befindet. Die Muße entzieht sich dem Zugriff und bleibt letztendlich unerreichbar, so dass sie nicht herstellbar ist, sondern sich der Fügung verdankt (vgl. Pieper 2007, 124). Dementsprechend steht die Muße außerhalb des Bereiches des Machbaren, weil sie nur zum Teil der Aktivität des Menschen entspringt, das Proprium der Muße kann dem Menschen nur widerfahren, im Sinne einer Gabe.

Die Muße führt den Menschen demgemäß an seine Grenzen und darüber hinaus, wodurch der Mensch Pieper zufolge mit dem Göttlichen in Berührung kommt. Die Sorge um sich selbst führt das Subjekt über sich hinaus und verweist auf einen weiteren Bezugspunkt. Daher ergibt sich auch der programmatische Bezug von Muße und Kult: Kult wird hier im wörtlichen Sinne als Sorge (lat. cultus) verstanden, und zwar sowohl als Sorge um den Menschen als auch um das den Menschen Überragende, um das Göttliche. Dieser Bezug lässt sich jedoch nicht einfach herstellen, sondern vielmehr stellt er sich im Geschehen-Lassen selbst ein. Dies wird besonders im Fest deutlich, das nach Pieper den Kern der Muße bildet (vgl. Pieper 2007, 113), weil es als Erlebnis einer aktiven Passivität das Göttliche dem Menschlichen nahebringt. Demgemäß entzieht sich die Muße und die damit verbundene vita contemplativa dem modernen Arbeitsethos, insofern sie dieses transzendiert und bildet damit auch ein Korrektiv zu ihr, da sich die Muße dem Machbaren entzieht.

Damit sind einige wichtige Punkte der pieperschen Schrift umrissen. Zentraler Knotenpunkt seines Rekurses auf die Muße ist der Rückgriff auf eine abendländische Tradition, die als Korrektiv zu modernen Formen eines schädlichen Arbeitsverständnisses fungieren kann. Diese Tradition rezipiert er, macht sie aber auch lebendig und wendet sie auf neue Konstellationen an, wie am Beispiel der acedia dargestellt. Dadurch ist das kleine Werk Piepers zu einem Klassiker der Muße des vorigen Jahrhunderts avanciert. Was dabei jedoch leicht übersehen wird ist der theologische Inhalt der Muße, den Pieper explizit entfaltet und von dem her überhaupt erst der programmatische Bezug von Muße und Kult verständlich wird. Denn nur aufgrund dieses Bezuges zum Kult, der eine Begegnung des Menschen mit dem Übermenschlichen darstellt, erlaubt es sich von der Muße als einem „der Fundamente der abendländischen Kultur“ (Pieper 2007, 48) zu sprechen.

Josef Pieper – Muße und Kult. Mit einer Einführung von Kardinal Karl Lehmann. Kösel: München 2007 (Neuausgabe).

Empfohlene Zitierweise:


Michael Vollstädt: Josef Pieper – Muße und Kult
In: Muße. Ein Magazin, 2. Jhg. 2016, Heft 2, S. 39-42.
DOI: 10.60494/musse-magazin/2.2016.39
URL: http://mussemagazin.de/?p=1846
Datum des Zugriffs: 22.07.2017

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