Arbeit, Alltag und der Umgang mit Zeit

Werkstattbericht

Martin Büdel

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Etwas mehr als sechs Monate lang hatte ich den Alltag von Catherine, Alain und ihren vier Kindern geteilt. Im Sommer 2014 saßen wir bei einem letzten gemeinsamen Essen zusammen, bevor ich für einige Zeit nach Freiburg zurückkehren würde. Ihr Familienbetrieb ist auf die Aufzucht von Rindern spezialisiert, wie auch viele der anderen Landwirtschaftsbetriebe hier im Norden des Département Cantal im französischen Zentralmassiv.Da ich für die Forschung im ethnologischen Projekt zur „Performativität von Muße“ die Arbeits- und Lebensweise der Menschen in Landwirtschaft und Handwerk erschließen wollte, war ich selbst als eine Art Praktikant in ihrem Familienbetrieb dabei.[1]

Zum Dank für ihre Gastfreundschaft hatte ich kleine Abschiedsgeschenke besorgt, unter anderem ein Buch mit Geschichten und Gedanken zum Gärtnern. Beide hatten hin und wieder erwähnt, dass ihnen die Gartenarbeit und der Gemüseanbau während der Sommermonate Freude bereiten; außerdem veranschaulicht die Tätigkeit im Garten ganz unterschiedliche Aspekte menschlichen Tuns. Aus diesem Grund fand ich es reizvoll, ihnen dieses Buch zu schenken.1

Um in den Beschreibungen von Alltagsbeobachtungen einen Bezug zum Phänomen der Muße zu finden, lege ich in meiner Forschung besonderes Augenmerk auf konkrete Tätigkeiten, die in Übergängen von Arbeit zu freier Zeit liegen oder diese Zuordnungen auch völlig überschreiten. Der Gemüseanbau im Garten ließe sich dann zunächst in vielerlei Hinsicht als Arbeit beschreiben: Es ist eine oft mühsame Tätigkeit, wenn beispielsweise mit gebeugtem Rücken Samen ausgelegt oder Unkraut gejätet werden. Die Gartenarbeit braucht auch einen langen Atem und viel Geduld, bis sie essbare Resultate zeitigt. Zudem ist sie auf ein festes Ziel bzw. einen Zweck ausgerichtet und bringt den Nutzen der späteren Ernte. Die Selbstversorgung mit Lebensmitteln ist ein zentrales Merkmal klassischer bäuerlicher Familienwirtschaften. Selbst wenn die Familie – auch bedingt durch den hohen Grad der Spezialisierung in der landwirtschaftlichen Produktion – einen großen Teil ihrer Lebensmittel im Supermarkt kauft, hat die Eigenversorgung auch unter diesen Bedingungen einen gewissen Stellenwert. Sie ließe sich also auch deshalb als Arbeit begreifen.

Neben der Anstrengung sind aber auch positive Momente mit dieser Tätigkeit verbunden. Catherine betonte mir gegenüber immer wieder, wie sehr sie die Arbeit im Freien genieße und auch die Abwechslung von anderen Tätigkeiten schätze, die ein oder zwei Stunden im Garten bieten können. Die Gartenarbeit ermöglicht so auch Momente freien und freudvollen Tuns, die sich dem teils fremdbestimmten oder zweckgerichteten Charakter der zentralen Arbeitsaufgaben im Familienbetrieb entziehen. Zwar ergibt sich daraus nicht zwangsläufig eine direkte Verbindung zu klassischen Vorstellungen von Muße in Philosophie oder Literatur. Aber besonders das Verhältnis von Arbeit und Muße oder Arbeit und freier Zeit ist ein gewinnbringendes Spannungsfeld, um ethnographische Zugänge und Fragen zu entwickeln.2

Muße in der Ethnologie

In der Ethnologie ist eine Beschäftigung mit Muße eher ungewöhnlich. Eigentlich gilt für sie selbst in ähnlicher Weise das, was der Ethnologe Peter Weidkuhn polemisch über die Soziologie bemerkte, die „mit dem Begriff der Muße […] nur dann etwas anfangen [kann], wenn sie darunter ‚Freizeit‘ versteht“.[2]

Bei Weidkuhn selbst dient der Gang durch verschiedene Bestimmungen von Muße von der Antike zur Gegenwart vor allem als Kontrastfolie, um die jeweiligen gesellschaftlichen und historischen Konflikte und Brüche in der Einordnung des Stellenwerts von Arbeit zu verstehen. Während er in der Marx‘schen Vorstellung einer Befreiung in der Arbeit einen „Rückschritt […] gegenüber der Antike“ (S. 109) erkennt, sind für ihn Ideen des Ökonomen Thorstein Veblen dagegen eine wichtige Grundlage dafür, „einen guten alten, wenn auch altmodisch gewordenen Ausdruck“ (S. 8), den der Muße als „Urform der Begabung zur Freiheit“ zu rehabilitieren. Veblen, so Weidkuhn, sehe in einer grundlegenden Schaffenskraft von Menschen – dem instinct of workmanship – eine der wesentlichen Bedingungen für wirtschaftliches, gesellschaftliches und kulturelles Vorankommen. Dies zeige sich beispielsweise in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und den daraus entstehenden Möglichkeiten freier Zeit. Weidkuhn sieht im Konzept des workmanship deshalb ein utopisches Potential durchscheinen. Es deute die Möglichkeit an, das Marx’sche Reich der Freiheit zumindest vorübergehend und flüchtig gegenwärtig werden zu lassen, nicht nur für die leisure class, die vermögende Oberschicht, sondern für alle Menschen (S. 168, 172).

In diesen Überlegungen wird ansatzweise deutlich, wie fruchtbar das Wechselverhältnis von Arbeit und Muße für ethnologische oder auch sozialtheoretische Fragestellungen ganz allgemein sein kann. Das gilt für die Beschreibung größerer gesellschaftlicher oder historischer Zusammenhänge in gleicher Weise wie für die ethnographischen Zugänge, die wir im ethnologischen Teilprojekt des SFB gewählt haben. Anhand einiger Beispiele aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten hat Gregor Dobler in seinen Überlegungen zum Verhältnis von Arbeit und Muße herausgestellt, dass Menschen sich auch in teils fremdbestimmten Arbeitsverhältnissen „selbst gestaltbare“ Freiräume suchen.[3]So zeigen ethnographische Beschreibungen verschiedener Arbeitswelten, wie beispielsweise bei Handwerkern an der Côte d’Ivoire oder Lokführern in Frankreich, dass Menschen auch im Rahmen von Arbeitsabläufen, die wesentlich von außen her strukturiert sind, Möglichkeiten finden, „mit Hilfe bewusster Entscheidungen den Übergang von rein zweckbestimmten Handeln zu freier Bestimmung zu schaffen“ (S. 65). Damit lässt sich in unserem Teilprojekt auch an einen sehr grundlegenden Gedanken zu Möglichkeiten der Erfahrung von Muße anschließen: Formal mag der Begriff der Muße in einem Gegensatz zu dem der Arbeit oder auch dem der Freizeit stehen, gleichzeitig transzendiert er beide auf eine ihm eigene Weise.[4]Nicht zuletzt, weil sich in ganz unterschiedlichen Lebens- und Arbeitswelten viele Momente finden, in denen mußeförmiges Tun sowohl in der Arbeit, als auch in der von (Lohn-) Arbeit freien Zeit erscheint, schließt er beide ein und ermöglicht eine neue Perspektive auf menschliches Tun.

In meiner eigenen Forschung nähere ich mich dem Thema der Muße zunächst vor allem über die Beobachtung und Beschreibung von Arbeitswelten und Praktiken freier Zeit an. Zur Erforschung von Arbeitswelten existieren in der Ethnologie bereits systematisch ausgearbeitete Zugänge, die sich für die Beschreibung der Alltagserfahrung von Landwirten und Handwerkern in Frankreich anbieten.[5]

Der Konzeption des Bayreuther Ethnologen Gerd Spittler liegt beispielsweise ein sehr offener Arbeitsbegriff zugrunde, der ganz unterschiedliche gesellschaftliche Rahmenbedingungen mitbedenkt. Er bezieht viele Bereiche menschlichen Tuns ein und ist nicht lediglich auf Lohn- oder Hausarbeit beschränkt. Spittler konzentriert sich zudem auch auf Aspekte von Arbeitserfahrungen, die mit der Suche von Menschen nach Geselligkeit, Freude oder Selbstbestimmung in der Arbeit und darüber hinaus zusammenhängen. So bietet die Ethnologie der Arbeit eine gute Grundlage für die Beschreibung und Analyse der empirischen Beobachtungen der Feldforschung. Einige Beispiele sollen dies nun andeutungsweise etwas verständlicher machen.

Arbeits- und Lebenswelten in Handwerk und Landwirtschaft

Ich beschäftige mich konkret mit den Lebens- und Arbeitswelten von Landwirten und Handwerkern im Norden des Département Cantal. Während einer Zeit von insgesamt etwa 13 Monaten Feldforschung zwischen den Jahren 2014 und 2016 habe ich in verschiedenen Familienbetrieben mitgearbeitet, Milch- und Viehwirtschaft und verschiedene Bereiche im Bauhandwerk kennengelernt. Der außergewöhnlichen Offenheit der Familien verdanke ich es, dass ich auch viele Facetten ihres Alltags abseits der Arbeit miterleben konnte. Die Landwirte und Handwerker, die ich auf diese Weise besonders intensiv begleitet habe, arbeiten fast alle als Selbständige. Die Arbeit nimmt deshalb oft einen sehr großen Teil ihrer Alltagszeit ein, immer wieder auch bis in die Abendstunden oder am Wochenende. Gerade in einem Viehbetrieb wie bei Catherine und Alain müssen die Tiere natürlich jeden Tag versorgt werden. Auch viele der Handwerker können sich der Arbeit nicht immer entziehen, wenn sie den Arbeitstag eigentlich schon beenden wollen. Für den eigenen Betrieb müssen beispielsweise zur Aufstellung von Kostenvoranschlägen, Rechnungen und anderen Verwaltungsaufgaben zusätzliche Arbeitszeiten eingeschoben werden. Und selbst am Wochenende gibt es manchmal auch Anrufe von Kunden, die eine Reparatur benötigen, was man ihnen nicht immer abschlagen mag.

Arbeit nimmt nicht nur in zeitlicher Hinsicht einen wichtigen Platz ein, sondern hat auch sonst einen hohen Stellenwert im Cantal. Bei vielen Menschen bemerkt man an ihrer Tatkraft und in Gesprächen, dass eine bestimmte Arbeitsethik im Hintergrund steht. Man ist stolz darauf, viel und oft auch hart zu arbeiten und sich seinen Lebensunterhalt auf diese Weise redlich zu verdienen. So war es für mich besonders spannend, meine Fragestellungen gerade in diesem gesellschaftlichen Kontext konkret zu verfolgen. Mich interessiert, wie die Menschen im Rahmen der alltäglichen Zusammenhänge mit Arbeit, den Notwendigkeiten des Alltaglebens und möglichen Bestrebungen nach Erfüllung, Anerkennung, Freude oder auch Ruhe und Besinnung umgehen und dies untereinander aushandeln.

Dabei ist in der Aufarbeitung meiner Forschungsergebnisse auch sehr aufschlussreich, zum Beispiel generationelle Unterschiede in den Einstellungen zur Arbeit in den Blick zu nehmen. In der Landwirtschaft haben die Älteren einen enormen Wandel erlebt, der in Frankreich in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre mit einer zunehmenden Mechanisierung und Industrialisierung der landwirtschaftlichen Produktion etwas später an Fahrt gewann als in Deutschland. Sie haben oft noch unter ganz anderen Umständen gearbeitet als die nachfolgenden Generationen und können deren Bedürfnisse nach einem steigenden Umfang an Freizeit oder gar Urlaubszeiten nicht immer nachvollziehen. Für die meisten jungen Landwirte oder Arbeiter in der Landwirtschaft käme es zum Beispiel überhaupt nicht in Frage, den gesamten Sommer als Senner in einem buron, einer Berghütte mit Molkerei, zu verbringen, um den traditionellen Salers-Käse herzustellen.

Immer mehr Betriebe haben diese Praxis in den letzten drei Jahrzehnten aufgegeben und ziehen es vor, mit spezialisierten Milchkühen anstelle der heimischen Rasse Salers zu arbeiten. So erzielen sie eine höhere Produktivität, erreichen es mit weniger Aufwand auch wirklich rentabel zu wirtschaften – und sparen sich dabei teils auch Arbeitszeit, selbst wenn der Arbeitsaufwand im Vergleich zu vielen anderen Berufen immer noch sehr hoch erscheint. In ihrem Selbstverständnis ist für viele selbständige Landwirte die Arbeit ohnehin nie zu Ende und wird eben allenfalls ab und an unterbrochen. Eigentlich gäbe es immer Aufgaben, die man zwar auch eine Zeit lang ruhen lassen kann wenn drängendere Dinge anstehen, die man aber auch wieder aufnimmt, wenn dies zeitlich möglich wird.

Auch Arbeiter in der Landwirtschaft, die selbst nicht vom Eigentum am Betrieb profitieren, arbeiten in der Regel weit mehr als die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit, ohne aber einen zeitlichen oder monetären Ausgleich dafür zu erhalten. Die Bereitschaft zur Mehrarbeit ist gewissermaßen eine Art Einstellungskriterium für die wenigen Stellen, die es hier für Landarbeiter gibt. Möchte man in der Landwirtschaft arbeiten, weiß man um diese Tatsache und akzeptiert dies als Grundbedingung.

Im Vergleich dazu werden im Bauhandwerk die vertraglich festgelegten Arbeitszeiten wesentlich genauer eingehalten. Je nach individueller Regelung arbeiten viele der angestellten Arbeiter nicht mehr als die in Frankreich gesetzlich geregelten 35 Stunden, andere aber auch 39 Stunden pro Woche. Ein Teil der von Erwerbsarbeit freien Zeit wird für arbeitsförmige Tätigkeiten genutzt. Gerade viele Handwerker unterstützen außerhalb ihrer eigentlichen Arbeitszeit Familie oder Freunde bei Reparaturen, privatem Hausbau und anderen Aufgaben. Der Zusammenhalt in der Familie und unter Freunden ist hoch angesehen und für die Meisten ist es deshalb selbstverständlich, ihre Fähigkeiten einzubringen, sich gegenseitig zu unterstützen und durch die Eigenarbeit zusätzlich manche Ausgaben bei größeren Projekten gering zu halten.3

Freizeit, Feste, Geselligkeit

Über das Frühjahr und den Sommer gehört es für viele zudem dazu, den eigenen Garten zu bepflanzen, zu pflegen und sich darüber auszutauschen. Verbunden mit der gegenseitigen Hilfe oder als Entspannung nach Feierabend sind oft auch Einladungen zum Apéro, entspanntem Zusammensitzen bei einem Umtrunk. Ein Apéro ist auch zur Einstimmung bei den zahlreichen Festen ein wichtiger Bestandteil. Viele dieser Feste haben einen Bezug zu den jahreszeitlichen Veränderungen der landwirtschaftlichen Arbeit. Im Mai wird beispielsweise der Auftrieb der Rinder- und Schafsherden auf die Weiden gefeiert und auch für die eher touristischen Feste in der Kreisstadt Riom es Montagnes wird der Bezug zur landwirtschaftlichen Arbeit betont. Das gilt für die Fête du Bleu, deren Name sich auf den auvergnischen Blauschimmelkäse bezieht, wie auch für die Fête de la Gentiane, die den gelben Enzian ins Festmotto stellt. Aus der Enzianwurzel werden einige der beliebten lokalen Liköre gewonnen. Dabei hat diese Namensgebung aber auch einen kommerziellen Hintergrund, da nicht zuletzt die örtlichen industriellen Hersteller der entsprechenden Produkte als Sponsoren, bzw. Veranstalter fungieren.4

Viele gehen in ihrer freien Zeit auch ganz typischen loisirs, Freizeitaktivitäten nach. Die Jüngeren machen oft Sport, wobei viele der Landwirte und Handwerker oft schon mit Anfang 20 damit aufhören, weil die Arbeit sie ohnehin körperlich stark in Anspruch nimmt, oder auch Verletzungen beim Sport die Arbeitsfähigkeit gefährden könnten. Besonders beliebt sind über alle Altersstufen hinweg Jagd und Angeln, Wandern, oder auch verschiedene Arten Motorsport. Dies sind alles Aktivitäten, für die im Cantal besonders gute Bedingungen herrschen und die auch den Tourismus befördern. Durch die Vermietung von Ferienhäusern oder auch dem Direktverkauf eigener Erzeugnisse ist der Tourismus auch für einige Familien in Handwerk und Landwirtschaft ein wichtiger Nebenerwerbszweig.

Arbeit, Geschlechterverhältnisse und weitere Themen

Vor dem Hintergrund dieser sozialen Realität untersuche ich, wie die Menschen mit ihrer Alltagszeit umgehen, welchen Stellenwert ihre Arbeit für sie hat oder auch, welche Tätigkeiten oder Erlebnisse sie als erfüllend beschreiben. Dabei sind unter anderem zeitliche Strukturen und deren Gestaltung interessant, immer auch im Zusammenhang beispielsweise mit dem jeweiligen Status innerhalb des Betriebs oder der Familie. Dazu gehören vor allem auch Abhängigkeiten innerhalb ungleicher Geschlechterverhältnisse bzw. der Zuschreibungen oder Rollenerwartungen, die damit verbunden sind. Sowohl Handwerk als auch Landwirtschaft sind im Cantal extrem männlich dominierte Arbeitsbereiche und die Verteilung von Arbeitsaufgaben oft entsprechend klar zugeteilt. Gerade jüngere Frauen, die versuchen aus diesen Zuschreibungen und Verhältnissen auszubrechen und sich dennoch in den jeweiligen Arbeitsbereichen behaupten wollen, haben gegen zahlreiche Vorurteile und Widerstände zu kämpfen. Zwar haben in der Landwirtschaft Frauen stets einen wesentlichen Teil der Arbeit übernommen, was auch für körperlich anstrengende Arbeiten gilt. Dies hat jedoch nicht dazu geführt, das Vorurteil aufzulösen, dass es einer Frau alleine nicht gelingen könne, einen Betrieb im Haupt- oder Nebenerwerb eigenständig zu führen, während dies gerade für alleinstehende Männer als völlig normal gilt.5

Darüber hinaus interessiere ich mich in der Aufarbeitung meiner Daten – vor allem Forschungsnotizen, Interviews und Videoaufnahmen – auch für den Bezug der Menschen zu ihren Arbeitsgegenständen. In der Beziehung zu den Tieren, bei der Herstellung von Käse im eigenen Betrieb oder auch im Bauhandwerk im Umgang mit bestimmten Materialien und Arbeitstechniken wurde immer wieder deutlich, wie sehr die jeweilige Erfahrung mit den konkreten Arbeitsgegenständen das Verständnis der eigenen Arbeit prägt. Die tiefgehende Auseinandersetzung mit zahlreichen Details spiegelt einen wesentlichen Teil der freudvollen Elemente von Arbeit wider.

Es ist vor allem ein Verständnis von Muße als „Urform der Begabung zur Freiheit“ (Weidkuhn, s.o.), welches einen Rahmen für die Einordnung meiner Beobachtungen im Cantal bietet. Dabei stelle ich zum Beispiel heraus, welche Möglichkeiten die Menschen hier für selbstbestimmtes Tun in der Arbeit haben, für eigene Ideen und Tätigkeiten in ihrer freien Zeit oder für Engagement in der Gemeinschaft. Dazu gehört aber auch ein Blick auf die Notwendigkeiten, denen sie in ihrem Alltag unterliegen, den sozialen Einschränkungen oder auch wirtschaftlichen und anderen Zwängen, denen sie in ihrem Tun unterworfen sind. Die intensive Teilnahme am Alltag über den Zeitraum von etwa einem Jahr, die das Wesen ethnographischer Forschung in der Ethnologie ausmacht, hat die Annäherung an die unterschiedlichen Perspektiven der Menschen selbst erst ermöglicht. Durch das eigene Ausprobieren und Ausführen vieler Tätigkeiten, den eigenen Kontakt zu den Tieren oder Arbeitsmaterialien ergaben sich manchmal neue, tiefgehende Gespräche darüber. Schließlich bietet sich mir nicht zuletzt durch die eigene Erfahrung der oft körperlich anspruchsvollen Arbeit über einen längeren Zeitraum ein Zugang zu den Lebenswirklichkeiten der Menschen im Cantal.

[1] Zum Teilprojekt im SFB 1015 siehe http://www.sfb1015.uni-freiburg.de/forschungsprofil/projekte/figuren#c5, letzter Zugriff am 27.6.2016.

[2] Peter Weidkuhn: Zur Leistung genötigt – zur Muße bestellt. Eine kultur- und sozialanthropologische Studie zum so genannten Recht auf Arbeit. Frankfurt am Main 2004, S. 6, weitere Seitenangaben im Text ebd.

[3] Gregor Dobler: Muße und Arbeit. In: Burkhard Hasebrink/ Peter Riedl (Hg.): Muße im kulturellen Wandel. Berlin/New York 2014, S. 67.

[4] Vgl. dazu u.a. Günter Figal: Muße als Forschungsgegenstand. In: Muße. Ein Magazin, 1/2015.

[5] Vgl. dazu exemplarisch: Gerd Spittler: Anthropologie der Arbeit. Ein ethnographischer Vergleich. Wiesbaden 2016.

Empfohlene Zitierweise:


Martin Büdel: Arbeit, Alltag und der Umgang mit der Zeit
In: Muße. Ein Magazin, 2. Jhg. 2016, Heft 2, S. 16-21.
DOI: 10.60494/musse-magazin/2.2016.16
URL: http://mussemagazin.de/?p=1844
Datum des Zugriffs: 24.05.2017

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