Glossar

Arbeit

Jochen Gimmel

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Insbesondere der Arbeit wird oft zugeschrieben, dem Leben Sinn verleihen zu können. Sie wird vor anderen Tätigkeiten als eine sinnvolle oder sogar sinnstiftende angesehen. Arbeitslosigkeit wird dagegen meist als ein Übel betrachtet, das ein gesellschaftliches Stigma bedeutet und dem die Gefahr seelischer Verwahrlosung innewohnt – eines berüchtigten Zersetzungsprozesses, der vermeintlich mit der Dauerberieselung durch Privatfernsehen und ganztägigem Bierkonsum einhergeht.Arbeit scheint demnach ein Glück zu sein und unglücklich, wer keine hat. Um so erstaunlicher ist es da, dass ganz andere Stimmen laut werden, wenn jemand den Wunsch zum Ausdruck bringt, sich dieses Glückes zu entledigen, nie wieder arbeiten zu wollen; oder etwa vorgeschlagen wird, ein bedingungsloses Grundeinkommen unabhängig von Arbeitsmaßnahmen und Arbeitssuche auszuhändigen, also die materielle Absicherung des Lebens von der Arbeit zu entkoppeln. Dann wird oft darauf verwiesen, dass es eine Frage der Belastungsgerechtigkeit sei, dass jeder sein Quantum Arbeit in der Gesellschaft abzuleisten habe. Aus der erfüllenden und sinnstiftenden Tätigkeit Arbeit wird hier im Handumdrehen eine Last, die gerecht auf alle Schultern verteilt werden muss. So zeigt sich im Verhältnis von Arbeit und Arbeitslosigkeit die normative Doppeldeutigkeit von Arbeit: „Die Arbeitslosen merken daher gewöhnlich nichts von der beglückenden Möglichkeit der Kontemplation, die in ihrem Dasein steckt. Die Arbeitenden aber wittern sie. […] Die Sehnsucht nach Erlösung von der Arbeit, die sich die Arbeitenden nicht eingestehen dürfen, weil Arbeit doch ein Segen ist, schafft sich Luft im Ruf nach Arbeitslagern für die, denen der Segen vorenthalten blieb.“[1]

Mit der Frage nach Glück beziehungsweise Unglück der Arbeit ist eine Thematisierung von Muße aufgegeben. So wusste Aristoteles, dass Glück (eudaimonia) in der Muße zu suchen sei und nur derjenige in ihr heimisch werden könne, der nicht arbeiten müsse. Arbeit ist für diesen antiken Vordenker der Muße eine Negativ-Bedingung von Glück: Kein Glück ist zu finden, wo zu arbeiten ist. Dass hier Arbeit als eine Last begriffen wird, scheint unzweifelhaft. Doch sie war für Aristoteles noch mehr, nämlich Anzeichen und Begründung für gesellschaftliche Differenzierung. Arbeit erzwingt nicht bloß Anstrengungen, sondern lässt den Menschen als Sklaven, Lohnabhängigen[2] und nicht zuletzt als Händler und Spekulanten[3] unfrei werden. Diesen Tätigkeiten ist gemein, dass sie den Menschen durch den Arbeitszweck, der ihnen mittels Not, Befehl, Lebenserhalt oder Gier aufgezwungen ist, unfrei werden lassen. Mit Hannah Arendts Unterscheidung von Arbeiten, Herstellen und Handeln ließe sich dieser ganze Bereich der von Aristoteles als „banausisch“ betrachteten Arbeit noch weiter differenzieren: Zum einen meint er die eigentliche Arbeit, das heißt die Tätigkeiten, die „dem biologischen Prozeß des menschlichen Körpers [entsprechen], der in seinem spontanen Wachstum, Stoffwechsel und Verfall sich von Naturdingen nährt, welche die Arbeit erzeugt und zubereitet, um sie als die Lebensnotwendigkeiten dem lebendigen Organismus zuzuführen.“[4] Zum Anderen meint Arbeit als Herstellen auch die instrumentelle und zweckrationale Güterproduktion.[5] Man kann hier also Arbeit als „Stoffwechsel mit Natur“[6] von Arbeit als instrumentelle Produktionstätigkeit unterscheiden.

Gerade im Marx’schen Arbeitsbegriff ist die von Arendt geltend gemachte Unterscheidung von Arbeit als Stoffwechselprozess mit Natur und Arbeit als Herstellungspraxis nicht strikt zu ziehen. Eine andere Differenzierung wird hier relevant, nämlich die zwischen Arbeit als Selbstverwirklichung und Arbeit als Zwang. Gerade beim frühen Marx lässt sich zwanghafte, entfremdete Arbeit von Arbeit unterscheiden, die als ein Stoffwechselprozess mit Natur, diese zum „unorganischen Leib“[7] der Menschheit werden lässt; der Mensch als „Gattungswesen“ lernt seine Natur durch Arbeit allererst zu verwirklichen in der Entfaltung der Produktivität, die ihn schließlich von materieller Not befreien kann. Der Mensch als Naturwesen findet zu seiner Natur, indem er sich durch Arbeit den Nöten des bloßen Überlebens entziehen lernt. Arbeit ist hier also Schrittmacher des geschichtlichen Fortschritts aus dem „Reich der Notwendigkeit“ hin zum „Reich der Freiheit“. Durch Arbeit wird der Mensch ebenso unterdrückt und gequält, wie er durch sie ein Mittel finden kann, sich der Not und antagonistischer Gesellschaftsverhältnisse zu entheben; sie ist bei Marx das Wesensmerkmal des Menschen, insofern er ihn als „wahren, weil wirklichen Menschen, als Resultat seiner eigenen Arbeit“[8] begreift.

Dann lässt sich mit Marx Arbeit unterscheiden in die a) vorherrschende entfremdete Arbeit, die durch Not und Zwang bestimmt ist, b) geschichtlich-emanzipative Arbeit als Entfaltung materieller Produktivität, durch die Freiheit erst möglich wird und c) utopische freie Tätigkeit, die ohne Zwang erfolgt, in der sich Selbstverwirklichung vollzieht[9] und darum einen Selbstzweck darstellt. Diese letzte Form von ‚Arbeit‘ hat Ernst Bloch einmal als „tätige Muße“[10] betitelt, womit wir wiederum bei der Frage nach dem Verhältnis von Muße und Arbeit hinsichtlich des Glücks wären. Die Last und das Unglück der Arbeit sind bei Aristoteles an den Zwangscharakter derselben gebunden, an das Bestimmtsein durch äußere Zwecke. Muße dagegen ist Glück, da sie um ihrer selbst willen gesucht wird. Gerade dadurch eröffnet sie Tätigkeiten eine Entfaltungsmöglichkeit, die ansonsten durch den Zwang der Zwecke und des Nutzens zugeschüttet blieben: der theoria, der Kunst, dem Genuss und dessen Verfeinerung, dem Gespräch um seiner selbst willen, dem Spiel et cetera. Diese Formen mußevoller Tätigkeit wären mit Marx als Utopie einer befreiten Arbeit zu denken, die Menschen dazu verhelfen würde, ‚sich zu verwirklichen‘, das heißt buchstäblich „wirkliche Menschen“ zu werden.

Diese überbordende Bedeutung, die der ansonsten lebenslustige Marx der Arbeit hinsichtlich der Möglichkeit des Menschseins zukommen ließ, ist sicherlich wesentlich dem Einfluss des protestantischen Schwaben Hegel zu verdanken. Dieser sah nicht zuletzt den Weltgeist sich in einem geschichtlichen und leiderfüllten Erkenntnis- und Arbeitsprozess verwirklichen. „[E]r sieht nur die positive Seite der Arbeit, nicht ihre negative. […] Die Arbeit, welche Hegel allein kennt und anerkennt ist die abstrakt geistige.“[11] Mit dieser Verschiebung der Arbeit in den Bereich ‚des Geistes‘ hatte sich der Charakter der seit Aristoteles idealtypischen Beschäftigung in Muße, der Theorie, grundlegend gewandelt, denn nun wurde sie selbst aktiv und ‚arbeitsam‘. Die Philosophie vollzog die gesellschaftliche Entwicklung nach, die das Erstarken des Bürgertums, das sich auf seine Produktivität und Tüchtigkeit berufen musste, um der geerbten Legitimation des Adels etwas entgegensetzen zu können, mit sich brachte: Die Arbeit wurde geadelt.

Diese Adelung der Arbeit ist etwas anderes als die Würdigung der Arbeit in den Arbeitsethiken der vorangegangenen Epochen christlicher Weltanschauung[12], denn weder in der mönchischen noch in der protestantischen Schätzung der Arbeit wird diese zum Selbstzweck erhoben wie das im aufkommende Kapitalismus geschieht. Hier wird Arbeit als Mittel der Läuterung und Gottesnäherung anerkannt, dort als Nukleus des ökonomischen Lebens zum Selbstzweck ausstaffiert. Mit der jüdisch/alttestamentarischen Überlieferung lässt sich ein ganz anderer Blick auf das Verhältnis von Muße und Arbeit werfen. So ist die eigentliche jüdisch-christliche Thematisierung des Komplexes Arbeit und Muße in dem Gebot zu suchen, um das sich die jüdische Lebenspraxis sammelt, nämlich im Sabbat. An diesem Tag, der nicht bloß jede Arbeit verbietet, sondern darüber hinaus alle ökonomischen und herstellenden Tätigkeiten, ist die ‚Muße des Sabbats‘ gerade an die Aufhebung derjenigen Ungleichheiten gebunden, die in den Arbeitsverhältnissen entstehen. „Das Prinzip der Gerechtigkeit hat die Relativierung des Eigentums zur Folge gehabt […]. Es hat das Sabbatgesetz hervorgebracht nebst der symbolischen Erweiterung der Siebenzahl auf die Felder, das Erlassjahr für die Schulden, das Jobeljahr für den Grundbesitz, wie alle die anderen Aufhebungen der Privilegs des Eigentums an der Ernte und am Nachwuchs.[…] So wurde die Versöhnung zur Losung der sozialen Freiheit.“[13] Wir haben es beim Sabbat sozusagen mit einer Muße für alle zu tun, die nicht wie im griechischen Altertum der Legitimation der Sklaverei das Wort redet, sondern aus dieser zu erlösen trachtet. Arbeit wird hier nicht anderen aufgezwungen, um selbst in Muße leben zu können, sondern der sozial vermittelte ökonomische Zwang, der die Arbeit bestimmt, wird abgelehnt, um die Muße des Sabbats von den Fundamenten zu befreien, die auf Fremdbestimmung fußen. Muße und Sabbat wären erst dann freie Selbstzwecke, wenn sie nicht von gesellschaftlicher Ungleichheit abhängig wären. In dieser Lesart ist Erich Fromm zu verstehen, wenn er schreibt: „es geht um die Ruhe im Sinne der Wiederherstellung vollständiger Harmonie zwischen den Menschen und zwischen Mensch und Natur. […] Am Sabbat lebt der Mensch als hätte er nichts, als verfolge er kein Ziel außer zu sein, d.h. seine essentiellen Kräfte auszuüben – beten, studieren, essen, trinken, singen, lieben.“[14]

Beten, studieren, essen, trinken, singen und lieben – eine beschwingende Aufzählung von Tätigkeiten, die nicht nur den Sabbat ausmachen, sondern in gleicher Weise für Muße charakteristisch sein können. Arbeit scheint dagegen den Menschen gerade daran zu hindern so zu leben „als verfolge er kein Ziel außer zu sein“, wo sie als ungeliebtes Mittel zu ihr äußeren Zwecken verstanden wird. Wir arbeiten für ein stattliches Gehalt, für den Urlaub, für die Familie, das Haus, den Ruhestand oder, laut Aristoteles, für Muße. So ist Glück entweder darin zu suchen, Arbeit auf ein Minimum zu beschränken oder sie so zu verändern, so dass sie selbst als ein glückverheißendes Tun zum Selbstzweck des Lebens werden könnte. Den ersten Weg schlug zum Beispiel Marx’ Schwiegersohn Lafargue ein, der den Arbeitstag auf ein Maximum von drei Stunden begrenzen wollte, damit die Gesellschaft von der Krankheit der Überproduktion und Überkonsumption geheilt werden könne.[15] Arbeit wird hier als die zentrale Gefahr der modernen Welt angeprangert, die sich gleichsam selbst aufzehrt, weil sie die Sphäre von Arbeit und Konsum verabsolutiert habe.

Konzeptionell meint Arbeit ein zweckorientiertes Handeln zur Lebenssicherung (vgl. Stoffwechsel) und Güterproduktion (Herstellen) und ist nicht dem Begriff nach erfüllend und glücksversprechend. Es gibt eine Vielzahl von begrifflichen Fassungen dessen, was Arbeit ist.[16] Jeweils liegt ein Schwergewicht auf dem Begriff der Leistung, für die die Arbeit einzustehen hat. Vielleicht ist die ‚sinnstiftende und erfüllende‘ Funktion, die der Arbeit oft zugeschrieben wird, darin zu suchen, dass man für Arbeitsleistung Anerkennung und Wertschätzung erfährt. Doch diese Anerkennung, die dem „Leistungsaustausch“ entspringt, schmeckt schal, wenn man von einem glücklichen und sorglosen menschlichen Dasein träumt, das nicht erst ‚verdient‘ werden muss. Einen solchen Traum hatte z.B. Fourier, dem Marx vorhielt, dass Arbeit niemals, wie erhofft, „zum Spiel“ werden würde[17]. Doch Fourier, der Vordenker eines bedingungslosen Grundeinkommens, das den Menschen die Freiheit der Sorglosigkeit schenken sollte[18], hielt an der Idee einer Arbeit fest, die dem Menschen Lust und Vergnügen bereiten würde, wie sie den Bienen, Bibern und Ameisen zur Freude gegeben sei[19]. Man müsste den Menschen die Arbeit attraktiv machen, eine Arbeit, „die ihnen gefällt und an die sie ihr Leben lang gewöhnt sind, eine Arbeit in Gesellschaft von Menschen, die ihnen angenehm sind.“[20] Vielleicht wird eine Arbeit ohne Existenzsorge und Leistungsdruck tatsächlich einmal als eine „tätige Muße“ anzusprechen sein.

[1] Christoph Türcke, „Gottesgeschenk Arbeit. Theologisches zu einem profanen Begriff.“, In: Hamburger Adorno-Symposion, hg.v. Michael Löbig und Gerhard Schweppenhäuser, Lüneburg 1984, 94.

[2] Vgl. Aristoteles, Politik, 1337b.

[3] Vgl. Aristoteles, Nikomachische Ethik, 1096a und zur tendenziell unbegrenzten und „widernatürlichen“ Erbwerbsart: Politik, 1257a ff.

[4] Hannah Arendt, Vita activa oder vom tätigen Leben, München 2002, 16.

[5] Vgl. Hannah Arnedt, Vita activa oder vom tätigen Leben, München 2001, 376. Hier wird das Herstellens weit über handwerkliche Tätigkeiten hinaus bis in den Bereich der Wissensproduktion oder von Herrschaftstechniken erweitert.

[6] Vgl. Karl Marx, MEW, 57.

[7] Karl Marx, MEW 40, 517.

[8] Karl Marx, MEW 574.

[9] Vgl. dazu Karl Marx MEW 42, 512.

[10] Ernst Bloch, Prinzip Hoffnung, Band 2, 1080.

[11] Karl Marx, MEW 40, 533.

[12] Vgl. zu der „Würdigung“ der Arbeit in der christlichen Überlieferung Thomas Geisen, Arbeit in der Moderne, Wiesbaden 2011, S. 47.

[13] Hermann Cohen, Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums, Darmstadt 1978, 498/499.

[14] Erich Fromm, Haben oder Sein, Stuttgart 1976, 57/58.

[15] Vgl. Paul Lafargue, Das Recht auf Faulheit, in: Stephan Lessenich zu Paul Lafargue Das Recht auf Faulheit, hg.v. Carolin Amlinger/Christina Baron, Hamburg 2014, 45 ff.

[16] Angelika Krebs hat in ihrem Buch Arbeit und Liebe die grundlegenden Arbeitsbegriffe bzw. deren Fundamentalbestimmungen zusammengetragen. Arbeit lässt sich verstehen als: 1. Zweckrationales Handeln, 2. Mühe, 3. Entlohnte Tätigkeit, 4. Güterproduktion, 5. Güterproduktion, bei der der Produzent durch eine dritte Person ersetzbar ist, 6. Gesellschaftlich notwenige Tätigkeit, 7. Tätigkeit für Andere, 8. Tätigkeit im Rahmen des gesellschaftlichen Leistungsaustausches (vgl. Angelika Krebs, Frankfurt a.M. 2002, 23–51).

[17] Vgl. Karl Marx, MEW 42, 607. Die Idee, dass Arbeit gerade im Spielcharakter zu einer menschenwürdigen und freudvollen Tätigkeit in Gemeinschaft werden könne, brachte z.B. auch Gustav Landauer im „Der Arbeitstag (Zum 1. Mai 1912) vor.

[18] Vgl. Charles Fourier, Aus der neuen Liebeswelt, ausgewählt und eingeleitet Marion Luckow, aus dem Französischen von Eva Moldenhauer, Berlin 1977, 177 ff.

[19] Vgl. ebd. 170. Auch Hannah Arendt weist in Bezug auf das Alte Testament darauf hin, dass Arbeit als Lebensprozess durch aus freudvoll verstanden werden könne, als „Seligkeit des schier Lebendigen teilhaftig zu werden“ Vita activa, 126.

[20] Ebd. 169.

Empfohlene Zitierweise:


Jochen Gimmel: Arbeit.
In: Muße. Ein Magazin, 2. Jhg. 2016, Heft 2, S. 1-4.
DOI: 10.6094/musse-magazin/2.2016.1
URL: http://mussemagazin.de/?p=1842
Datum des Zugriffs: 22.07.2017

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