Muße-Orte

Annäherung an einen Mußeort.

Die Feldkapelle Bruder-Klaus von Peter Zumthor

Hans W. Hubert

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Niemand würde jenen nichtssagenden Ort zwischen Butterblumen, Klee und einem Kornfeldrain oberhalb der Ortschaft Mechernich-Wachendorf, am Nordrand der Eifel, aufsuchen, wäre er nicht durch ein sonderbar auffälliges Gebäude markiert, welches dort 2005 bis 2007 nach Plänen des Schweizer Architekten Peter Zumthor errichtet wurde.[1] Seitdem hat sich diese Stelle zu einem regelrechten Pilgerort entwickelt.Aber zu was wird dort eigentlich gepilgert, und was hat dieser Ort mit Muße zu tun?

Seine Wirkung entfaltet das Bauwerk schon auf große Distanz, wobei es aufgrund seiner abstrakten Form maßstabslos erscheint und dank seiner hoch aufragenden kantigen Gestalt und seiner Geschlossenheit wie ein Festungsturm anmutet (Abb. 1).1

Aber es bildet einen solchen Turm nicht nach. Es gibt keine Zinnen, keinen Wehrgang, keine Schießscharten. Der Gedanke entsteht im Kopf des Betrachters, der die fremdartige Form sieht und Analogien herstellend sich an Vergleichbares zu erinnern sucht.[2] Der Bau wirkt wie die Urform eines Turms, minimalistisch auf das Wesentliche reduziert, wie eine steinerne Vision oder eine monumentale Zielmarke, von deren Anziehungskraft man sich nicht mehr abbringen lassen möchte. Je nach Standpunkt des Betrachters verändert der Bau zudem seine Form. Mal sieht er aus wie ein schmaler Vierkantquader, mal wie eine breite eckige Scheibe (Abb. 1 und 2).2

Es ist kein gefälliger, es ist ein befremdlicher Bau. Fensterlos und ohne Schmuck wirkt er abweisend, als wäre er nicht von dieser Welt, sondern gehorche einer höheren Ordnung. Zumthor, der Leser von Der Ursprung des Kunstwerks, stellt hier im Sinne Heideggers mit seinem monumentalen Dingwerk ‚die Erde her und eine Welt auf‘ und verlangt im ästhetischen Verstehen materiales und welthaftes Verstehen.[3] Der Bau wird zum fixen Orientierungspunkt in der Landschaft und verändert dadurch ihre Wahrnehmung. Neue räumliche Beziehungen stellen sich ein: Nähe und Ferne, Vorne und Hinten, Rechts und Links sowie Außen und Innen werden an diesem Ort erst durch den Turm zu definierten Kategorien.

Man muss sich überlegen, ob man den Bau tatsächlich erkunden möchte. Zu erreichen ist er vom eigens am Dorfrand eingerichteten Parkplatz aus nämlich nur über einen langen Fußweg. Er führt sanft ansteigend hinauf und nötigt kontinuierlich Kraft ab. Ein Stück des Weges verläuft entlang der Felder, ein anderes ist schotterartig belegt, ein weiteres führt über Asphalt. Am Ende geht der Pfad über eine Wiese, die nur durch die Menschen, welche auf ihm gehen, von Bewuchs freigehalten wird. Er ist dort so schmal, dass man ihn besser hintereinander als nebeneinander beschreitet. Die Art des Weges bewirkt, dass man ihn besser alleine geht. Man isoliert sich dadurch, Gespräche mit anderen können sich hier auflösen, und man kann mit sich und seinen eigenen Gedanken abgeschieden und ruhig werden. Das Gehen dauert insgesamt etwa eine Viertelstunde und schafft räumlichen und zeitlichen Abstand von der Alltagswelt. Der Aufstieg kann den Besucher eine Zeitlang zum Einsamen werden lassen, kann ihn zu innerer Einkehr und womöglich zur inneren Umkehr führen, so wie Nikolaus von Flüe (1417-1487), ein wohlhabender Bauerssohn, später Offizier und Ratsherr, der nach innerer Besinnung 1467 seine Frau und seine zehn Kinder im Einverständnis mit diesen verließ, um seine zweite Lebenshälfte nachdenklich zurückgezogen als Visionär, Einsiedler und Asket, als Seelsorger, Wunderfaster und Mystiker im Kanton Obwalden zu verbringen. Er wird als Schutzpatron der Schweiz und der Katholischen Landjugendbewegung verehrt. Ihm ist der Turmbau geweiht: es handelt sich um eine Kapelle.

Von der Ferne weist nichts auf diese Funktion hin. Erst wenn der Besucher vor der schmalen Front des Baus ankommt, wird er eines kleinen unscheinbaren Metallkreuzes in einem Kreis gewahr, welches wie eine Sonnenuhr über dem Eingang seinen Schatten wirft. Links neben der Pforte zieht sich eine Sitzbank um drei der fünf Seiten des Baus. Man kann darauf ausruhen, den Blick über die Landschaft schweifen und die Gedanken fließen lassen, genauso wie es der Heilige in der Mittagssonne bei seiner Klause oftmals getan haben soll.[4] Wer weiter geht, betritt bereits wieder weglose Wiesen und Felder.

Der Bau bricht mit allen herkömmlichen Vorstellungen einer Feldkapelle. Nichts an seiner Form ist gewöhnlich und selbstverständlich. Es scheint, als verrätsele er sich absichtlich, um seinen Sinn erst nach eingehender Betrachtung und mußevoller Reflexion über die Architektur preiszugeben. Zumthor hat Jahre über die Form nachgedacht, nachdem sich Hermann-Josef und Trudel Scheidtweiler, eine Landwirtsfamilie aus dem Ort, „aus Dankbarkeit für ein gutes und erfülltes Leben“ eine Kapelle von ihm wünschten.[5] Sie sollte zu Ehren von Bruder Klaus errichtet werden, wie Niklaus von Flüe auch in der Katholischen Landjugendbewegung genannt wird, in der der Bauherr lange in verantwortlicher Position ehrenamtlich tätig war. Die Auftraggeber ließen dem Architekten freie Hand und viel Zeit, wollten aber die Kosten niedrig halten und deshalb möglichst viel selber bauen. Daraus entstand die Idee, das Werk mit möglichst einfachen Mitteln zusammen mit Freunden zu errichten. Ab 2001 beschäftigte sich Zumthor mit dem Projekt, das ihm auch deshalb Nahe stand, weil seine eigene Mutter eine innige Beziehung gerade zu diesem Heiligen besaß. Zumthor war beeindruckt von der Geradlinigkeit und Kompromisslosigkeit von Bruder Klaus und suchte einen adäquaten baulichen Ausdruck für dessen radikale Lebensform als Einsiedler.[6] Als das Werk nach sieben Jahren schließlich fertig war, verzichtete er für die Auftraggeber überraschend auf ein Honorar.

Das künstlerische Problem bestand darin, die Kapelle, trotz ihrer kleinen Dimension, nicht beengend oder miniaturhaft wirken zu lassen, sondern für die Schwere und Größe der eremitischen Lebensform eine Gestalt zu finden.[7] Wie das Einsiedlerdasein (Mhd. einsidelære = einsam siedeln) eine freigewählte, geographisch isolierte, nach Innen gekehrte, einfache Lebensform ist, so denkt Zumthor seine Kapelle als freistehenden, räumlich isolierten Bau, vor allem vom Innenraum her.[8] Dabei sucht Zumthor „starke Bilder“, die geeignet sind die Bauidee zu tragen.[9] Dieses Suchen nach und Arbeiten mit geeigneten „Bildern“ kann nur in Muße geschehen und erfordert sein eigenes Zeitmaß, welches den Auftraggebern schon mal gehörig Geduld abverlangen kann. Von der ersten Kontaktaufnahme 2001 dauerte es allein bis zum Baubeginn 2005 etwa vier Jahre.[10] Während dieser Phase arbeitete Zumthor intensiv mit Zeichnungen und plastischen Modellen. Er suchte nach einer „offenen Form, für die Kapelle, die existenzielle Fragen anklingen lässt“.[11] Bilder, die solche Fragen evozieren können, sind die Vorstellungen von Einsiedler-Hütte, -Zelt und -Höhle. Sie stehen für den Inbegriff des Rückzugs aus der Welt sowie für Einfachheit und Askese.

Zumthor richtete das Innere seines Baus an diesen Bildern aus. Deshalb ließ er den Bauherrn in seinem Wald 112 Baumstämme fällen und nach seinem Entwurf unter Anleitung eines Zimmermanns zu einem steilen Zelt aufrichten. Dieses Zelt besaß einen niedrigen gekurvten Gang, der in den hohen Andachtsraum mit geschmeidig ondulierten Seitenwänden führte (Abb. 4 und 5).3

Außen wurde das Holzzelt von 24 jeweils etwa 50 cm hohen Schichten aus Stampfbeton ummantelt (Abb. 6).4

Das Material besteht aus weißem Beton, Flusskieseln sowie dem rötlichen Sand der Umgebung. Von Ferne sieht die Kapelle aus wie ein riesiger monolithischer Stein aus der Gegend. Nach Zumthors Wunsch fügt sich die Architektur farblich so gut in die Landschaft ein, als könne man sich den Ort, nicht ohne sie vorstellen.[12] Erst bei der Betrachtung aus der Nähe wird man gewahr, dass der Bau aus einzelnen Schichten errichtet wurde und dass seine Außenhaut einfach, erdig, schroff und spröde wirkt, wie ein Büßergewand. Hergestellt wurde der Bau auf ungewöhnliche Art, nicht durch eine Firma, sondern durch Laien in kollektiver Bauweise, die damit ihren Dienst an Gott vollzogen. Beteiligt waren die Stifter sowie deren Freunde und Bekannte. Die einzelnen Schichten wurden in gemeinschaftlicher Arbeit im Laufe eines Jahres in 24 deutlich voneinander unterscheidbaren Tagewerken hergestellt, bis der etwa 12 m hohe Turmbau fertig dastand. Am letzten Arbeitsgang beteiligte sich auch der Architekt selbst. Dann wurde im Inneren ein Schwelbrand gelegt, der innerhalb von drei Wochen das Holz trocknete, schrumpfen ließ und schließlich karbonisierte und die Innenwand mit Ruß einschwärzte. Das verkohlte Holz wurde entfernt. Zurück blieben ein intensiver Brandgeruch und der Abdruck der Stämme in der Wandoberfläche. Sie verleihen dem Innenraum eine eigenwillig archaische Gestalt, bestehend aus vielen schmalen konkaven Mulden mit groben Stegen dazwischen, die nach oben hin konvergieren. Es ist die Negativform des Holzzeltes, die nun wie eine dunkle Höhle wirkt.

Äußeres und Inneres stehen also in einem kraftvollen Kontrast zueinander: Zumthor beschreibt ihn so: „Licht und Schatten, Wasser und Feuer, Materie und Transzendenz, unten die Erde, oben der freie Himmel. Und plötzlich wurde der kleine Andachtsraum geheimnisvoll. Ein Glück.“[13]

Mit diesen Begriffen sind die Leitkategorien des Baus treffend benannt, aber sie erklären die konkrete Gestalt der Kapelle keineswegs; in ihnen allein erfüllt sich die Architektur nicht. Vielmehr – so die These – scheint Zumthor den Versuch unternommen zu haben, das Einsiedlerleben des Bruder Klaus in seinem Bau metaphorisch zu bergen und in synästhetischer Weise zu evozieren. Zumthor äußert sich hierzu zwar nicht direkt, aber in allgemeiner Form betont er: „Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die zur Erinnerung führen und in ihr zusammenlaufen. Bilder, Stimmungen, Formen, Wörter, Zeichen und Vergleiche müssen Möglichkeiten der Annäherung eröffnen. Um das Werk im Zentrum muss ein strahlenförmiges System der Annäherung gelegt werden, so dass wir es gleichzeitig unter verschiedenen Aspekten betrachten können: historisch, ästhetisch, funktional, alltäglich, persönlich, leidenschaftlich.“[14]

Insofern ist es legitim, die Kapelle auch unter historischen Gesichtspunkten als Erinnerungsmal zu betrachten. Dann wäre ihre einzigartige innere Form wahrscheinlich auf die einfache Hütte aus Ästen, Holz und Laub zu beziehen, welche der Heilige sich zunächst selbst als Klause im Ranft errichtet hatte. In dieser Schlucht hatte Niklaus schon als Sechzehnjähriger die Vision eines hohen Turmes gehabt, und zwar an der Stelle, an der er später seine Einsiedelei errichtete.[15] Das Äußere von Zumthors hoch aufragendem Bau spielt, so darf man annehmen, auf diese Turmvision an. Schon ein Jahr, nachdem sich Niklaus von Flüe 1467 dorthin zurückgezogen hatte, errichteten ihm seine Mitbürger, Freunde und Nachbarn jedoch eine feste Kapelle mit einer angebauten Klause, die vom Konstanzer Weihbischof geweiht wurde.[16] Sie entwickelte sich bald zu einem Ort der Verehrung und steht noch immer in der Ranft (Abb. 7). Zumthors Feldkapelle greift mit seiner äußeren unregelmäßigen fünfeckig gebrochenen Form die ähnliche, aber regelmäßige sechseckige Gestalt dieser Nikolauskapelle in modernisierter Form auf. Sogar die bauliche Herstellung von Zumthors Baus „reproduziert“ in ihren Grundzügen den historischen Prozess, der zur Errichtung der Klause in der Flüeli-Ranft geführt hatte: erst Holzhütte, dann feste Bleibe in freundschaftlich kollektiver Bauweise erstellt. Der Bezug zur Vita und zur Lebensform des Heiligen ist kaum zu leugnen.

Eine metallene Tür in der ungewöhnlichen Form eines steilen spitzwinkeligen, gleichschenkligen Dreiecks bildet den Eingang (Abb. 3).5

Beim Betreten des Innenraums stellt sich sofort die schon angesprochene Kontrasterfahrung ein, die von Zumthor sorgfältig inszeniert wird,[17] und „die sowohl als Spannung wie auch als deren Ausgleich erlebt werden kann – weil Gegensätze ihrem Wesen nach identisch sind und sich aufzuheben scheinen.“[18] Der leicht gekurvte Gang bewirkt, dass man von außen nicht sogleich in den Andachtsraum hineinsehen kann, sondern nur das sonderbare Wandrelief wahrnimmt, das mit seiner grobkörnigen, porös wirkenden Oberfläche an eine Höhle erinnert (Abb. 8).6

Der Kontrast zwischen der Helligkeit und Weite draußen und der Dunkelheit und enge des kleinen Ganges wird durch die inszenierte Verborgenheit des Innenraumes noch gesteigert. „Gebäude, die uns beeindrucken, vermitteln uns immer ein starkes Gefühl für ihren Raum. Sie umschließen diese geheimnisvolle Leere, die wir Raum nennen, auf eine besondere Weise und bringen sie zum Schwingen“ schreibt Zumthor.[19]

Das liturgische Ausstattungsprogramm ist sehr spärlich und lenkt den Besucher kaum von der Architektur ab, denn es handelt sich nicht um eine Kirche für Messfeiern, sondern um einen Andachtsraum. Es gibt keinen Altar. Eine Sitzbank aus Lindenholz, ein Ständer für den Opferstock und Depliants sowie ein Kerzenhalter aus Metall und eine Bronzestatuette von Hans Josephsohn (1920-2012), die zur Darstellung des Nikolaus von Flüe erklärt wurde,[20] sind die wenigen Einrichtungsobjekte (Abb. 9).7

Auf eine Stele montiert blickt die Figur das oben an der Wand angebrachte Meditationsrad aus Messing an. Die Materialien dieser Dinge sind althergebracht, einfach und ‚natürlich‘: kein Kunststoff, keine Hightec, keine Photovoltaik, kein künstliches Licht. Man erfährt „die ruhige Präsenz des Werkes“, die Zumthor bei den Stahlobjekten von Richard Serra schätzt, und die er als Ideal auch für seine eigenen Werke ansieht.[21] Der wahrnehmend schweifende Blick wird nicht durch irgendwelche Dinge von der inneren Schau abgelenkt, man findet vielmehr das Angebot einer Atmosphäre, die innere Sammlung erlaubt.

Der Helligkeitsunterschied zwischen außen und innen ist tagsüber erheblich und bietet somit eine starke Kontrasterfahrung. Im Inneren herrscht ein Dunkel, an welches sich die Augen erst einmal gewöhnen müssen. Die Dunkelheit ist raumfüllend, sie bietet zugleich Schutz, Intimität und Konzentration. Die dominierenden Farben sind braun, grau, schwarz, sand- und ockerfarben in mannigfaltigen Schattierungen. Bei ganz trübem Wetter und während der Dämmerung verschwindet die Farbwahrnehmung. Man nimmt dann vor allem Grau-Schwarz-Tönungen wahr. In diesem Höhlendunkel kommt Zumthors einfühlsame Lichtregie besonders bei geschlossener Eingangstür zur Geltung (Abb. 10).8

Er hat nämlich in die Bundöffnungen der Stampfzementlagen dünne Metallröhrchen eingelassen, durch die das Tageslicht in lockerer radialer Anordnung punktförmig gebündelt nach innen dringt. An ihren Öffnungen zum Innenraum hin sind etwa 350 mundgeblasene Glaskugeln angebracht, die das Licht sammeln und streuen, so dass sie wie kleine Sterne funkeln. Das meiste Licht fällt jedoch von oben ein, wo sich die Kapelle, wie das Pantheon in Rom, mit einem Auge (Opaion) zum Himmel öffnet (Abb. 11).9

Das darf in diesem Kontext durchaus als metaphorische Öffnung zu Gott verstanden werden, und wiederum denkt man an die verschiedenen Lichtvisionen, welche im Leben von Bruder Klaus eine so bedeutende Rolle gespielt haben. Der Himmel ist ausschnitthaft inszeniert und wird daher in besonders intensiver Weise wahrgenommen, wie durch ein Fernrohr. Wolken ziehen vorüber, die Dämmerung senkt sich hernieder, aber auch Regen und Schnee fallen in das Innere der Kapelle. Sehen schon die lichttragenden Glaskugeln an den Wänden wie gefrorene Wassertropfen aus, so rinnt der Regen die Kerben und die Stege der Wand entlang und tropft hinunter. Der Boden wurde vor Ort mit Zinnblei ausgegossen, indem das heiße Gemisch per Hand mit Kellen verteilt wurde und sich dann verfestigte. Deshalb ist er nicht glatt, sondern besteht aus unregelmäßig geformten, fleckenartigen Schichten. Es ist nach Zumthor ein „edles“, fast heiliges Material. Zugleich bietet es in seiner Haptik und Schwere ein Gegenbild zu der leichten Luftigkeit des Himmels, mit dem es farblich korrespondiert. In der Wahrnehmung des Betrachters veredelt es den einfachen Raum in besonderer Weise, weil es das eindringende Regenwasser in einer eigens angelegten, leichten Senke aufnimmt, in der sich das von oben eingießende Licht bricht und spiegelt. Begleitet wird dies vom Geräusch des ins Wasser nachtröpfelnden Regens. Der Boden verstärkt mit seiner Erscheinungsform die eindrückliche Wirkung des Raumes, und mit der Wasserlache inmitten des Raumes kann der Wissende eine Anspielung an die wichtige Brunnenvision des Bruder Klaus vergegenwärtigen.[22]

Tatsächlich verweist der Kapellenbau den sensiblen Besucher auf die eingangs genannten Leitthemen. Die Elementargrößen Feuer und Wasser, Erde und Himmel sind je auf ihre Weise aufgerufen und präsent gemacht. Aber darüber hinaus laden die spezifische Materialität, der Zumthor mit Bezug auf Heidegger in ihrer sinnlichen Erfahrbarkeit eine so bedeutende, Verständnis tragende Dimension zuschreibt, sowie die konkrete Ausformung des Raums, die ihren eigenen Teil zur Wirkung beiträgt, auch zu synästhetischen Erfahrungen ein.[23] Zwar mag der olfaktorische Eindruck des Brandgeruchs nach den Jahren weitgehend verflüchtigt sein und in den Kerzen nur noch einen schwachen Nachklang besitzen, aber grundsätzlich bezieht Zumthor solche Geruchserfahrungen in sein atmosphärisches Kalkül mit ein. Das Feuer bleibt jedenfalls in der ausgebrannten, rußigen Hohlform des Baues dauerhaft gegenwärtig. Die Feuchtigkeit des in der Bodenlache stehenden Wasser, die Geräusche des tropfenden Regens, das Knirschen des Schritts auf dem Boden und der Wind, der über die Öffnung der Kapelle hinweg streicht, und den Raum kontinuierlich mit einem leichten Rauschen füllt, gehören ebenso zur leiblich-haptischen Erfahrung, die Zumthor mit seinem ganzheitlich angelegten Bau den Besuchern anbietet, wie die metaphorisch verstandene „Wärme“ und „Klang des Raumes“,[24] der sich aus den in ihm zum Tragen kommenden Materialien speist. Diese Elemente atmosphärischer Verdichtung sollen ein Ausgangspunkt für eigene Assoziationen und Erfahrung sein.[25] Man mag an die Ausgesetztheit des Einsiedlerlebens denken, das Kälte, Feuchtigkeit und Nässe ebenso zu ertragen hat wie Wärme und Hitze sowie an die unbequeme Einfachheit und Härte von Stein und Holz.[26] Da mögen die 24 Tagewerke des Kapellenturmes an den Ablauf des Tages und die 12 m Höhe an die Monate des Jahres erinnern und mit der Zeitdimension auch die Endlichkeit des irdischen Lebens in Erinnerung kommen. Die Erfahrung des Baus soll einen im körperlichen, zeitlichen und geistigen Sinne innehalten lassen und zum Einfühlen und Nachdenken bringen. Für den, der sich in Muße auf sie einlässt, kann das Werk, das „um die Erneuerung des menschlichen Sinns aus dem Elementaren bemüht ist“, seine transformative Kraft entfalten.[27] „Es gibt für mich ein schönes Schweigen von Bauten, das ich verbinde mit Begriffen wie Gelassenheit, Selbstverständlichkeit, Dauer, Präsenz und Integrität, aber auch Wärme und Sinnlichkeit; sich selber sein, ein Gebäude sein, nicht etwas darstellen, sondern etwas sein.“[28] In der Vorstellung Zumthors, so ließe sich im Anschluss an diese Worte sagen, kann sogar ein Gebäude in mußevoller Ruhe einfach sich selbst sein.

[1] Peter Zumthor, Bauten und Projekte. Hrsg. v. Thomas Durisch, 5 Bde. Zürich 2014, Bd. 3: 1998-2001, S. 109-135.

[2] Nadine Haepke verweist außerdem auf die phänomenologische Parallele zu den hohen monolithischen Dolmen (Stones of Stenness) auf der Insel Mainland der Orkney Gruppe im Norden Schottlands. Diese neolithischen Landmarken stehen allerdings in kreisförmigen Reihen, sind also gerade nicht als Solitäre, sondern im System wahrzunehmen. Außerdem wirken sie mit 5,7 m Höhe deutlich weniger monumental, und dürften den meisten Besuchern von Wachendorf unbekannt sein. Nadine Haepke, Sakrale Inszenierungen in der zeitgenössischen Architektur: John Pawson, Peter Kulka, Peter Zumthor, Bielefeld 2013, S. 299. Bei Hubertus Adam, Turm und Höhle, in: archithese, 4, 2007, S. 46-49 (S. 46) und im world-wibe-web ist auch von der Form eines (Getreide)Silos die Rede. Diese unpräzise Assoziation hilft nicht weiter, da sie schon aufgrund der kantigen Form des Gebäudes zu verwerfen ist. Es stehen im Übrigen in dieser Gegend der Nordeifel keine Silos, so dass sie auch nicht durch den landschaftlichen Kontext Gewicht erhielte. Dass die Gedankenverknüpfung des hohen Baus mit einem Turm von Zumthor eher beabsichtigt war, wird weiter unten deutlich gemacht.

[3] Martin Heidegger Der Ursprung des Kunstwerks. Mit einer Einführung von Hans Georg Gadamer, Stuttgart 2008, S. 42, 45, 46 und passim. Georg W. Bertram, Kunst: eine philosophische Einführung, Stuttgart 2011, S. 228-231.

[4] Niklaus von Flüe: die älteste Biographie über Bruder Klaus; 1501 von Heinrich Wölflin, von Josef Konrad Scheuber übersetzt. Hg. von Lothar Kaiser / Klaus-Peter Schäffel, Malters 2005, S. 37.

[5] Markus Bönsch: Zum Himmel offen. Die Bruder Klaus Kapelle in Wachendorf. Architekt Peter Zumthor, Köln 2009 (unpaginiert).

[6] Peter Zumthor. Hrsg. v. Thomas Durisch, 5 Bde. Zürich 2014, Bd. 3, S. 121.

[7] Zumthor formuliert das, als „das Spiel mit dem Massstab der Architektur, die Arbeit an der richtigen Grösse der Dinge“; vgl. Peter Zumthor, Architektur denken, Baden 1998, 3. erw. Auflage Basel 2010, S. 86.

[8] Der Begriff Denken ist hier im Sinne Zumthors als die nicht routinehafte Reflexion über die Möglichkeiten von Architektur verstanden; vgl. Peter Zumthor, Architektur denken, Baden 1998, 3. erw. Auflage Basel 2010.

[9] Zu diesem Verfahren siehe: Peter Zumthor, Architektur Denken, Basel 3. Erw. Auflage 2010, S. 7-27.

[10] Die Auftragsvergabe und Entstehung ist gut und detailliert dargestellt bei Nadine Haepke, Sakrale Inszenierungen in der zeitgenössischen Architektur: John Pawson, Peter Kulka, Peter Zumthor, Bielefeld 2013. S. 292-306.

[11] Peter Zumthor. Hrsg. v. Thomas Durisch, 5 Bde. Zürich 2014, Bd. 3, S. 122.

[12] „Ich beobachte an mir eine ausgeprägte Empfindlichkeit für den Zusammenhang zwischen Ort, Material und Konstruktion. Material und Konstruktion müssen für mich etwas mit dem Ort zu tun haben, mitunter direkt von dort stammen. Sonst nimmt die Landschaft das neue Bauwerk nicht an, scheint mir.“, sagt Zumthor zu diesem Problem, in: Peter Zumthor, Architektur Denken, Basel 3. Erw. Auflage 2010, S. 99.

[13] Peter Zumthor. Hrsg. v. Thomas Durisch, 5 Bde. Zürich 2014, Bd. 3, S. 121.

[14] Peter Zumthor, Architektur Denken, Basel 3. Erw. Auflage 2010, S. 18.

[15] Nach anderen Quellen wohnte er zunächst in einer Höhle. Sämtliche geschichtlichen Zeugnisse sowie Biographien von Bruder Klaus wurden zusammengetragen von Robert Durrer, Bruder Klaus. Die ältesten Quellen über den seligen Nikolaus von Flüe, sein Leben u. seinen Einfluss, 2 Bde., Sarnen 1917–1921 (Nachdruck 1981) Außerdem: Rupert Amschwand, Bruder Klaus: Ergänzungsband zum Quellenwerk von Robert Durrer. Hg. von d. Regierung des Kantons Unterwalden ob dem Wald zum 500. Todestag von Bruder Klaus 1987. Darin, S. 101-108 zur oben angeführten Vision in der Vita des Heinrich von Gundelfingen von 1488; sowie: Marie-Louise von Franz, Die Visionen des Nikolaus von Flüe, Zürich 1929, S. 26-28; Die Turmvision findet sich auch auf dem Holzschnitt von 1618, der das Leben des Bruder Klaus illustriert; vgl. Josef Hermann Hess, Das Buch vom Bruder Klaus: Ein Bildbuch mit 140 Aufnahmen, Basel 1942, Abb. auf S. 51 und Durrer, S. 985-990.

[16] Zu Bruder Klaus, seinem Leben und seinen Visionen siehe: Robert Durrer: Bruder Klaus. Die ältesten Quellen über den sel. Nikolaus von Flüe, sein Leben und seinen Einfluss. Außerdem: Rupert Amschwand: Bruder Klaus. Ergänzungsband zum Quellenwerk von R. Durrer. Sarnen 1987; Marie-Luise von Franz: Die Visionen des Nikolas von Flüe. 2., erweiterte Auflage der Originalfassung, Zürich 1980; Werner T. Huber: Bruder Klaus. Niklaus von Flüe in den Zeugnissen seiner Zeitgenossen. Zürich / Düsseldorf 1996. Heinrich Wölflin: Die älteste Biographie über Bruder Klaus (1501), Malters 2005.

[17] Peter Zumthor, Architektur Denken, Basel 3. Erw. Auflage 2010, S. 86.

[18] Nadine Haepke, Sakrale Inszenierungen in der zeitgenössischen Architektur: John Pawson, Peter Kulka, Peter Zumthor, Bielefeld 2013, S. 300.

[19] Peter Zumthor, Architektur Denken, Basel 3. Erw. Auflage 2010, S. 22.

[20] Interview mit Peter Zumthor, in: Kolumba: ein deutsches Sonderheft der tschechischen Fachzeitschrift Salve. Revue für Theologie, geistliches Leben und Kultur, 21,2, 2011, Prag 2011, S. 132.

[21] Peter Zumthor, Architektur Denken, Basel 3. Erw. Auflage 2010, S. 14. Beim Bau des Kolumba-Museums in Köln, der zur gleichen Zeit wie der der Bruder Klaus Kapelle erfolgte, kam Zumthor in direkten Kontakt mit Richard Serras Plastik The Drowned and the Saved.

[22] Zu den Visionen: Marie-Louise von Franz, Die Visionen des Niklaus von Flüe, 5. Aufl. Zürich 1998, hier S. 91-101 sowie Durrer, 1919-1921 passim.

[23] Dazu ausführlich in: Peter Zumthor, Architektur Denken, Basel 3. erw. Auflage 2010. S. 39-51, 53-62, 66 und Peter Zumthor, Atmosphären. Architektonische Umgebungen. Die Dinge um mich herum. Basel/Boston/Berlin, 2006, S. 29-33 und passim.

[24] Dazu: Peter Zumthor, Atmosphären. Architektonische Umgebungen. Die Dinge um mich herum. Basel/Boston/Berlin, 2006, S. 29-33.

[25] Nadine Haepke, Sakrale Inszenierungen in der zeitgenössischen Architektur: John Pawson, Peter Kulka, Peter Zumthor, Bielefeld 2013, S. 303-308 und passim.

[26] Nikolaus von Flüe hat angeblich auf einem Kissen aus Stein geschlafen.

[27] Tobias Keiling / Thomas Jürgasch, Enzyklopädische Räume: Zur Gegenwart der Geschichte in Peter Zumthors Kolumba-Museum, in: *** S.

[28] Peter Zumthor, Architektur Denken, Basel 3. erw. Auflage 2010, S. 34.

Empfohlene Zitierweise:


Hans W. Hubert: Annäherung an einen Muße-Ort. Die Feldkapelle Bruder-Klaus von Peter Zumthor
In: Muße. Ein Magazin, 2. Jhg. 2016, Heft 2, S. 57-64.
DOI: 10.60494/musse-magazin/2.2016.57
URL: http://mussemagazin.de/?p=1816
Datum des Zugriffs: 22.07.2017

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