Rezension

Keynes: Economic Possibilities for our Grandchildren

Alexander Lenger

Download

Im Jahr 1928, während der ‚Großen Depression‘, hielt der wohl wichtigste Ökonom des 20. Jahrhunderts, John Maynard Keynes, einen kurzen aber bemerkenswerten Vortrag, der 1930 in erweiterter und aktualisierter Form unter dem Titel Economic Possibilities for Our Grandchildren (Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder, deutsche Übersetzung von Norbert Reuter) veröffentlicht wurde.

Entgegen des damals allgemein herrschenden Pessimismusformulierte Keynes in seinem Essay die These, dass aufgrund des technologischen Fortschritts und der Möglichkeit zur Kapitalakkumulation eine immense wirtschaftliche Produktivitäts- und Wohlstandssteigerung zu erwarten sein werde. Die damaligen Probleme, insbesondere die Massenarbeitslosigkeit und die Hyperinflation, seien als Anpassungsschwierigkeiten kapitalistischer Systeme im Modernisierungsprozess zu interpretieren, welche die Wirtschaft aus dem ‚Gleichgewicht‘ geworfen hätten. Eine „technologische Arbeitslosigkeit“ als Folge schnellen technischen Fortschritts würde sich in der langen Frist automatisch auflösen, sobald die Menschen sich an die neuen Anforderungen angepasst hätten.

Entsprechend optimistisch vertrat Keynes folgende – damals sicherlich äußerst provokante – These: „Auf lange Sicht bedeutet all dieses, dass die Menschheit dabei ist, ihr wirtschaftliches Problem zu lösen. Ich möchte voraussagen, dass der Lebensstandard in den fortschrittlichen Ländern in hundert Jahren vier- bis achtmal so hoch sein wird wie heute.“ (Keynes 1930: 140) Die Konsequenz – so Keynes – wäre eine materielle Bedürfnisbefriedigung, sodass „wir es vorziehen, unsere weiteren Kräfte nicht-wirtschaftlichen Zwecken zu widmen.“ (Ebd.: 141). Keynes skizzierte eine Utopie, in der nicht mehr das Streben nach Reichtum, sondern nur noch die Realisierung einer besseren Lebensqualität das Lebensziel sein würde. Auch wenn die relativen Bedürfnisse gegenüber den Mitbürgern weiterhin grenzenlos seien, würden die absoluten materiellen Bedürfnisse zum Leben bald für die meisten sozialen Schichten erfüllt sein. So prognostizierte er, dass sich im Jahr 2030 der ökonomische Lebensstandard gegenüber 1930 verachtfacht haben würde und Arbeit somit für die meisten Schichten zum Überleben überflüssig werden könnte.

In einer solchen Gesellschaft würde die traditionelle Ausrichtung auf Arbeit und ökonomische Zwecke in den Hintergrund treten und die Frage nach der Verwendung der frei gewordenen Zeit zur entscheidenden Größe werden. Keynes selbst hat in diesem Zusammenhang die Behauptung aufgestellt, dass aus dieser Situation jedoch ein grundlegender Konflikt entstehen würde, da die menschliche Prägung dem Wesen nach auf ökonomische Ziele ausgerichtet sei und somit Menschen durch die Freisetzung der Produktivität ihres herkömmlichen Lebensziels beraubt würden. Der Mensch – so Keynes – würde mit der Aufgabe konfrontiert werden, „wie seine Freizeit auszufüllen ist, die Wissenschaft und Zinseszins für ihn gewonnen haben, damit er weise, angenehm und gut leben kann“ (Ebd.: 142). Des Weiteren vertritt er die Auffassung, dass diese Fähigkeit viele Menschen überfordern würde: „Aber es werden nur solche Menschen sein, die am Leben bleiben können und eine höhere Perfektion der Lebenskunst kultivieren, sich nicht für die bloßen Mittel des Lebens verkaufen, die in der Lage sein werden, den Überfluss zu genießen, wenn er kommt.“ (Ebd.: 142). Im Einklang mit diesen Überlegungen schlug Keynes vor, die Arbeit auf 15 Stunden die Woche zu reduzieren und auf maximal drei Stunden am Tag zu begrenzen. So würden laut Keynes diese drei Stunden am Tag völlig ausreichen, um das Gewinnstreben in den meisten Menschen ausreichend zu befriedigen.

Für Forschungen zu Muße kann der Beitrag aus zweierlei Gründen interessant sein: Zum einen, weil Keynes in Zeiten der größten ökonomischen Krise ein utopisches und postmaterielles Zeitalter der Muße prognostizierte, und zum anderen, weil der Beitrag in der Muße-Rezeption einige Aufmerksamkeit entfaltete (vgl. hierzu instruktiv Riedl 2014). So beschreibt Peter Philipp Riedl treffend, wie Keynes in dem Essay de facto an das Muße-Konzept jenseits von Arbeit und Freizeit anschließt, indem er das utopische Lebensziel jenseits von Zeitzwängen und Zweckrationalismus bestimmt und hält treffend fest: „Das künftige Zeitalter der Muße malt Keynes […] als eines der ausgebildeten Lebenskunst aus, die ihren Zweck in sich selbst trägt. In diesem Kontext gehört Muße elementar zu einer Ethik des guten Lebens. Die Spuren der Aristoteles-Rezeption […] sind auch hier unübersehbar.“ (Riedl 2014: 212). An diese Mußekonzeption schließen beispielsweise auch die Keynes-Experten Robert und Edward Skidelsky an, wenn sie für ein nicht-quantitatives Wachstum plädieren, „das sich konsequent an den insbesondere aristotelisch begründeten Wertmaßstäben eines guten Lebens, zu dem elementar Muße zählt, ausrichtet“ (Ebd.: 213). Eine solche Form der Muße – so Riedl in seiner Skidelsky-Rezeption – sei kein Luxusgut mehr, sondern müsse als egalitäres Basisgut postmaterialistischer Gesellschaften verstanden werden, da es die „nötigen Resonanzerfahrungen“ gegen die „Entfremdungserfahrungen der Moderne“ bereitstellt (Ebd.: 215). Eine Lesart, die eine überraschende Nähe zur so genannten ‚Glücksforschung‘ aufweist und die Frage aufwirft, ob Keynes als moderner Vorläufer dieser Forschungsrichtung angesehen werden sollte. Denn es ist ja gerade das Anliegen der Glücksforschung, in einem ersten Schritt jene Bedingungen zu identifizieren, unter denen Menschen glücklich sind, um in einem zweiten Schritt Vorschläge zur Maximierung des menschlichen Glücks zu formulieren.

Insgesamt beinhaltet der Aufsatz drei zentrale Elemente: Erstens ein modernes Verständnis von wirtschaftlichen Wachstumsfaktoren, zweitens Vorhersagen zum Lebensstandard im Jahr 2030 sowie drittens Aussagen über zukünftige Lebensstile und Lebensformen. Insbesondere Keynes Ausführungen über die utopischen Lebensformen können für die zeitgenössische Mußeforschung fruchtbar sein, allerdings stellt sich die Frage, welche Vorhersagen eingetroffen sind. Hierfür kann dem Leser guten Gewissens die ergänzende Lektüre des Bandes von Lorenzo Pecchi und Gastavo Piga: Revisiting Keynes: Economic Possibilities for our Grandchildren empfohlen werden. Der Band versammelt vierzehn – teils positive, teils kritische – Kommentare prominenter Ökonomen und erlaubt damit eine allgemeine Verortung von Keynes Essay. In der hier gebotenen Kürze lassen sich die Aufsätze wie folgt zusammenfassen: Die Vorhersagen zum Wachstum und Wohlstand haben sich bewahrheitet, der Wohlstand ist gar um das 17-fache angestiegen. Keynes Prognosen zur fallenden Arbeitszeit und zum Ende einer Kapitalakkumulation hingegen waren falsch; Arbeit und Vermögen sind auch weiterhin die zentralen Grundpfeiler von individuellem Wohlstand. Zudem wird Keynes heftig dafür kritisiert, dass er die negativen Auswirkungen ungleicher Vermögensverteilung und die Persistenz sozialer Stratifizierung moderner Gesellschaften unterschätzte (vgl. exemplarisch Piketty 2014). Am umstrittensten schließlich wird die Idee genügsamer Konsummuster und einer moralischen Wende hin zu einer utopischen Muße-Gesellschaft diskutiert. Während einige Autoren eine stagnierende Nachfragesteigerung aufgrund neuer technologischer Innovationen (Auto, Fernseher, Computer etc.) ablehnen, befürworten andere die Idee eines wohlstandsinduzierten Wertewandels und sehen erste Anzeichen für eine sich formierende postmaterialistische Gesellschaft. In diesem Zusammenhang kann exemplarisch auf die so genannte Generation-Y verwiesen werden, welche die Jahrgänge 1980 bis 1999 (also die heute 17- bis 36-Jährigen) umfasst. Einige SoziologInnen sehen diese Generation durch einen postmaterialistischen Lebensstil ohne Status- und Prestigestreben gekennzeichnet und betonen die primäre Ausrichtung auf die Suche nach dem Sinn des eigenen Lebens und sinnvoller Lebensinhalte. Entsprechend sind die zentralen Forderungen mehr Autonomie, mehr Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung sowie mehr Zeit für Familie und Freizeit. Inwiefern eine solche Generation aber wirklich existiert, ist heftig umstritten und wird sich wohl erst in den kommenden Jahren zeigen, wenn die Generation vollständig in das Arbeitsleben eingestiegen ist.

Die Ausführungen von Keynes sind auch deswegen für die Mußeforschung von so großem Interesse, weil der Ökonom für die Gestaltung der realen Wirtschaft Muße (bzw. das gute Leben) scheinbar als normativen Zielpunkt staatlichen Handelns ansah. Im Folgenden werde ich daher abschließend kurz versuchen, den Essay in Keynes Gesamtwerk zu verorten. Prinzipiell erscheint es mir in einem ersten Hinweis wichtig, dass eine zentrale Botschaft seiner General Theory of Employment, Interest and Money (2002 [1936]) war, dass marktwirtschaftliche Systeme auch bei flexiblen Preisen und Löhnen nicht automatisch zur Vollbeschäftigung tendieren, sondern staatliche Eingriffe zur Lösung der Arbeitsfrage notwendig sein können. Hieraus ergibt sich aber, dass Keynes die Vollbeschäftigung als kapitalistisches Ideal in einem geschlossenen Kreislaufsystem konzipierte. Insofern ergeben seine utopischen Überlegungen konzeptionell gespiegelt auf sein Gesamtwerk nur wenig Sinn. Zweitens überrascht die langfristige Perspektive, die er in dem Essay einnahm. So wird bei Keynes bzw. im Keynesianismus staatliches Handeln üblicherweise damit begründet, dass die gesellschaftlichen Notlagen (in Keynes Theorie Anpassungsschwierigkeiten bzw. Abweichungen vom langfristigen Vollbeschäftigungsgleichgewicht) kurzfristig durch expansive staatliche Maßnahmen gelöst werden müssen. Programmatisch für diese Ausrichtung auf die kurze Frist steht seine Aussage, dass wir langfristig gesehen alle irgendwann sterben müssen („In the long run we are all dead“). Drittens möchte ich schließlich auf die Temporalitätskonstruktion der Keynes´schen Theorie hinweisen. So argumentierte Keynes spätestens 1936 in seiner General Theory, dass man über die Zukunft keine Informationen habe und dementsprechend auch keine rationalen Erwartungen bilden könne. Damit kritisiert er eine der zentralen Annahmen der Neoklassik, dass zukünftige Ereignisse mittels Wahrscheinlichkeitsverteilungen kalkulierbar seien. Eine Aussage, der widerspruchslos zuzustimmen ist, vor deren Hintergrund aber eine Aussage über die wirtschaftliche Entwicklung in den kommenden einhundert Jahren sich gewissermaßen geradezu verbietet.

Angesichts dieser drei Punkte sollten die Ausführungen von Keynes meines Erachtens mit der nötigen kritischen Distanz zwischen Essay und ökonomischen Gesamtwerk gelesen werden und mehr als eine private Auffassung über die normativ wünschenswerte Ausgestaltung einer postmaterialistischen Gesellschaft in Krisenzeiten, denn als eine ökonomisch hergeleitete Theorie verstanden werden. Unabhängig dieser Kritik leistet der kurze und gut lesbare Essay sowie die entsprechende Rezeption aber eine wichtige Funktion für die zeitgenössische Mußeforschung: Er belegt eindringlich die essenzielle Notwendigkeit, zur Bestimmung von Muße die sozialen und kapitalistischen Strukturen (post-)materieller Gesellschaften mitzudenken und angemessen zu reflektieren.

 

Literatur

Keynes, John Maynard (1930): Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Kinder. In: Norbert Reuter: Wachstumseuphorie und Verteilungsrealität. Wirtschaftspolitische Leitbilder zwischen Gestern und Morgen. Mit Texten zum Thema von John Maynard Keynes und Wassily W. Leontief, 2. vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage, Marburg 2007.

Keynes, John Maynard (2002 [1936]): Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, Berlin: Duncker & Humblot.

Pecchi, Lorenzo; Piva, Gastavo (Hrsg.): Revisiting Keynes: Economic Possibilities for our Grandchildren

Piketty, Thomas (2014): Capital in the Twenty-First Century, Harvard: Harvard University Press.

Riedl, Peter Philipp (2014): Entschleunigte Moderne. Muße und Kunsthandwerk in der Literatur um 1900″, in: Hasebrink, Burkhard; Riedl, Peter Philipp (Hg.): Muße im kulturellen Wandel. Semantisierungen, Ähnlichkeiten, Umbesetzungen. Berlin: De GruyterS. 180–216.

Empfohlene Zitierweise:


Alexander Lenger: Keynes: Economic Possibilites for our Grandchildren
In: Muße. Ein Magazin, 2. Jhg. 2016, Heft 2, S. 48-52.
DOI: 10.60494/musse-magazin/2.2016.48
URL: http://mussemagazin.de/?p=1768
Datum des Zugriffs: 23.11.2017

Zum Zitieren nutzen Sie bitte die Seitenzahlen der PDF-Version

Comments are closed.