Rezension

Von der Berechenbarkeit der Muße: George Orwells ‚Books v. Cigarettes‘.

Heidi Liedke

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Wie oft hört man nicht die Klage oder zumindest Feststellung, dass Freizeit und Muße etwas sind, das sich nicht jeder leisten kann. Natürlich – und leider – ist diese Aussage auch im 21. Jahrhundert nach wie vor zutreffend. Dabei muss es nicht nur um teure Mitgliedschaften in Sportvereinen oder Fitnessstudios gehen, auch (und je nach Frequenz vor allem) Kino- und Kneipenbesuche kosten: die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen. Manchem Hobby haftet aber zu unrecht der Ruf an, zu teuer zu sein. 1946 ging der SchriftstellerGeorge Orwell der Frage auf den Grund, welchen Status in dieser Rechnung der Konsum von Tabak und Literatur einnimmt, Ziffer für Ziffer.

Der Verlag Penguin verkündet auf seinem Buchcover, in der Reihe Great Ideas diejenigen Bücher und Essaysammlungen zu vereinen, die unseren Blick auf uns selbst und einander maßgeblich verändert haben. In dem Büchlein, das sieben Essays von George Orwell bündelt und den Titel des ersten Essays, Books v. Cigarettes[1], trägt, reflektiert Orwell über den Beruf des Kritikers und Rezensenten und die Pressefreiheit und geht der Frage nach, was Patriotismus wirklich bedeute. Es sind aber die vermeintlich kleinen Themen, die die interessanten Denkanstöße geben. Die ersten beiden Essays widmen sich ausschließlich und detailliert Büchern und Zigaretten. Orwell beginnt „Books v. Cigarettes“ mit der Bemerkung, die ein Fabrikarbeiter im Austausch über eine Zeitung macht – die Buchempfehlungen würde er nie lesen, denn ein Buch zu kaufen, könne er sich ohnehin nicht leisten. Orwell nimmt das zum Anlass, seine Ausgaben für Bücher im Zeitraum von 15 Jahren zu überschlagen. Pamphlete und Schulbücher zählt er nicht mit, und kommt auf 442 Bücher in seiner Wohnung, nochmal genauso viele an einem anderen Ort, also insgesamt etwa 900 an der Zahl. Die von ihm selbst gekauften Bücher berechnet er mit dem vollen Preis und das Gleiche gilt für ausgeliehene – denn Bücher-Geben, Bücher-Leihen und Bücher-Stehlen gleichen sich, meint Orwell, mehr oder weniger aus (er mag also so und so viele fremde Bücher, für die er den ganzen Preis in seine Berechnungen einkalkuliert hat, bei sich zu Hause haben, aber ungefähr genauso viele durch ihn gekaufte liegen in anderen Wohnungen herum, so die Logik). Second-Hand-Bücher berechnet er mit der Hälfte des Preises; hinzu kommen noch die Kosten für Zeitungs- und Zeitschriften-Abonnements und Mitgliedschaften in Büchereien und er kommt auf insgesamt 25 britische Pfund pro Jahr, die er durchschnittlich in den vorangegangenen 15 Jahren für Lesestoff ausgegeben hat.[2]

Im Vergleich dazu, und das wird auf wenigen Zeilen festgestellt, gibt Orwell im Jahr 1946 nur 40 Pfund für Zigaretten und Tabak aus; schon vor dem Krieg lag die Summe für Zigaretten und Bier bei jährlich 20 Pfund. Wie steht es aber mit dem immateriellen Gegenwert der betroffenen Freizeitaktivitäten, fragt Orwell? Es sei schließlich schwierig, einen Zusammenhang zwischen dem Preis von Büchern und dem Mehrwert, den einem die Lektüre gibt, herzustellen:

There are books that one reads over and over again, books that become part of the furniture of one’s mind and alter one’s whole attitude to life, books that one dips into but never reads through, books that one reads at a single sitting and forgets a week later: and the cost in terms of money, may be the same in each case. But if one regards reading simply as a recreation, like going to the pictures, then it is possible to make a rough estimate of what it costs.[3]

Es ist ein schönes Bild, wenn man sich die Bücher als Möbelstücke vorstellt, die, einmal gelesen, in Form eines Ohrensessels oder Hockers für immer in der Gehirnwohnung einen Platz finden. Es fällt auf, dass Orwells Beschreibung von der Wirkung der Bücher, deren Wert nicht kalkulierbar ist, räumlich ist: Der Geist ist wie ein Zimmer möbliert, in andere Bücher taucht man ein wie in ein Becken oder einen Teich, andere werden in einer Sitzung (sitting), also an einem bestimmten Ort, gelesen. Das nachhaltige[3] Bücherlesen schafft Raum innerhalb eines Raumes, es ist Muße, es ist eine Praxis, die Raum erfahrbar macht; das Lesen als Freizeitaktivität (recreation) jedoch kann berechnet werden. Auf der Suche nach der Freizeit landet Orwell bei der Muße.

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Knapp 140 Jahre nach Johnson war die englische Gesellschaft bereit für ulkige Geschichten über Müßiggänger, allen voran Jerome K. Jeromes Three Men in a Boat, das einen ziellosen, schlecht organisierten Ausflug als das einzig Wahre feiert. Die drei Protagonisten haben stets etwas Geistreiches auf den Lippen, sind nonchalant, aber gleichzeitig einfach drollig. Jeromes Idee vom mußevollen Dahintreiben positioniert sich klar gegen ein Leben der Arbeit. Im Kontrast zu Walter Benjamins Flaneur erkundet Jeromes Müßigmann (bei Jerome sind Muße und Müßiggang gegendert) nicht die Großstadt, sondern ist eine Figur, die temporär von Arbeit frei ist, für einen Tag oder ein Wochenende, und sich deshalb dazu entschließt, mit seinen Kumpels an einem Lagerfeuer zu sitzen und halbherzig über alle möglichen Themen zu fabulieren, ohne auch nur im geringsten Ernsthaftigkeit walten zu lassen, sondern stets von Leichtigkeit und Schalk angetrieben[4]. Das ganze Buch folgt der Prämisse: “We agree that we are overworked, and need rest”[5]. Diese spielerische Einstellung gegenüber Arbeit wurde sowohl von Jerome als Mensch und als Schriftsteller formuliert. Seine Sekretärin wusste z.B. zu berichten, dass er die meisten seiner Ideen auf langen Spaziergängen mit seinem Hund hatte und ihr diese anschließend diktierte, während er im Zimmer auf und ab ging.[6] Jerome selbst beschrieb seinen Arbeitsprozess aber wie folgt:

The girl (secretary) becomes a sort of conscience; after a time you get ashamed of yourself, muddling about the room and trying to look as if you were thinking. She yawns, has pins and needles, begs your pardon every five minutes – was under the impression that you said something. A girl who knows her business can, without opening her mouth, bully a man into working.[7]

Zu arbeiten ist gemobbt zu werden; immer und immer wieder beschreibt Jerome es als anstrengend, wenn auch mit einem Augenzwinkern. Die Hauptaufgabe von Arbeit ist es, einen Gegenpol zur köstlichen Muße darzustellen. Deshalb ist der Protagonist von Three Men in a Boat, „J.“ auch darauf bedacht, Arbeit in all ihren Formen, und auch beim Bootfahren, zu entblößen. Als die drei Freunde diskutieren, wer als nächstes skullen, steuern oder nichts tun soll, reagiert J. genervt – für ihn ist es eindeutig, dass er nicht an der Reihe ist, sich körperlich zu betätigen:

It is not that I object to the work, mind you; I like work; it fascinates me. I can sit and look at it for hours. I love to keep it by me; the idea of getting rid of it nearly breaks my heart. You cannot give me too much work; to accumulate work has almost become a passion with me; my study is so full of it now that there is hardly an inch of room for [it] any more. […] I take a great pride in my work; I take it down now and then to dust it. No man keeps his work in a better state of preservation than I do. But, though I crave for work, I still like to be fair. I do not ask for more than my proper share.[8]

Was in dieser Passage zum Ausdruck kommt, ist, dass (die hier personifizierte bzw. objektivierte) Arbeit nur an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit praktiziert werden sollte. Das geht einher mit Entwicklungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die eine klare Trennung von Räumen und Räumlichkeiten für Arbeit und Freizeit mit sich brachten (Parks und ähnliche der Rekreation dienende Grünflächen gab es schon im 18. Jahrhundert, aber im 19. Jahrhundert kam zusätzlich auch eine Vielzahl von an der freien Luft ausgeführten Sportarten dazu, öffentliche Bibliotheken und Clubs). Interessanterweise sucht der Müßigmann bei Jerome auch dezidiert nach einem bestimmten Ort und einer Zeitspanne für seine Muße. Wenn er in seinem Boot ist, möchte er nichts mit Arbeit zu tun haben. Wenn also die Aktivitäten der Gruppe als Gegensatz zum permanenten Lebensmodus der Arbeit dargestellt werden, ist der Fokus auf dem Bootfahren als temporärer Nische; nur so, und vor allem im Fall von SchriftstellerInnen, ruft Muße so viel Freude hervor – als temporärer Raum im Raum des Alltags.[9] Man stellt sich ein Zimmer vor, das nur über einen Code zugänglich ist, der nach einer bestimmten Zeit seine Gültigkeit verliert. Muße wird hier herbeigesehnt und inszeniert.

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Im zweiten Essay in dem Band Books v. Cigarettes, der den Titel „Bookshop Memories“ trägt, schreibt Orwell von seinem Job als Verkäufer in einem Geschäft mit gebrauchten Büchern. Der Buchladen, wie er ihn beschreibt, ist ein besonderer Ort, bietet Zuflucht für die Einsamen, Merkwürdigen und Armen – denn es ist einer der wenigen Orte, an dem man eine lange Zeit ‚rumhängen’ kann, ohne Geld zu bezahlen. Als Nebengeschäft betreibt der Buchladen auch einen Bücherverleih, der sich als der genauste aller Lügendetektoren erweist: die Bücher, die Menschen ausleihen, wollen sie wirklich lesen, und nicht nur vorgeben, sie lesen zu wollen – niemand kauft sich die Werke kanonischer englischer Romanciers wie Dickens, Thackeray, Trollope und Austen; die kauft man sich, aber die liest man nicht. So sehr diese und weitere kuriose Beobachtungen gewinnbringend sind, weil Orwell über sie berichten kann, so enttäuscht lässt ihn sein Job zurück: er raubt ihm die Liebe zu den Büchern, vor allem auch ihrem Geruch, ihrer Haptik. Er ist der Mußebeschäftigung des Lesens zu lange nachgegangen, sie hat ihren Wert verloren.

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Der Dreisprung dieses Artikels über Orwell, Jerome, zurück zu Orwell ist begründet in der in allen drei Fällen waltenden luziden Logik der jeweiligen Autoren: man sucht nach Freizeit, grenzt sie ab und ein und stellt fest, dass sie ihren eigentlichen Wert erst dann entfaltet, wenn sie zu Muße wird. Doch dann muss man sich von den zu ihrer Bestimmung angewandten Methoden lösen: Die Kategorien „Dauer“ und „Messbarkeit“ funktionieren nur im Zusammenhang mit Bewertungen von Freizeit, Muße hingegen ist das, was einen „nachhaltigen“ Effekt zeigt und nur in vorübergehenden Zeitspannen eingefangen werden kann. Freizeit kann in einer Art Morphing-Vorgang zu Muße werden, aber nicht umgekehrt. In dem Moment, in dem letztere nämlich gefasst wird, verflüchtigt sie sich ganz. Insofern lautet die Antwort auf Orwells Ausgangsfrage, ob Bücher oder Zigaretten teurer seien, dann doch: kommt darauf an. Das Lesen von Büchern als Freizeitaktivität ist billiger, nur, wenn es wie eine reine Freizeitbeschäftigung ungeduldig angegangen wird, langweiliger als Kneipen- oder Kinobesuche. Das Lesen von Büchern als Mußeerlebnis ist unschätzbar. In dem gleichen Maße, in dem Kneipen und Kinos nur durch das Betretenwerden ihren Wert entfalten, müssen Bücher gelesen – wirklich gelesen – und nicht nur entstaubt werden, um als AkteurInnen im Muße-Prozess performativ in Erscheinung zu treten. Es ist ein Eintauchen um des Abtauchens willen; so löscht Wasser (Zigaretten-)Rauch.

[1] George Orwell, Books v. Cigarettes, London, Penguin, 2008.

[2] Zum Vergleich: Das durchschnittliche Gehalt eines männlichen Arbeiters in der Textilindustrie betrug 1946 etwa 216 britische Pfund jährlich brutto (das ist ein Schätzwert, basierend auf den Zahlen aus: Flexner, Jean A. „Great Britain: Wage Trends and Policies, 1938-47, Monthly Labor Review 65.285 (1947): 285-292).

[3] Ich verwende den Ausdruck „nachhaltig“ in seiner ursprünglichen Bedeutung, bevor er in die Dienste des Klimaschutzes trat, also im Sinne des Dudens von „sich auf längere Zeit stark auswirkend“.

[4] Vgl. Humpherys, Anne. “Putting Women in the Boat in The Idler (1892–1898) and TO-DAY (1893–1897).” 19: Interdisciplinary Studies in the Long Nineteenth Century 1 (2005): 1–22. CrossRef. S. 6.

[5] Jerome, Jerome K. Three Men in a Boat. To Say Nothing of the Dog! 1889. Harmondsworth: Penguin Books, 1979. S. 7.

[6] Vgl. Moss, Alfred. Jerome K. Jerome: His Life and Work (From Poverty to the Knighthood          of the People), with an introduction by Coulson Kernahan, London: Selwyn & Blount, 1928. S. 198.

[7] In Moss 1928, S. 199.

[8] Three Men in a Boat, S. 144-145.

[9] Korte, Barbara. “Against Busyness: Idling in Victorian and Contemporary Travel Writing.” Idleness, Indolence and Leisure in English Literature. Eds. Monika Fludernik and Miriam Nandi. New York: Palgrave, 2014. 215–34. S. 228.

Empfohlene Zitierweise:


Heidi Liedke: Von der Berechenbarkeit der Muße: Ein Dreisprung
In: Muße. Ein Magazin, 2. Jhg. 2016, Heft 2, S. 53-56.
DOI: 10.60494/musse-magazin/2.2016.53
URL: http://mussemagazin.de/?p=1734
Datum des Zugriffs: 28.06.2017

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