Interview

Schreiben als Arbeit in Muße

Susanne Bernhardt und Bianca Blum im Gespräch mit Annette Pehnt

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Annette Pehnt ist Schriftstellerin und Dozentin und lebt in Freiburg/Br. Ihr jüngster Roman, Briefe an Charley (erschienen im September 2015 beim Piper Verlag), ist zwischen Muße und Müdigkeit entstanden, wie sie im folgenden Interview erläutert.

Muße-Magazin: Im Gespräch im November wurde sehr eindrücklich klar, wie schwierig es ist, im Schreiballtag Muße zu erleben. Muße, so hast du gesagt, sei für dich eine Sehnsuchtsfigur. Was für eine Sehnsucht ist das genau?

A. Pehnt: Ich glaube, dass ich das Bild des in Muße weilenden Künstlers, der aus der Muße heraus zu seinem Werk kommt, mit mir trage, weil es ein kulturelles Bild ist, das wir mit dem Künstlerleben immer mitdenken. Der Zustand in Muße ist topisch im Bild des Künstlers verankert – und das gilt für mich selbst auch. Ich habe mir stets ein Schreiben in Muße für meine eigene Arbeit vorgestellt. Anfangs, als ich noch nicht in festen Zusammenhängen arbeiten musste, konnte ich viel freier über meine Zeit verfügen und ich kannte diese Zustände des Arbeitens in Muße: Tage, die nicht getaktet waren, Zeit, die nicht auf irgendetwas hingerichtet war und ich weiß noch, dass daraus eine Art Freiheit im Kopf entsteht – das ist einfach toll! Aber das habe ich nicht lange halten können.

Muße-Magazin: Was hat sich geändert? Wie arbeitest du in der Zwischenzeit?

A. Pehnt: So, wie ich jetzt arbeite, finde ich, bin ich immer zu schnell in Verwertungszusammenhängen. So etwas wie nächtliches Schweifen gibt es kaum noch, ich denke immer schnell in Projekten oder habe Aufträge und muss in ökonomischen Strukturen denken, etwa wie viel Zeit kann ich mir jetzt überhaupt für eine Arbeit nehmen und dann ist ja die Muße schon weg! Der Wunsch nach Muße ist deshalb immer auch der Wunsch, mich außerhalb von Verwertungszusammenhängen verstehen zu können. Das ist ein großer Wunsch, und letztlich der Wunsch nach einem nicht entfremdeten Zustand.

Muße-Magazin: Dass du dein früheres Schreiben stärker mit Muße verbindest, bringt uns zu einer Frage zu deinen Texten: Dein Schreiben ändert sich im Laufe der Jahre ziemlich stark, du kommst von eher linearen Geschichten zu kleinteiligeren Texten, zu einer Chronik, einem Briefroman, einem Lexikon. Hat das mit der stärker getakteten Zeit zu tun? Ein Brief zum Beispiel gibt einen ziemlich klar umrissenen Rahmen vor, den man vielleicht auch in kürzerer Zeit füllen kann.

A. Pehnt: Das wäre eine ganz schöne Hypothese. Es gibt von Raymond Carver die Anekdote, dass er nur deshalb zur Kurzgeschichte kam, weil er auf seine Kinder aufpassen musste und deshalb nie den Atem für das längere epische Werk hatte. Bei mir liegt es an etwas anderem. Ich habe zunehmend Zweifel am durchgängigen Erzählen entwickelt. Das kohärente Erzählen in großen Bögen mit geschlossenen Formen trägt für mich nicht mehr, mein Blick hat sich verändert. Interessanterweise ist gerade mein letzter Roman, Briefe an Charley, der aus kurzen Textteilen besteht, das einzige Buch, von dem ich sagen würde, dass ich so etwas wie Muße erlebt habe. Für dieses Buch habe ich mir nämlich einen Mußeraum eingerichtet: Immer nach dem Tagesgeschäft, ab 22:30 mit offenem Ende, habe ich mich gezwungen – kann man sich zu Muße zwingen? – zu schreiben. Ich hatte davor länger nicht geschrieben und gemerkt, dass ich einen Raum und eine Zeit brauche, die nicht verplant sind und das geht eigentlich nur nachts bei mir. Also bin ich, auch wenn ich eigentlich zu müde war, ab 22:30 in mein Zimmer verschwunden und habe die Tür zugemacht und gearbeitet. Und ich hatte davor keinen Plan davon, welches Projekt entstehen könnte.

Muße-Magazin: Die ‚erzwungene Muße‘ hat also eine Art von Offenheit mit sich gebracht?

A. Pehnt: Ja, nach langen Jahren des Arbeitens immer auf etwas hin hatte ich hier keine Pläne. Und ich hatte Zeit, oft durchwirkt von Müdigkeit, was eigentlich ein schöner Zustand ist, und so habe ich sehr euphorisch dieses Buch geschrieben. Und mit einem ‚Ende-offen-Gefühl‘, das für mich zur Muße dazugehört. Das Gefühl, dass ich nicht weiß, wohin mich dieses Projekt führt, ob ich es überhaupt veröffentlichen kann.

Muße-Magazin: Was du von deinem Mußeraum erzählst, steht in Zusammenhang mit der Frage, ob Muße herstellbar ist, welche Bedingungen Muße befördern können oder, andersherum gefragt, welche Faktoren Muße stören. Hattest du dabei noch andere Rituale, die dich in deiner Kreativität und in deiner Muße gefördert haben?

A. Pehnt: Ich habe mir das wirklich ein bisschen inszeniert, spät abends, mit schönem Licht, vielleicht einer Tasse Tee, mein Hund lag ruhig da… Und dann stimmt das, was ich am Anfang gesagt habe, nicht ganz: Muße ist nicht allein eine Sehnsuchtsfigur, sondern wurde in diesem Zusammenhang tatsächlich verfügbar. Am Anfang hat es sich etwas befremdlich angefühlt, weil ich die Inszenierung immer gesehen habe. Ich habe mich selbst beobachtet, wie ich mir diese Muße einrichte, das hat etwas sehr Artifizielles. Ich dachte früher immer, Muße ist ein Zustand, der mir geschenkt wird. Aber offensichtlich ging es. Allerdings auf Kosten der alltäglichen Abläufe, weil ich morgens oft sehr müde war, aber in der Familie funktionieren musste.

Muße-Magazin: Der Spagat zwischen Familie und Beruf wird in der Gesellschaft und besonders in den Medien derzeit intensiv debattiert. Beobachtest du zwischen Kolleginnen und Kollegen einen Unterschied, was die Freiräume der Muße betrifft? Gehen Männer und Frauen anders mit Muße um?

A. Pehnt: Wenn man eine Familie und alltägliche Strukturen hat und dort eine gewisse Rolle einnimmt, ist es viel schwieriger, Mußeräume zu erhalten. Im Gespräch mit männlichen Kollegen darüber, wie sie ihre jeweiligen Schreibprozesse gestalten, ist bei mir der Eindruck entstanden, dass Männer, die keine festen Familien oder Alltagsstrukturen haben, sich viel mehr dem Mußeerleben hingeben können. Sie erzählen von Zuständen, wo sie Nachmittage lang einfach Spazieren gehen, Bücher lesen und hier und da mal ins Regal greifen. Und es kommt mir auch so vor, dass es für Autorinnen meiner Generation, die sich mit dem Familienleben teilweise noch sehr stark verbinden, deutlich schwieriger ist. Für diese Freiräume beneide ich die männlichen Kollegen manchmal.

Muße-Magazin: Die Versorgungsarbeit nimmt Frauen häufig in großem Umfang in Anspruch, auch bei der Arbeitsteilung. Wie wirkt sich diese Arbeit, die letztlich keine Pausen und keinen Feierabend kennt, auf einen kreativen Beruf wie denjenigen der Schriftstellerin aus?

A. Pehnt: Wenn irgendetwas anfällt, wenn Versorgungsarbeit geleistet werden muss, dann ist es auf jeden Fall der Mußeraum, der als allererstes wegbricht. Ich habe es oft nur noch geschafft, Auftragsarbeiten zu erledigen, aber gerade der nicht gefüllte Freiraum war dann überhaupt nicht mehr erreichbar, der wird sofort weggekürzt. So erklärt sich vielleicht die Sehnsuchtsfigur ‚Muße‘: Ich erfülle die Rolle in der Familie sehr gerne, aber ich merke oft, dass sie mit großer Anstrengung verbunden ist und dass ich dabei auch etwas aufgebe.

Muße-Magazin: War das abendliche Schreiben also auch ein Rückzug von dieser Rolle?

A. Pehnt: Ja, auf jeden Fall. Ich war schon allein deshalb euphorisch, weil ich es geschafft habe, mir diesen Raum zu schaffen, ihn mir gegen die vielen Alltagsanforderungen freizukämpfen. Und wenn dann auch noch was passiert, was ich ja vorher nicht wusste, sind es natürlich sehr erfüllende Momente. Nach einigen Abenden hatte ich schon das Thema zu Briefe an Charley und war drin im Schreiben, das war wirklich ein bisschen rauschähnlich.

Muße-Magazin: Wie hast du bei deinen anderen Romanen und Texten gearbeitet, wenn du keinen abendlichen Mußeraum hattest?

A. Pehnt: Eigentlich habe ich schon lange mit sehr klarem Zeitrhythmus gearbeitet. Ich habe morgens um 8:30 begonnen und bis 13:00 gearbeitet. Dass ich aber immer noch die Sehnsucht danach habe, dass die Muße zu mir kommt, zeigt, wie tief verwurzelt die kulturellen Bilder, wie der Künstler und die Künstlerin zu sein habe, auch bei mir selbst sind.

Muße-Magazin: Gab es beim Schreiben im festen Zeitrahmen Momente der Muße?

A. Pehnt: Ja, zu Beginn einer Schreibphase. Wenn ich noch mit Ideen hin und her spiele, wenn der Ton noch nicht fest ist. Das ist eine liquide Phase, wobei ich nicht weiß, ob Muße der richtige Begriff ist. Es finden noch keine Festlegungen statt, wo sich die Zeit dehnt, wo ich noch nicht an den Markt oder an das Publikum denke oder daran, wie es sich für den Lektor anhört. Aber das ist im Schreibprozess nur eine ganz frühe Phase.

Muße-Magazin: Wie gestaltest du diese frühe Phase? Worin liegt das ‚Spiel‘?

A. Pehnt: Es ist ein Spiel mit dem Material. Das Material ist zwar vorgegeben, aber ich schiebe es noch hin und her. Das kann ganz physisch sein, Notizen, Aufzeichnungen. Es ist alles da, aber noch nicht fest gestaltet oder komponiert. Das ist ein sehr schöner und sehr freier Moment, da gibt es viele Möglichkeiten, es ist noch nichts gewählt.

Muße-Magazin: Dabei spielt sicherlich eine wichtige Rolle, mit welcher Haltung oder Erwartung man an das Material herangeht. Erwartet man, dass da etwas passiert, dass man kreative Ideen hat, oder ist man einfach offen für alles.

A. Pehnt: Ja, genau. Aber da kommt wieder diese Sehnsuchtsfigur ins Spiel. Ich glaube es wird wirklich unterschätzt, wie hart und stark die Erwartungen sind, wenn man es beruflich macht und Schreiben zum Beruf hat. Ihr habt mal gesagt, dass Muße das Dritte zwischen Arbeit und Freizeit sei. Ich finde das schwierig, weil bei künstlerischen Arbeiten die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit eigentlich aufgehoben ist und es keine klare Grenze gibt. Das, was du in deiner Freizeit machst, ist deine Arbeit und muss dich ökonomisch tragen. Wie kann man dann einen Zustand der Muße halten, in dem solche Gedanken nicht mitspielen? Und ich muss mich doch letztlich immer auf dem Markt, im literarischen Betrieb, positionieren, mit allem was ich tue.

Muße-Magazin: Du hast gerade den wichtigen Aspekt der ‚Grenze‘ angesprochen. Wo hört für dich die Schreibarbeit, die kreative Arbeit auf und wo fängt die Freizeit an, oder gibt es da vielleicht Überlappungen?

A. Pehnt: Es gibt für mich diese Trennung nicht. Es gibt die Trennung da, wo ich einen klar definierten Beruf habe außerhalb des Künstlerischen, nämlich meine Hochschultätigkeit. Wenn ich an die Pädagogische Hochschule fahre, dann trete ich in diese Rolle ein, und wenn ich nach Hause fahre, hört sie wieder auf. Das muss ich auch nicht mit nach Hause nehmen. Aber bei dem schriftstellerischen Arbeiten ist es für mich nicht möglich, eine Grenze zu ziehen, denn ich bin ja immer als Ich, als wahrnehmender Mensch unterwegs, und alles, was ich wahrnehme und denke und erlebe, kann ich später oder währenddessen einspeisen in Texte, das ist meine Art zu reagieren auf die Welt, und auf die Welt zu reagieren ist ja weder Arbeit noch Freizeit, das ist im Grunde eine Daseinsweise. Ich kann das gar nicht etikettieren, und es entzieht sich mir jeder Zuordnung.

Muße-Magazin: Häufig sind es kleine Augenblicke und Begebenheiten, in denen unerwartet etwas passiert. Kennst du solche Momente der Muße aus deinem ‚paradoxen‘ Schreiballtag zwischen Selbstentfaltung und Broterwerb?

A. Pehnt: Ja, im freien Gespräch mit Leuten zum Beispiel, mit denen ich mich gut austauschen kann, also in Gesprächen, die nicht zielführend sind, wo man nichts klären und nichts regeln will, sondern sich einfach nur von der Arbeit oder Gedanken erzählt, das sind Momente, die nicht so oft stattfinden. Ich weiß nicht, ob das als Muße gilt, sich mit anderen zu unterhalten, oder ob man immer alleine sein muss.

Muße-Magazin: Das könnte man vielleicht als gesellige Muße bezeichnen.

A. Pehnt: Gesellige Muße? Das ist ein schöner Begriff. In der geselligen Muße rede ich mit anderen KollegInnen und gerne mit Leuten aus anderen Disziplinen. Mit MusikerInnen zum Beispiel, das finde ich immer interessant. Und wenn man sich die Gedanken so frei zuspielt, dann kann man oft etwas ernten, was man vorher gar nicht gesät hätte.

Muße-Magazin: Also würdest du sagen, dass der Schreibprozess selbst für dich Arbeit ist, und was davor passiert, da sind dann eher Frei- und Mußeräume möglich?

A. Pehnt: Der Schreibprozess selbst ist auf jeden Fall Arbeit, und es ist eine Arbeit, die sehr fußgängerisch ist, wo man wirklich dranbleiben muss und es teilweise ein langwieriger Weg ist. Das ist bei kleinteiligen Textformen ein bisschen anders, weil ich da immer wieder absetzen kann, und dann kann wieder so eine kleine Phase entstehen, so eine prickelnde Phase, in der ich wieder neuen Atem hole. Bei den Briefen an Charley war das so. Wenn es nicht stringent sein und man nicht dauernd an den Figuren bleiben muss, sondern eigentlich mit Assoziationen arbeiten kann, dann kann ich immer wieder die Muße eintreten lassen und mit etwas Neuem arbeiten. Deswegen liebe ich vielleicht im Moment diese kleineren Formen sehr, die dieses ‚immer wieder neu ansetzen‘ ermöglichen.

Muße-Magazin: Und vermutlich auch ein offeneres Ende haben, oder?

A. Pehnt: Genau. Aber das ist bei mir sowieso der Fall. Ich plane meine Texte nicht durch und habe nie in der Mitte oder am Anfang des Textes das Ende in Sicht. Aber bei den offenen Formen ist es noch viel weniger festgelegt, die könnte man ja auch fortsetzen. Briefe kannst du ad infinitum weiterführen. Und bei der Erzählsammlung Lexikon der Angst sind die Erzählungen als Lexikoneinträge aufgebaut, alphabetisch, aber das Alphabet ist groß, da könnte man natürlich unendlich weiter arbeiten. Solche Textformen, die nicht begrenzt sind vom Ende her, sondern die sich so ausbreiten können, die finde ich toll.

Muße-Magazin: Dieses offene ungeplante Schreiben scheint etwas mit Muße zu tun zu haben. Und was wir am Anfang gefragt haben, ob deine Texte kürzer werden, weil die Zeittaktung enger geworden ist, könnte man geradezu ins Gegenteil umdrehen: Sie sind kürzer, weil in der Kürze eine Offenheit und Ungeplantheit und damit mehr Möglichkeiten zu einem mußevollen Schreiben liegen.

A. Pehnt: Es ist das Gegenteil, genau. Da komme ich jetzt nach und nach auch drauf. Im Grunde können sich die Texte damit freier, weiter und unverfügbarer und ausbreiten. Sie sind auch wesentlich weniger marktgängig, was mir ein bisschen Spielraum gibt, da die Erwartungen nicht so festgeklopft sind. Es ist ein Balanceakt: Es wird wahrscheinlich weniger gekauft, es ist existenziell gesehen schwieriger für mich, aber interessanter, weil es mir wieder Freiräume eröffnet.

Empfohlene Zitierweise:


Susanne Bernhardt & Bianca Blum: Schreiben als Arbeit in Muße. Das Muße-Magazin im Gespräch mit Annette Pehnt
In: Muße. Ein Magazin, 2. Jhg. 2016, Heft 2, S. 24-29.
DOI: 10.60494/musse-magazin/2.2016.24
URL: http://mussemagazin.de/?p=1724
Datum des Zugriffs: 22.07.2017

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