Miszellen

Faule Frauen

Anna Sennefelder und Pia Masurczak

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„Wir haben genug vom Diktat der Verwertbarkeit. Frauen müssen Karriere machen. Frauen müssen Kinder kriegen. Frauen müssen eine gute Figur machen. Darauf scheißen wir und hängen lieber ab!“ Von dieser Verweigerungshaltung kündet der Flyer für die Faule Frauen-Tour, die die Redakteurinnen des Missy Magazines im November veranstaltet haben. Wir haben den Freiburg-Stopp genutzt und uns mit Katrin Gottschalk, Stefanie Lohaus und Hengameh Yaghoobifarah über ihre Vorstellungen von der faulen Frau unterhalten. Denn das politische Potenzial, das in der Verweigerung von Arbeitsmoral, Karriere und Kinderkriegen liegen kann, ist eben auch ein feministisches, das Frauen für sich nutzen können. Wo zwischen politisch-kritischem Anspruch und dem Stigma der faulen Frau die eigentliche Faulheit bleibt? Lehnen Sie sich zurück und lassen Sie sich berieseln!

Fragen und Konzeption: Anna Sennefelder und Pia Masurczak
Kamera: Martin Büdel
Danke an das Team von Zündstoff, das uns im Laden drehen ließ.

Transkription
HY = Hengameh Yaghoobifarah
SL = Stefanie Lohaus
KG = Katrin Gottschalk

KG: Die Faulheit war dieses Jahr so ein Thema bei Missy
SL: Wir hatten da auch Beiträge zu, es ist ja vor allem in feministischen Diskursen, also das was so im Mainstream stattfindet, das sind ja vor allem Quotendiskussionen oder Vereinbarkeitsdiskussionen, also all das, wo Frauen dazu angehalten werden mehr zu machen und sich mehr anzustrengen und so weiter. Gleichzeitig gibt es aber auch bei anderen Feministinnen durchaus schon eine Gegenbewegung, zum Beispiel Laurie Penny, die dazu aufruft faul zu sein.
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HY: Es gibt ja schon klare Bilder von faulen Frauen. Wenn man zum Beispiel mal bei google nach „faule Frauen“ sucht, dann kommen zum Beispiel vor allem dicke Personen. Dick sein und faul sein wird also miteinander verbunden oder auch Erwerbslosigkeit, oder Rabenmütter. Wir finden aber, dass faul sein nicht mit Scham behaftet sein sollte, deshalb kann die „faule Frau“ sehr unterschiedlich sein. Es kann natürlich auch eine dicke Person sein. Die kann aber eben auch eine Person sein, die zum Beispiel eigentlich erfolgreich im Beruf ist, aber faul in einer anderen Perspektive. Oder es kann eine Aktivistin sein, die politisch engagiert ist und Kapitalismus hinterfragt und nicht Selbstoptimierungszwängen hinterherrennt. Es kann aber eben auch tatsächlich eine Person sein, die den ganzen Tag nichts macht und nur Chips isst und Fernsehen schaut.
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SL: Genau, das ist auch Teil unseres Programms, die Auseinandersetzung mit den Privilegien, das Privileg faul sein zu dürfen. Es ist ganz interessant, wenn man sich dabei ganz allgemein die Kulturgeschichte des „faul seins“ oder auch des Müßiggangs anschaut. Es wird immer stigmatisiert ist, es ist ja eine Todsünde. Aber auch bei großen Philosophen, zum Beispiel Kant, wo es durchaus Auseinandersetzungen gibt, dass man natürlich nicht immer tätig sein kann, weil das einfach nicht gesund ist und dass in diesem Sinne Müßiggang und ein gewisses Maß an Faulheit nach getaner Arbeit, also nach dem Erbringen einer Leistung, gesellschaftlich akzeptiert ist. Und in Bezug auf Rollenbilder gibt es da das Problem, dass in dem Moment, wo es in der Industrialisierung die Trennung zwischen der produktiven Arbeit außerhäusig und der Arbeit der Frau gab, wurde das Faulsein sozusagen an die Frau ausgelagert, die aber eben doch immer tätig sein musste, also Handarbeiten erledigen und sich weiterbilden musste. Es wurde – auf das Geschlecht bezogen – für Frauen schwieriger Müßiggang nachzugehen, weil sie eben nicht diese produktive Arbeit hatten, nach der sie faul sein durften. Und das Ganze ist in sich schon ein bürgerliches Konzept, da ist das Klassenprinzip schon eingeschrieben und deswegen würde ich nicht sagen, nur bestimmte Frauen dürfen faul sein, aber wir arbeiten uns eben immer an diesem bürgerlichen Leistungsprinzip ab. Das zieht sich als Vorbild oder Ideal in alle Schichten hinein. Und daher ist es eben nur für die Person erlaubt faul zu sein, die auch vorher Leistung erbracht hat.
KG: Naja, also bei Lafargue einfach schon faul sein, so als Möglichkeit. Natürlich ist es schwierig, einerseits wenn man sagt es ist politisch, dann hat es schon wieder einen Zweck, dabei ist es ja das Schöne am Faulsein, dass es keinen Sinn erfüllt, keinen Sinn macht. Aber es ist einfach der Gedankengang, den wir mit der Tour anregen wollen, dass es unter Umständen schon sein könnte, dass wir im kapitalistischen System immer weiter nach Karriere streben und das System damit stützen, dadurch dass alle immer besser sein wollen, besser aussehen wollen, deshalb ganz viel Kleidung kaufen, ganz viele Cremes kaufen und indem man sich da anpasst, das auch stützt, durch die Konsumkraft oder die Arbeitskraft, die man hat. Und dann zu sagen „Ok, vielleicht will ich das gar nicht oder verweigere mich dem.“ Das ist so die Idee, die wir haben.
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HY: Es kommt ja darauf an, was die verschiedenen Leute davon abhält, schamlos faul zu sein. Zum Beispiel wenn Leute sich sehr stark für das Studium anstrengen, um Karriere zu machen, dann muss man auch einfach dazu sagen: Leistung ist kein Garant für Erfolg. Du kannst einen Superabschluss machen und trotzdem keine Karriere machen können. Dass Leute auch darüber nachdenken, dass dieses Prinzip nicht so proportional ansteigt, je mehr du gibst, desto mehr bekommst du. Sondern dass Leute verstehen, dass das kapitalistische System noch mit vielen anderen Faktoren zusammenhängt: Rassismus, Sexismus, Transfeindlichkeit, Dickenfeindlichkeit und so weiter. Und dass sie zum Beispiel auch nur 80% geben, weil sie wissen, dass es nicht unbedingt einen Unterschied macht, ob sie 80 oder 100% geben.
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SL: Es ist ja auch so, dass ich mich bei diesen Anfragen, die von außen kommen, dann geschmeichelt fühle, dass jemand etwas von mir will und dann mache ich das und ärgere mich dann im Nachhinein tierisch, weil ich eigentlich sowieso keine Zeit habe. Und sich das bewusst zu machen und auch einfach mal alles konsequent absagen. Das Schöne ist ja dann auch, dass in die Lücken, in die Zeit, die man dann hat, auch wieder neue Sachen kommen. Man merkt dann erst, wenn man aus dem Hamsterrad herauskommt, was es dann noch gibt. Manchmal muss man sagen: Hamsterrad stoppen, Pause machen und dann Reset. Es geht eben immer weiter, man muss keine Angst haben, mal zu stoppen.

Transkription von Simon Sahner

 

Empfohlene Zitierweise:

Anna Sennefelder & Pia Masurczak: Faule Frauen. Ein Videointerview mit dem Missy-Magazin,
In: Muße. Ein Magazin, 2. Jhg. 2016, Heft 1, S. 30-32.
DOI: 10.6094/musse-magazin/1.2016.30
URL: http://mussemagazin.de/?p=1350
Datum des Zugriffs: 14.11.2018

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