Miszelle

Strickclubs und der Luxus des Selbermachens

Bianca Blum

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„Veniimus, bibimus, knitimus“ – Wir kamen, wir tranken, wir strickten. So lautet das Motto des englischen Strickclubs The Oxford Drunken Knitwits, der 2012 von der Handarbeits-Enthusiastin Janey Messina gegründet wurde. Mag man bei dem Wort Strickclub zunächst an ein Grüppchen älterer Damen denken, die zwischen Stricknadeln, dicken Wollknäueln und dicken Katzen Pullover und Socken für ihre Liebsten anfertigen, handelt es sich bei den Knitwits um eine bunt gemischte Gruppe Strickwütiger, die sich jeden Mittwoch Abend in wechselnden Pubs in Oxford treffen.

Die Vorstellung, dass Stricken nur etwas für Großmütter sei, entspricht längst nicht mehr der Realität:1 Stricken ist in unserer zeitgenössischen schnelllebigen Gesellschaft zu einem beliebten Hobby geworden und erfährt nicht nur wegen seines beruhigenden und meditativen Charakters oder gar der therapeutischen Wirkung große Beliebtheit. Auch das Gefühl der Ruhe und Entschleunigung, das nicht selten mit dieser kreativen Tätigkeit – wie auch mit anderen Handarbeiten wie Häkeln und Sticken – einhergeht, wird immer mehr geschätzt.

Strickclubs sind ein Phänomen des 21. Jahrhunderts, ihr Konzept hat seinen Ursprung in England. So haben BritInnen als erste eine Welle des öffentlichen Strickens losgetreten, indem sie nicht mehr nur daheim, sondern in Parks, in Bussen und Bahnen oder anderen öffentlichen Orten gestrickt und sich dabei zu Strickkollektiven zusammengetan haben. Im Vordergrund stand dabei der Wunsch, gemütlich zusammenzusitzen und seine Zeit einer angenehmen Tätigkeit zu widmen, bei der nicht das Produkt, sondern die Tätigkeit an sich sowie das gesellige Beisammensein im Mittelpunkt stehen.

Auch für Janey Messina spielt Geselligkeit eine wichtige Rolle. Nachdem sie 2012 aus beruflichen Gründen nach Oxford gezogen war, wollte sie durch gemeinsames Stricken neue Leute kennenlernen. Während sie zunächst alleine in Pubs ging und dort strickte, besuchte sie bald darauf Treffen bereits existierender Strickclubs. Dabei stellte sie allerdings fest, dass man dort seine Konzentration in erster Linie auf die Handarbeiten und das Vorzeigen neuer Erzeugnisse richtete.2 Spaß und Geselligkeit waren unwichtig. Aus diesem Grund gründete Janey ihren eigenen Strickclub, bei dem der soziale Aspekt des kollektiven Strickens im Mittelpunkt stehen sollte – daher auch der Name des Clubs, der ihr Anliegen reflektiert. Janey dachte, dass niemand ihrem Club beitreten würde, der/die sich selbst zu ernst nimmt, und genau solche Leute hoffte sie kennenzulernen. Doch nicht nur darin unterscheidet sich ihr alternativer Strickclub von anderen: Bei den Treffen sind auch neue Mitglieder willkommen, die noch keine Handarbeitskenntnisse, aber Spaß daran haben, in einer lockeren Atmosphäre Stricken oder Häkeln zu lernen.

Die Drunken Knitwits bieten somit einen Freiraum, der anderen gleichgesinnten Frauen und Männern die Möglichkeit gibt, sich regelmäßig zu treffen und einen entspannten Abend mit netten Gesprächen und Stricken jenseits von Zwang, Konkurrenz und Perfektion zu verbringen, bei dem man auch mal über sich selbst und vor allem miteinander lachen kann, wenn zum Beispiel eine Masche von der Nadel rutscht. Dementsprechend heißt es auch im Drunken Knitifesto:3 „Sip by sip and stitch by stitch, we continue to pursue drunken, hand-cramping knit-thood [sic!], whereby all Knitwits have the holy grail of drunken knitting to show off to our friends: a hand-crafted item whose place, time, and method of construction cannot entirely be recalled.“4

Bei den wöchentlichen Treffen geht es also in erster Linie um Genuss und Geselligkeit; man gönnt sich eine kurzweilige Auszeit, die nicht von irgendeinem Zweck bestimmt ist, außer dem, eine schönen Moment zu erleben. Spannend ist dabei, inwiefern sich das Stricken auf die Genuss- und Geselligkeitserfahrung auswirkt: So kämen laut Janey Messina, der die Autorin bei einem der ODK-Treffen begegnete und mit ihr über den Strickclub sprach, oftmals Menschen zusammen, die sich sonst vielleicht nicht so viel zu erzählen hätten. Verbindendes Element sei hierbei die gemeinsame Affinität für Handarbeiten, denn gerade bei der kollektiven Ausführung solcher entstünden unerwartete Gespräche und zuweilen auch neue Freundschaften. Darüber hinaus ermöglichten die Treffen einen Raum für gemeinsame Projekte, wie etwa die Arbeit an einer Babydecke oder einem Teppich, der anschließend für gute Zwecke verkauft werde und den sozialen Aspekt des Strickclubs noch verstärke.

Das gemeinsame Handarbeiten scheint seit einigen Jahren – insbesondere für Frauen und junge Mütter – zudem eine Art Refugium innerhalb des öffentlichen Raums darzustellen, in das man sich zum einen vor den vielseitigen Anforderungen durch die Gesellschaft und zum anderen vor der Hektik des Alltags mit seinen zahlreichen Freizeitangeboten und Zerstreuungsmöglichkeiten flüchten kann, um einen Moment des Verweilens zu genießen und jenseits von gesellschaftlichen Erwartungen und Leistungsdruck einfach nur zu sein.

Wenn auch Janey Messina mit der Gründung des Strickclubs keine gesellschaftspolitischen oder sozialkritischen Ziele verfolgte, haben sie und die anderen Knitwits durch ihre Präsenz in der Öffentlichkeit dazu beigetragen, dass Stricken nicht mehr nur als eine der typischen Tätigkeiten von Großmüttern und Introvertierten wahrgenommen wird. Vielmehr beweist die Heterogenität der Gruppe, dass Stricken und Handarbeiten generell das Potenzial besitzen, Menschen verschiedenen Alters, Charakters und Geschlechts zusammenzubringen, die sich selbst und anderen durch ihre kreative und zum Teil auch karitative Tätigkeit eine Freude bereiten wollen.

5Was aber haben Stricken und Luxus nun gemein? Das Luxuriöse liegt in vielen Aspekten und vielleicht primär im sich-Zeit-nehmen für eine Tätigkeit, die nicht selten Ruhe, Genuss und Muße verheißt, aber in sich zweckfrei zu sein scheint. Damit ist das Stricken im besten Fall der Pflege von sozialen Kontakten ähnlich, die in einer von der Arbeit dominierten Zeit nicht selten zu kurz kommt. Sich mit anderen zu treffen, einen ganzen Abend miteinander zu verbringen und sich regelmäßig Zeit dafür zu nehmen, stellt in unserer effizienzorientierten Gesellschaft, in der man oft nicht mehr weiß, wann die Arbeit aufhört und die Freizeit (oder die Muße) beginnt, regelrecht eine Form des Luxus dar. Nicht jede/r kann es sich leisten, einen Abend pro Woche mal nichts zu machen und Stunden eines zweckfreien Seins zu verbringen – vom Konsum der nicht gerade günstigen Getränke und Speisen mal abgesehen.

Der Luxus des Handarbeitens besteht auch darin, viel Zeit für das Anfertigen von Gegenständen aufzuwenden, die man heutzutage überall und häufig für einen günstigeren Preis kaufen kann. Dahinter scheint der Wunsch nach Individualität in Stil und Kleidung sowie Anerkennung für Selbstgemachtes zu stecken. Es mag vielleicht nicht explizit darum gehen, sich von anderen abzuheben und Komplimente für die individuellen Arbeiten zu kriegen – dennoch freut man sich darüber und ist stolz auf die eigene Leistung.

Auch für Familie und FreundInnen stellt man Mützen, Schals, Socken, gehäkelte Körbe, Babydecken und andere schöne Dinge her. In dieser Wohltat, hinter der sich vermutlich ebenfalls vereinzelt der Wunsch nach Anerkennung und Dankbarkeit verbirgt, lässt sich allerdings auch ein egoistisches Moment erkennen: Kreative Handarbeiten wirken sich ähnlich positiv und entspannend auf unseren Körper und Geist aus, wie Yoga, Pilates oder Achtsamkeitsübungen. Überdies wird durch die gleichmäßige Ausführung der Handarbeit das Konzentrations- und Aufmerksamkeitsvermögen sowie das eigene Selbstbewusstsein und Wohlbefinden gestärkt – auch und erst recht dann, wenn man dabei etwas trinkt und sich gut unterhält.6

 

Empfohlene Zitierweise:

Bianca Blum: Strickclubs und der Luxus des Selbermachens,
In: Muße. Ein Magazin, 2. Jhg. 2016, Heft 1, S. 44-46.
DOI: 10.6094/musse-magazin/1.2016.44
URL: http://mussemagazin.de/?p=1346
Datum des Zugriffs: 23.09.2018

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