Muße-Orte

Bianca Blum, Jakob Willis, Pia Masurczak, Heidi Liedke, Kerstin Fest, Simon Sahner

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Bianca Blum: Russische Staatsbibliothek, Moskau

In der Leninka, wie die russische Staatsbibliothek in Moskau im Volksmund genannt wird, scheint die Zeit in Teilen stehen geblieben zu sein. Hier sucht man nicht nur am Computer nach Literatur, sondern vor allem mit Hilfe der etlichen Zettelkästen, die sich oberhalb der Eingangshalle entlang des Treppenaufstiegs befinden und so gleich beim Eintreten in das prestigeträchtige Gebäude einen Hauch vergangener Zeiten vertreuen. Während die Zettelkästen zum Stöbern einladen, lässt es sich in den langen Gängen und Fluren der einzelnen Abteilungen, die zum Teil mit Postern, Gemälden und Ausstellungsvitrinen versehen sind, wunderbar flanieren und den Ort als solchen erfahren. Auch in den Lesesälen, die durch ihre hohen Decken und Fenster – teilweise mit Blick auf den Kreml – bestechen, fällt es nicht schwer, in die Lektüre eines Buchs zu versinken oder den Gedanken freien Lauf zu lassen.1 Obzwar die jüngeren BesucherInnen an ihren Laptops arbeiten, vernimmt man nur kaum das Klappern von Tastaturen – der Großteil der Anwesenden, die zumeist etwas älter sind, widmet sich vornehmlich der Lektüre und manuellen Abschrift von interessanten und relevanten Informationen. Der inzwischen eher selten gewordene Anblick einer solchen Schreibtätigkeit wirkt beruhigend und entschleunigend zugleich, Zeit spielt in diesem Moment keine Rolle. Nach einem häufig mußevollen Tag kann man sich abschließend noch in die fensterlose Cafeteria im Untergeschoss zurückziehen, um bei einer Tasse überzuckerten Kaffees einen Moment der Ruhe und des Verweilens zu genießen und vielleicht die Gedanken des Tages zu ordnen, bevor man sich wieder in die reale Hektik Moskaus begibt und den stressigen Heimweg mit der Metro antritt, in der die Menschen drängeln und sich durch bereits schließende Türen noch in den Zug quetschen, um ja keine zwei Minuten auf den nächsten warten zu müssen.

Jakob Willis: Die Bibliothèque Nationale de France als Raum der Muße

Es gibt Bibliotheken in Paris, die wie die alte Nationalbibliothek im Herzen des zweiten Arrondissements die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts auferstehen lassen und den Besucher zum ausgedehnten Stöbern und Schmökern einladen. Es gibt Bibliotheken wie jene im Bauch des Centre Pompidou, welche die Energie eines ganzen Viertels bündeln und vielmehr Orte der Begegnung und des Austausches sind, als Orte der stillen Lektüre oder der konzentrierten Arbeit. Und es gibt die Nationalbibliothek.

2Wer für einen Archivaufenthalt in der Stadt weilt und die Konstruktion aus Stahl, Glas und Sichtbeton betritt, die mit ihren vier Türmen die Seine im Osten der Stadt zu bewachen scheint, findet Zugang zu einem gleichsam zeit- und ortslosen Raum des urbanen Rückzugs, der Muße erlebbar macht. Zum Mußeerlebnis kommt es indes nicht hoch oben in einem der winkelförmigen Türme, sondern tief unter der Erdoberfläche in einem der geräumigen Lesesäle der Bibliothèque de recherche. Sobald der Besucher die schweren Metalltüren hinter sich zufallen hört, die ihn vom Strom der Eindrücke in der Millionenstadt trennen, und er auf der Rolltreppe hinab in die Stille befördert wird, verändert sich seine Fremd- und Selbstwahrnehmung grundlegend. Obwohl die nüchterne Architektur profanere Deutungen suggeriert, spürt der Besucher augenblicklich, dass er sich in einem Heiligtum, in einem Tempel der französischen Sprache, Literatur und Kultur befindet. Hier liegt die Originalausgabe von Montaignes Essais, das Manuskript von Prousts À la Recherche du temps perdu und der Nachlass von Roland Barthes, hier überkommt in Gegenwart des monumentalen Œuvres eines Descartes, eines Flaubert oder einer Duras selbst den postmodernen Ironiker ein Gefühl der Ehrfurcht. Innerlich bebend schreitet er durch die langen Flure, lässt sich einen Platz zuweisen, setzt sich an einen der Massivholztische, klappt sein Notebook auf und widmet sich der Überarbeitung einer Fußnote.

3Pia Masurczak: British Library, London

Bedenkt man die lange Bau- beziehungsweise Planungszeit (1962 bis 1997) der neuen British Library, wundert man sich vielleicht zunächst, einen scheinbar so banalen Bau zu betreten. Rote Backsteine (was sonst?) dominieren auf der etwas optimistisch so genannten Piazza, rote Backsteine an den Wänden, Terrassen und dem nach Fabrikschornstein aussehenden Uhrturm. Wie immens die Ausmaße der Nationalbibliothek eigentlich sind, wird beim Eingang von der vierspurigen Euston Road nicht klar. Im Gebäude selbst platzt der Marmor – wiederum überall – ins Bild, aber der Versuch der Sakralisierung verwandelt sich auf den oberen Etagen schnell in Teppichboden. Klar voneinander geschiedene Oberflächen führen jedoch interessanterweise nicht zu einer verbesserten Orientierung: wo ist die Registrierung?4 Lower Ground Floor, Upper Ground Floor oder, nun ja, Ground Floor? In welchem Lesesaal liegt mein Manuskript? Manuscripts oder India Office Records? Welche der drei verschiedenen Treppen führen dann schließlich dorthin? Nur die historische King’s Library Georgs III., deren gelblich leuchtender, gläserner Kubus sich zentral über die sechs Stockwerke erstreckt, hilft dabei ein wenig. Die labyrinthartige Konstruktion könnte natürlich auch programmatisch gemeint sein. Kann man sich dann endlich in die schweren Ledersessel in den Lesesälen sinken lassen, bekommt man dann auch noch das richtige Manuskript vorgelegt, schlummert man im gedämpften Licht der Leselampen aber vielleicht erst einmal ein. Der dunkelgrüne Teppichboden dämpft alles.

Heidi Liedke: The Bodleian Library, Oxford

Um in die ‚Bod’ zu gelangen, braucht man eine ‚Bod-Card’. Das klingt zunächst nach Freimaurerloge oder zumindest Nachtclub; jedoch ist ein flaches, zurechtgeschnittenes Stück Plastik die realweltliche Voraussetzung um Zugang zu einem gar wunderbaren Schatz an verschriftlichtem Wissen zu erhalten. Nur Studierende der Universität Oxford oder sich zu Forschungszwecken dort Aufhaltende haben dieses Privileg und so ist das Durchqueren der kleinen Sicherheitsabsperrung an der Pforte doch wie der Eintritt in einen exklusiven Club. Statt gediegener Musik, raschelnde Stille. Die Bodleian Library, 1602 von Thomas Bodley mit einem Bestand von 2000 Büchern gegründet, hält mittlerweile 12 Millionen Dokumente und Bücher, nach der British Library Platz 2 in Großbritannien. Das Verwirrende für Neulinge ist, dass sie fünf Gebäude umfasst: die imposante eiskugelförmige Radcliffe Camera wird von Touristen (von außen) besonders gerne fotografiert. Der älteste Lesesaal ist in der Duke Humfrey’s Library aus dem 15. Jahrhundert (s. Foto, Eingang zum Lesesaal), der nicht fotografiert werden darf, obwohl/weil dort Szenen für die Harry Potter-Filme gedreht wurden. Aufgrund der strengen Zutrittspolitik und der faktisch alten Steinmauern hat man ab dem Moment des Platznehmens an einem der Holzschreibtische wirklich die Verbindung zu Störfaktoren des 21. Jahrhunderts verloren. Es gibt natürlich WLAN, aber hier benutzt man das nur zu SOLO56-Zwecken, alles andere wäre kleingeistig.

Kerstin Fest: Folger Library, Washington

Das Kapitol in Washington ist tatsächlich auf einem Hügel und schimmert im Augustsonnenschein fast noch weißer als das Weiße Haus selbst. Es ist auch deutlich weiter von diesem entfernt, als Serien wie House of Cards oder Scandal vermuten lassen.

Oben angekommen, stellt man verwundert fest, dass sich gleich um die Ecke der historistischen und immer ein bisschen zu großen Regierungsgebäuden eine idyllische Wohngegend befindet. An der Grenze zwischen Zentrum der Macht und gemütlichen brown stone Stadthäusern steht ein granitgraues längliches Gebäude: die Folger Shakespeare Library, in den 30er Jahren gegründet von Henry Clay Folger, Präsident von Standard Oil of New York (heute Exxonmobil) und Shakespeare-Aficionado, und dessen Frau Emily.7

Obwohl nur einstöckig, wirkt das Gebäude monumental, was an den Reliefs liegen mag, die Szenen aus Shakespearestücken zeigen und die Längsseite des Gebäudes schmücken. Betrachtet man die Figuren, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese durchaus auch ins Berlin der späteren 30er Jahre gepasst hätten: Shakespeares männliche Charaktere sind allesamt muskulös und heroisch, selbst der eselköpfige Bottom aus dem Sommernachtstraum hat einen Waschbrettbauch, und die Gestaltung von Shylocks Nase in der Darstellung des Kaufmanns von Venedig ist durchaus fragwürdig. Etwas heiterer ist da ein Brunnen mit einer Plastik eines verschmitzt lächelnden Pucks, der auf das Kapitol zeigt und auf dessen Sockel das passende Zitat aus dem Sommernachtstraum steht: „Lord, what fools these mortals be!“

Das Innere der Bibliothek könnte in keinem größeren Gegensatz zur Außengestaltung stehen. Der überraschend kleine Leseraum ist eine elisabethanisch-anglophile Orgie: gedämpftes Licht, dunkle Wandvertäfelungen, Samtvorhänge, Holzlüster, offene Kamine, massive Schreibtische mit geschnitzten Stühlen und natürlich der Barde selbst in allen möglichen Variationen. Spätestens wenn man dann von der sehr amerikanisch-hilfsbereiten Bibliothekarin mit Benutzerpass und Verhaltensregeln ausgestattet worden ist, wird man Teil dieser beschaulichen akademischen Traumwelt. Die Bestände der Bibliothek sind schier unerschöpflich, Manuskripte und alte Bücher werden aber nicht über ein Computersystem bestellt, sondern anhand händisch ausgefüllter Zettelchen. Innerhalb kürzester Zeit bringen dann lächelnde ältere Damen das gewünschte Material an den jeweiligen Schreibtisch. Dass man nach ein paar Tagen mit Namen angesprochen wird, versteht sich von selbst. Das liegt wohl auch daran, dass sich, zumindest in den Sommermonaten, täglich nur rund zwanzig ForscherInnen im Lesesaal einfinden. Man nickt sich zu, wechselt ein paar Worte im Raum mit den Schließfächern und wendet sich dann wieder seinen Manuskripten zu.

8Schon nach wenigen Tagen wird das Eintauchen in die stille, wohltemperierte und unaufgeregte Bibliothekswelt fixer Bestandteil des Tagesrhythmus. Das Projekt des Großindustriellen Henry Clay Folger eine Nische der akademischen Muße zu schaffen, ist also auch Jahrzehnte nach seinem Ableben erfolgreich. Nur an den Tagesrandzeiten, wenn man blinzelnd wieder in die Sommerhitze hinaustritt und sich kurz darauf zusammen mit korrekt gekleideten Regierungsangestellten in der U-Bahn wiederfindet, erinnert man sich daran, dass nur ein paar Häuserblocks entfernt das Los der freien (und unfreien) Welt entschieden wird.

Simon Sahner: Muße zwischen Schillerdenkmal und Wodkaflaschen?

Irgendwo in Marbach am Neckar findet man an einer Hauswand, von der schon die ehemals weiße Farbe abblättert, einen Schriftzug in rot, der wie Blut ein Stück heruntergelaufen ist: DEATH TOWN MARBACH.

Nun ja, Todesstadt Marbach, damit tut man diesem Provinzidyll vor den Toren Stuttgarts ein wenig unrecht. Wenn am späten Abend auf der ehrwürdig anmutenden Schillerhöhe die Dorfjugend ihren Wodka und die Wasserpfeife ausgepackt hat, die Handylautsprecher über den Neckar plärren und sich die Literaturwissenschaftler in ihrer Festung Collegienhaus auf der Dachterrasse verschanzt haben, dann stirbt allenfalls, was man hier gesucht hat: Muße. Muße, das kommt, der gute Mediävist, der ich nicht bin, weiß das, von muoze, die Gelegenheit, Möglichkeit. Tatsächlich bin ich naiv davon ausgegangen, es gäbe dort außer im Archiv zu sitzen so wenig zu tun, dass ich endlich mal wieder die Möglichkeit zum Lesen bekommen würde. Doch zwischen Stipendiatenkaffeerunde, abendlichem Skatspiel bei Wein und Bier, Kneipenrunden im Holzwarth, hitzigen Diskussionen eben dort und dem allabendlichen Gang zum REWE in der Altstadt, bleibt die Muße doch auf der Strecke. Allenfalls wenn am Wochenende, das Collegienhaus leerer als sonst, das Archiv geschlossen, die Dorfjugend in Stuttgart und das WLAN wie immer nicht vorhanden ist, dann… Wenn man dann vom Dach des Hauses bei untergehender Sonne über den Neckar schaut, das letzte Licht sich am Fabrikturm in der Ferne bricht und man das lang erhoffte Buch heraus zieht und liest bis die Sonne weg ist und doch noch ein verstreuter Mitbewohner das Dach betritt, dann huscht die Muße kurz vorbei…und verschwindet wieder am Getränkeautomat im Keller. 

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Deutsches Literatur Archiv, Simon

Deutsches Literaturarchiv, © Isabel Haberkorn.

Empfohlene Zitierweise:

Muße-Orte,
In: Muße. Ein Magazin, 2. Jhg. 2016, Heft 1, S. 53-57.
DOI: 10.6094/musse-magazin/1.2016.53
URL: http://mussemagazin.de/?p=1338
Datum des Zugriffs: 23.09.2018

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