Rezension

Arbeit und Kritik. Versuche alternativer Lebenspraktiken im Neoliberalismus

Pia Masurczak

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In ihrer 2015 veröffentlichten Diplomarbeit stellt sich die österreichische Kulturwissenschaftlerin Silvia Weißengruber die Frage, wie ein Leben oder eine Gesellschaft jenseits von Arbeit aussehen könnten. Sie betrachtet dafür vier verschiedene Personen, die sich aus prinzipiellen Überlegungen der Teilnahme am Arbeitsmarkt zumindest zeitweise entziehen. Caro, Raphael, Regina und Sarah1 haben sich für begrenzte Lohnarbeit entschieden oder leben in Gemeinschaftsmodellen wie einem Selbstversorgerhof, die es ihnen zumindest zeitweise ermöglicht, ganz ohne offizielle Arbeit auszukommen.

Für das Verständnis der Studie ist die genaue Verwendung des Begriffs „Arbeit“ wichtig, denn Weißengruber untersucht die Verweigerung gegenüber der ‚normalen‘, anerkannten und gesetzlich geregelten Lohnvertragsarbeit, nicht Arbeit im weiteren Sinne von ‚Tätigkeit‘. Diese Unterscheidung ist wichtig, steckt in ihr doch der Kern der Kapitalismuskritik, auf die sich die von ihr interviewten Menschen implizit oder explizit beziehen. Für alle vier steht die Funktion von Lohnvertragsarbeit im kapitalistischen System und die kritische Alltagspraxis, die sie ihr entgegenbringen, im Zentrum. Um dieser Haltung gerecht zu werden, geht die Autorin davon aus, dass die individuelle Alltagsgestaltung an sich bereits als „stiller oder stummer Widerstand“ (19) zu deuten ist und als solcher gesellschaftsveränderndes Potenzial besitzt: „Im Sinne dieser Argumente [gegen die Teilnahme am Arbeitsmarkt] kann es als verständliche, vielleicht sogar legitime Reaktion angesehen werden, die Strukturen von Staat und Wirtschaft zu stören, indem mensch sich diesem Markt freiwillig entzieht und dieses System auch ‚zurück ausnutzt‘.“ (49)

In zwei theoretisch-einleitenden und einem größeren empirischen Kapitel geht sie dieser Kritik auf den Grund, beleuchtet Ansätze und Begründungen für den Widerstand ihrer ProtagonistInnen und gibt einen kurzen Überblick über die philosophisch-kulturwissenschaftliche Debatte um ein gelungenes (Arbeits-) Leben, die den Hintergrund dafür bildet. Die sehr passend gewählten Auszüge aus den transkribierten Interviews im empirischen Teil verzahnt Weißengruber mit den theoretischen Überlegungen der vorherigen Kapitel und bezieht so Praxis und Debatte aufeinander. Laut Weißengruber fehlt in der wissenschaftlichen Literatur bisher die Aufmerksamkeit für Arbeit, die bewusst jenseits des offiziellen Arbeitsmarktes etabliert ist und die sich somit auch gängigen Formen von Entlohnung und Karriere entzieht. Dabei geht es eben nicht um (erzwungene) Arbeitslosigkeit oder unbezahlte Pflegearbeit (beispielsweise die Versorgung der eigenen Kinder oder die Pflege von älteren Verwandten), sondern um Tätigkeiten, die sowohl dem eigenen materiellen Erhalt und der sozialen Fürsorge, aber explizit auch der Entwicklung persönlicher Neigungen und dem politischen Engagement dienen. Ihnen wird von den Interviewten in den Gesprächen ein eigener Wert zugemessen, der sich nicht an Gehalt oder Beförderung orientiert. Die vier sehen in solchen Betätigungen und den sie ermöglichenden Lebensformen aber nicht nur persönliche Erfüllung, sondern, wie bereits erwähnt, auch breiteren, dezidiert politischen Widerstand.

Besonders im empirischen Teil gelingt es Silvia Weißengruber gut, die unterschiedlichen Motivationen der ProtagonistInnen aufzuzeigen und auf die inhärenten Widersprüche in ihren Lebensentwürfen einzugehen. Ein Beispiel dafür ist Sarah, die mit ihrer Familie und Freunden auf einem nach gemeinschaftlicher Ökonomie betriebenen Selbstversorgerhof lebt. Sie verzichtete zum Zeitpunkt der Interviews freiwillig auf staatliche Unterstützung und stellte stattdessen ihre Zeit und ihre Ressourcen dem Hofprojekt zur Verfügung, in das alle Mitglieder ihr jeweiliges Einkommen investieren. Daraus wird das gemeinschaftliche Leben finanziert. Praktisch bedeutet dies, dass Sarah viele der alltäglich auf dem Hof anfallenden Aufgaben übernimmt (Kinderbetreuung, Gartenarbeit, Kochen, …), die andere aufgrund ihrer Lohnarbeitstätigkeit nicht leisten können. Die sich daraus ergebende Schieflage – einerseits zumindest zum Teil finanziell von anderen abhängig zu sein, andererseits aber die eigene Arbeit auch wertgeschätzt sehen zu wollen – bereitet Sarah durchaus Probleme: „Dass das natürlich in der Umsetzung manchmal zu Konflikten führt, weil (…) wir sind ja nicht frei von all dem, was wir g’lernt haben, und es is‘ ned immer so einfach, da raus zu kommen […].“ Und später: „Ja und wir versuchen halt, sowas [Kollektivwerte, an Geld gekoppelte Wertschätzung; S.W.] (…) in der Gruppe irgendwie aufzulösen, weil wir sin‘ uns bewusst, wir haben das alle in uns drinnen und wir wollen das aber AUFLÖSEN. Aber des geht eben ned so schnell und wir kommen immer wieder in Situationen, wo dann quasi der NEID oder der, was weiß i‘, auch rauskommt und die sin‘ einfach auch real.“ (52‒53) Gleichzeitig stellt Weißengruber auch heraus, wie sehr die Gemeinschaft und damit das gewählte Lebensmodell von Sarahs Arbeit auf dem Hof abhängen.

Weißengruber ordnet die kurzen Interviewpassagen verschiedenen Oberthemen wie ‚Freizeit‘, ‚äußere Strukturen‘ oder ‚Geld‘ zu und macht damit die verschiedenen Entwürfe ihrer ProtagonistInnen vergleichbar, ohne sie zu bewerten. Vielmehr wird so deutlich, dass grundlegende Konflikte wie der um das Thema Anerkennung von Arbeit in allen Fällen eine mehr oder weniger bedeutsame Rolle spielen. So wirft auch ein Gespräch zwischen Raphael und seiner Mutter eine ähnliche Frage auf: „Ja, Raphael, i‘ versteh‘ eigentlich ned, warum du ned mehr aus dir machst.“ Auch wenn Andrea, die Mutter, hier auf eine Karriere oder zumindest hauptberufliche Tätigkeit als Aktivist hinaus will, lässt allein schon die Sprachwahl auf ein bestimmtes Leistungskonzept im Hintergrund schließen.

Überhaupt wird bei allen vier Interviewten dank des einordnenden Blicks der Autorin deutlich, dass der Versuch, ein neues politisches und soziales Selbstverständnis jenseits von Lohnarbeit aufzubauen, nicht ohne Widersprüche, Konflikte und auch Kompromisse zu haben ist. Caro beispielsweise versteht ihre stark reduzierte Arbeitszeit bei einer Werbeagentur als stützenden Rahmen, der ihr ihre politische Arbeit (unter anderem in einer Foodcoop) ermöglicht. Die Lohnarbeit, insbesondere ihre Rolle als Werbegrafikerin auch für unliebsame Produkte oder Klienten, sieht sie dabei allerdings weiterhin kritisch.

Einen großen Teil der theoretisch-philosophischen Überlegungen nimmt die Frage nach einer möglichen anthropologischen Veranlagung zu Aktivität und/oder Müßiggang ein. Dieser Fokus liegt zum Teil an der grundlegenden Frage, wie Arbeit jenseits von Lohnarbeit zu bewerten ist. Weißengruber vermeidet es von vornherein, die analytisch zunächst notwendige Unterscheidung zwischen produktiver Tätigkeit und unproduktivem Vergnügen als selbstverständlich anzusehen. Vielmehr weist sie darauf hin, dass Aktivität im Rahmen einer offiziellen Arbeitsstelle gemeinhin positiv anerkannt wird. „Nach wie vor hält sich das Glaubensmuster, dass ‚Arbeitslosigkeit‘“ ein Zeichen von individueller Schwäche ist. Obwohl diese Meinung in Anbetracht der aktuellen Wirtschaftssituation und der Massenarbeitslosigkeit ins Schwanken kommt, wird Betroffenen mit Misstrauen, Abfälligkeit und sozialer Exklusion begegnet. Gestützt durch die sozialpolitische Infrastruktur wird das Innehaben einer Lohnvertragsstelle als essentielles Bestätigungselement für die anerkannte und berechtigte Teilnahme an der Gesellschaft aufrechterhalten.“ (32) Ein ‚Ausklinken‘ aus dem Arbeitsmarkt hingegen jenseits dessen durchgeführte Tätigkeiten bleibt meist sehr negativ behaftet. Eine Ausnahme bilden hier die sogenannte „Reproduktionsarbeit“, wie die Autorin mit Verweis auf die Soziologin Frigga Haug feststellt, und das ehrenamtliche Engagement. Dass letzteres oft bereits marktähnliche Züge trägt – sich gut im Lebenslauf macht, semi-professionell durchgeführt wird und zunehmend Lohnarbeitsstellen ersetzt – erwähnt Weißengruber an dieser Stelle leider nur kurz. Dabei wäre gerade das Verhältnis von ehrenamtlicher Tätigkeit, sinnerfülltem Tun jenseits von Lohnvertragsarbeit und der Verweigerung gegenüber dem regulären Arbeitsmarkt ein spannendes Aushandlungsfeld und böte sicher Raum für weitere Untersuchungen. Inwiefern ihre ProtagonistInnen auch auf den Zusammenhang ihres Tuns mit Ehrenamtsstrukturen und der damit verbundenen Anerkennung eingehen, wird in den für die Studie ausgewählten Passagen nicht ersichtlich. So lässt sich nur vermuten, dass dem Ehrenamt anscheinend der zugesprochene politische Anspruch fehlt, den die vier Interviewten für sich erheben.

Der Muße, beziehungsweise dem Müßiggang (Weißengruber verwendet beide Begriffe nahezu synonym) ist schließlich ein eigener Abschnitt gewidmet. Die Autorin zitiert hier Erich Riboleits, für den Muße „sowohl Momente des totalen Ausatmens, des Nichtstuns als auch Momente konzentrierter Tätigkeit, der lustvollen Anstrengung“ beinhaltet, und „für selbstbestimmtes Handeln und für die ruhige Reflexion dieses Handelns“ steht (33). Weißengruber selbst meint, dass eine solche Muße erst wieder erlernt werden müsse, sei sie uns doch durch die Disziplinierung (nach Foucault) zur Arbeit abgewöhnt worden. Mit dieser Grundannahme bleibt aber eine mögliche Betrachtung gegenwärtigen Erlebens von Muße bei ihren Überlegungen außen vor. Dass gesellschaftliche Rahmenbedingungen der Mußeerfahrung durchaus förderlich oder hinderlich sein können, leuchtet zwar ein; dennoch scheint es lohnend, Muße auch als an individuelle Haltungen und Praktiken geknüpft zu verstehen. Der Rückgriff auf historische Konzepte müsste dann nicht auf ein Wiedererlernen hinauslaufen, sondern könnte vielmehr einem weniger normativen Verlgeich dienen. Nichtsdestoweniger legt die Autorin überzeugend dar, dass eine strenge Dichotomie zwischen erfüllter Muße einerseits und träger Faulheit andererseits irreführend ist, da diese Unterscheidung unhinterfragt vom Menschen als „dauerhaft aktives Wesen“ (34) ausgeht. Diese Annahme wiederum steht in engem Zusammenhang zum hegemonialen Arbeitsethos und muss deshalb wesentlich differenzierter betrachtet werden. Weißengruber verweist hier noch einmal auf in der gesamten Arbeit präsente Hannah Arendt und ihr Konzept von der „vita activa“,2 sowie auf Frigga Haugs „4in1-Perspektive“,3 die beide eine gelungene Verbindung zwischen aktiven und ruhenden Phasen sowie zwischen verschiedensten Tätigkeiten als erstrebenswert betrachten. Eine endgültige Entscheidung darüber, ob und inwiefern ein solch dualistisches Muster von Aktivität und Passivität aufgelöst werden kann, führt, laut Silvia Weißengruber, aber „am Ziel vorbei. Bedeutender erscheint mir, dass augenscheinliches ‚Nichtstun‘ und Passivität relativ sind und als ganz gewöhnlicher kultureller Bestandteil angesehen werden können“ (35). Aus der Perspektive ihrer Fragestellung ist dies sicherlich richtig, denn schließlich will sie Handlungs- und Diskussionsspielräume der Interviewten aufzeigen, ohne ein Urteil über sie zu fällen.

Dass Arbeit und Kritik einige der angesprochenen Punkte trotz ihrer Bedeutung für das Thema nicht näher ausführt, mag dem begrenzten Umfang einer Diplomarbeit geschuldet sein. Ehrenamt und Müßiggang werden beispielsweise nur kurz angerissen und so der Eindruck erweckt, dass über die (notwendige) Engführung der Fragestellung hinaus Raum für weitere kulturwissenschaftliche und ethnologische Forschungen bleibt. Silvia Weißengrubers Arbeit zeigt jedoch anschaulich anhand der Aussagen ihrer InterviewpartnerInnen, welche Diskussion rund um das Thema Lohnarbeit und Verweigerung derselben noch zu führen wären. Diese Debatten werden in einem einer Diplomarbeit angemessenen Rahmen theoretisch eingebettet. Vor allem aber der Fokus auf die politischen Ansprüche und inneren Konflikte entlang der gemeinhin akzeptierten Unterteilung zwischen Arbeit und Freizeit macht Arbeit und Kritik sehr lesenswert und weckt Interesse für das Thema.

Silvia Weißengruber: Arbeit und Kritik. Versuche alternativer Lebenspraktiken im Neoliberalismus. Grazer Beiträge zur Europäischen Ethnologie 19. Marburg: Jonas-Verlag 2015.
ISBN 978-3-89445-508-8.

Foto: Pia Masurczak

 

Empfohlene Zitierweise:

Pia Masurczak: Arbeit und Kritik. Versuche alternativer Lebenspraktiken im Neoliberalismus,
In: Muße. Ein Magazin, 2. Jhg. 2016, Heft 1, S. 36-39.
DOI: 10.6094/musse-magazin/1.2016.36
URL: http://mussemagazin.de/?p=1336
Datum des Zugriffs: 14.11.2018

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