Rezension

Lana del Rey: Der fahrige Narco Swing einer faulen Frau

Heidi Liedke

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Hört man Lana del Rey, drängt sich der Gedanke auf, dass man einer lasterhaften Beschäftigung nachgeht; man lauscht vertonter Morbidität. Sie selbst bezeichnet ihre Musik als „Real Narco Swing“ und „Hollywood Sadcore“. Eine Untersuchung vom somnambulen Klang und Bild im Werk der US-amerikanischen Sängerin.

In dem Video zu „High by the Beach“ aus ihrem neusten Album Honeymoon streift Lana del Rey wie im Schlaf in einem Negligé und einer Art Homewear-Schlafrock1 durch ihr Haus und prallt wiederholt von der Schlafzimmerwand ins Bett, vom Bett an die Wand, wieder aufs Bett, schleppt sich in die Küche, blättert mit spitzen Fingern in einem Klatschmagazin, ohne reinzuschauen. Das Magazin ist voller Paparazzi-Fotos von ihr selbst, denn natürlich wirft Lana del Reys merkwürdiges Verhalten seit 2011 Fragen auf, die die Regenbogenpresse nicht ungeklärt lassen möchte. In dem Video nun wird del Reys streifender Blick von etwas draußen am Standhausfenster gefangen: dort schwebt ein Helikopter, in dem ein del Rey fotografierender Paparazzo sitzt. Nachdem sich die Sängerin am Fenster lasziv posierend hat ablichten lassen, holt sie aus einem Gitarrenkasten ein gigantisches Maschinengewehr und schießt den Helikopter ab. Sie richtet so die ‚Blitze’ des Fotografen gegen ihn selbst. Für eine Sekunde flackert Genugtuung über ihr Gesicht, und dann ist da wieder dieser zutiefst gelangweilte, lebensmüde Ausdruck. Bestimmt begibt sie sich danach wieder gezielt ungezielt ins Bett und die Zuschauerin des Videos bleibt leicht verstört zurück. „High“ schwebt nicht nur der Helikopter am Himmel, das Schwanken der Kamera bewirkt auch ein Schwindelgefühl bei den Betrachtern des Videos.

In Die Zeit schreibt Daniel Gerhardt „Langsamkeit“ sei del Reys„größte Stärke“.2 Es zeichne sich stets schon am Anfang eines jeden Liedes ab, in welche Richtung es gehen solle, und trotzdem werde das Lied konsequent zu Ende gezerrt oder ausgeleiert. Wer del Rey hört, muss sich in Geduld üben, denn der Finger der Sängerin drückt gern und lang auf die Pause-Taste. Als Qualifikation lässt sich hinzufügen, dass auch Langeweile zu del Reys großer Stärke gehört. Die Süddeutsche beschreibt Honeymoon als „Musik für sedierte Schönheitsköniginnen“, die den Winterschlaf einläutet, aber nicht (nur) langweilig ist3 und in der FAZ schließlich geht Dirk von Petersdorff auf Spurensuche, entdeckt T.S. Eliot-Verweise in einem der Lieder und stellt Bezüge zu Theodor Storm her, in dessen Gedicht „Hyazinthen“ es heißt: „Ich möchte schlafen, aber du musst tanzen.“4 Diese Rezensenten, allesamt männlich, sind sich einig, dass del Rey irgendeine Art von Prinzessin sei und ihr Rumhängen betöre aber auch verstöre. Überhaupt ist die Mehrheit aller deutschen Lana del Rey-Rezensionen von Männern; eine der wenigen Frauen, die über sie schreibt, Du Pham von der taz, nennt sie, ein wenig passiv-aggressiv, „Schwülstigkeitsexpertin“.5 Der Ton dieser Rezensionen ist denkwürdig subliminal lüstern bzw. von einer ablehnenden Haltung gekennzeichnet. Da ist es wieder, das angsteinflößende Bild der faulen Frau, ein sich jeglichen (männlichen) Diktats verweigernder Lebensentwurf. Dieses Bild zeigt oft eine leicht bekleidete, oft bequem drapierte Frau und man begegnet ihm in der Popkultur – sei es zum Beispiel in Filmen wie dem tschechischen Tausendschönchen von 1966, in dem zwei Mädchen viel Zeit im Bett verbringen und den Rest der Zeit dem Hedonismus frönen – der Literatur des 19. Jahrhunderts vieler europäischer Länder, und jüngst auf süddeutschen und schweizerischen Bühnen als Teil der „Faule-Frauen-Tour“ vom popfeministischen Berliner Missy-Magazin.6 In der klassischen heteronormativen Rollenverteilung und Pflichtenzuteilung schockt die rumliegende (und gleichzeitig sinnliche) Frau immer noch, und dafür ist del Rey ein aktuelles Beispiel. Ihr luxuriöses, selbst auserwähltes Dahintreiben wird zwar mittlerweile als Kern ihrer öffentlichen Persona verstanden und akzeptiert, sorgt aber immer noch für eine Mischung aus Verwunderung und versteckter Sorge.

Zudem haftet diesem „Narco Swing“ die Eigentümlichkeit an, ein anhaltendes Begehren nach einer vergangenen Zeit auszudrücken, ein Verlangen, das kurzzeitig gestillt für Glücksgefühle sorgen kann, und dann schnell durch ein neues Begehren ersetzt wird. Wie bei Alice im Wunderland ist die Regel: „Jam tomorrow and jam yesterday – but never jam today“ – nur ein Kind kann, Lewis Carroll zufolge, wirklich jetzt glücklich sein7 und ein Kind ist Lana del Rey wahrlich nicht. Ihre verlangsamte Musik, die gelangweilte Sprache sind kontaminiert und, im Sinne von Jacques Derrida, always-already geschehen. Es ist ihre Musik, die die epistemologische und skeptische Krise, deren Schaubühne zu sein die Sprache eigentlich ihr Privileg nennt, vertont. Immer wieder zurückspulend führt die Musik den Zustand der Krise ad extremum, oder gar ad absurdum. Indem sie der Zeit entrückte Sphären evoziert, drückt Del Reys Musik die Erkenntnis aus, nicht nur nie den gegenwärtigen Moment (sprachlich) fassen zu können, sondern auch nie wirklich in ihm sein zu können. Die konkrete Sprache in del Reys Liedern ist sekundär: das sind nur Zeichen, Floskeln, dahingehauchter Kitsch. Die Musik eröffnet jedoch den ganzen Schlund erfahrener Erfahrung. Wir sind verdammt? Dann sollten wir uns wenigstens mit einer Champagnerflasche in der Sonne rekeln. Für die Melancholikerin ist es leichter, etwas always-already Geschehenes zu fühlen, als sich auf das Gegenwärtige einzulassen.

Neben den langsamen Klängen ist auch die Bildsprache bei del Rey aus der Zeit gefallen. Die Sängerin dreht fast alle ihre Musikvideos durch einen Sepia-Filter oder in Schwarzweiß. Wenn man sich die Videos anschaut, entsteht ein Gefühl der Entrückung, einer Bewegung nach hinten in der Zeit, noch verstärkt durch die verträumte Musik.

Der Regisseur David Lynch, von dem sie nach eigenen Worten inspiriert wurde, sagt dazu: „Lana Del Rey, she’s got some fantastic charisma and – this is a very interesting thing – it’s like she’s born out of another time. She’s got something that’s very appealing to people.“8 Hier ist also wieder die Rede vom Charisma und vom Aus-der-Zeit-gefallen-Sein, das die Leute anspricht. Abgesehen davon, dass es spätestens seit Instagram und seinen ‚Hudson‘-, ‚Nashville‘- und ‚1977‘-Filtern hip ist, alt aussehende Fotos zu machen, lässt sich hier aus kulturwissenschaftlicher Perspektive auch etwas Anderes beobachten: der dargestellte Raum wird nicht unmittelbar gezeigt (sofern das bei medialer Darstellung überhaupt möglich ist), sondern seine Grenzen und Endpunkte verwischen: wenn die Protagonistin der Videos „High by the Beach“ und „West Coast“ am Strand mäandert, mit leerem Gesichtsausdruck und unmotiviert durch ihr Haus treibt oder in einem Cabrio durch die Nacht fährt, fehlt da immer eines: ein klares Ziel. Wenn scheinbar ‚alt‘ aussehende Aufnahmen in einer Weise versinnlicht werden, dass sie ‚schön‘ werden, wird dem dargestellten Raum seine Eigentümlichkeit genommen und er wird stattdessen vergeistigt. Schließlich geht es darum, ein (nicht beliebiges, sondern ganz bestimmtes, nostalgisches) ‚Gefühl‘ zu vermitteln, womit der eigentliche Raum zu einem Gebilde wird, das nicht das ist, was man vor Augen hat, sondern das im Kopf als waberndes, durch den Sepia-Filter der Zeit enthobenes, Etwas entsteht. Es gibt auch schon eine Parodie des oben verlinkten Del Rey-Songs „Summertime sadness“, die „Instagram Madness“ heißt und deren erste Strophe lautet: „Snap a pic before we go / Instagram madness / everything is a photo / as long as it’s processed.“ Es ist bezeichnend, dass hier ganz selbstverständlich ein Vergleich zwischen Fotos und Videos gezogen werden kann: durch den Sepia-Filter blickt man bei del Rey auf eine Auswahl an Abziehbildchen, die einen an irgendwas erinnern, aber eigentlich auch nicht. Der dargestellte Raum wird der Gegenwart entrissen und der konkrete Raum tritt gegenüber dem vergeistigen Raum zurück. Unterstrichen wird dieses Fallen aus der Zeit, diese Entkonkretisierung des Raumes, durch das Herumirren del Reys, die ja eigentlich als Erzählerin eine gewisse Deutungshoheit oder gar -pflicht hätte. Doch statt Deutung bietet sie nur Fahrigkeit an, ein zielloses Fahren durch Räume und vor-erlebte Zeiten.

Ein weiteres beispielhaftes Video von del Rey, in dem sie auf morbide Weise eine Aura der Nostalgie mit einer Ästhetik des Verfalls und des Todes verbindet, ist das zu ihrer Single „West Coast“

Das Video ist, bis auf die Schlusssequenz, in Schwarz-Weiß gehalten. Während der Strophen befindet sich die Sängerin am Strand mit einer Gruppe schöner junger blonder Männer; man sieht gut aus, spaziert lässig, ist gelangweilt. Während des Refrains wechselt der Schauplatz und man sieht del Rey mit einem deutlich älteren Mann in einem Cabrio durch die Nacht fahren, womöglich sediert, Zigarette rauchend. Es gibt einen Kontrast zwischen dem unbedarften Abhängen am Strand und der sehr starr wirkenden Anordnung in den Sequenzen im Refrain: nun bewirkt der Stil, der an die 50er Jahre erinnert, ein Gefühl falscher Intimität; der alte Liebhaber bringt das Fass der alten Optik zum Überlaufen. Der Kontrast, der aus dem Aufeinanderprallen der Perspektive des Zuschauers aus dem 21. Jahrhundert mit dem Look aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts resultiert, ist nun nicht mehr angenehm, evoziert nicht mehr nur Gefühle von (geborgter) Nostalgie. Vielmehr kommt es zu einem Gefühl des Unwohlseins: das Bild, das man sieht, stimmt nicht, ist nicht richtig. In den Szenen, die das Paar im Cabrio zeigen, fühlt man sich, als würde man Zeuge einer kurz bevorstehenden Vergewaltigung werden. Das ‚Alte‘ hat einen unrechtmäßigen, schlichtweg unzeitgemäßen Platz in der Gegenwart wiedererobert. In einem kurz nach Erscheinen des dazugehörigen Albums dem Guardian erteilten Interview machte del Rey Aussagen wie: „I wish I was dead already.“ Tod finde sie glamourös. „I never felt any of the enjoyment. It was all bad, all of it.“9 Das mag Koketterie sein und das Heischen nach Aufmerksamkeit, natürlich. Wie schon in der von del Rey und ihrem Produzenten ausgedachten Bezeichnung „Real Narco Swing” mitschwingt, geht es darum, zu suggerieren, dass das Tote genauso echt ist wie das Lebendige. Mehr noch: das Vergangene wird in den gezeigten Fällen als echter als das Gegenwärtige zelebriert. Eine Art Verfallsästhetik erlebt ja in der Generation der derzeit 20-30-Jährigen, wenigstens was Mode und Design angeht, ohnehin eine Hochkonjunktur. Und somit ist Lana del Rey, man mag diese bürgerliche Kategorie nur widerwillig nennen, ein gefallenes Mädchen. Ob ihr das Spaß macht, tut nichts zur Sache, denn sie wäre ja ohnehin lieber tot. In der Zwischenzeit lässt sie sich fallen, immer und immer wieder, auf die weichen Betten Kaliforniens.

Headerfoto: Guillaume Seignac: Young Naked Woman on a Settee, Public Domain, via Wikimedia Commons.

 

Empfohlene Zitierweise:

Heidi Liedke: Lana del Rey. Der fahrige Narco Swing einer faulen Frau,
In: Muße. Ein Magazin, 2. Jhg. 2016, Heft 1, S. 40-43.
DOI: 10.6094/musse-magazin/1.2016.40
URL: http://mussemagazin.de/?p=1334
Datum des Zugriffs: 23.09.2018

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