Mußeort

Liegenbleiben!

Miriam Nandi

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Ich bleibe zu Hause, ich bleibe im Bett
Die Welt ist so hektisch, hier ist es so nett
Mich kann heut nichts reizen, jede Action wäre Stress
Ich hab Sendepause, ich bleib im Bett!

So sang Nena in den 80er Jahren und versöhnt uns damit ein bisschen mit einem Jahrzehnt, dem wir den Neoliberalismus, die Yuppie-Kultur und die dazu gehörigen Polohemden, Schulterpolster und Betonfrisuren verdanken. Denn seither ist die Welt noch etwas hektischer geworden, und von „Sendepausen“ spricht nicht einmal mehr die Generation 70+. Auch die hat inzwischen ein Tablet und „liked“ wahrscheinlich gerade das YouTube-Video mit dem Auftritt der Beatles in Manchester 1963 (für alle, die zu faul sind, es zu googlen: da kreischt das Publikum besonders laut).

Dabei sollte gerade John Lennons und Yoko Onos einwöchiger „Bed-In“ im März 1969 Vorbildcharakter haben. Faulenzen für den Weltfrieden. Ich finde, das wäre wieder angebracht. Nun gut, keiner von uns Alltagsmenschen kann sich eine Woche lang das Hilton in Amsterdam leisten, aber dafür würden wir auch sicher nicht die ganze Zeit von Journalisten interviewt, wie damals Yoko und John, und so hätten wir eine Woche lang unsere Ruhe.

Was ließe sich in dieser Woche im Bett alles Mußevolles tun? Endlich mal alle Bände von À la recherche du temps perdu lesen zum Beispiel. Die Fingernägel lackieren (dafür müssen wir uns allerdings aufsetzen). Das Weihnachtsoratorium hören. Meditieren. Tagebuch schreiben. Ein Abendgebet sprechen. Und noch etwas Anderes, über das der höfliche Mensch schweigt.

Und natürlich können wir auch gar nichts tun und einfach schlafen. Wobei sich hier die philosophische Frage stellt, ob Schlafen nicht auch ein Tun ist. Auch darüber lässt sich in der Vertikalen nur schlecht nachdenken. Legen wir uns also hin und dösen ein bisschen. Vielleicht träumen wir auch etwas Seltsames. Oder wachen wieder auf. Dann empfiehlt es sich, das Kissen hochzuklopfen, den Kopf anders zu betten und weiterzuschlafen.

Selbst wenn wir wirklich ausgeschlafen sind, ist das noch lange kein Grund aufzustehen. Wie der Muße-Experte Tom Hodgkinson in seinem lesenswerten Manifest How to be Idle (Dt. Anleitung zum Müßiggang), ist das Liegenbleiben ein essentieller Bestandteil eines guten Lebens.1 Nur Bürokraten und Geschäftemacher, so schreibt Hodgkinson mit unverhohlener Missbilligung, finden es anrüchig, wenn ihre Mitmenschen im Bett bleiben und einfach an die Decke starren, anstatt etwas (angeblich) Nützliches zu tun, wie etwa eine Marketing-Strategie für den Verkauf von Popcorn zu entwickeln.2

Mich hat Hodgkinson überzeugt. Wir sollten uns viel öfter und viel länger im Bett aufhalten. Schlafen ist gut fürs Immunsystem. Kuscheln ebenfalls. Kinder wissen das, und suchen ihre Eltern regelmäßig in deren Bett auf. … Einer der ersten Sätze, die mein Sohn sprach, lautete: „Große Bett heia, nicht kleine Bett heia.“ Für meine Tochter ist ihr Hochbett so etwas wie ein lit de parade eines Renaissance-Fürsten, das nicht zum Schlafen, sondern eher zu Repräsentationszwecken für den Empfang von hohem Besuch genutzt wurde. Ihr Bett ist mit etwa 250 glitzernden Stickern dekoriert und beheimatet 19 Kuscheltiere, eine kupferne Spardose mit wechselndem Inhalt, einen gefüllten Arztkoffer, drei kaputte Luftballons, einen intakten Luftballon, diverse Bücher über Einhörner, ihre Hausschuhe (zwei Paare). Ihr Besuch ist entsprechend begeistert und klettert juchzend die Leiter hoch. Selbstverständlich ist es ein Hochbett. Das absolute must-have der Kinder der Nullerjahre.

Um aber noch ein bisschen in der Renaissance zu bleiben: Noch vor 400 Jahren hätten auch Erwachsene ihren Besuch in das heimische Bett eingeladen und zwar in das ganz alltägliche Bett, wie die Berliner Frühneuzeithistorikerin Gabriele Jancke herausgefunden hat. In ihrem Aufsatz mit dem wunderbaren Titel Bettgeschichten – Gastfreundschaft in der Frühen Neuzeit erläutert sie: „Zur Gastlichkeit gehörte es, das beste Bett im Haus dem Gast anzubieten, während die Höflichkeit es dem Gast seinerseits gebot, dieses großzügige Angebot abzulehnen.“3 Die heutzutage übliche Gepflogenheit, „als erwachsene Menschen wenn irgend möglich mit keiner anderen Person als dem Lebenspartner oder der Lebenspartnerin das Bett zu teilen, wobei meist die Sexualität als Teil einer solchen sich auch auf das Bett erstreckenden Beziehung gedacht ist“ existierte im Mittelalter und der Frühen Neuzeit nicht. Entsprechend spielten sich (aus heutiger Sicht) seltsame Rituale ab, wie Jancke sie schildert:

„Im Dezember 1562, so schreibt Kristen Neuschel in ihrem Buch über die französische Adelskultur des 16. Jahrhunderts, partizipierten zwei der mächtigsten Adligen Frankreichs an einem für uns bizarr erscheinenden Ritual. Einer der beiden war Kriegsgefangener. Der andere, der ihn gefangen genommen hatte, hatte ihm die einer Person seines Ranges zukommende Ehre erwiesen. Dazu gehörte auch, dass er ihm das einzige prachtvoll ausgestattete Bett des Schlosses angeboten hatte, in dem er ihn gefangen hielt. Der so geehrte Gefangene lehnte das Angebot ab und bestand darauf, dass der Besitzer das Bett stattdessen selbst benutzen solle. Am Ende des höflichen Disputs stellte sich als einzig ehrenhafte Alternative heraus, dass beide das Bett miteinander teilten. So kam es, dass sich der Prinz von Condé und der Herzog von Guise, die sich noch kurz zuvor auf dem Schlachtfeld gegenübergestanden hatten, Seite an Seite im selben Bett wieder fanden.“

Da fragen wir uns doch: Bietet dieser Blick in die Vergangenheit eventuell ein Modell für die Zukunft? Wir müssen ja nicht gleich mit der ganz großen Politik anfangen, aber vielleicht wäre das ein Verfahren um lästige Diskussionen in den Gremien / dem Fakultätsrat zu vermeiden, bzw. zu verschlafen. Professor A bietet seinem Kontrahenten Professor B seine Bettstatt an, woraufhin Professor B höflich ablehnt und darauf besteht, dass Professor A das heimische Plumeau für sich behält und am Ende stecken beide unter derselben Decke?

Es gibt nur einen Ort, an dem wir genug Muße haben, um über solche kreativen Lösungen nachzudenken. Machen wir es wie John Lennon und Yoko Ono, wie der Herzog von Guise und der Prinz von Condé, wie Nena und meine Tochter: Bleiben wir im Bett!

Foto: Miriam Nandi

 

Empfohlene Zitierweise:

Miriam Nandi: Liegenbleiben! Ein Plädoyer,
In: Muße. Ein Magazin, 2. Jhg. 2016, Heft 1, S. 33-35.
DOI: 10.6094/musse-magazin/1.2016.33
URL: http://mussemagazin.de/?p=1332
Datum des Zugriffs: 23.09.2018

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