Editorial

Ausgabe #1

„Muße? Was war das nochmal? Ach ja, das ist doch, wenn einen die Muse küsst, oder?“

So oder so ähnlich hören sich Reaktionen an, wenn wir jemandem davon erzählen, was wir gerade beruflich machen. Denn wir sind „Muße-Forscher“. Diese exotisch wirkende Art, sein Geld zu verdienen, ist durch die Einrichtung eines so genannten Sonderforschungsbereiches (SFB 1015 Muße) durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) möglich geworden. Hier untersuchen wir, in einem interdisziplinären Verbund von WissenschaftlerInnen, die ‚Muße‘ aus unserer je eigenen Fachperspektive im Rahmen einer Dissertation oder einer Habilitationsschrift. Seit Januar 2013 setzen wir uns deshalb intensiv mit diesem Begriffs-Chamäleon auseinander und versuchen, uns der Frage, was ‚Muße‘ ist und wofür wir sie brauchen können, anzunähern.

Eines ist uns dabei schon früh aufgefallen: Obwohl sich die meisten schwer damit tun, zu beschreiben, was ‚Muße‘ bedeutet, begegnet man ihr zugleich in beinahe allen alltäglichen Zusammenhängen: Ob im persönlichen Gespräch oder in der digitalen Kommunikation mit Freunden und Kollegen, wenn wir Medien konsumieren, während der wissenschaftlichen oder belletristischen Lektüre, im Kontext der eigenen Erwerbsarbeit, in der Freizeit, beim Sport, beim Entwickeln neuer Ideen, beim Musikhören oder Musikmachen und selbst dann, wenn man (vermeintlich) gar nichts tut und der Faulheit frönt, kann sich Muße einstellen.

Die Muße ist allgegenwärtig und dennoch, wie auch andere spannende Phänomene, leichter ex negativo zu bestimmen. Was ist Muße also nicht? Um gleich mit dem ersten beliebten Irrtum aufzuräumen: Weder die neun olympischen noch die eigenen Musen sind mit der ›Muße‹ zu erklären. Denn Muße ist nicht gleichzusetzen mit göttlicher oder künstlerischer Inspiration. Sie ist auch kein Synonym für „Zeit“, auch wenn wir alle wissen, dass man gerne die „fehlende Muße“ heraufbeschwört, wenn man meint: „Ich habe zu wenig Zeit für etwas“. Genausowenig kann man sie einfach in Kategorien von Freizeit, Faulheit oder Müßiggang beschreiben. Obwohl diese Begriffe die Muße begleiten können, wie Elektronen einen atomaren Kern.

Was aber ist Muße dann?

Mit Muße. Ein Magazin möchten wir, das Redaktionsteam, einen Rahmen schaffen, in dem bunte und vielseitige Antworten darauf gegeben werden. Im Fokus unserer ersten Ausgabe steht dabei in erster Linie die Frage, an welchen Orten man Muße erleben kann und wie sie sich dann jeweils darstellt. Außerdem fragen wir nach dem Verhältnis von Arbeit und Muße und zeigen, wo in Film, Musik und Wissenschaft dieses Verhältnis thematisiert wird.

So bleibt uns nur, Ihnen eine mußevolle Lektüre zu wünschen, von der wir hoffen, dass Sie Ihnen einen erweiterten und geschärften Blick auf all das ermöglichen kann, was dieser schillernde Begriff mit sich bringt.

Anna Karina Sennefelder

– Für das Redaktionsteam –
Anna Hirsch
Bianca Blum
Heidi Liedke
Kerstin Fest
Martin Büdel
Pia Florence Masurczak
Tobias Keiling

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