Miszelle

„Jack, du hast mein Faultier korrumpiert!“

Gedanken über einen unwahrscheinlichen Helden des Seeromans

Lena Moser

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Es ist allgegenwärtig. Es tummelt sich in großer Zahl auf T-Shirts, Tassen und Federmäppchen, in plüschiger Form in Kinderzimmern und auf studentischen Schreibtischen, fungiert in Lebensratgebern als Coach, und ziert mit verschlafenem Lächeln als Logo die Webseite dieses Magazins. Die Rede ist – natürlich – vom Faultier, das in den letzten Jahren mit erstaunlicher Geschwindigkeit zum Publikumsliebling aufgestiegen ist. Mit seinem milde-entspannten Gesichtsausdruck, seiner Gelassenheit und sorgsam kultivierten Anstrengungsunlust ist das Faultier zum Symbol par excellence für das in allseits als hektisch empfundenen Zeiten rar gewordene Gut der Muße geworden.1

Wann und wo der Siegeszug des Faultiers begann, wird sich wohl nicht zweifelsfrei klären lassen. Ein früher – vielleicht der allererste! – Verfechter des Faultiers indes findet sich in recht unwahrscheinlichem Kontext: Es ist nicht unmöglich, dass der britische Schriftsteller Patrick O’Brian bereits 1973 den Grundstein für einen Trend legte, der sich gute 40 Jahre später zu einem beachtlichen Popkultur-Phänomen auswachsen sollte. Patrick O’Brian (1914-2000), mit bürgerlichem Namen Richard Patrick Russ, ist hauptsächlich für seine im frühen 19. Jahrhundert angesiedelten Romane um den britischen Marinekapitän Jack Aubrey und den Schiffsarzt Stephen Maturin bekannt. Wer jedoch O’Brians Bücher in der Erwartung in die Hand nahm, mit tumbem Hauen und Stechen amüsiert bzw. traktiert zu werden, wurde noch immer – je nach persönlicher Vorliebe – enttäuscht oder erfreut. Soweit mir bekannt, ist es noch keinem Historikerkollegen gelungen, O’Brian der Stümperei zu überführen, und sein Witz und sein geschliffener Stil haben ihm unter anderem Vergleiche mit Jane Austen eingebracht. Dies sei jedoch nur nebenbei bemerkt, denn schließlich soll hier keine Lanze für Patrick O’Brian gebrochen, sondern über die literarischen Qualitäten des Faultiers reflektiert werden. Dass ein solches ausgerechnet in einem Seeroman einen Auftritt hat, darf einigermaßen verwundern; dass es dabei kurzerhand zur Lieblingsfigur der Leserschaft avanciert, umso mehr. Oder etwa nicht? Ist möglicherweise gerade das Faultier die Ingredienz, welche den speziellen Reiz von O’Brians Werk ausmacht, und seine tiefe Kenntnis der Leserpsyche offenbart?

Eines sei noch vorweggenommen: Ich bin alles andere als eine hauptberufliche Historikerin des Faultiers. Im Kontext meines Forschungsprojektes zu den sailing masters2 der Royal Navy habe ich unter anderem einige von O’Brians Seeromanen gelesen, um mir ein Bild über die Darstellung der masters in der Populärkultur machen zu können; dabei kam mir besagtes Faultier unter. Die vorliegenden Gedanken müssen also als die einer Faultier-Amateurin gelten.

Und noch einem anderen Missverständnis gilt es vorzubeugen: Das Faultier ist in den zwanzig Bänden nicht eben ein Hauptcharakter. Es taucht lediglich in HMS Surprise3, dem 1973 erstmalig erschienenen dritten Band der Serie auf, und sein Auftritt erstreckt sich auf nur wenige Buchseiten. In den Herzen der Leser jedoch scheint es ungleich mehr Raum einzunehmen, wie beispielsweise ein Blick auf die Facebook-Präsenz der Aubrey-Maturin Appreciation Society beweist. Hier bilden Portraitfotos von Faultieren, Presseberichte über Faultier-Stationen, Links zu Faultier-Videos und zu Vertreibern von Faultier-Devotionalien einen nicht unerheblichen Teil der Beiträge. Alte Seekapitäne, junge Studierende der Literaturwissenschaft, Hobbyseglerinnen, Landratten und der Rest der überaus heterogenen Leserschaft sind sich einig in ihrer Begeisterung für das Schiffsfaultier der Surprise, und brechen allesamt bei der Begutachtung von Videos über quäkende Faultier-Babys (die aber auch zu niedlich sind!) in Stürme des Entzückens aus.

Auch im Text verläuft die Integration des Faultiers in den Schiffsalltag und die Bordgemeinschaft großteils reibungslos. Es wird in Brasilien durch den Schiffsarzt Stephen Maturin an Bord gebracht und der Erzähler kommt zu dem Schluss: „[T]atsächlich war es […] für ein Leben auf See perfekt geeignet“ (175). Dieses Urteil ist, wenn man die faultierische Natur bedenkt und diese mit den Gepflogenheiten an Bord eines Kriegsschiffs vergleicht, nicht unbedingt offensichtlich, erscheint jedoch anhand der folgenden Schilderungen als durchaus folgerichtig. Das Faultier ernährt sich anspruchslos und genügsam, ja „dankbar“ (175) von fadem Schiffsproviant und akzeptiert die Takelage der Surprise ohne Aufhebens als seinen natürlichen Lebensraum: „[A]bends kam es an Deck, unbeholfen auf seinen drei Zehen hoppelnd, und hangelte sich ins Rigg, wobei es sich mit dem Rücken nach unten gemächlich fortbewegte, von Schlafpausen unterbrochen“ (175). Zunächst ist es vom täglichen Kanonendrill konsterniert, nach kurzer Zeit verschläft es ihn jedoch „auf seinem gewohnten Platz in den Besanpüttingstauen hängend“ (176). Die Seeleute übrigens legen ein Verhalten an den Tag, das dem der Mitglieder der Aubrey-Maturin Appreciation Society stark ähnelt, denn wie der Erzähler versichert, „liebten [sie] es vom ersten Augenblick an und trugen es oft selbst in die Mastspitze hinauf“ (175). Es scheint insgesamt, als sei das Faultier nicht trotz, sondern wegen seiner un-Navy-haften Natur die ideale Ergänzung der Mannschaft. Der Alltag an Bord eines frühneuzeitlichen Kriegsschiffs wird häufig mit der Formel „90% Langeweile, 10% reiner Schrecken“ beschrieben, und beidem schafft die Gegenwart des Faultiers Abhilfe. Innerhalb des schwimmenden Mikrokosmos ist es ein ruhender Pol, denn es lässt sich von dem kriegerischen Treiben nicht erschrecken und veranlasst durch seine sanftmütige Gelassenheit die raubeinigen Matrosen zu liebevoller Zuwendung.

Damit ist das Faultier auch ein Moment, wenn man so will, der Muße: es bietet den Seeleuten Gelegenheit, sich in der Beschäftigung mit dem Tier für kurze Zeit sowohl von der Last der Langeweile als auch des Schreckens zu befreien, eine Gelegenheit, in anderen Worten, zur „Sammlung des Geistes“4 – ob für einen „bestimmten, reellen Lebenszweck“5, lässt sich anhand des Textes nicht erschließen. Der positive Einfluss des Faultiers auf die Seemannspsyche wird aber in jedem Fall anhand eines spontan entstehenden faultierbezogenen Aberglaubens deutlich: „Sie behaupteten, ein solches Faultier bringe Glück, was jedoch unbewiesen blieb, denn der Wind kam selten östlicher als Süd ein und wehte Tag für Tag schwach“ (175). Auch auf den Leser hat das Faultier eine wohltuende Wirkung, erlaubt sein Auftritt ihm doch eine Pause von der O’Brian’schen Angewohnheit, die technischen Aspekte des nautischen Betriebsablaufs in unbarmherziger Detailfülle darzulegen.

Bezeichnenderweise ist die einzige Person, mit der das Faultier nicht recht warm werden will, der Kommandant, der an Bord die staatliche Autorität symbolisiert. Bereits bei ihrer ersten Begegnung stößt das Faultier, mit Jack Aubrey konfrontiert, einen „verzweifelten Schrei aus und ver[gräbt] das Gesicht wieder an Stephens Schulter“ (174) und auch später hält sich sein „Entsetzen angesichts des Kommandanten“ (175) hartnäckig; es steigen ihm gar „Tränen in die Augen […], sobald [Jack] die Kajüte betr[itt]“ (179). Jack fühlt sich von der Zurückweisung durch das Faultier gekränkt und setzt alles daran, seine Anerkennung zu gewinnen. Damit wird das Faultier auch für ihn zu einer Gelegenheit für Mußestunden. Gerade die Person, die besonders den Geist der Kriegsmarine verkörpert, verwendet viel Zeit und Mühen darauf, die Zuneigung des Wesens zu gewinnen, dessen Natur und Verhalten ebenjenem Geist diametral entgegengesetzt sind. Dabei nähert er sich – möglicherweise unbewusst – einem besseren Verständnis der Interessen seines Freundes Stephen Maturin an, dessen naturkundliche Tätigkeiten für ihn meist ein Buch mit sieben Siegeln sind. Leider ist seine Strategie dabei etwas unglücklich gewählt, denn Jack versucht, das Faultier, das ihn aufgrund abgekühlten Wetters mit „Furcht und Besorgnis“ (179) betrachtet, mit einem Stück in Rum getauchten Kuchens aufzumuntern. „Das Faultier seufzte, schloß die Augen, lutschte langsam an dem Brocken und seufzte erneut“ (179) – mit diesem Satz beginnt der titelgebende, von Stephen empört beklagte Abstieg des Faultiers in die Lasterhaftigkeit; die friedliche Verkörperung der Muße wird zum bloßen trunkenen Müßiggang6 verführt. Ob hier ein Kommentar bezüglich des zerstörerischen Einflusses der sogenannten Zivilisation auf die Natur intendiert ist, sei dahingestellt.

Allein – hat das Faultier sich tatsächlich korrumpieren lassen? Dies ist zu bezweifeln, denn schließlich erfüllt es von seinem ersten Auftauchen an Bord an zwar eine mußebringende Funktion, fungiert gleichzeitig aber auch als subversives Element. Jeglichem Gesetz der See entzieht es sich mit passivem Widerstand, gestaltet sein Leben an Bord nach eigenem Rhythmus und bringt dem Kommandanten geradezu meuterische Verachtung entgegen. Eben diese Eigenschaften sind es wohl auch, die das Faultier sowohl den fiktiven Seeleuten als auch den Lesern besonders ans Herz haben wachsen lassen. Obwohl es – korrumpiert oder nicht – bald darauf aus der Geschichte verschwindet, indem Stephen Maturin es in Rio zurücklässt, wo es „als Schoßtier der irischen Franziskaner deren Meßwein [säuft]“ (195), ist ihm die andauernde Liebe der Leserschaft sicher.

Headerfoto: „Dreifinger-Faultier (Bradypus) in Surinam“. Aquarell von John Greenwood, ca. 1752-58. © Trustees of the British Museum.

Empfohlene Zitierweise:

Lena Moser: „Jack, du hast mein Faultier korrumpiert“.
Gedanken über einen unwahrscheinlichen Helden des Seeromans,
In: Muße. Ein Magazin, 1. Jhg. 2015, Heft 2, S. 51-53.
DOI: 10.6094/musse-magazin/2.2015.51
URL: http://mussemagazin.de/?p=1105
Datum des Zugriffs: 14.11.2018

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