Glossar

Müßiggang

Robert Krause

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„Müßiggang“ meint eine spezifische, individuelle oder kollektive Praxis im Umgang mit Zeit und Tätigkeit und erscheint in der Regel als Vermeidung von Aktivität, Pflicht und Arbeit. Dieses Begriffsverständnis und die vorwiegend negative Konnotation des Müßiggangs sind historisch bedingt und in gesellschaftlicher und ideologischer Hinsicht nicht unumstritten; gehören doch die unterschiedlichen Versuche, den Müßiggang zu definieren und von komplementären Begriffen und Phänomenen (insbesondere Muße, Untätigkeit, Faulheit) abzugrenzen, zu seiner Begriffs- und Bedeutungsgeschichte, die im Folgenden nur skizziert werden kann. Über das historische Interesse hinaus, führt diese Skizze auch ins Zentrum von bis heute anhaltenden Kontroversen um den Wert oder Unwert des Müßiggangs.

„Müßiggang ist der Seele Feind“ („Otiositas inimica est animae“), heißt es apodiktisch in der Ordensregel der Benediktiner, der Regula Benedicti (Kapitel 48). Formuliert Mitte des sechsten Jahrhunderts, an der Schwelle zwischen christlicher Antike und Mittelalter, ist die Mönchsregel mit Erklärungen nach wie vor in Geltung. Um den bedrohlichen Müßiggang zu vermeiden, sollen die Ordensbrüder „zu bestimmten Zeiten mit Handarbeit, zu bestimmten Stunden mit heiliger Lesung beschäftigt sein“ („et ideo certis temporibus occupari debent fratres in labore manuum, certis iterum horis in lectione divina“), worauf umhergehende ältere Mönche zu achten hätten.1 Diese scharfe Verurteilung und Verfolgung des Müßiggangs erklärt sich aus der schon bei Cassian belegten Annahme, otiositas sei eine Tochter der acedia, das heißt der „bedrückenden Traurigkeit“ („quaedam tristitia aggravans“), die laut Thomas von Aquins Summa theologica (1267–73), Sünde ist.

Beinahe zeitgleich mit Thomas von Aquins sündentheologischer Deutung konstatiert Bertold von Regensburg (1200/10–1272) in seinen Predigten: „wan müezekeit ist aller sünden muoter“.2 Dies ist die wohl frühste Fassung des Sprichworts „Müßiggang ist aller Laster Anfang“,3 das sich u.a. in Joachim Heinrich Campes Wörterbuch der deutschen Sprache (1809), wiederfindet. „Müßiggang“ wird dort bestimmt als „der Zustand, da man müßig geht, d. h. unthätig, unbeschäftigt ist, da man thätig, beschäftigt sein sollte; besonders der Zustand, da man müßig gehet weil man faul ist, keine Lust zu arbeiten hat“.4 Campe zufolge ist es nicht die Untätigkeit als solche, die den Müßiggang ausmacht; bei diesem handelt es sich genauer um eine bedingte und situative Untätigkeit, die akuten Anforderungen zuwiderläuft und insbesondere der anliegenden Arbeit widerstrebt. Die Arbeit erscheint mithin als Antonym zum Müßiggang und die Faulheit als dessen Grund oder gar Synonym.

In diesem Sinne definiert bereits Johann Christoph Adelungs Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band II (1796), die „Faulheit“ als „herrschende Abneigung von der pflichtmäßigen Bewegung, und besonders von der Arbeit“5 und, in Band III (1798), den „Müßiggang“ als „die unthätige Unterlassung der pflichtmäßigen Arbeit“. Müßiggang ist demnach ein Versäumnis von Pflichten, das auf Passivität oder gar Faulheit beruhen kann; doch kennt Adelung auch den aktiven, „geschäftige[n] Müßiggang, da man unnütze Beschäftigungen den nützlichen, oder nützliche den noch nothwendigern vorziehet“.6 Müßiggang lässt sich mithin nicht einfach im Spannungsfeld von Aktivität und Passivität einordnen. Ob Tätigkeiten verrichtet oder versäumt werden, definiert den Müßiggang nicht hinreichend. Indem Adelung zudem Kriterien der Nützlichkeit oder gar Notwendigkeit von Beschäftigungen einführt, bietet er vielmehr Binnendifferenzierungen, die es erlauben, unterschiedliche Formen und Grade des Müßiggangs zu unterscheiden.

Weitere Einsichten in die Begriffs- und Bedeutungsgeschichte des Müßiggangs bietet das Deutsche Wörterbuch, Band VI (Leipzig 1885), von Jacob und Wilhelm Grimm. Die Begründer der Germanistik vermerken hinter dem Stichwort „Müsziggang“ nicht die aus der Benediktinerregel bekannte otiositas, sondern das ungleich prominentere otium7 und damit denjenigen lateinischen Begriff, der sich auch schon in ihrem „Musze“-Eintrag findet. Die Muße wird dort als „gelegenheit, freie zeit etwas zu thun“8 begriffen und der Müßiggang als „verweilen in unbeschäftigtheit“, und zwar „gewöhnlich im tadelnden sinne“, wie die Grimms durch ein Lutherzitat belegen, das sich an denjenigen wendet, der „fressen, saufen, spielen, tanzen, musgang, unkeuscheit treibt“.9

Luthers Lehre dürfte, neben dem Calvinismus, auch verantwortlich sein für die historische Zäsur in der Verwendung des Begriffs „müsziggänger“. So hieß „im 15. Jahrh. in Schwaben und Alemannien der stadtbewohner, der auf kein handwerk arbeitete, sondern von seinen renten lebte“; „sonst aber, und später immer, steht das wort in schlimmen sinne“.10 Positiver konnotiert ist hingegen der Muße-Begriff, der laut den Grimms auch „die örtliche bedeutung des gegebenen raums, spielraums“ hat.11 Angesprochen ist damit ein Bedeutungsaspekt, der noch in Walter Benjamins Essay (1938) zum müßigen „Flaneur, welcher Spielraum braucht und sein Privatisieren nicht missen will“, enthalten ist: „Müßig geht er als eine Persönlichkeit; so protestiert er gegen die Arbeitsteilung, die die Leute zu Spezialisten macht. Ebenso protestiert er gegen deren Betriebsamkeit.“12 Die Muße wird in der Moderne zunehmend zum Müßiggang, und dieser erscheint nicht nur als Vermeidung, sondern auch als demonstrative Verweigerung modernetypischer Entwicklungen.

Bemühungen, Muße und Müßiggang deutlich voneinander abzugrenzen, unternehmen schon seit dem 17. und 18. Jahrhundert theologische, moralphilosophische, pädagogische und ökonomische Abhandlungen.13 Den von den Grimms im Deutsche Wörterbuch beobachteten Umstand, dass dabei teilweise der „müsziggang mit langeweile in einer bedeutung gesetzt“ wird,14 exemplifiziert Georg Büchners Lustspiel Leonce und Lena (1836), dessen melancholischer Protagonist (Erster Akt, Szene 1) feststellt: „Es krassiert ein entsetzlicher Müßiggang. – Müßiggang ist aller Laster Anfang. Was die Leute nicht alles aus Langweile treiben!“ Ironisch-anspielungsreich wird hier die Langeweile als universeller Antrieb desavouiert, die Menschen seien „nichts als raffinierte Müßiggänger“, allerdings ohne es zu wissen.15 Das Lustspiel endet mit einer, von Büchners Erfahrungen mit den feudalistischen Hessischen Arbeitsverhältnissen und mit dem frühsozialistischen Saint-Simonismus beeinflussten, Utopie des staatlich dekretierten Müßiggangs. Thematisch und stilistisch deutet diese Utopie bereits auf Paul Lafargues Satire Das Recht auf Faulheit (Le Droit à la paresse, 1880) voraus. Gegen just diesen Anspruch wendet sich noch Gerhard Schröders Losung aus dem Jahr 2001, es gebe „kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft“.16 Vor diesem Hintergrund ist mit Wolfgang Fritz Haug zu resümieren: „Was als ‚Müßiggang‘ oder vulgo ‚Faulheit‘ gilt und wie es bewertet wird, ist gesellschaftlich vielfach umkämpft“.17

Headerfoto: Akseli Gallen-Kallela: „Probleemi/Kajustafian“ (1894), Öl auf Leinwand, Wikimedia Commons

Empfohlene Zitierweise:

Robert Krause: Müßiggang, In: Muße. Ein Magazin, 1. Jhg. 2015, Heft 2, S. 43-45.
DOI: 10.6094/musse-magazin/2.2015.43
URL: http://mussemagazin.de/?p=1093
Datum des Zugriffs: 21.07.2018

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