Rezension

Von Nichtsnutzen und Nichtnutzern

Judith Holofernes – Nichtsnutz (Ein leichtes Schwert, Four Music, 2014)

Rebekka Becker

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Ich mach heut nichts! nichts! nichts! / was etwas nutzt! nutzt! nutzt!1

Es ist ein fulminantes Lob auf das Faulsein, auf einen Tag, der einfach vorbeizieht und auf eine Haltung, die sich all jenen Forderungen und Verpflichtungen, die ununterbrochen auf uns einstürzen, lauthals entzieht. Im Takt der Musik stellt sich das wiederholte nichts! nichts! nichts! nicht nur gegen jene Werte und Muster, die uns von außen aufoktroyiert werden, sondern auch oder gerade gegen die eigenen inneren, die ohnehin oft kaum von den äußeren zu unterscheiden sind. Judith Holofernes’ Song Nichtsnutz ist eine Absage an die Leistungsgesellschaft. Hier wird sich zielbewusstem, arbeitsamem Fleiß mit der Kampfaussage Därängdändäng in den Weg gestellt. Jede Nutzenorientierung wird abgelehnt, jede Sinnhaftigkeit an den Rand gedrängt. Falsche Schönheitsbilder und Perfektionierungsrituale werden über Bord geworfen, alltägliche Tätigkeiten wie soziale Aktivitäten ignoriert und die Angebote der Vergnügungsindustrie links liegen gelassen. Und sogar die Verweigerung selbst will keine heilenden Kräfte aktivieren, um dadurch wiederum lediglich instrumentalisiert zu werden. Es geht Holofernes um ein Ausklinken aus all dem Können, Sollen und Müssen. Es ist ein Nein zu der ständig geforderten Teilnahme und Anteilnahme, der blitzschnellen Kommentierung, der Be- und Verurteilung, der stets auf Eigennutz ausgerichteten Beobachtung des Geschehens sowie der Sorge um die Zukunft.

Der Song entstammt der ersten Solo-Platte Ein leichtes Schwert (2014) von Judith Holofernes, der einstigen Frontfrau der Band Wir sind Helden. Wie das gesamte Album klingt auch Nichtsnutz percussionlastig, rauh, kratzig und doch zugleich heiter und beschwingt. Das Album entzieht sich rigoros all dem Glatten, Angepassten und Scheinbar-Perfekten.

Das Lied Nichtsnutz ist eine unausgesprochene, doch lautstarke Hommage an Bartlebys stilles „I would prefer not to“.2 Während der unscheinbare schweigsame Schreiber Bartleby als Person beinahe verschwindet und – gerade ohne es zu wollen – aus seiner Nische hinter dem grünen Wandschirm in die Grellheit eines Störenfrieds gestellt wird, schreit Judith Holofernes mit ihrer ungekünstelten, kindlichen Stimme ihre Abwehrhaltung in die Welt hinaus: Ich bin Nichts! Nichts! Nichts / nutz! nutz! nutz. Sie will keine Heldin mehr sein, sondern gerade in der Negation mit der eigenen Präsenz den Raum überbordend füllen. Dem Tatendrang und der Energie der Heldenzeit wird eine aktive Passivität entgegengesetzt. Doch die Überzeugung bleibt die gleiche: Euer Leben zwickt und drückt nur dann nicht, wenn man sich bückt. In dieser neuen Welt des Dagegen, der Enthaltung, gründet Judith Holofernes ihre Müßig-Gang. Das deutsche Wort ,Müßiggang‘ erhält durch die englische Aussprache eine wilde, gar kriminelle Dimension. Das Müßiggängertum ist in Holofernes’ Augen ein Nicht-angewiesen-sein auf Nichts und Niemanden. Finden sich keine realen Mitglieder oder Befürworter ihrer Devise des Zu-nichts-nütze-sein, wird die Vorstellung einer Truppe aus Taugenichtsen in die eigene Phantasie verschoben, denn das Nichtstun ist auch auf Beteiligung nicht angewiesen: Macht keiner mit, geh ich nach Haus / und zieh mir alle Kleider aus / Lass niemanden rein und geh nicht raus / Ich strebe nichts an, ich sterbe nicht aus / Ich rufe: Ey! Streber raus! auf die Straße hinaus / und dann, in diesem Sinn, lege ich mich wieder hin. Was in diesen Zeilen zum Ausdruck kommt, ist ein Gefühl von Freiheit: Man entledigt sich der Kleider und damit des Korsetts an Direktiven. In der Horizontalen, abgeschirmt von all den Reizen der Außenwelt, lässt es sich am besten den Tieren gleich tun, deren Einfachheit und Sprachlosigkeit zum Ideal proklamiert werden: Die Tiere, die alles können und die versonnen / auf Wiesen pennen und die versponnen / auf Wiesen rennen und die sich sonnen / und die nichts nichts nichts beim Namen nennen.

Im dazugehörigen Videoclip taucht auf der flimmernden beigefarbenen Leinwand, buchstäblich wie aus dem Nichts, ein kugelrundes Männchen auf, das aus einfachsten Strichen gezeichnet ist und zugleich behäbig und leichtfüßig im Rhythmus der Musik dem Betrachter entgegen tappt, während unter ihm die Welt sich immer weiter dreht. In dieser minimalistischen Traumwelt wird die Zweidimensionalität des einfachen Striches zum Leben erweckt. Es entstehen Phantasielandschaften und verrückte Konfigurationen, in denen, wie in Holofernes’ Sprache, mit Ambiguität gespielt wird. Verschiedene semantische Schichten überlagern sich oder gehen fließend ineinander über: der dicke Bauch wird zur Insel mit Palmen, dann zur Rutsche ins Meer hinunter, die Schweinemaske zum Gespensterumhang, das Geweih zur Krone. Es sind Bilder, die manchem naiv und kindlich erscheinen mögen, und sich doch gerade dadurch der Strenge und Beherrschtheit der Erwachsenenwelt entziehen. Möglicherweise liegt in diesem unvoreingenommenen, infantil oder albern erscheinenden Blick auf die Welt unsere letzte Möglichkeit zu wahrer Freiheit.3 Hier passt sie hin, die Frage nach einer anderen Realität. Denn ist am Ende nicht nur töricht, wer die Frage „Ist das so? Ich meine muss das so? / Ist das so oder ist es vielleicht viel leichter?“ ungestellt lässt?

Holofernes hat sich ganz offensichtlich selbst diese Frage gestellt und Konsequenzen daraus gezogen. Auf der Homepage von Wir sind Helden heißt es „wir sind erstmal raus“. Drei Jahre hat sich Holofernes aus der Zirkuswelt der Musikindustrie zurückgezogen, Kinder bekommen, Tiergedichte verfasst und einen Blog zu schreiben begonnen, der ein Sammelsurium aus Kuriositäten, Alltäglichem und Überraschendem vereint.4 In dem Song Flucht in Ketten aus dem letzten Heldenalbum Bring mich nach Hause (2010) geht es noch um die Suche nach dem Schwert, das befreit von den dicken Bären, die sie [einem] aufbinden und der langen Leine, deren Ende man nicht sehen kann, während man Kreise um Kreise um Kreise um Kreise dreht. Das leichte Schwert nun hat den Käfig aus Glas zerschlagen, es sind nicht mehr die Träume anderer Leute, sondern der eigene Traum.5

Werfen wir einen Blick auf die weiteren Songtexte von Judith Holofernes, begegnet uns die Botschaft aus Nichtsnutz in unterschiedlichsten Facetten immer wieder: In dem Lied Danke ich hab schon wird das Nein aus Nichtsnutz in seiner Dringlichkeit noch einmal verstärkt: Darf’s bei Ihnen noch etwas sein? / Äh: Nein. Nein! Nein! Die auf Neil Young zurückgehende, leicht veränderte Zeile I’ve seen the needy and the damage done verweist auf all die Bedürfnisse und nicht gestillten Sehnsüchte, denen der Mensch immer wieder nachhängt, ohne jemals das Gefühl von Sättigung zu erreichen. Zugleich ist das repetitiv zitierte Mantra Genug Genug Genug eine Provokation für die Außenwelt. Sich zu verweigern, nicht mehr mitzumachen und nicht ständig neuer Befriedigung hinterher zu hechten, scheint der Eigengesetzlichkeit einer durch Werbung und Kommerz geprägten Bedürfnis- und Wirtschaftswelt radikal zu widersprechen. In einer solchen Welt herrscht das Gebot der Arbeit, welches der Wir sind Helden-Song Ode an die Arbeit (2007) in Dialogform zu entschlüsseln sucht und zugleich ad absurdum führt: Sag mal – Du hast doch grade nichts zu tun / Erklär mir Arbeit — / Arbeit? Ja. / Arbeit mein Freund / – Das wird Arbeit. […] Also was das Schaf da mit dem Gras macht: / Keine Arbeit — Ach? / Was man später mit dem Schaf macht / Das ist Arbeit – Aha / Generell alles was Spaß macht: / Keine Arbeit – Och / Generell was man im Gras macht / Keine Arbeit – Ach so. Die monoton gesungene Ode an die Arbeit wird nahtlos zum harschen Kommando: An die Arbeit! / Los und eins und zwei und eins und zwei und: / Du bist Preußen! / Eins und zwei und eins und zwei und eins und zwei und: fertig / An die Arbeit! / Los und eins und zwei und eins und zwei und: Schluss. Diese Verse transportieren gerade in der Iteration den harten Klang des Drills. Die inhaltsleeren Befehle werden dem Zuhörer um die Ohren geschleudert. Ein Ausscheren aus den Reihen scheint unmöglich zu sein.

Mit viel leiseren Tönen spürt man die Sehnsucht, sich aus einer derart grotesken Geschäftigkeit und Betriebsamkeit der Welt auszuklinken, bereits in dem Heldenstück Lass uns verschwinden (2007). In diesem Lied erklingt der Wunsch nach Stille, nach Ruhe und Gleichmut: Vielleicht wärst du Seetang, ich wäre Krill / Wir wären der Seegang und dann wären wir still / Über uns Möwen, hungrig und schrill – / aber uns wär egal, ob die Möwe was will. Zum Ausdruck kommt in diesem Lied das Verlangen, sich treiben zu lassen, mit dem Wind zu gehen oder einfach unterzutauchen – in Bereiche jenseits von Fragen nach Produktivität und Unproduktivität, nach Ernst oder Spiel. Das alles geht einher mit der Aversion, ein Bild aufrechtzuerhalten, das nur mehr Fassade ist, allein aus dem Glauben heraus, chamäleonartig immer weiter gehen zu müssen. Und keiner scheint sich auch nur im Ansatz vorstellen zu können, dass jemand es wagt, einfach aus dem Hamsterrad auszusteigen und zu gehen: Lass uns verschwinden – da kommt keiner drauf. In der melancholisch-traurigen Atmosphäre des Songs kommt zugleich eine Maßlosigkeit zum Vorschein, die in Nichtsnutz nur angedeutet wird: Mit der totalen Auflösung geht unbedingte Verneinung einher. Es scheinen Anklänge an eine Schopenhauer’sche Askese des Wollens, an ein Zerfließen im Nichts, auf: Ein kurzes Glimmen, dann ein Verschwimmen, / dann ein Verschwinden und mit den Jahren / oder auch Stunden, oder Sekunden / schließt sich die Welt da wo wir waren.

Der Song Nichtsnutz bringt die frühere Forderung der Helden Müssen nur Wollen aus dem Anfangsjahr 2003 zu einem Anti-Höhepunkt. Wenn ich könnte wie ich wollte würde ich gar nichts wollen / Ich weiß aber dass alle etwas wollen sollen – Wir können alles schaffen genau wie die tollen / dressierten Affen wir müssen nur wollen / wir müssen nur wollen wir müssen nur wollen / wir müssen nur. Diesem letzten Müssen setzt Nichtsnutz mit verschmitztem Lächeln die realisierte Tat, oder besser Nicht-Tat, entgegen. Da sitzt das kleine Männchen schelmisch auf der Schulter und eröffnet mit seinem Ich mach heut nichts! nichts! nichts! / was etwas nutzt! nutzt! nutzt! das Potenzial für eine anders verstandene Welt. Vielleicht zeigt sich diese andere Welt bereits im Videoclip zu dem Stück Ein leichtes Schwert. Dort steht „Utopia“, geschrieben aus bunten Schüsselchen und Gießkannen und anderem Sandkastenspielzeug, beinahe übersehen in der Flüchtigkeit der bewegten Bilder, und doch in seiner Buntheit der regennassen Straße trotzend.

Headerfoto: Cover der Vinylplatte (Vinyl LP) von Judith Holofernes, Ein leichtes Schwert, Four Music, 2014. Foto: Rebekka Becker.

Empfohlene Zitierweise:

Rebekka Becker: Von Nichtsnutzen und Nichtsnutzern. Judith Holofernes – Nichtsnutz (Ein leichtes Schwert, Four Music, 2014),
In: Muße. Ein Magazin, 1. Jhg. 2015, Heft 2, S. 39-42.
DOI: 10.6904/musse-magazin/2.2015.39
URL: http://mussemagazin.de/?p=1089
Datum des Zugriffs: 14.11.2018

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