Rezension

Ida und Wanda – Und es wurde still

Heidi Liedke

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Der 2015 in der Kategorie „Bester Fremdsprachiger Film“ mit dem Oscar ausgezeichnete Film Ida ist ein Film über das Sich-Bewusstwerden: ein ins Bewusstsein rücken des eigenen Lebensentwurfs, die eigene Lebensgeschichte, die Geschichte des eigenen Heimatlandes. Es geht aber auch darum, sich bewusst zu machen, was es heißt, ein Leben der Stille zu wählen.

Das sind große Themen, die der in England lebende und in Polen aufgewachsene Regisseur Paweł Pawlikowski in schwarz-weißen Bildern behutsam, „so beiläufig und ernst wie den Moment einer musikalischen Epiphanie“, beschreibt.1 In der ersten Einstellung sieht man Novizinnen bei der Arbeit. Ida (oder Anna, wie sie im Kloster heißt) bemalt hingebungsvoll mit einem feinen Pinsel eine Jesus-Figur, ihre dunklen Augen erinnern, umgeben von dem Grau des Bildes, an glitzernde Murmeln; eine andere Novizin schüttelt staubige Teppiche aus. Anschließend tragen sie zu viert die Jesus-Figur durch den knirschenden Schnee, stellen sie auf ein kleines Podest, stehen im Kreis andächtig um die Figur, bekreuzigen sich. In der nächsten Einstellung tragen Novizinnen und Nonnen ein Gebet auf Lateinisch vor, klanglich unverkennbar polnisch eingefärbt. Rasch darauf folgt das gemeinsam schweigend eingenommene Mahl, das vom gespenstisch melodischen Klackern der Löffel auf den Tellern untermalt wird. Vereinzelte Klänge und wieder Stille. Der einzige Dialog in den ersten fünf Minuten des Films ist ein Gespräch zwischen Ida und der Äbtissin: diese legt Ida nahe, vor ihrem Gelübde ihre einzige noch lebende Verwandte, Tante Wanda, in Warschau zu besuchen. Widerwillig („Muss das sein, ehrwürdige Mutter?“ – „Ja, Fräulein.“) stimmt sie zu, gibt beim letzten Einschlafen vor der Reise ins Ungewisse ihrem Kruzifix einen Gutenachtkuss, und verabschiedet sich, ebenfalls schweigend, aber in einem stillen Moment der Vertrautheit, von zwei anderen Novizinnen.2

Diese ersten Minuten des Films sind beklemmend, wenn man sie zum ersten Mal sieht, in Einzelszenen aufgeschlüsselt aber stellen sie einen Reigen konzentrierter, religiöser Muße dar. Auf den Kinobesucher mögen die Anfangsszenen sogar langweilig wirken, da jede Bewegung ein Ritual zu sein scheint. Jede weiß, was sie wann zu tun hat – und auch warum, nämlich für den Glauben. Im Kontrast dazu gönnen sich heutzutage viele ‚ausgepowerte‘ Menschen mit allen möglichen beruflichen Hintergründen, egal ob sie religiös sind oder nicht, manchmal ein Wochenende in einem Kloster. Dort kann man sich dann sammeln, Kraft tanken, zu sich finden, kurz, modische Muße erleben. Außerdem nicken die Freunde und Bekannten dann anerkennend: Der oder die achtet auf sich, lebt bewusst, und nicht nur für die schnöde Arbeit. Ida zeigt: Innehalten ist nichts ‚Modisches‘, es wird sich ebenfalls erarbeitet und zwar in einem ständigen Prozess.

Nach den ersten Szenen der Stille des Klosters bringt der Film die Zuschauer in die verhältnismäßig chaotische, noch die Narben des Zweiten Weltkriegs tragende Stadt Warschau der 1960er Jahre, wo Ida ihre Tante besucht. In einem Interview sagte die Darstellerin von Ida, Agata Trzebuchowska, sie hätte zunächst absolut keinen Bezug zu der Figur Ida gehabt.3 Pawlikowski beschreibt seinen ersten Eindruck von ihr gar als „auffälliges Hipstergirl, mit Barock-Frisur, Vintage-Klamotten und ultracoolem Gehabe. Kaum als Nonne geeignet.“4 Aber beim Vorsprechen überzeugte sie, auch wenn ihrem Spiel bis zum Schluss etwas Suchendes anhaftet; der fragend-kindliche, ansatzweise amüsierte Blick Idas ist der Blick einer jungen Frau, die sich noch nicht gefunden hat. Das ist passend. Leider kehrt sie uns beim ersten Aufeinandertreffen mit der Tante, die im Morgenmantel und mit Zigarette in der Hand in der Tür steht, den Rücken zu; wir sehen ihre Augen nicht, als sie mehrere Momente lang dem Blick der noch fremden Verwandten standhalten. „Ich bin Ihre Nichte.“ – „Ich weiß, wer Du bist.“ Die erste Frage Idas lautet: „Warum haben Sie mich nicht aus dem Waisenhaus geholt?“ – „Ich konnte nicht, ich wollte nicht. Du hättest es bei mir nicht gut gehabt.“

Als Ida kurz daraufhin erfährt, dass sie Jüdin ist, reagiert sie auch nur wieder mit diesem stummen, starrenden Blick. Nachdem sie die anfängliche Abwehrhaltung abgelegt hat, erzählt Wanda Ida, die sie an ihre Schwester erinnert, von ihren Eltern, teilt mit ihr die Anekdoten, die aus schematischen Figuren erst Menschen machen, erzählt ihr, wie die Mutter Róża, ein Feingeist, immer etwas aus irgendwelchen Fetzen genäht und einmal im Kuhstall ein buntes Glasfenster eingesetzt hat, damit die Kühe es ein bisschen lustiger hätten. „Bunte Gläser neben Kuhscheiße – typisch Róża.“5

Zusammen machen sich Ida und Wanda auf die Reise nach Piaski, Idas Geburtsort, dieses Kaff, wie Wanda es einmal nennt, um herauszufinden, was genau mit Idas Eltern während des Zweiten Weltkriegs geschah. So wird aus dem Film auf einmal ein Road Movie. „Was ist, wenn Du dort ankommst und feststellst, dass es keinen Gott gibt?“ Darauf kann Ida nur lächeln. Auch auf die Frage, ob sie ab und zu „sündhafte Gedanken“ hätte, antwortet sie wieder nur mit diesem Lächeln. Wenn sie sich ihnen nie hingeben würde, wüsste sie doch überhaupt nicht, was sie für Opfer bringt, meint die Tante. Wanda, die Wodka wie Wasser trinkt (was sie im Laufe des Films für eine Nacht in eine Ausnüchterungszelle bringt) und raucht, wie andere atmen, ist das treibende Element dieser Geschichte zweier ungleicher Frauen, nicht nur durch ihre bohrenden, salopp herausgepeitschten Fragen und die ironischen Kommentare. Die Theaterschauspielerin Agata Kulesza verkörpert die Figur mit einer Mischung aus Trotz und Resignation, Aggressivität und Wehmut. Vielleicht ist sie somit ein Sinnbild für die Gefühle vieler Polen, die den Zweiten Weltkrieg überlebt hatten und sich in einem von der kommunistischen Partei kontrollierten Land wiederfanden, egal, ob sie ihre Anhänger waren oder nicht.

Der Film handelt, natürlich, von zwei Frauen,6 einer leisen, einer lauten, aber auch ganz wesentlich von einer Landschaft und einem Land, das sich sucht. In vielen Bildern sind die Personen in der unteren Ecke oder am Rand zu sehen, es ist, als würde sie der sie umgebende Raum niederdrücken, egal ob in Form von Kirche, Gericht oder Staat. Die Eindrücke, die man vom Polen der frühen 1960er bekommt, sind Bilder eines teilweise noch in Trümmern liegenden Landes; eine Szene, in der die Frau, die jetzt in dem Haus von Idas Eltern wohnt, die Novizin bittet, ihr Töchterchen zu segnen, bleibt in Erinnerung. Inmitten löchriger Straßen und zerfallender Häuser ist da diese (naive?) Hoffnung, Gott möge Sicherheit bieten. Der Film vermischt auf unauffällige Weise ganz unterschiedliche Charakteristika dieser Zeit, alltägliche Probleme mit politischen und schafft so ein authentisches Stimmungsbild. In diesem Nachkriegspolen sind nicht nur gute Zigaretten schwer zu kriegen.

Im Polen des Jahres 2014 hat der Film extreme Reaktionen hervorgerufen. Wie die Rezension in der Gazeta Wyborcza es zusammenfasst, gab es zwei Positionen: der Film sei anti-polnisch, wie vor allem die Darstellung des vermeintlich „primitiven Bauern“, der zugibt, Idas Eltern ermordet zu haben, zeigt. In der Figur der Tante, der „blutigen Wanda“ (die in den 1950ern als Generalstaatsanwältin für viele Todesurteile von Regimekritikern verantwortlich war), würde außerdem das Stereotyp der „Żydokomuna“, d.h. der Juden, die im Nachkriegspolen Schlüsselpositionen in der Kommunistischen Partei einnahmen, verkörpert. Der Rezensent Tadeusz Sobolewski schlägt stattdessen vor, den Film als gänzlich „überreligiöses Gedicht, das sich von keiner Ideologie fassen lässt“ zu lesen. Als einen politischen Film, der –paradoxerweise – einen Akt „tätiger Enthaltung“ darstellt.7 Voller Empathie zeige der Regisseur eine Reihe unterschiedlicher Menschen, keiner von ihnen frei von Schuld. Idas Wahl, ins Kloster zu gehen, könne insofern als Versuch verstanden werden, all das Böse dieser Welt auf sich zu nehmen.8

Der Film ist tatsächlich in allererster Linie ein Film des Mitgefühls. Was ihn so besonders macht, ist, dass kaum gesprochen wird. Stille dominiert, und das ist auch passend, weil Ida sich am Schluss für eben jene religiöse Stille entscheidet. Somit ist klar, dass der Saxophonist Lis (Dawid Ogrodnik) nicht nur kurz Idas Liebhaber spielt, sondern gewissermaßen einen Gegenspieler. Er steht aber auch, wie Pawlikowski in einem Interview betont, für das andere Gesicht Polens in den 1960ern, nämlich das kreative, in vielerlei Hinsicht im Vergleich zu heute ‚coolere‘ Polen.9 Es macht dem Regisseur augenscheinlich auch Spaß, drei völlig unterschiedliche Menschen miteinander ins Gespräch kommen oder zusammen schweigen zu lassen.

Auch Wanda wählt am Ende die Stille. Nur einen Augenblick dauert es, und sie stürzt sich aus dem Fenster in den Tod. In der letzten Viertelstunde des Films wohnt Ida für ein paar Tage in der Wohnung ihrer Tante, raucht, betrinkt sich, tanzt mit den Gardinen und mit Lis. Wie so oft in dem Film, erfahren wir nicht, was Ida dazu bewegt, dem Leben, das Lis ihr vorschlägt, ohne Abschiedsworte den Rücken zu kehren. Johann Sebastian Bachs „Ich ruf zu Dir, Herr Jesu Christ“, das ihre Schritte auf dem Rückweg zum Kloster begleitet, mag eine Antwort geben.

Headerfoto: © Arsenal Filmverleih

Empfohlene Zitierweise:

Heidi Liedke: Ida und Wanda – Und es wurde still,
In: Muße. Ein Magazin, 1. Jhg. 2015, Heft 2, S. 36-38.
DOI: 10.6904/musse-magazin/2.2015.36
URL: http://mussemagazin.de/?p=1084
Datum des Zugriffs: 21.07.2018

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