Rezension

Nichtstun: Verhandlungsort des Gesellschaftlichen?

Ehn/Löfgren: Nichtstun. Eine Kulturanalyse des Ereignislosen und Flüchtigen.

Bianca Blum und Agatha Frischmuth

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Müßiggang, so die Behauptung des allseits bekannten Sprichworts, sei aller Laster Anfang. Müßiges Tun heißt demnach, in Abwesenheit produktiver Arbeit, Nichtiges zu tun. Dieser durchaus üblichen Negativbewertung des Nichtstuns zum Trotz suggerieren neuere Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Neurowissenschaften (man denke an Raichle und Shulmans default network1), der Psychologie und den Kulturwissenschaften, dass sich hinter vermeintlicher Untätigkeit komplexe neuronale und intellektuelle Vorgänge verbergen.

Das Verständnis von Müßiggang und Nichtstun als nicht einschlägig negatives Phänomen bildet auch die Kernthese der schwedischen Ethnologen Billy Ehn und Orvar Löfgren. In ihrer Kulturstudie zum Ereignislosen und Flüchtigen, die 2010 zuerst in englischer Sprache in den USA erschienen ist und seit 2012 auch in einer deutschen Ausgabe vorliegt, zeigen sie anhand von Beispielen aus Literatur, Kunst, Film, Medien, Internet, Interviews mit ihren Studierenden und persönlichen Anekdoten, die Produktivität des Nichtstuns im Alltagsleben auf. Zudem stellen sie die Wichtigkeit solcher „untätigen“ Momente für die psychische Alltagsbewältigung des Menschen heraus, denn in einem Zeitalter, in dem es in allen Lebensbereichen zu einer gefühlten Beschleunigung kommt und ökonomisches Effizienzdenken absolute Priorität besitzt, möchte man sich immer häufiger einer zeitweisen und notwendigen Entkoppelung hingeben. Und genau das sollte man auch tun, wie die Autoren nachdrücklich betonen.

Die Ausrichtung unserer Tätigkeiten nach sinnvollen Zielen, wie der Erwirtschaftung von Finanzkapital oder der Optimierung der eigenen Fähigkeiten, entspricht dem Arbeitsfokus von Max Webers protestantischer Ethik, in der andersartige Aktivitäten keinen Platz haben, weil sie ‚leere‘ und ‚verlorene Zeit‘ bedeuten. Ehn und Löfgrens Studie etabliert dieses Wertesystem als die dominante Erwartungshaltung an den modernen Menschen und stellt sich durch die Hervorhebung der positiven Effekte des Nichtstuns als dekonstruktiver Ansatz dar. Die Autoren widmen ihre Aufmerksamkeit eben jenen missachteten Momenten des alltäglichen Lebens, in denen nichts zu passieren scheint – „der Welt der Übergangszonen, Zwischenzeiten, Pausen, den Momenten des Wartens und der Unentschiedenheit“ (Seite 10).

Sie postulieren damit die Ereignishaftigkeit des Nichtstuns und fragen, inwiefern diese individuell bedeutungsvoll sein kann. Im Zentrum stehen dabei speziell drei Formen der Untätigkeit: Das Warten, die Routine und das Tagträumen. Darüber hinaus untersuchen die beiden Wissenschaftler die Entwicklung und Veränderung von Formen des Nichtstuns sowie deren gesellschaftliche Rezeption in unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Da sie sich weder geographisch noch zeitlich festlegen, bleiben ihre Beobachtungen allerdings punktuell und die Schilderungen sehr allgemein, sodass ihre Schlussfolgerungen epistemologisch nur bedingt aussagekräftig sind. Zwar gelingt es ihnen, beispielhaft darzulegen, dass sowohl individuelle Gewohnheiten und Alltagsroutinen als auch Gedanken und Emotionen kulturell geprägt werden und dahingehend soziale Konstrukte bilden, zu denen auch das Nichtstun gehört. Dennoch gleicht ihre Vorgehensweise eher einem phänomenologischen Herantasten als einer stringenten Analyse, was sie davon abhält, ihre Ergebnisse klar zu umreißen. Das vorliegende Werk ist nach den drei ‚Hauptformen‘ des Nichtstuns gegliedert und bietet jeweils eine assoziative Untersuchung an, welche die Form möglichst von allen Seiten anleuchten, nicht aber erklären soll. Die ganze Studie ist, so verdeutlichen auch die Autoren, nicht im Modus der Antwort, sondern dem der Frage entworfen.

Das erste Kapitel behandelt das Warten – eine Variante des Nichtstuns, die eine paradoxe Beschäftigung zu sein scheint. Während es häufig von einem Gefühl der Ungeduld und Langeweile begleitet wird, verbirgt sich in dieser ‚erzwungenen‘ Trägheit und Untätigkeit in Wirklichkeit eine „dynamische und moralisch aufgeladene Aktivität“ (Seite 103). Denn das Nichtstun ist nicht nur ein Zustand des Geistes, sondern ebenso ein „geordnetes und symbolisch kommuniziertes Verhalten“ (Seite 103f.). Nichts zu tun bringt die Möglichkeit mit sich, soziale Kompetenzen zu erlernen, die man für ein Funktionieren in der Gesellschaft braucht. So kann man unter anderem beim Warten den Umgang mit verschieden aufgeladenen Zeitstrukturen und Planungskapazitäten für zukünftiges Handeln lernen wie auch mit der Tatsache, dass (zeitliche) Abläufe selten vollständig kontrollierbar sind. Der Schwellencharakter des Wartens ermöglicht es einerseits, physisch zwar anwesend, dabei jedoch in Gedanken versunken zu sein, andererseits kann das Warten zu einem bewusst erlebten Augenblick führen.

Auch das routinierte Ausführen verschiedener Tätigkeiten, das im zweiten Kapitel beschrieben wird, kann ein Nichtstun implizieren und dennoch ein produktives Potential entfalten. Die Autoren erkennen in der Routine ein Sicherheitskorsett, das an der Schaffung einer sozialen Ordnung beteiligt ist. Da solches Handeln repetitiv und automatisiert ist, erfordert es keine aktive Einflussnahme des Individuums und schafft damit Freiräume für eine reflexive und entspannende Muße-Erfahrung. Der allmorgendliche Akt des Schminkens etwa kann für eine Frau einen Moment der Ruhe und des Alleinseins bedeuten und zum Refugium werden, in dem sie sich, ohne sich auf die eigentliche Tätigkeit konzentrieren zu müssen, kurzweilig von Raum und Zeit enthoben, ihren Reflexionen hingeben kann. Sich zu schminken – so Ehn und Löfgren ausgehend von ihren Untersuchungsergebnissen – sei für viele Frauen ein Moment des Tagträumens und des Pläneschmiedens.

Das Tagträumen, Inhalt des dritten Kapitels, hat ähnliche Eigenschaften und ermöglicht ebenfalls ein zeitweiliges Entfliehen aus der Realität. Ehn und Löfgren verhandeln dies insofern als positiv-produktive Praxis, als der Mensch kreativ tätig wird, indem er oder sie alternative Wirklichkeiten imaginiert, wodurch sowohl eine Planungsfunktion für die Zukunft erfüllt als auch ein Gefühl von Freiheit und Autonomie erlangt werden kann. Ohne Träume kann ein Mensch, argumentieren sie in Anlehnung an Ernst Bloch, nicht überleben, denn gerade im Tag- oder Wunschträumen male man sich ein besseres Leben aus – eine unabdingbare Bedingung für Veränderung. Die Autoren erkennen hierin eine mögliche Subversion, da sich das Subjekt normativen Strukturen zu entziehen sucht.

So sollten gerade davor zum Beispiel im 18. und besonders im 19. Jahrhundert junge Mädchen und Frauen höherer Stände bewahrt werden – zu groß schien die Gefahr, dass sie sich ihrer eigenen Phantasie hingaben und womöglich emanzipatorische Gedanken und Ideen entwickelten. Ehn und Löfgren verdeutlichen damit die lange Tradition der gesellschaftlichen Sanktionierung des Nichtstuns und der Verwirklichung seines subversiven Potentials, welche die Bewahrung des gesellschaftlichen status quo zum Ziel hatte. Der Akt des Tagträumens ist zwar eine „flüchtige, schwer fassbare kulturelle Praxis“ (Seite 160), wird jedoch konkret durch ihre spezifischen Kontexte und kollektiven Vorstellungen geprägt und darüber hinaus erlernt, geteilt und vermittelt.

Die Autoren beschließen ihre Studie mit einer erneuten Situierung des Nichtstuns in der Moderne und postulieren es als Schnittstelle des privaten und des öffentlichen Raums, in dem sich das Individuelle und das Allgemeine begegnen, um durch den Abgleich dieses Aufeinandertreffens gesellschaftsstiftend zu wirken. Die Autoren zeigen deutlich, dass die Tätigkeiten, die gemeinhin als Nichtstun beschrieben werden, einerseits auf der Anerkennung sozialer Strukturen beruhen und dass andererseits die negative Wertung dieser Aktivitäten stark kulturell geprägt ist. Es mag an der wissenschaftlichen Methode der empirischen Untersuchung liegen, dass das Werk der Schweden wie eine anekdotische Materialsammlung anmutet, die eine systematische Analyse vermissen lässt. Zwar rückt die Studie Alltägliches und Bekanntes in den Blick und zeigt zudem die Relevanz vermeintlich unproduktiver Tätigkeiten als sinnstiftende Praktiken der menschlichen Psyche auf. Damit wandelt sich das Nichtstun jedoch von der Verschwendung zum Gewinn und erfährt die ökonomische Aufwertung, gegen die Ehn und Löfgren eigentlich anschreiben wollen. Die Ideengeschichte, die ihrer Argumentation als Hintergrund dazu dient, ist hierfür allerdings zu undifferenziert. Zu sehr und lose stützen sie sich auf Max Weber und die Arbeitsethik des 19. Jahrhunderts und vergessen dabei die positive Vorstellung des Nichtstuers und Müßiggängers, die sich gleichermaßen durch die europäische Geschichte zieht (wie unter anderen Eberhard Straub gezeigt hat2) und heute wieder an Anerkennung gewinnt.3

Ohne Zweifel hat die vorliegende Studie zur Öffnung dieses Forschungsgebiets beigetragen. Es bleibt zu hoffen, dass ihr nuancierte Arbeiten folgen werden, die insbesondere die Wertungsmechanismen des Nichtstuns in Abhängigkeit von Klassen-, Geschlechter- und Ethnizitätszugehörigkeit zum Objekt ihrer Untersuchung machen. Gerade in unserer heutigen Zeit, für die eine Beschleunigung in Verkehr, Handel und Finanzwelt wie auch in den Bereichen Medien, Wissen und Kommunikation charakteristisch ist, wird der Ruf nach Entschleunigung, zeitlichen Freiräumen und mehr Muße im Alltag immer lauter. Diese Aufmerksamkeit verlangt nach einer differenzierten Betrachtung, die epistemologische Schwankungen zu ergründen sucht, konkrete internationale Vergleiche zieht und die Spannungen zwischen Aktivität und Inaktivität, vor allem zur Entkräftung systematischer Diskriminierungspraktiken, weiter zu entschlüsseln vermag.

Ehn, Billy/Orvar Löfgren: Nichtstun. Eine Kulturanalyse des Ereignislosen und Flüchtigen. Aus dem Englischen von Michael Adrian (The Secret World of Doing Nothing, 2010). Hamburger Edition, Hamburg 2012. ISBN 9783868542400. Broschiert, 303 Seiten, 24 EUR.

Weitere Informationen zum Buch und eine Leseprobe gibt es unter his-online.de.

Headerfoto: Antii Yrjönen: „Helsinki-Vantaa Airport“, Wikimedia Commons

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