Idling in London

Zwischen Muße und Kommerz

Heidi Liedke und Henrike Manuwald

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Idling in London, das kann eine private „Aktivität“ sein. Anregungen verspricht aber auch die Institution The Idler mit ihrem Chef-Idler Tom Hodgkinson. The Idler gibt ein Online-Magazin heraus, betreibt einen shop und eine academy mit einem breiten Kursangebot. Doch was passiert, wenn idleness zum Produkt wird?

Ein Besuch des Idler Shops
Heidi Liedke

Die Reise zum Idler Shop beginnt beim Verlassen der Tube-Station Westbourne Park im Westen Londons mit einem Moment der Verwunderung. Denn was auch immer der oder die Mußesuchende erwartet hat, ist hier nicht zu sehen. Vielmehr blickt man auf einen unglaublich hässlichen Zaun aus Metall, der den Blick auf die Gleise versperrt. Durch Google Maps versichert, dass man nicht falsch ausgestiegen ist, richtet man die Schritte nach rechts, entlang der Great Western Road. Hier schmiegen sich auf der einen Straßenseite, Wand an Wand, die ewig gleichen, zu einer Wohnsiedlung gehörenden Wohnhäuser aus bräunlichen Ziegelsteinen aneinander, in manchen Vorgärten durch die ein oder andere kecke Palme verziert. Auf der anderen Seite bilden noch monotonere Blocks (immerhin heißt jeder Block anders: Buckshead House, Culham House, Devonport House) den Rahmen. Das ist der Inbegriff der englischen Funktionalität in Form der Architekturkunst der 1970er. Die uninspirierten symmetrischen Formen, das Grau, und die für Kontinentaleuropäer doch stets überraschenden Palmen – all das ist London. Auf dem Fußweg kommen einem größtenteils Menschen karibischer und indischer Herkunft entgegen – natürlich macht auch das, spätestens seit den Immigrationswellen ab den 1960ern, London aus. Sucht man nun in dieser Umgebung nach einem Idler Shop, von dessen Besuch man sich ein gelebtes Beispiel für zeitgenössische Muße, gewitzte Buchtipps und womöglich Erfrischung durch eine Tasse English Breakfast Tea und einen scone mit Marmelade verspricht, schämt man sich ein wenig. Die Menschen hier haben augenscheinlich Besseres zu tun, als sich an ihren Rucksack einen Button mit einer Schnecke, dem Logo der Idler Academy, der der Idler Shop angegliedert ist, zu stecken. Und doch: Auch dieser Kontrast gehört zu London, einer Stadt, in der Armut und Reichtum, Tristesse und Luxus und somit auch funktionaler Alltag und Inseln des fröhlichen Nichtstuns, wie sie der Idler Shop darstellt, nebeneinander existieren.1

Biegt man am Ende der Great Western Road nach links ab, ist man auch schon schlagartig in der Welt der, zumindest an der Frontseite, sauber geputzten viktorianischen Stadthäuser, die zwar streng genommen Reihenhäuser sind, aber mit ihren bunten Tinkturen das deutsche Äquivalent vor Neid noch mehr erblassen lassen. Es ist früher Samstagabend, in den Pubs ballen sich also bereits die angeheiterten Menschengruppen. Am Eingang des Idler Shops grüßt Dr. Johnson, „Every man is, or hopes to be, an idler.” Mit dem Betreten des Buchladens ist man in einer Art großem Wohnzimmer, das sich große Mühe gibt, gemütlich zu sein. Am besten ließe sich wohl das Interieur des Ladens mit dem englischen „quirky”2 beschreiben: Abgenutzte dunkle Holzdielen, ein ebenso abgewetzter Perserteppich, auf Tischen gestapelte Bücher, eine Kommode, auf der eine Kaffeemaschine, Tassen, etc. stehen, und überall, das Deko-Accessoire schlechthin: Ukulelen. Das Konzept von kombinierten Buchhandlungen und Cafés kennt man mittlerweile gut, aber der Idler Shop ist besonders darauf erpicht, eine Wohnzimmer- oder Salon-Atmosphäre zu schaffen. Das gelingt auch, bis zu dem Moment, in dem man sich auf einem Sessel niederlässt und die Preise für Kaffee und Kuchen (immerhin liebevoll mit Kreide auf eine kleine Tafel gemalt) erblickt – nun, auch das ist London…

Große Freude und Momente des mußevollen Schmökerns bereiten aber die zum Gebrauch in den Regalen ausgestellten Bücher, die Hefte von The Idler und die an den Wänden angebrachten Aphorismen. In Anbetracht der restlichen, käuflich zu erwerbenden mit Schnecken verzierten Gimmicks in Form von Aufklebern, Buttons, Kühlschrankmagneten, Bleistiften, Kalendern und Tassen ist die Unverkäuflichkeit der Texte tatsächlich hervorzuheben. Im Idle Manifesto, das man entweder auf einer Postkarte oder auf einem Geschirrtuch abgedruckt kaufen kann3 heißt es übersetzt unter anderem: „Zeit ist nicht Geld“, „Hört auf, Geld auszugeben“, „Schmeißt eure Jobs hin“ und „Geld verfälscht den Geist“. All diese Aussagen wirken etwas fehl am Platz in einem Laden, in dem eben die meisten Dinge nur im Austausch für Geld über die Theke wandern. Eine gewaltige Prise Pragmatismus muss also auch Teil der Idler-Erfahrung sein.4

Das Magazin The Idler erlebt unter der Ägide von Tom Hodgkinson, einem an der Universität Cambridge ausgebildeten Vertreter des idle lifestyle, seine nunmehr zweite Wiedergeburt. Zuerst erschien The Idler als eine Sammlung von 103 Essays, manche von ihnen aus der Feder des bereits erwähnten Universalgelehrten Samuel Johnson, zwischen 1758 und 1760. Die meist in satirischem Ton gehaltenen Essays behandelten ganz unterschiedliche soziokulturelle Themen; Bemerkungen zum Beruf des Autors oder Journalisten und der englischen Sprache bildeten aber einen Schwerpunkt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nahm sich ein beispielhaft mußevoller viktorianischer Autor, Jerome K. Jerome, der „Marke“ Idler an und veröffentlichte nicht nur Bücher wie Idle Thoughts of an Idle Fellow (1886), sondern gab auch, zusammen mit Robert Barr, von 1892-98 das erfolgreiche, monatlich erscheinende Magazin The Idler, das eindeutig humoristischer Natur war, heraus. Hodgkinson’s The Idler (Untertitel: „Literature for Loafers“) erschien seit 1993 zunächst viertel-, dann halbjährlich, beschränkte sich dann auf eine Ausgabe pro Jahr und wurde im September 2014 zum Online-Magazin. Unabhängig vom Erscheinungsrhythmus eint alle von Hodgkinsons The Idler-Heften das freche Anti-Arbeits-Motto. Der Stil des Idler ist eher umgangssprachlich, flapsig, in den 1990ern teils auch vulgär – „Is life shit or fabulous?“ heißt es zum Beispiel auf der ersten Seite der sechsten Ausgabe vom Oktober/November 1994. Wiederkehrende Rubriken und Auszüge aus Dr Johnsons Essays treffen auf Buchrezensionen (nicht unähnlich denen aus Muße. Ein Magazin, nur kürzer5). In der Rubrik Idle Pleasures in der vierten Ausgabe vom April/Mai wird zum Beispiel auf Jeromes Three Men in a Boat verwiesen und das Bootsfahren als besonders idle gepriesen, da man zwar im Vorfeld planen, Stullen schmieren und während der Fahrt ab und zu steuern müsse, es doch aber im Wesentlichen daraus bestehe, dass man sich entspannt zurücklehnen und in den Himmel gucken könne; somit stelle es eine Möglichkeit dar, das Nichsttun zu legitimieren. Weiterhin gibt es die Rubrik Idle Idols (hierunter fallen im Laufe der Jahre, bunt gemischt, Epikur, Bertrand Russell und Kurt Cobain), Reportagen über Aussteiger, aber auch völlig ulkige Rubriken wie Idle Fashions, wo man zum Beispiel lernt, wie man sich „richtig“ nachlässig kleiden soll oder Mr Anus’s Musical Diary – alles Themen, die man nur mit einer großen Prise britischen Humors wirklich wertschätzen kann. Die AutorInnen scheinen immerhin großen Spaß beim Verfassen ihrer Beiträge zu haben und machen sich damit insgeheim auch über diejenigen lustig, die acht Stunden pro Tag an einem Büroschreibtisch verbringen müssen.

Auf Nachfrage verrät die Mitarbeiterin des Idler Shops, die im Takt zu einem alten Lied der Gorillaz mit dem Fuß wippt, Tom Hodgkinson sei leider nur schlecht zu erreichen. Sie ruft ihn sogar an, vergeblich. Ein business, und sei es eins, das sich der Muße widmet, muss natürlich auch geführt werden. So blitzen zwar beim Schmökern in den alten Heften Momente von idle pleasure auf, man fühlt sich aber gleichzeitig, als wäre man in die kommerzielle Falle einer grinsenden Schnecke getappt: Sie wollen idleness? Kaufen Sie sie sich doch!

Book-Keeping for Idlers: The Idler Academy als Hort der Freien Künste?
Henrike Manuwald

Wer im Kursgebot der an den Idler Shop in London angegliederten Idler Academy of Philosophy, Husbandry and Merriment6 stöbert, findet ein breites Angebot von Präsenz- und Online-Angeboten: Das inhaltliche Spektrum reicht von Ukulele-Kursen über handwerklich-kreative Tätigkeiten der gewöhnlichen und ungewöhnlichen Art (genannt sei nur die Präparation toter Mäuse für das eigene Kaminsims) bis hin zur Beschäftigung mit Philosophie. Einer der Schwerpunkte des Kursangebots liegt auf der Hilfe zur Perfektion der eigenen Person, die in der Idler Academy ihre Handschrift, die Aussprache sowie das öffentliche Sprechen schulen kann. Die Idee der Selbstverwirklichung klingt auch bei dem Kurs Business for Bohemians7 an, der den Teilnehmenden dabei helfen soll, aus ihren kreativen Ideen ein Geschäft zu entwickeln. Doch wie steht es mit Book-keeping for Idlers8? Zwar werden hier ebenfalls Kleinunternehmer als Zielgruppe genannt, aber der Kurs richtet sich nicht zuletzt an alle, die das Steuersystem besser verstehen und Steuern sparen wollen.9

Da es sich bei der Idler Academy nicht um ein Bildungsinstitut mit einem enzyklopädischen Angebot handelt, sondern mit den Kursen ein bestimmtes Konzept von idleness propagiert werden soll, wird man fragen dürfen, wie sich die Buchhaltung in einen solchen Zusammenhang einfügt. Dazu sei ein Blick auf die Genese der Idler Academy geworfen, die sich nach der Präsentation auf der eigenen Website („About us“10) folgendermaßen darstellt: Tom Hodgkinson habe als Aussteiger zunächst das Magazin The Idler gegründet. Aus Aktivitäten auf mehreren Festivals (wie Vorträge, Kurse und Konzerte), die er und seine Partnerin, Victoria Hull, organisiert hätten, sei dann das Konzept einer permanenten Idler Academy hervorgegangen. Für das erste Programm, das 2008 auf Einladung der Gründer der Secret Garden Party entwickelt worden sei, hätten sie einen mittelalterlichen Garten unter einem Lindenbaum angelegt und dort Vorträge und Diskussionen zur Literatur abgehalten. Ein Bezug zum Mittelalter war auch noch bei dem Kursprogramm unter dem Titel The Idler Academy of Philosophy, Husbandry and Merriment vorhanden, das auf dem Port Eliot Festival 2010 in einem Zelt abgehalten wurde: In dieser Academy konnte man lernen, einen Knopf anzunähen; es wurden aber auch Kurse in Latein, Grammatik und Naturgeschichte angeboten – mit Zwischenspielen mittelalterlicher Musik. Bis heute hat die dann 2010 in London eröffnete full time Idler Academy einen eingefriedeten mittelalterlichen Garten, in dem zum Beispiel in geselliger Runde bei gutem Essen Novellen Boccaccios vorgetragen werden (Medieval Supper Club11).

Unverkennbar werden hier Muße-Topoi nicht nur aufgerufen, sondern auch ausagiert: Die Beschäftigung mit Literatur in geselliger Runde und der Garten als Rückzugsort (hortus conclusus), außerdem der bukolische Rahmen, der durch die liebliche (Garten-)Landschaft mit Lindenbaum (locus amoenus) inszeniert wird. Die Rückbesinnung auf das Mittelalter scheint in der Tradition der Arts-and-Crafts-Bewegung zu stehen, jedenfalls passt dazu die Wertschätzung praktischer Tätigkeiten (wie Nähen), die von Anfang an aus dem Kursprogramm spricht. Sie äußert sich auch in der aktuellen Selbstbeschreibung der Idler Academy, dass nämlich Kurse „in the classical liberal arts and practical skills“12 angeboten würden.13

Entscheidend für die Selbstverortung der Idler Academy in einem Muße-Diskurs ist der Anspruch, die Freien Künste (artes liberales) zu vermitteln. In einem Artikel, der am 27. Februar 2011 in der Sunday Times erschien, preist Tom Hodgkinson die „alten Griechen, für die Freizeit und Bildung („time off and education“) identisch gewesen seien, wie das Bedeutungsspektrum des griechischen Wortes scholé zeige. Hodgkinson schließt daraus, dass freie Zeit zur Selbstperfektion durch intellektuelle und kreative Tätigkeiten genutzt werden solle, so wie es die „alten Griechen“ etwa beim Philosophieren vorgemacht hätten. Nicht umsonst dürfte die Bezeichnung Idler Academy auf die Platonische Akademie verweisen. Mit einem regelrechten Kursprogramm für Gebiete wie Philosophie und Rhetorik, die zu den klassischen Freien Künsten zählen, übernimmt Hodgkinson allerdings ein Konzept des schulmäßigen Lehrens und Lernens, das terminologisch zwar noch mit scholé verbunden ist, zu der dem Idler verheißenen Freiheit zumindest in einem gewissen Spannungsverhältnis steht. Klar ist, dass nicht etwa Muße vermittelt werden soll – wie es die 2013 von Anselm Bilgri, Nikolaus Birkl und Georg Reider gegründete Akademie der Muße14 versucht –, sondern die sinnvolle Verwendung freier Zeit. Dass Hodgkinsons Konzept einen stark normativen Anspruch hat, lässt die Ankündigung des Artikels aus der Sunday Times auf der Presseseite des Idler erkennen: „A piece by Tom on the correct use of leisure“15 (Hervorhebung H.M.).

Die Idee, dass freie Zeit zur individuellen freien Entfaltung und Selbstperfektion genutzt werden solle, ist mittlerweile in ein Kurssystem überführt, das notwendig ökonomischen Zwängen unterliegt. An der – man möchte fast sagen – missionarischen Vermittlung des Idler-Konzepts arbeitet seit September 2014 auch ein ehemalige Hedgefond-Manager („who is bringing his commercial experience to take the idling message to a global audience“16).17 Die „idling message“ gerät dabei zu einer Art Marke für den Lebensstil von Leuten, die sich bewusst von den Zwängen des Mainstreams distanzieren und sich in einer Gruppe Gleichgesinnter zusammenfinden. Der gesellige Aspekt ist jedenfalls in den Beschreibung der in London selbst angebotenen Kurse sehr präsent. Das Programm bedient die Bedürfnisse der Personen, die sich dieser Gruppe zugehörig fühlen, dabei stehen die Schlagwörter philosophy, husbandry and merriment  für den Anspruch, Theorie und Praxis ebenso abzudecken, wie eine leichtherzige Einstellung zum Leben zu unterstützen. Husbandry fügt sich insofern in das Gesamtkonzept ein, als sparsame Haushaltsführung nach Tom Hodgkinson eine befreiende Wirkung hat.18 Paradoxerweise werden dazu aber auch jene Fähigkeiten vermittelt, die nötig sind, um sich der gesellschaftlichen Ordnung zu fügen, Buchhaltung und Steuerwesen eingeschlossen. Dass die Arithmetik einst zum Kanon den Freien Künsten gehörte, spielt dabei allenfalls eine untergeordnete Rolle.

Fotos: Heidi Liedke

Empfohlene Zitierweise:

Heidi Liedke & Henrike Manuwald: Idling in London. Zwischen Muße und Kommerz,
In: Muße. Ein Magazin, 1. Jhg. 2015, Heft 2, S. 22-26.
DOI: 10.6904/musse-magazin/2.2015.22
URL: http://mussemagazin.de/?p=1054
Datum des Zugriffs: 21.07.2018

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