In Pursuit of Leisure

Ein Interview über Muße und Freizeit in der Kunst

Kerstin Fest im Gespräch mit Stephanie Hough

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Stephanie Hough (geb. 1982) ist eine irische Konzept- und Installationskünstlerin. Eines ihrer letzten Projekte trug den Titel In Pursuit of Leisure und war zwischen dem 24.10. und 15.11.2014 in der CIT Wandesford Quay Gallery in Cork zu sehen. In der Ausstellung beschäftigte sich Hough mit der Rolle von leisure in einer von Konsum und Medien bestimmten Gesellschaft. Da der Begriff leisure weitaus weiter gefasst ist als Muße und zum Beispiel auch die Konnotation „Freizeit“ mit einschließt, wird er in der Übersetzung des Interviews je nach Zusammenhang als Muße oder Freizeit wiedergegeben oder im Original verwendet.

Fest: Können Sie uns etwas über Ihren persönlichen und künstlerischen Hintergrund erzählen?

Hough: Ich bin in einer kleinen ländlichen Gemeinde am Ufer des Flusses Shannon aufgewachsen. Meine Familie war groß – ich habe sieben Geschwister – und wir waren katholisch und kreativ. Gewohnt haben wir über unserem Pub. So kam ich mit den verschiedensten Leuten zusammen und spielte auch in traditionellen irischen Musikgruppen, oft spontan in Pubs. Meiner Ansicht nach sind die Pubs die wichtigsten Mußeorte der irischen Kultur; besonders in ländlichen Gebieten sind sie der Treffpunkt der Ortsgemeinschaft. Dort wird gesungen, gelacht, gefeiert und getratscht. Meine Kindheit in diesem Umfeld war chaotisch und intensiv. Literatur, Kunst und Musik boten mir kreative Rückzugsräume, in die ich mich vor der ganzen Intensität und dem gesellschaftlichen Druck des Dorflebens flüchten konnte.

Meine Mutter ermutigte mich dann am Crawford College of Art and Design in Cork Kunst zu studieren. Ich schloss das Studium 2005 mit einem BA of Arts ab und absolvierte dann den Masterstudiengang „Art in the Digital World“ am National College of Art and Design in Dublin.

Während meines Studiums begann ich mich mehr und mehr für Videokunst zu interessieren. Diese Kunstform beeinflusst meine Arbeit noch immer. Außerdem benutze ich von Zeit zu Zeit partizipatorische Technike um temporäre Projekte zu verwirklichen. Wenn ich meine Arbeit ausstelle, geschieht das oft in Form von Installationen. Die Inspiration zu meiner Arbeit kommt häufig aus der Populärkultur und den sozialen Auswirkungen neuer Kommunikationstechnologien. Meine Quellen sind dementsprechend das Fernsehen, die sozialen Medien und die Musik.

Meine Methode ist hauptsächlich die der Appropriation: Ich verwende Motive und Praktiken der Populärkultur wieder und verändere sie. Dadurch entsteht eine Verschiebung oder ein Zwischenraum, aus dem sich Widersprüchlichkeiten und Anomalien entwickeln.

Wie kamen Sie zum Thema leisure?

Wie gesagt interessiere ich mich für Populärkultur und ihre Rolle in der Gesellschaft. Als ich mich mit den Materialien und Prozessen zu diesem Thema beschäftigt habe, stieß ich immer wieder auf Aktivitäten und Materialien, die mit Freizeit zu tun hatten.

Für mich ist leisure eine Verhaltensweise. Es gibt aber gleichzeitig auch eine materielle Komponente. Deshalb ist das Thema auch so interessant für eine visuelle Darstellung.

Ich glaube, dass ich Muße und Freizeit im Grunde als Folgen von Freiheit sehe. Wenn ich meine Arbeit im Zusammenhang mit leisure betrachte, bin ich auch in der Lage, meine eigenen Praktiken zu überdenken und Ideen, die mich interessieren, z.B. Freiheit und Verlangen, zu verbinden. Dabei spielt auch eine gewisse naive Suche nach der „Wahrheit“ eine Rolle.

Was war Ihr Ansatz in der Ausstellung? Welche Objekte haben Sie ausgewählt und warum?

Für die Ausstellung In Pursuit of Leisure habe ich eine Videoinstallation mit mehreren Bildschirmen eingerichtet. Es gab acht Videostücke, an denen ich über zwei Jahre hinweg immer wieder gearbeitet hatte.1

Das Material dieser Filme stammte aus Demonstrationsvideos, die ich in Altwarenhandlungen und Second-Hand-Läden gefunden habe. Diese Lehrvideos sind veraltete und obsolet gewordene VHS-Kassetten und zeigen Anleitungen zu Themen wie Fitness, Blumenarrangements, Kochen, Fischen, Meditation, Golfen und Make-up. Ich wollte aus diesem Material einen Querschnitt gesellschaftlicher Sehnsüchte herstellen.

Ich habe die Videos digitalisiert, editiert und bei jedem in mühsamer Kleinarbeit jegliche sprachliche Elemente herausgeschnitten. Was übrigblieb waren seltsame, unangenehme und manchmal fast sexuelle Töne, die von den DarstellerInnen stammten. Ich habe also alle Instruktionen entfernt, der eigentliche Zweck der Videos ist verschwunden und was übrigbleibt, sind Verhaltensweisen und Gesten.

Ich betrachte diese Videos als Freizeitobjekte und -materialien. Wichtig ist für mich, dass sie die verlorenen Träume und Ambitionen einer Gesellschaft repräsentieren, die sich neue Fähigkeiten aneignen will und sich in irgendeiner Weise verbessern möchte. Diese Videos zeigen eine „Lücke“, die auf die Sehnsucht verweist, aus seiner Situation, also dem normalen Leben, auszubrechen.

In der Ausstellung wurden die Videos auf Fernsehapparaten abgespielt, die im ganzen Ausstellungsbereich verteilt waren. Jeder Apparat war in grünes Klebeband gehüllt und mit künstlichem Laub beklebt. Die Drähte und Kabel waren auch mit grünem Klebeband umwickelt. Sie sollten auf diese Weise wie Schlingpflanzen und Blätter wirken. Der Eindruck sollte der einer futuristischen künstlichen Ruine sein oder der eines verlassenen Warteraums in einem Themenpark oder einem Reisebüro.

Außerdem habe ich mit Staub den Slogan „Take Your Seats For The Great Outdoors” groß an eine Wand appliziert. Der Satz stammt aus dem Gartenmöbelteil eines IKEA-Katalogs und fordert dazu auf, die Natur aus einer cineastischen mittelbaren Distanz zu erleben.2

Wir benutzen unsere freie Zeit also dafür, um von Freiheit zu träumen, die wir aber lieber im sicheren Garten oder vor dem Fernseher erleben.

Der Garten ist für mich ein „bearbeiteter“ Mußeort. Für mich repräsentiert der Garten einen Ort, in dem Natur „editiert“ und aus ästhetischen und persönlichen Gründen konstruiert wird. Das Videostück Epic Gardens ist deshalb eine Dauerschleife mit gescannten Darstellungen aus einer Gartenenzyklopädie; der Soundtrack ist die Titelmelodie des Westerns The Big Country aus dem Jahr 1958. Die Westernmusik ist ein Versuch, die Idee einer gezähmten Wildnis oder Natur mit der typischen Konstruiertheit des Gartens zu verbinden.

Das letzte Objekt in der Ausstellung heißt Fake Fountain und besteht aus einem geklauten 3D-Bild eines Brunnens. Ich habe es so bearbeitet, dass dazu ein virtueller Wassersprühregen in einer Dauerschleife läuft. Dieses Video wurde auf einem kleinen Bildschirm abgespielt, der auf einem Stativ montiert war. Künstliche Lianen rankten sich um das Stativ, zusätzlich wurde es von einem grünen Spotlight beleuchtet. Mit diesem Stück wollte ich die virtuelle Realität in privaten und öffentlichen Repräsentationen kommentieren. Ich habe mir vorgestellt, dass dieses Stück eine Art Science-Fiction-Öffentlichkeit ist, in der es Bildschirme mit Brunnen gibt, aber keine echten. Es soll so zeigen, dass „offizielle“ Mußeorte und –objekte, also Parks oder Brunnen, künstliche Variationen und Versionen von Natur sind.3

Grundsätzlich werden Muße, beziehungsweise Freizeit, in dieser Schau als ein performativer Raum gesehen. Ich habe versucht, private und öffentliche, sowie körperliche und nichtkörperliche Performanzen von Muße näher zu betrachten.

Können Sie den Ausstellungsort beschreiben? Haben Sie die Galerie als einen Mußeort oder einen Ort der Arbeit empfunden?

Die Ausstellung fand in der CIT Wandesford Quay Gallery in Cork statt und wurde von Sarah Kelleher und Rachel Warriner von Pluck Projects kuratiert.

Die Galerie ist ein langer und relativ niedriger Raum, es gibt Holzbalken und große hölzerne Säulen in der Mitte. Vom Hauptraum führen Stufen in zwei kleinere Steingewölbe. Der Raum ist beides zugleich, Mußeort und Arbeitsplatz. Aber während der Installation war er eher ein Arbeitsplatz für mich, auch weil der Raum, seine Architektur und praktische Gegebenheiten mich während der Installation auf neue Ideen gebracht und meine Arbeit beeinflusst haben. Ich habe zum Beispiel die Holzsäulen zu einem Teil der Schau gemacht, indem ich die Fernsehapparate neben sie gestellt und die grünen Kabel wie Lianen um sie geschlungen habe. Die Säulen wurden dadurch zu einem Teil der Installation.

Während der Installation einer Schau bin ich sehr offen und arbeite gerne mit anderen Leuten zusammen. Die interessantesten Einsichten entstehen oft in den Pausen, also wenn man so etwas wie Muße hat, wenn man zusammen Kaffee trinkt und über das Werk redet. Außerdem wird man mit der Arbeit schneller fertig, wenn andere mithelfen.

Wo arbeiten Sie? Ist Ihr Atelier ein reiner Arbeitsplatz oder auch ein Ort des Nichtstun, der Muße oder der Kontemplation?

Definitiv beides. Schon während meiner Zeit am College spielte diese Dichotomie eine Rolle: Ich hatte eine Zeitlang persönliche Schwierigkeiten und befand mich in einer sehr dunklen Phase meines Lebens. Ich bekam eine Angststörung und für eine kurze Zeit konnte ich es nicht einmal ertragen, an die Universität zu gehen. Also begann ich zu Hause Seifenopern aufzunehmen.
Diese Phase kann man als eine Zeit des Nichtstun und der Trägheit betrachten, aber sie war komischerweise auch eine meiner kohärentesten und produktivsten Zeiten. Am Ende bekam ich sogar die beste Note, die ich an der Uni je gekriegt habe für – etwas, das ich zu Hause auf dem Sofa gemacht hatte.

Zurzeit habe ich kein richtiges Atelier und arbeite meistens zu Hause. Meine Arbeitsweise ist sehr unregelmäßig und zerstreut. Ich habe oft Phasen der Untätigkeit. Das kann sehr frustrierend sein, aber alles in allem glaube ich, dass diese Phasen wichtig sind und ich in ihnen Informationen für meine nächste Arbeit aufsauge und verarbeite. Ein schlechtes Gewissen habe ich aber trotzdem.

Gibt es KünstlerInnen, die sich auch mit Muße oder Freizeit beschäftigen und die Sie beeinflusst haben?

Blue Curry ist ein Künstler, den ich vor kurzem entdeckt habe. Er kommt von den Bahamas und arbeitet zur Freizeitindustrie und zum Gebrauch des Konzepts der „Tropen“ in der Tourismuswerbung seiner Heimat. Er macht Skulpturen und Installationen, indem er objets trouvés wie Sonnenschutzmittel, Souvenirs, Badetücher und Kämme, die für Ferien, Tourismus und Exotismus stehen, benutzt und so die Kommodifizierung seines Heimatraumes thematisiert.

Generell hat mich Richard Prince, der Vater der postmodernen Appropriation, schon immer inspiriert. Auch er arbeitete mit Bildern aus der Populärkultur und stellte die Rolle des Autors und Erschaffers in Frage. Er hat zum Beispiel Fotos des Marlboro Man noch einmal abfotografiert. Was mich an ihm fasziniert, ist, wie er die Deutungshoheit über eine Darstellung zurückfordert, die wir eigentlich nicht mehr haben.

Hat Ihr Konzept von leisure auch einen theoretischen Hintergrund?

Der wichtigste theoretische Einfluss für diese Ausstellung war ein Werk des französischen Soziologen Michel de Certeau. In seinem Buch Die Kunst des Handelns (1984; L’invention du quotidien. Vol. 1, Arts de faire, 1980) argumentiert er, dass alltägliche Tätigkeiten wie Lesen, Wohnen oder Kochen aktiv und nicht nur passiv sind und dass in ihnen ein Potential des Widerstandes schlummert, welches das System des passiven Konsums ständig unterminiert. Lesen etwa vergleicht de Certeau mit dem Mieten einer Wohnung. Die Wohnung gehört dem Mieter zwar nicht, wie auch der Text nicht dem Leser, aber sie wird doch von dem Mieter verändert und personalisiert. Zugleich pluralisiert und entwickelt sich auch der „Benutzer“. Die Wohnung, oder eben der Text, wird so zu einem geborgten, vergänglichen Raum. Diese Räume sind meiner Meinung nach Akte von Performanz und immaterieller Aneignung. Die Muße- und Freizeitartefakte, die ich in meiner Arbeit verwende, wie beispielsweise die Lehrvideos, sind auch Teil dieses vergänglichen Prozesses. Die KonsumentInnen benutzen sie, um ein verstecktes Verlangen nach Selbstverwirklichung zu stillen.

Kunst, oder das Konsumieren von Kunst, also ins Museum, ins Theater oder ins Konzert gehen, werden oft als „wertvolle” Mußepraktiken bzw. Freizeitaktivitäten genannt. Wie reagieren Sie als Künstlerin darauf? Wollen Sie, dass die Betrachter ihrer Arbeit dabei Muße und Entspannung erfahren, oder sollen die Besucher der Schau „arbeiten“, also sich anstrengen?

Bei der Vernissage der Schau haben die Leute viel gelacht. Das gefällt mir, ich bin dann mit mir zufrieden. Ich möchte nämlich nicht, dass die Besucher „arbeiten” oder sich anstrengen müssen. Das muss man schon in „Wirklichkeit“ oft genug. Mein Material ist auch sehr zugänglich. Videos und visuelles Material sind überall. Der Inhalt der Lehrvideos ist „verständlich“, da sie für ein Massenpublikum intendiert waren.

Ich stelle mir gerne vor, dass die AusstellungsbesucherInnen meine Darstellung der alltäglichen Kommodifizierung und des Konsums von Freizeit unterhaltsam, komisch oder satirisch finden und sie zugleich in Frage stellen.

Obwohl Sie sagen, dass Kunst nicht unbedingt anstrengen soll, haben Sie die Installation In Pursuit of Leisure, also „Streben nach Muße oder Freizeit“ genannt. Das impliziert doch Anstrengung oder wenigstens eine aktive Tätigkeit. Ist das nicht ein Widerspruch?

Es geht mir genau um diesen Widerspruch und Kontrast. Ich habe versucht zu zeigen, dass Freizeit, in welcher Form auch immer, eine Aktivität ist, auch wenn sie statisch und untätig wirkt. Eben dadurch wird sie zu einer sozialen Performanz.
In dieser Performanz geht es um unsere Sehnsüchte nach Flucht oder Erfüllung. Für mich ist das eine ständige Suche nach sich selbst. Die Flucht in die Muße oder Freizeit, egal ob an den Strand oder mit einem Buch aufs Sofa, ist immer auch eine Selbstdarstellung.

Dann ist Muße also für Sie keine rein private Sache, die man nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit und in einer nicht offiziellen Rolle erlebt. Gibt es denn eine Beziehung zwischen Muße und Öffentlichkeit?

Ich beschäftige mich mit den privaten und den öffentlichen Aspekten von Muße, also das versteckte subjektive Erlebnis und die – meistens medial – vermittelten öffentlichen Gesten der Muße.

„Öffentliche“ Muße ist für mich Teil der spätkapitalistischen Konsumgesellschaft. Der/Die KonsumentIn kann nicht nur Dinge kaufen, sondern durch Konsum auch den eigenen Status oder die eigene Identität ändern. Wir konsumieren also auch Immaterielles wie Muße. In meiner Arbeit versuche ich den Kontrast zwischen „privater“ und „öffentlicher“ Muße zu überschreiten. Ich frage mich auch, wie man die Spannung in unserem Freizeitverhalten zwischen den Einengungen der Kommodifizierung und dem Ausdruck unserer Sehnsüchte navigieren kann.

Gibt es einen historischen Aspekt in Ihrer Arbeit? Ist die Freizeit, über die Sie arbeiten, eine zeitgenössische, also ein Produkt des 20. und 21. Jahrhunderts?

Es geht in meiner Arbeit ganz sicher um moderne Freizeitpraktiken. Ich denke darüber nach, wie wir uns heute verhalten und wie wir in einer höchst visuellen und medial vermittelten Ära leben. Das Internet ist hierbei zentral und ist es auch dann, wenn es um Muße und Freizeit geht. Ich denke da an soziale Medien, Musik, Fernsehen, aber auch an Glücksspiel und Pornographie.
Aber genau diese Bewegung ins Virtuelle bewirkt auch eine vermehrte Sehnsucht nach dem Authentischen und Materiellen, besonders wenn es um Freizeit geht. Daher das Interesse an Heimwerken, Livemusik, Festivals, Bauernmärkten und lokalen Produkten. In der Freizeit wollen wir also auf der einen Seite dem Virtuellen entfliehen, auf der anderen Seite aber wird das „Authentische“ medial neu verpackt und neu an uns verkauft.

Genau das wollte ich mit Take Your Seats for the Great Outdoors sagen. Gärten und Natur versprechen „wahres” authentisches Erleben von Muße und Freizeit. IKEA ermutigt uns in unserer Sehnsucht danach, aber präsentiert Natur als etwas, das man am besten aus einer sicheren, fast cineastischen Distanz und von einem bestimmten Konsumprodukt aus erlebt, das man eben bei IKEA kauft.

Sie sprechen viel über Konsum. Sind Freizeit und Muße denn auch mehr oder minder direkt mit Geld und sozialer Schicht verbunden? Muss ich also beispielsweise erwerbstätig sein, um Muße überhaupt erst zu erfahren und mir leisten zu können, oder kann auch ein Arbeitsloser Muße empfinden?

Die Frage der sozialen Herkunft beschäftigt mich nicht so sehr, was daran liegen mag, dass dies in Irland keine so große Rolle spielt. Aber Muße und Mußepraktiken können natürlich kulturelles Kapital sein, schließlich geben sie oft Aufschluss über soziale Verhältnisse und dienen der Selbstdarstellung. Aber das ist nur ein Aspekt des Themas.

Muße und freie Zeit sind für mich Zustände oder Qualitäten, die nicht an Geld oder sozialen Stand gebunden sind. Ähnlich wie de Certeaus Praktiken des Widerstands können sie in Situationen entstehen, in denen sie eigentlich nicht vorgesehen ist. So können auch klare Narrative und Dichotomien in Frage gestellt werden.

Ich glaube absolut nicht, dass Erwerbsarbeit für Muße nötig ist. Ich würde sogar sagen, dass die Arbeitslosen die neue leisure class sind. Rechtlich gesehen bin ich zum Beispiel gerade arbeitslos, tue also offiziell nichts, aber da ich Künstlerin bin, tue ich in dieser Zeit der offiziellen Untätigkeit doch etwas, denn ich habe die Zeit dazu. Gerade in Irland befinden sich viele KünstlerInnen in so einem Niemandsland zwischen Tätigkeit und Untätigkeit.

Eine letzte Frage. Wenn Sie jetzt an die Ausstellung zurückdenken, haben sich Ihre Ideen und Vorstellungen zum Thema leisure verändert? Wollen Sie sich auch in Zukunft dem Thema widmen?

Mein Konzept von leisure hat sich sicher verändert. Anfangs nahm ich es sehr wörtlich, jetzt sehe ich Muße und Freizeit als Performanzen und Bestandteile unserer Gesellschaft. Ich möchte mich auch weiterhin mit dem Thema beschäftigen. Mein nächstes Projekt soll im Pub meiner Familie entstehen, also an dem Ort, der von Anfang an mein Interesse an gesellschaftlichen Themen geweckt hat, der aber auch für freie Zeit und Vergnügen steht. Dabei soll der soziale und partizipatorische Aspekt von Kunst im Vordergrund stehen.

Ich würde auch gerne etwas zum Thema Musik machen. Singen und Musizieren sind Freizeitpraktiken, die stark in einen sozialen Kontext eingebunden sind und auch viel über eine Gesellschaft aussagen.

Links
Stephanie Houghs Webseite
Pluck Projects Website
Ausstellungseinführung von Dr. Ed Krčma (Institut für Kunstgeschichte, University College Cork)
Links zu den Videos:
I Don’t Wanna Talk About It
Instant Calm
Flower Arranging
Master Fishing Series

Headerfoto © Stephanie Hough: New You

Empfohlene Zitierweise:

Kerstin Fest: In Pursuit of Leisure. Im Gespräch mit Stephanie Hough,
In: Muße. Ein Magazin, 1. Jhg. 2015, Heft 2, S. 7-13.
DOI: 10.6904/musse-magazin/2.2015.7
URL: http://mussemagazin.de/?p=1033
Datum des Zugriffs: 21.07.2018

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