Leitartikel

Arbeitergärten in Großbritannien: Mühe oder Muße?

Margaret Willes

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Während der Recherchearbeit für mein Buch über die Gärten der working class 1 in Großbritannien war eine der ersten Fragen, mit der ich mich auseinandersetzen musste, ob diese Gärten hauptsächlich dem Überleben oder auch der Freizeit und der Erholung dienten. Viele GartenhistorikerInnen argumentieren in diesem Zusammenhang, dass das Gemüse, das Obst und die Kräuter, die in Gärten und Gartenparzellen angebaut wurden, Nahrungs- und Heilmittel waren. Das ist bis zu einem gewissen Punkt richtig, aber eben nicht nur, denn immer wieder zeigt sich, dass auch die Gärten der Armen und der Arbeiterklasse der Erholung und dem ästhetischen Erleben dienten.

Gärten in den ländlichen Gebieten entwickelten sich schon früh im Zuge von Agrarreformen zu einer wichtigen Lebensmittelquelle. Dies war vor allem eine Folge des sogenannten Enclosure Movements, dem Einhegen oder Einfrieden ursprünglich gemeinschaftlich benutzen Landes und dessen Umwandlung in Privatbesitz. Die enclosures bedeuteten das Ende der traditionellen Allmenderechte der Landbevölkerung, die zum Beispiel erlaubten, Vieh auf öffentlichem Land grasen zu lassen oder Getreide auf Feldern, die zum Gemeingut gehörten, anzubauen. Nur mehr die offiziellen Besitzer hatten nun das Recht das Land zu nutzen. Die ersten Einhegungen geschahen im 16. Jahrhundert, während der Regentschaft der Tudors, um die Schafszucht profitabler zu machen. Sir Thomas More bezieht sich auf diesen Umstand, wenn er in Utopia (1516) beschreibt, wie Schafe Menschen verschlingen und so ganze Dörfer und Städte entvölkern. In den folgenden Jahren dienten Einhegungen einer verbesserten agrarischen Nutzung und wurden oft durch Parlamentsbeschlüsse initiiert. Die enclosures waren von Anfang an ein kontroverses Thema und sind es unter Sozial- und WirtschaftshistorikerInnnen noch immer. Die eine Seite argumentiert, dass die Grundbesitzer ihren politischen Einfluss dafür nutzten, sich gemeinschaftliches Land zu ihrem eigenen Vorteil anzueignen und so eine landlose Arbeiterklasse schufen. Die andere Seite ist der Meinung, dass die enclosures es ambitionierteren LandbewohnerInnen erlaubten, der ständigen Armut der kleinbäuerlichen Subsistenzwirtschaft zu entfliehen. Einigkeit herrscht jedoch darüber, dass die ärmsten Mitglieder der Landbevölkerung die großen Verlierer der Reformen waren.

Ein besitzloser Landarbeiter war also gezwungen, das Essen für seine Familie in seinem Garten anzubauen. Auch Schweine, Hühner oder Bienen wurden in den Gärten gehalten. Diese praktische Nutzung schloss aber keineswegs die ästhetischen Aspekte des Gärtnerns und die damit einhergehende mußevollen Beschäftigung mit Zierpflanzen, und eben nicht nur mit Nutzpflanzen, aus.

Einer der frühesten englischen Autoren, der sich mit Gartenanbau beschäftigt, ist Thomas Tusser, der Autor von A Hundreth Good Pointes of Husbandry, das 1557 veröffentlicht wurde. Tussers Buch ist nach dem Kalender strukturiert und beginnt mit dem Monat September. Im März fordert er seine LeserInnen dazu auf, mit dem Pflanzen zu beginnen und listet Samen und Kräuter auf, die in der Küche verwendet werden können und die auch in Töpfen und Blumenkästen gedeihen. Auf dieser Liste sind weit verbreitete Kräuter wie Petersilie, Thymian und Rosmarin vertreten, aber eben auch Blumen. Ringelblumen, Primeln und Veilchen sind zwar zum Verzehr geeignet, Lavendel, Rosen und Gänseblümchen werden aber wegen ihres Duftes, der die Luft in den Wohnräumen verbessern soll, vorgeschlagen. Akeleien, Narzissen, Nelken, Stockrosen, Stiefmütterchen und Lilien werden wegen ihrer Schönheit vorgeschlagen. Ein nach Tussers bepflanzter Garten lieferte also nicht nur Nutzpflanzen, sondern auch Farben und Düfte. Eine erweiterte Fassung des höchst erfolgreichen Buches aus dem Jahr 1573 beinhaltet interessanterweise auch „a hundred good poyntes of huswifery“, also Tipps für die Haushaltsführung durch die Ehefrauen, und beschreibt den Garten als Wirkungsbereich der Frauen. Tusser zeigt damit durchaus feministische Tendenzen, denn in den folgenden Jahrhunderten und bis ins 20. Jahrhundert hinein, werden der Garten und das Gärtnern hartnäckig als Männerdomäne angesehen.

In John Worlidges The Art of Gardening (1677) findet sich ein Kapitel mit dem Titel „Of some more Vulgar Flowers“, die besonders für den „ehrlichen und einfachen Landmann“ geeignet wären. Darunter befinden sich Kornblumen, Sonnenblumen und Schleifenblumen, Arten die sich vor allem durch ihre Farbenpracht auszeichnen. Andere haben medizinischen Nutzen: Skabiosen, zum Beispiel, können zur Behandlung von Husten und Atemnot verwendet werden.

Zweihundert Jahre später beschreibt Flora Thompson, geboren 1876 im Dörfchen Juniper Hill in der Grafschaft Oxfordshire, in ihren Memoiren Lark Rise to Candleford die Blumen in einem traditionellen cottage garden, der sich mehr durch Schönheit als durch Nutzen auszeichnet: „Sally hatte wunderbare Blumen und solche Mengen von ihnen, und fast alle dufteten süß. Mauerblümchen und Tulpen, Lavendel und Bartnelken, Nelken und alte Rosenarten mit zauberhaften Namen.“23

In den 1870ern Jahren vollzog sich eine Revolution in der Gartenmode. GärtnerInnen aus der Arbeiterklasse fingen an, Elemente aus der Gartenwelt der wohlhabenderen Schichten zu übernehmen. Steingärten und Glashäuser ermöglichten es ihnen, exotische Blumen wie Chrysanthemen und Pantoffelblumen zu züchten und diese bis in den Herbst hinein zum Blühen zu bringen. Gartenbesitzer der Mittel- und Oberschicht entdeckten ihrerseits die Vorzüge heimischer Arten wieder, welche seit Jahrhunderten in den Bauerngärten geblüht hatten. Die kleinbäuerlichen Gärtner leisteten also einen Beitrag zum Allgemeinwohl, da sie, wenn auch hauptsächlich aus Geldmangel, alte Gartenpflanzen für die folgenden Generationen bewahrten. Diese Arten waren aus den herrschaftlichen Gärten und denen der Mittelschicht verbannt worden und wurden erst im Laufe der Jahre wiederentdeckt.

Es wäre aber übertrieben zu sagen, dass die Gärten der ärmeren Landbevölkerung jahrhundertelang nur Refugien schöner Blumen gewesen wären. Sie waren auch eine wichtige Nahrungsmittelquelle, besonders als das Enclosure Movement sich mehr und mehr ausbreitete. Denjenigen, deren Hausgarten zu klein war, um darin Nutzpflanzen anzubauen, boten allotments4 eine Alternative. Das englische Wort allotment (wörtlich „Zuordnung“) erscheint schon in den 1790ern in Parlamentsakten zum Thema Einhegungen, als Kleinbauern zur Entschädigung Landparzellen zugeordnet bekamen. Diese Aktionen wurden von Philanthropen unterstützt. Deren Motive waren aber nicht nur altruistisch. Die Einführung von allotments sollte auch die sogenannten poor rates niedrig halten, also die finanzielle Unterstützung der Armen aus Steuermitteln.

Aufschwung bekam das Allotment Movement in den Zwanzigerjahren des 19. Jahrhunderts durch die Labourer’s Friend Society. Die LFS formulierte ihre Ziele in ihrem Magazin Facts and Illustrations: „Versetzen wir den Landarbeiter in eine Situation, in der er sich in seiner Freizeit selbst beschäftigen kann. Er wird dann das Gefühl bekommen, dass er eine persönliche Bindung zum Land hat und dass er ein Mitglied und kein Außenseiter der Gesellschaft ist. Er wird sich mit dem Land seiner Väter verbunden fühlen und er wird wieder die Position im Sozialsystem einnehmen, die ihm als britischer Bürger zusteht.“ Das Frontispiz einer Ausgabe des Magazins im Jahr 1835 zeigt dementsprechend einen Vater, der in bemerkenswert elegantem Hemd und Weste, sein allotment umgräbt, während ihm Frau und Kind dabei zusehen. 5

Wohltätige Landbesitzer und Geistliche engagierten sich für mehr allotments, viele Bauern waren aber weniger begeistert. Sie beschuldigten ihre Landarbeiter, sich während der Arbeitszeiten um ihre allotments und nicht um die Felder ihrer Dienstherren zu kümmern oder gar Samen und Werkzeuge für ihre Gärten zu stehlen. Das Gärtnern wurde also als privates Freizeitvergnügen empfunden, das außerhalb der Arbeitszeit zu geschehen hatte. Diese Kontroverse wurde erst 1887 durch den Allotment Act beendet, welcher Gemeindevertreter dazu verpflichtete, Arbeitern allotments zur Verfügung zu stellen. Es überrascht nicht, dass diese Initiative erst nach der Einführung des allgemeinen Wahlrechts für Männer (1884) Erfolg hatte, also zu einem Zeitpunkt, als auch Männer der Arbeiterklasse an politischem Einfluss gewannen.

Der Arbeitstag eines Landarbeiters war lang und dauerte sommers wie winters von Sonnenauf- bis untergang. Sich nach der Arbeit auf den Feldern noch um das eigene allotment zu kümmern mag nur wie eine Fortsetzung des harten Arbeitsalltags erscheinen, aber Kommentatoren aus dem 19. und 20. Jahrhundert beschreiben immer wieder, dass sich Landarbeiter nach der Arbeit mit Hingabe ihren allotments widmeten, oft sogar bei Mondschein.

Beschreibungen der allotments und der gärtnerischen Aktivitäten der LandarbeiterInnen finden sich in den schon erwähnten Lebenserinnerungen von Flora Thompson. Die meisten allotments waren zweigeteilt, eine Hälfte wurde mit Kartoffeln bepflanzt, die andere mit Weizen und Gerste. Es waren größtenteils die Männer, die sich um die allotments kümmerten, während die Frauen für die Hausgärten zuständig waren. In diesen Gärten wuchsen Gemüsearten wie Sellerie, Erbsen, Bohnen, Blumenkohl und Gartenkürbisse, aber auch Stachel- und Johannisbeeren. Und auch in den ärmsten Gärten gab es Platz für Blumen. So zeigt ein Aquarell des viktorianischen Malers Myles Birket Foster eine alte Frau, die Kohlköpfe erntet. An den Mauern ihres baufälligen Häuschens, jedoch, klettern rote Rosen empor. 6

Gärten boten aber nicht nur der Landbevölkerung Erholung, auch für Fabrikarbeiter muss die Arbeit an der frischen Luft eine willkommene Abwechslung zum Arbeitsalltag gewesen sein. Besonders Minenarbeiter liebten ihre Gärten, die im völligen Gegensatz zu den schrecklichen Arbeitsbedingungen unter Tage standen.

Im Freilichtmuseum von Beamish bei Durham, dem ehemaligen Zentrum des Kohleabbaus in Nordengland, befindet sich eine Sammlung von Interviews mit Menschen, die Ende des 19. Jahrhunderts geboren worden waren. 1976 erzählte eine 89-jährige Dame von Erdbeeren und Blumenbeeten an der Hausmauer, in denen Stiefmütterchen wuchsen, einer Blume, die sich unter den Bergleuten besonders großer Beliebtheit erfreute.

Minenarbeiter schlossen sich in florists‘ societies zusammen, also Vereinen in denen Blumen gezüchtet wurden. Das Wort florist wird in England erstmals im frühen 17. Jahrhundert gebraucht und bezeichnete einen enthusiastischen Blumenzüchter, der sich vor allem für Topfpflanzen interessiert und diese auch ausstellt. Dabei handelte es sich oft um Pflanzen, die erst vor kurzer Zeit aus dem Mittleren Osten nach Europa gekommen waren. Ein Beispiel ist die Tulpe. Später kamen Aurikeln und Nelken dazu und im 19. Jahrhundert Stiefmütterchen, Chrysanthemen und Dahlien. Die ersten florists kamen aus dem gehobenen Bürgertum, aber schon im späten 18. Jahrhundert gibt es florists‘ societies für Handwerker. Bei Blumenausstellungen und –wettbewerben waren besonders die Weber erfolgreich. Der Vorteil der Handwerker war, dass sie zuhause arbeiteten und so immer ein wachsames Auge auf ihre wertvollen Pflanzen haben konnten. Aurikeln, zum Beispiel, sind besonders empfindlich und mussten bei Regengüssen von ihren Besitzern rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden.

Es war durchaus nicht ungewöhnlich, dass sich bestimmte Berufssparten in ihrer Freizeit bestimmten Blumensorten widmeten. Ein Blumenatlas aus dem 18. Jahrhundert zeigt, welche Blumen für bestimmte Regionen Englands typisch waren: Die Aurikeln waren die Leidenschaft der Weber in Lancashire und Cheshire, aber auch die der Messerschmiede in Sheffield. Bergarbeiter liebten, wie schon gesagt, Stiefmütterchen, aber auch Nelken. Letztere waren auch bei den Webern im schottischen Paisley beliebt.

Dort wurde 1782 eine Florist Society gegründete, die unter dem folgenden von Cicero entlehnten Motto stand: „Es liegen große Freude und Glück im Züchten von Blumen.“ Die Protokolle dieser Gesellschaft haben überlebt und zeigen die Hingabe mit der sich die Weber ihrer Nelkenzucht, insbesondere die der Federnelke, widmeten. Die Florist Society hatte natürlich auch eine gesellschaftliche Funktion. Die Mitglieder organisierten, zum Beispiel, eine Jahresfeier auf der Preise verliehen wurden, aber auch kräftig getrunken und gefeiert wurde. Zu diesem Anlass schmückte ein Standbild der Göttin Flora, behängt mit den zu gewinnenden Preisbändern, die Festtafel. In einem Jahr arteten die Feierlichkeiten jedoch aus und Flora verlor buchstäblich ihren Kopf. Die Aufzeichnungen der Society berichten ausführlich über die Schwierigkeiten einen Ersatzkopf für die Göttin zu finden.

Auch in London gab es zahlreiche florists‘ societies. Tulpen, zum Beispiel, waren hier die Spezialität der Seidenweber in Spitalfields im Nordosten der Stadt. Grund und Boden waren in der Stadt traditionell knapp und teuer, deshalb pachteten Freizeitgärtner oft Land am Stadtrand um dort Tulpen in großem Ausmaß zu züchten. Die besten wurden dann auf Blumenschauen im Mai präsentiert. Die Weber schützten ihre in Hochbeeten wachsenden Blumen mit Leinwandzelten vor Regen und Wind. Im Vorfeld der Blumenschauen blieben die Gärtner sogar über Nacht bei ihren wertvollen Gewächsen, um sie vor Dieben zu bewahren. 7

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nahm die Anzahl der florists‘ societies ab. Besonders die städtische Arbeiterklasse begann sich für neue Freizeitaktivitäten, wie zum Beispiel Fußball, zu interessieren. 1871 wurde die Football Association gegründet und sieben Jahr später die Football League. Das Spiel wurde bald zu einer nationalen Obsession. Die Abende wurden in music halls verbracht und nicht mehr unter den wachsamen Augen der Göttin Flora. Amateurblumenschauen blieben aber weiterhin ein beliebtes Freizeitvergnügen.

Samuel Reynolds Hole, Dekan von Rochester und Gartenenthusiast, beschreibt in einem seiner Werke eine Unterhaltung mit seinem Obergärtner Mr. Evans und dessen Meinung zur Rolle der Gärtnerei in der Gesellschaft: „Man kann einem armen Mann, [sagte Mr Evans], keinen größeren Gefallen tun, als ihm einen Garten zu geben und ihn in seinem Interesse an der Gartenarbeit zu bestärken.“ Mr. Evans war aber auch bewusst, dass die ärmeren Gartenbesitzer bei den jährlichen Wettbewerben im Nachteil waren und schlug vor, einen eigenen Wettbewerb für die LandarbeiterInnen zu organisieren: „Ich finde den Blumenstrauß von Mary Smith in dem blau-weißen Krug mit dem Farn und dem Zittergras genau so schön wie all die anderen in der Schau. Aber neun von zehn Leuten, die ich auf ihn hinweise, lächeln und sagen, ich solle mir doch Lady Bigges‘ Orchideen anschauen.“ Dekan Hole ist der selben Ansicht und unterstreicht die Qualität der Blumen, Früchte und Gemüsesorten der ärmsten Gartenbesitzer im Vergleich zu denen der Reichsten und bemerkt: „Die Frage ist nicht, welche Pflanze schöner und besser gezüchtet ist als die der anderen, sondern welche die beste ihrer Art ist und am sorgfältigsten und klügsten kultiviert worden ist.“ Es geht also nicht nur um den Nutzen, sondern auch um die sinn- und mußevolle Beschäftigung im Garten.

Noch heute spielen Blumenschauen eine große Rolle in ländlichen Gemeinden und in vielen dieser Schauen gibt es noch immer eine Kategorie für cottager, meistens Leute, die zur Miete wohnen oder Sozialhilfe empfangen.

Blumenschauen für die Arbeiterklasse waren im viktorianischen London so beliebt, dass der Philanthrop Lord Shaftesbury berichtete, jede Woche im Juli und August zwei oder drei zu eröffnen. Geistliche unterstützten die Idee des Gartenbaus, besonders in der Form von Fensterbankgärten, auch in den tristesten Stadtgebieten. Einer von ihnen, Samuel Hadden Parkes, ein Kurat im Stadtteil Bloomsbury, erklärte: „Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass eine Liebe zu Zimmerpflanzen und –blumen einen guten Charakter und einen gesunden Geschmack anzeigen, und für die häuslichen Qualitäten und den Fleiß der Londoner Armen spricht.“ Viele Blumenschauen fanden in kirchlichen Gemeindesälen statt, wie eine Abbildung einer East End Flower Show in einer evangelikalen Zeitung aus dem Jahr 1873 zeigt. 8

Die Zeitungsberichte über diese Schauen erwähnen stets den Enthusiasmus der TeilnehmerInnen und deren Geschick und Einfallsreichtum angesichts der äußerst schwierigen Verhältnisse, in denen sie lebten. Die erste Schau in Bloomsbury fand 1860 im Bible Mission Room statt. Die Teilnahmegebühr belief sich auf einen Penny und einen halben Penny für Kinder. Der Raum war mit weißem und grünem Seidenpapier geschmückt und die ausgestellten Blumen wuchsen in zerbrochenen Teekannen und Waschschüsseln, die die AusstellerInnen aber liebevoll mit buntem Papier dekoriert hatten. Der Gewinner der Schau in 1864 konnte sich durchaus sehen lassen. Es war der Miniaturvorgarten einer Villa mit dem klingenden Namen Bloom Grove: „Eine hübsche Ziegelmauer mit einem genauestens gebauten Tor umschließt den Garten; und ein Kieselweg, der zum Haus führt, wird von allen möglichen Blumen gesäumt. Unter ihnen sind Verbenen, Stockrosen und Fuchsien, die meisten in voller Blüte, und hier und da stehen kleine Statuen; das ganze bewies ausgezeichneten Geschmack und zog viel Aufmerksamkeit auf sich“, berichtet ein zeitgenössischer Artikel.

Die BritInnen werden oft als ein Volk der Gärtner beschrieben. Ein Konzept, das schon vor dreihundert Jahren von John Worlidge in The Arte of Gardening beschrieben wurde:

„Es gibt keinen Adeligen oder wohlhabenden Mann in England, der nicht einen Garten für Freude und Vergnügen hätte. Es gibt kaum einen einfallsreichen Bürger, der nicht Blumenkästen, Töpfe und andere Gefäße mit Pflanzen besitzt, wenn er schon wegen seiner Geschäfte keinen eigenen Garten bestellen kann… Es gibt auch kaum ein Häuschen im Süden Englands, das keinen Garten hat, so groß ist die Freude, die die meisten Menschen am Gärtnern haben.“

Die Gärtnerei ist noch immer eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der BritInnen, sowohl aktiv als auch passiv: Tausende besuchen die oft vom National Trust betreuten Gärten berühmter Landsitze, aber auch lokale Gärten werden im Rahmen des National Gardens Scheme für wohltätige Zwecke der Allgemeinheit geöffnet. Allotments, für die es nicht selten lange Wartelisten gibt, ermöglichen noch immer Gärtnerei ohne eigenen Grundbesitz. In Städten entwickeln sich Gemeinschaftsgärten, durch die auch Menschen mit Behinderungen, SeniorInnen, Kinder und Obdachlose Zugang zum Gärtnern bekommen. All diese Projekte stehen in der jahrhundertealten Tradition, in der nicht nur die Begüterten und Privilegierten, sondern auch die Frauen und Männer der common sort Gärtnern als Freizeitvergnügen und Erholung erleben können.

Margaret Willes ist Autorin von The Gardens of the British Working Class (Yale University Press, 2014). Ihr Buch ist im Juni 2015 auch als Taschenbuch erschienen. Übersetzt wurde der Artikel von Kerstin Fest.

Headerfoto: E. A. Chadwick [Public domain], via Wikimedia Commons

Empfohlene Zitierweise:

Margaret Willes: Arbeitergärten in Großbritannien: Mühe oder Muße?,
In: Muße. Ein Magazin, 1. Jhg. 2015, Heft 2, S. 1-6.
DOI: 10.6904/musse-magazin/2.2015.1
URL: http://mussemagazin.de/?p=1016
Datum des Zugriffs: 23.09.2018

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