Mußeorte

Café Zifferblatt

Zahlen für die Zeit und nicht für den Kaffee

Bianca Blum

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Moskau ist wie viele Großstädte eine hektische und ungemütliche Stadt, in der auf bis zu zehnspurigen Straßen jeder jeden zu überholen versucht, in der die Menschen schon auf Metro-Rolltreppen um jeden Zentimeter kämpfen und sich in engen Zügen aneinander quetschen, nur um schnellstmöglich ans Ziel zu kommen. Es herrscht ein atemloser Rhythmus, und wer sich nicht anpasst und sogar einfach mal stehen bleibt, läuft Gefahr, überrannt zu werden.

Moskau lädt aber auch vielerorts zum Verweilen ein. Auf ebenjenen Metro-Rolltreppen lässt sich, das Gedränge einmal ausblendend, für zwei, drei Minuten stehend die Ruhe genießen. Die Straßen und Gassen mit ihren imposanten Gebäuden der letzten Jahrhunderte laden zum ziellosen Schlendern und Entdecken der Stadt ein. Überall gibt es kleine Parks, in denen man spazieren oder in Gedanken schwelgend einen Moment lang auf der Bank sitzen kann. Im Alexandergarten trifft man stets auf unterschiedlichste Leute, die miteinander plaudernd dem hektischen Getriebe zuschauen und den Tauben Brotkrümel zuwerfen.

Orte der Entschleunigung und Oasen der Ruhe sind auch die Moskauer Zeitcafés. In ihnen wird nicht wie andernorts üblich für den Kaffee bezahlt, sondern für die dort verbrachte Zeit. Für ein paar Rubel pro Minute, etwa vier Euro die Stunde, kann man so viel trinken und essen wie man mag und sich dabei vollkommen in der Zeit verlieren. Kaum jemand sorgt sich, dabei arm zu werden, da maximal vier Stunden beziehungsweise 540 Rubel pro Tag berechnet werden. Beim Eintritt werden der Name des Gastes und die genaue Uhrzeit auf einem weißen Zettel notiert und an eine Pinnwand hinter den Ausschank gehängt. Dann bekommt man einen alten, nicht mehr funktionierenden Wecker, ein Liebhaberstück vom Flohmarkt, und stellt diesen auf seinen Tisch. Die Uhr steht für das kostbarste Moskauer Gut: Zeit. Zugleich ist sie ein Symbol dafür, dass die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Im Zeitcafé gilt deshalb auch folgende paradoxe Regel: Man soll die Zeit vergessen, auch wenn gerade sie es ist, die den Preis bestimmt, den man beim Verlassen zu bezahlen hat. Es geht nicht um zügigen Konsum, sondern um stressfreies Verweilen. Nach vier Stunden ruht die Zeit (oder zumindest der Preis) dann ganz.

Eines der beiden Moskauer Zeitcafés befindet sich im Stadtteil Kitaj Gorod, versteckt in einem Hinterhof. Keine leuchtende Reklame, nur ein kleines Pappschild verweist auf das Café im zweiten Stock, Café Zifferblatt. Das zweite Zeitcafé, das den gleichen Namen trägt, hat seine Räumlichkeiten auf der prunkvollen Tverskaja-Straße, eine der längsten Straßen Moskaus, die zwischen Puškin-Platz und Kreml liegt und mit ihren acht breiten Spuren keine Langsamkeit ausdrückt, sondern vielmehr für Eile und Beschleunigung steht. Aus eben jenem hektischen Getriebe möchte das Café Zifferblatt befreien. Ivan Mitin plädiert mit seinem Konzept nicht nur für mehr Langsamkeit und (geselliges) Verweilen in der Zeit. Seine Idee ist auch als Gegenentwurf und Gegenkultur zur übrigen Café-Kultur in Moskau zu verstehen, die sich mit etlichen und allerorts aufzufindenden Filialen vornehmlich westlicher Unternehmen mehr und mehr an der Konsumkultur kapitalistischer Kulturen orientiert. In diesen Cafés ist entspanntes Kaffeetrinken nahezu unmöglich, wenn man von KellnerInnen bedrängt und aufgefordert wird, einen weiteren Cappuccino für sechs Euro zu bestellen oder aber zu gehen, sobald der Becher leer ist.1

Im Café Zifferblatt hingegen kann man stundenlang entspannt verweilen, ohne gedrängt zu werden. Hier steht nicht das Kulinarische im Vordergrund, obwohl es eine recht üppige Auswahl an Speisen und Getränken gibt. Auch der Service spielt keine große Rolle, MitarbeiterInnen sind äußerlich kaum von den Gästen zu unterscheiden. Jede und jeder bedient sich selbst und nimmt sich, was und so viel sie oder er mag. Es ist außerdem ausdrücklich erlaubt, sich eigenes Essen oder Trinken mitzubringen – wenn nicht sogar erwünscht. Wer ins Zifferblatt kommt, überlegt sich häufig vorher nicht, wie lange er bleiben wird. Man möchte nicht hasten und nicht rechnen, wie viel einen die Verweildauer kosten wird. Man möchte im Wortsinne seine Ruhe haben, sich mit Freunden treffen, neue Bekanntschaften machen, in einem der zur Verfügung stehenden Bücher lesen oder ein Brettspiel spielen, auf dem Klavier Musik erfahren – oder einfach nur klimpern, die Seele baumeln lassen und sich auf eines der alten gemütlichen Sofas kuscheln, um auch einfach mal nichts zu tun und sich ganz einem genüsslichen Müßiggang hinzugeben. Das Zeitcafé ist wie ein großes Wohnzimmer, in dem Menschen ganz unterschiedlicher Gesinnung zusammenkommen und für sich oder in angenehmer Gesellschaft der Zeit und ihrem Lauf trotzen. Allen gemeinsam ist der Wunsch nach einem Rückzugsort.

Dass Mitins Konzept des Zeitcafés – das Konzept eines gesellschaftlichen Treffpunktes außerhalb jeder Zielorientierung, in Muße oder echtem Freizeiterleben – sich großer Beliebtheit erfreut, zeigen auch die Neueröffnungen der letzten Jahre: Das Café Zifferblatt gibt es inzwischen nicht mehr nur in Moskau, sondern auch in anderen russischen Großstädten wie St. Petersburg und Kazan’ und darüber hinaus in Kiew, Ljubljana, London und bald auch in New York.2

Café Zifferblatt, ul. Pokrovka, d. 12, s. 1, Metrostation Čistye Prudy / Kitaj-gorod;
ul. Tverskaja, d. 12, str. 1, Metrostation Tverskaja / Puškinskaja3

 

Empfohlene Zitierweise:

Bianca Blum: Café Zifferblatt Moskau. Zahlen für die Zeit und nicht für den Kaffee,
In: Muße. Ein Magazin, 1. Jhg. 2015, Heft 1, S. 24-25
DOI: 10.6094/musse-magazin/1.2015.24
URL: http://mussemagazin.de/?p=1
Datum des Zugriffs: 14.12.2017

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