Posted in: Ausgabe 1 / 2017
Leitartikel

Masse, Musik und der Kao-Kult: eine Konzertnacht in Freetown

Michael Stasik

Im August 2009 kam ich für eine siebenmonatige Feldforschung nach Freetown, in die Hauptstadt Sierra Leones. Thema meiner Forschung war die gesellschaftliche Bedeutung populärer Musik, insbesondere in Hinblick auf den Musikkonsum der Jugend. Einen strapaziös großen Teil meiner Forschungszeit verbrachte ich damit, mir zusammen mit Jugendlichen der Stadt die Nacht um die Ohren zu schlagen und von Tanzbar zu Diskothek und weiter zu versteckten Tanzkabuffs zu pilgern. Kurz vor Weihnachten besuchte ich ein großes Konzert im Nationalstadion, zu dem mich Samory, ein Freund von der hiesigen Universität, begleitete. Was folgt, ist eine kleine Ethnographie der Konzertnacht. Der Kao-Kult Gemeinsam mit der Menschenmasse schieben wir uns in Richtung des Nationalstadions. Es ist nach Mitternacht, keine ungewöhnliche Zeit für einen Konzertbeginn in Freetown. In der Ferne flackern zwei Halogenlampen, die uns den Weg zum Stadioneingang anzeigen. Es ist eine mondlose Nacht. Am Wegesrand fuchteln verschwitzte Polizisten mit Astbündeln herum und dirigieren die…

Posted in: Ausgabe 1 / 2017
Wissenschaftlicher Beitrag

Wir brauchen den Exzess!

Andreas Kirchner

„The road of excess leads to the palace of wisdom.“ – William Blake schrieb diese Worte um das Jahr 1789 herum. Mit seinem Denken, das sich durch eine Inversion üblicher Wertvorstellungen auszeichnete, erntete er unter seinen Zeitgenossen vor allem Kopfschütteln und sogar Entsetzen. Wie kann gerade der Exzess als Schlüssel zur Weisheit und Erkenntnis gedacht werden? Die Verbindung dieser Begriffe lässt auch heute noch stutzen. Nicht anders mag es dem Leser ergehen, wenn ihm schon mit der Überschrift dieses Artikels jene forsche These begegnet, die den Exzess zu einem Imperativ erhebt und als eine Notwendigkeit versteht. Was ist denn das Besondere und Eigentümliche dieses Exzesses und warum zur Hölle sollten wir ihn brauchen? Diese Fragen sind nicht nur theoretisch relevant. Unser Verständnis dessen, was ein Exzess eigentlich ist, hat auch stets gegenwarts-, gesellschafts- und normenkritische Implikationen. Schließlich gilt der Exzess als Grenzüberschreitung und fordert die Übertretung von Regeln und Normen…

Posted in: Ausgabe 1 / 2017
Interview

Drogen und Rausch in der Literatur

Pia Masurczak im Gespräch mit Hermann Herlinghaus

Pia Masurczak: Sie beschäftigen sich seit einigen Jahren mit dem Verhältnis von Literatur und Rauscherfahrungen und dem gesellschaftlich-kulturellen Kontext von Drogenschmuggel bis -konsum. Wie fanden Sie Zugang zu dieser Thematik? Hermann Herlinghaus: ‚Drogen und Rausch’ sind Signalworte mit unterschiedlichen Bedeutungen. Der deutsche Terminus Rausch hat ein weiteres Bedeutungsspektrum als bspw. intoxication, intoxicación, intoxication (engl., span., franz.). Rausch setzt nicht notwendig Drogenerfahrungen voraus. Da Drogen eine große Bandbreite mit unterschiedlichen Implikationen besitzen und häufig mit einem Stigma behaftet sind, hat meine Arbeit einen anderen Ausgangspunkt – die aus der griechischen Antike stammende Begriffsfigur des „pharmakon” (‚Heilmittel’, ‚Gift’ oder ‚magische Substanz’ mit fließenden semantischen Grenzen). Dieses Bedeutungsspektrum ist hilfreich für eine Differenzierung, da unterschiedliche Drogen (Psychoaktiva) nur in seltenen Fällen auf einen Nenner gebracht werden können. Überdies kann ein und dieselbe Droge sowohl als Medizin wie als Gift wirken, abhängig von der Zusammensetzung, Dosierung, Form der Verabreichung (Primärfaktoren), gesundheitlichem und psychischem Zustand…

Posted in: Ausgabe 1 / 2017
Rezension

Verschwendung. Veblens „Theorie der feinen Leute“

Martin Büdel

Gerade, als Sie beginnen wollen diesen Text zu lesen, schleicht sich bei Ihnen ein mulmiges Gefühl ein. Ein Gedanke setzt sich fest, der Gedanke, in eben diesem Augenblick Ihre Zeit zu vergeuden. Eigentlich haben Sie selbst noch jede Menge zu tun, eine wichtige Deadline steht kurz bevor, Sie müssten das eigentlich noch schnell fertigstellen und naja, über Ihre sozialen Netzwerke haben Sie eben mitbekommen, dass es eine neue Ausgabe von Muße. Ein Magazin gibt und Sie wollten nur mal eben schnell. Jetzt hängen Sie fest. Es klingt aber auch verlockend, das Versprechen nach Muße, der Sound der Freiheit schwingt mit und die Aussicht auf ‚produktive Unproduktivität‘. Sie können also beruhigt sein. Ohne, dass Sie es wollen oder es momentan schon wissen, vollzieht sich bei Ihnen jetzt ein wichtiger Prozess. Sie sind nur scheinbar unproduktiv. In Wahrheit hängt über Ihnen der „Zauber der Muße“. Also, spüren Sie hinein, wie viel schöpferische…

Posted in: Ausgabe 1 / 2017
Rezension

Flaneuse: Women Walk the City in Paris, New York, Tokyo, Venice and London

Kerstin Fest

Lauren Elkins Buch ist zu einem gewissen Grade das, was im Englischen ein memoir genannt wird – eine autobiographische Erzählung, die auf einen bestimmten Lebensabschnitt der Autorin fokussiert. In diesem Fall ist es Elkins Studienzeit an der Sorbonne. Die Stärke des Buches liegt darin, dass es sich nicht bloß auf Elkins subjektives Erzählen beschränken lässt, sondern überdies auch kultur- und kunstgeschichtliche Erzählstränge geschickt mit der Lebensabschnittsgeschichte der Autorin verwebt werden. Das verbindende Glied ist dabei die Figur der Flaneuse, also die weibliche Version des Flaneurs, des beinahe schon stereotypen Repräsentanten der urbanen Moderne, den Julia Bertschick in ihrem Beitrag in dieser Ausgabe diskutiert. Elkin stellt sich die Frage, ob es auch als Frau möglich ist, den Asphalt zu botanisieren, wie es Walter Benjamin ausdrückt. Dass sie nicht die erste Frau ist, die sich mit diesem Thema beschäftigt, belegt sie in einem kurzen Forschungsüberblick, in dem die einschlägigen Werke von Griselda…

Posted in: Ausgabe 1 / 2017
Rezension

Jim Jarmuschs Paterson (2016) – Dichter der eigenen Angelegenheiten

Heidi Liedke

„But only the dance is sure! make it your own. Who can tell what is to come of it?“ Den Rahmen bilden die wie auf einer Perlenkette aufgefädelten Wochentage zum einen und der Blick auf die Armbanduhr auf dem Nachttisch am Morgen zum anderen. Dazwischen, nun, die o-beinigen, schlurfenden Schritte des Busfahrers Paterson im Ort Paterson in New Jersey, USA. Wenn seine Schritte die Nadelstiche sind, ist die Lyrik der feine Stoff, mit dem der Regisseur Jim Jarmusch in seinem Film Paterson (2016) seiner Geschichte Gestalt verleiht. Die Lyrik umhüllt das Bloße, das Nackte, abwertend gesagt: die Langeweile des Lebens in der provinziellen amerikanischen Einöde, in einer durchaus auch dysfunktional wirkenden Beziehung – die prä-matrimonielle Ödnis! – und wertschätzend gesagt: das, was das Leben eigentlich ausmacht, nämlich das Nicht-Ereignishafte des Alltags. Denn will man ein wesentliches Merkmal des Films Paterson gleich zu Anfang postulieren, so ist es wohl seine Verweigerung…

Posted in: Ausgabe 1 / 2017
Rezension

Exzessiv passiv. Ein Wiedersehen mit The Big Lebowski

Yvonne Robel

„Alle sagen, ich bin ein fauler Sack… und sie haben Recht.“ Mit diesem Satz bewarb das deutsche Filmplakat 1998 den damals frisch in die Kinos gekommenen Film The Big Lebowski (Ethan & Joel Coen). In den USA war die Krimikomödie zunächst nicht der Kassenschlager, den die Macher sich erhofft hatten. Erst verzögert erlangte sie den Kultstatus, den sie inzwischen innehat. Erschließt sich der Film eventuell auf besondere Weise erst durch ein Wieder- und Wiedersehen? Der Blick auf die Handlung zumindest sagt zunächst recht wenig: Im Mittelpunkt steht Jeffrey Lebowski, arbeitslos, circa 50 Jahre alt, der sich selbst der Dude nennt und nach eigener Aussage vor allem bowlt, ein bisschen durch die Gegend fährt und hin und wieder einen Trip einwirft. Kurz: ein Alt-Hippie. Durch eine Verwechslung mit einem vermeintlichen Millionär gleichen Namens macht der Dude Bekanntschaft mit dessen obskurer Familie, diversen Schlägertypen und erpresserischen (deutschen) Nihilisten. Der Millionär Lebowski will…

Posted in: Ausgabe 1 / 2017
Werkstattbericht

Muoza. Auf der Suche nach der Muße

Verena Schneider

»Der erste Blick aufs Meer, Pflanzen selbst ziehen, picknicken, Geschenke einpacken, Tage ohne To-Do-Listen, auf dem Surfbrett die Wellen spüren, besondere Momente geniessen ohne Fotos zu machen, Trampolin springen, der Duft von warmen Piniennadeln, Reisen planen, tanzen, sich in persönlicher Recherche treiben lassen, ausmisten, im Schlafsack liegen und die Zeltdecke betrachten, Schallplatten hören, neue Rezepte ausprobieren, an Regentagen tagsüber ins Kino gehen, Blumenduft, Füße im Sand verbuddeln, mit lieben Menschen den ganzen Tag frühstücken, sich mit Musik auf den Ohren bräunen, DIY Projekte, barfuß im Gras laufen, Postkarten schreiben, über Baustellen spazieren, Omas Wollsocken tragen, mit dem Hund durch die Felder ziehen, Abendessen auf der Terrasse, Kuchen backen, an frischer Wäsche riechen, Menschen beobachten, belegte Brote schmieren, nach einer Party nachts nach Hause laufen, mit Freunden schweigen, neue unwichtige Fähigkeiten erlernen, Fußnägel schneiden, eiskalt duschen, in der Natur sein, das Gurren der Tauben am Morgen, sich mit Musik und Prosecco…

Posted in: Ausgabe 1 / 2017
Miszelle

Muße im Manga? Jiro Taniguchi gelang das schier Unmögliche.

Anna Karina Sennefelder

Der 11. Februar 2017 war ein Tag tragischen Verlusts für die Welt des Comics, genauer gesagt für den japanischen Comic, den Manga, und noch genauer gesagt für eine ganz einzigartige Form dieses Genres. An diesem Tag ist Jiro Taniguchi gestorben. Für Kenner der Branche steht Taniguchi nicht nur für herausragende Bild- und Erzählkunst im Manga, sondern auch für ein bestimmtes, unnachahmliches Gefühl, das den Leser beim Betrachten seiner feinen Zeichnungen unbemerkt überfällt und ihn dann auf reizvolle Weise süchtig macht nach der Ruhe, der Klarheit und dem Anmut seiner Bilder. Klingt pathetisch? Taniguchi ist alles andere als das. Aber es ist sehr schwer, einem deutschen Lesepublikum zu vermitteln, was diesen kleinen, klugen und bescheidenen Mangaka  so außergewöhnlich gemacht hat und weshalb seine Geschichten nicht nur Müßiggänger, Flaneure und einsame Genießer illustrieren, sondern tatsächlich eine mußevolle Rezeptionshaltung provozieren. Allein schon aufgrund des Rufs, der dem Comic im deutschsprachigen Raum noch immer…

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Miszelle

In Excess: Mary Wollstonecraft and the Sublime Feminine Subject

Kate Peters

20. March 2017 Romanticism, transcendent reaction to Enlightenment rationalism, might be understood as a discourse of excess in both senses of the word: abundance and surplus. While both definitions concern themselves with a boundary line—a set of constraints, whether permitted, prescribed, or desired—the difference between them is ultimately one of perspective and valuation. In the sense of abundance, excess is experienced as a wealth within the bounded space, a feeling of having too much of something for a particular set of constraints. As a surplus, on the other hand, excess exists within this same space only as an imagined, excluded element, rendered valueless by its position beyond the constraints—unless, that is, one shifts perspective and transcends the limits which so define it. The values, philosophies, and tropes of Romanticism emerged in the eighteenth-century European imagination from the German Sturm und Drang movement, to counter a growing Enlightenment rationalism. Rational discourse…

Posted in: Ausgabe 1 / 2017
Glossar

Dandy

Julia Bertschik

Wer oder was ist ein Dandy? Der englische Begriff existiert seit ca. 1710 und bezeichnet einen Modenarren, Gecken, Stutzer, Gigerl, Beau, Fashionable oder überhaupt junge Leute, die in auffälliger Bekleidung Kirche oder Jahrmarkt besuchen. Woher der Begriff ‚Dandy‘ stammt, ist unklar. So findet er seit ca. 1780 als Koseform von Andrew an der schottisch-englischen Grenze Verwendung oder meint als „Jack-a-dandy“ den Günstling einer Frau in Irland. Mit dem bekannten Lied „Yankee Doodle“ machten sich die englischen Soldaten im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775-1783) über die Yankees, ihre amerikanischen Gegner, lustig („He stuck a feather in his hat / And called it macaroni. / Yankee Doodle, keep it up, / Yankee Doodle Dandy“). „Dandy pratt“, eine kleine, recht wertlose Silbermünze, hergestellt im 16. Jahrhundert unter Henry VII., bezeichnete auch unnütze Personen der Gesellschaft. Das schottische Verb „dandil“ steht wie das französische „dandiner“ für ‚herumstolzieren‘, also für eine stilisierte Art des Gehens. Ebenso wenig…