Werkstattberichte – subjektive und disziplinäre Zugänge zur Wissenschaft

Theologie als Wissenschaft?

Zur Frage nach der Wissenschaftlichkeit einer umstrittenen Disziplin

Andreas Kirchner

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Als ich zuletzt wieder einmal mit den Fragen konfrontiert war, inwiefern Theologie als Wissenschaft gelten könne und ob ich mich mit dem Wissenschaftsverständnis meiner Disziplin identifizieren könne, wusste ich spontan keine Antwort. Die Frage klang diesmal keinesfalls aggressiv oder polemisch, sondern aufrichtig interessiert – und gerade deshalb verfiel ich nicht in die sonst reflexhaft vorgetragenen Apologetiken. Ich schwieg zunächst, begann zu grübeln und stellte die mir sonst genügenden Antworten grundsätzlich in Frage. Dabei ist offensichtlich, dass die Frage nach dem Wissenschaftsstatus von Theologie verschiedene neuralgische Punkte aufweist. Einerseits operiert sie selbst mit Begriffen, die bei genauerer Betrachtung ungeklärt und zumindest fragwürdig sind. Andererseits fragt sie auch die eigene Positionierung an, die sich noch einmal auf einer anderen als der bloßen Sachebene bewegt. Der vorliegende Text ist nun das Ergebnis einer längeren, vor allem persönlichen Auseinandersetzung mit der Frage nach der Theologie als Wissenschaft.

Gleichwohl stehen meine Gedanken in einer Abhängigkeit von vielen Autoren und Werken, die sich mit diesen und angrenzenden Fragen beschäftigt haben und auf denen die folgenden Gedanken teils affirmativ, teils als Kontrastfolie, mehr oder weniger deutlich gründen. Dazu zählen Karl Rahner, Wolfhart Pannenberg, Hans-Joachim Höhn und viele andere.

Es geht wohl jeder und jedem Theologiestudierenden früher oder später einmal so: Die Auskunft, dass man Theologie studiere, provoziert die unterschiedlichsten Reflexe, darunter oft sehr kritische Meinungen zum Ort der Theologie an der Universität und im Kanon der Wissenschaften überhaupt. Diese Reaktionen bleiben nicht ohne Folgen. Sie stellen das Selbstverständnis der Studierenden in Frage und provozieren eine Reflexion des eigenen wie auch des disziplinären Standpunktes. Das Nachdenken über den Standort der Theologie steht dann wiederum in einer langen Tradition der Beschäftigung der Theologie mit ihrem Status als Wissenschaft.

Ein grundlegendes Problem besteht darin, oft nicht genau sagen zu können, inwiefern man sich tatsächlich mit der Theologie identifiziert. Auch in meinem Fall steht diese disziplinäre Identifikation in Frage: Ich habe Katholische Theologie, Religionsgeschichte und Philosophie studiert, aber ich sehe mich weder als Theologe noch als Religionswissenschaftler oder Philosoph. Dennoch würde ich natürlich jederzeit darauf insistieren, Wissenschaftler zu sein – das aber in dem Sinne, dass ich für meine Arbeit den Anspruch erhebe, beständig methodisch-kritisch das zu Bedenkende zu reflektieren, die eigenen Verstehensbedingungen und die zugrunde liegende Hermeneutik systematisch miteinzubeziehen. Dem Zweifel an der disziplinären Zugehörigkeit bin ich auch bei anderen Wissenschaftlern (auch anderer Disziplinen) mehrfach begegnet. In der Theologie aber wird der Zweifel an der disziplinären Zugehörigkeit oft als Ausdruck des Zweifels an ihrem Gegenstand interpretiert.

Gleichwohl bleibt es so, dass ich in der theologisch-historischen Forschung arbeite und also prinzipiell in der Rolle des Theologen agiere. Die Antwort, die das Gegenüber sich wünscht, soll also, so steht zu vermuten, auch aus eben dieser Rolle heraustreten. So versuche ich im Folgenden als Theologe von meiner Vorstellung der Theologie als Wissenschaft Auskunft und Rechenschaft zu geben.

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass das Thema ‚Theologie als Wissenschaft‘ besagte Disziplin erheblich umtreibt. Dabei ist diese Frage nach der Stellung der Theologie im Kanon der Wissenschaften alt und setzt mit der Ausdifferenzierung der Wissenschaften selbst an. Kant fragte danach, was es bedeute, dass die Philosophie, wie im Streit der Fakultäten (A 26) behauptet, die Magd der Theologie sei. Er kontert gewitzt: Dass „doch noch immer die Frage bleibt: ob diese ihrer gnädigen Frau die Fackel vorträgt oder die Schleppe nachträgt.“ Kant weist auf eine schwierige Konfrontation zwischen Glauben und Vernunft hin, wenn er feststellt, dass „Vernunft aber ihrer Natur nach frei ist und keine Befehle etwas für wahr zu halten (kein crede, sondern nur ein freies credo) annimmt“ (AA VII, 20). Dass die Theologie heute oft als unvereinbar mit einem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit angesehen wird (beide gelegentlich zu Gegensätzen stilisiert werden), gründet spätestens in der Geschichte des Positivismus (und der analytischen Philosophie), welcher der Theologie einen zuvorderst spekulativen und also fiktiven Gegenstandsbezug zugrunde gelegt sah, der zu dem auf objektive Faktizität ausgehenden Wissenschaftsanspruch in Kontrast stehe.1 Autoren wie Auguste Comte sahen das theologische (ebenso wie das metaphysische) Geschichtsstadium als überwunden an und der Positivismus, der nun als Instanz der rationalen, wahren Wissenschaftlichkeit auftrat, sprach sich selbst mit lauter Stimme die wissenschaftliche Deutungshoheit zu.

Es bleibt ein grundlegendes Problem, dass theologische Aussagen (aufgrund der Verquickung mit institutionalisierten Machtstrukturen) in der ständigen Gefahr stehen, instrumentalisiert zu werden. So ist kaum zu leugnen, dass es historisch eine Vielzahl an Beispielen des Missbrauchs von theologischer Methodik und Argumentation gibt. Da die Theologie außerdem (mehr oder weniger deutlich) Konsequenzen für konkrete Lebensgestaltungen, die Einbindung von Menschen in komplexe Strukturen und Ordnungen, den Umgang mit anderen etc. haben kann, nimmt sie eine außergewöhnliche Rolle unter den Wissenschaften ein, was sie zusätzlich suspekt werden lässt. Doch ist umgekehrt auch mit einem plumpen Szientismus (wie er auch heute aus vielen ‚Wir brauchen mehr Technik!‘-Antworten auf aktuelle Fragen spricht) kritisch zu verfahren, denn wohin er zu führen vermag, zeigen die ökologischen Krisen unserer Gegenwart. Selbst die unmenschlichsten, schrecklichsten Verbrechen des vergangenen Jahrhunderts werden oft mit einem Szientismus in Verbindung gebracht, weil Wissenschaftler*innen allzu lang und blind ihre Verantwortung ignoriert und die Konsequenzen ihrer Entdeckungen und Entwicklungen ausgeblendet hätten.

Die Frage nach der Wissenschaftlichkeit der Theologie findet sich auch heute immer wieder in der medialen Öffentlichkeit.2 Es gibt zahlreiche aktuelle Publikationen, die die Frage bereits im Titel ausweisen, und seit 2012 existiert an der Goethe-Universität Frankfurt ein Graduiertenkolleg, welches sich dem Problem ‚Theologie als Wissenschaft‘ widmet. Hier diskutieren ganz unterschiedliche Theologien (jüdische, islamische, christliche – hier evangelische und katholische) und auch nicht-theologische Disziplinen miteinander, was eine interkonfessionelle und interreligiöse sowie transdisziplinäre Aufarbeitung der Frage nach der Theologie als Wissenschaft ermöglicht und so „Formierungsprozesse der Reflexivität von Glaubenstraditionen“3 rekonstruiert und erforscht. An der Universität Freiburg gab es 2013 eigens einen Dies Academicus zu dem Thema. Den Eröffnungsvortrag hielt damals Hans-Joachim Höhn unter dem Titel „Theologie als Wissenschaft – Theorie welcher Praxis?“.4 Darüber hinaus gibt es eine ständig wachsende Zahl an einschlägigen Publikationen. Diese fortwährende Selbsthinterfragung und -verortung gibt einen Hinweis auf die vielfachen Angriffe auf das Selbstverständnis der Theologie als Wissenschaft, die sowohl von außen (dort meist aus der religionskritischen Warte) wie auch von innen (d.h. aus der Kirche bzw. aus dem Kreis gläubiger Menschen) kommen.

Die von außen kommende Kritik, welche durch Wissenschaftstheoretiker*innen und Wissenschaftler*innen unterschiedlicher, oftmals aber naturwissenschaftlicher Disziplinen vorgetragen wird, spricht meist jeder (christlichen) Theologie die Wissenschaftlichkeit aufgrund der ihr eigenen Bekenntnisgebundenheit ab und kritisiert grundsätzlich deren Präsenz an staatlichen Universitäten sowie die damit verbundene Finanzierung aus staatlichen Mitteln. Die konkrete Kritik setzt oft an folgenden Punkten an: Der Theologie fehle die Ergebnisoffenheit, denn Gott, Dogma, Glaubensgegenstände oder Offenbarungsinhalte seien ja qua definitione nicht hinterfragbar, seien Axiome und mithin nicht falsifizierbar, was wiederum (mit Popper) als eine Grundvoraussetzung wissenschaftlicher Aussagen zu gelten habe. Daran knüpft sich meist der Vorwurf, dass Theologie5 einen absoluten Wahrheitsanspruch vertrete, der in den ‚echten‘ Wissenschaften per se ausgeschlossen sei. Wenn man der Theologie nun diesen Wahrheitsanspruch nähme, dann zerfalle sie und es blieben nur noch verschiedene Einzeldisziplinen (Philosophie, Philologie, Hebraistik, Geschichte, Religionswissenschaft, Rechtswissenschaft etc.) übrig. Sodann fehle der Theologie die Freiheit der Lehre, da die Lehrstühle – im Kontext der Katholischen Theologie – nach einem NihilObstat-Verfahren vergeben werden, was bedeutet, dass Rom und die kirchlichen Autoritäten bestimmen, wer in der Theologie lehren darf – und damit natürlich auch, was gelehrt werden darf, obwohl doch die Professoren vom Staat bezahlt werden.

Ein noch allgemeinerer Aspekt der Kritik bezieht sich auf die Pluralität der Theologien. Die Pluralität der Religionen und die unterschiedlichen von ihnen formulierten Heilswege stellen das Christentum im Ganzen – und nicht bloß einzelne Konfessionen – vor die Frage, inwiefern es als eine partikulare Größe eine universale Bedeutung oder eine Unüberbietbarkeit beanspruchen kann. Der Plural der Religionen relativiert in den Augen des kritischen Außenstehenden die einzelne Religion erheblich, insofern sie ihrem (objektiv behaupteten) Absolutheitsanspruch (objektiv faktisch) nicht absolut nachkommt.

Die Kritik, die so oder ähnlich an vielen Stellen zur Sprache kommt, operiert offensichtlich auf verschiedenen Ebenen. Sie spricht der Theologie zunächst bereits formal die Möglichkeit ab, Wissenschaft sein zu können, weil sie aufgrund der ihr eigenen Voraussetzungen gar nicht frei und objektiv nach Wahrheit suchen könne, weil sie immer schon beanspruche, diese zu haben. Andererseits widersprechen die Verquickungen von Kirche und Staat im Bereich der Hochschule und damit der Einfluss kirchlicher Autoritäten auf die Lehre den Prinzipien freier Forschung.6 Die merkwürdige und im deutschen Raum eigentümliche Konstruktion, dass Theologie-Professoren vom Staat bezahlt werden, die Kirche aber dennoch mindestens mitbestimmen darf, wer lehren darf und wer nicht, wird m.E. zurecht immer wieder heftig kritisiert. Diese Praxis beruht auf dem Reichskonkordat vom 20. Juli 1933, ein Staatskirchenvertrag zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich. Eine zeitbezogene Kritik geht davon aus, dass sich die Theologie heute von den Erfahrungshorizonten und Hintergründen der Menschen, ihren existenziellen Verortungen, entfernt habe. Die Geschichte hat ihren Lauf genommen, die Theologie ist im Mittelalter stehengeblieben – so ließe sich das überzeichnen. Und überhaupt, so ließe sich mit Höhn als These formulieren, beschäftige sich die Theologie als Wissenschaft doch letztendlich mit Problemen, die wir ohne sie überhaupt nicht hätten. Auch sei sie allzu leicht zu verwechseln mit Unvernunft und Aberglaube, Fundamentalismus und Dogmatismus. Andere würden weiter gehen und sie als genau das – Unvernunft und Aberglaube, Fundamentalismus und Dogmatismus – bezeichnen, sie also als Pseudowissenschaft und als Versuch der nachgeordneten Rationalisierung spekulativer Glaubenssätze abtun.

Die von innen kommende Kritik scheint nun ihrerseits genau jene Vorwürfe zu bestätigen, insofern diese kritischen Stimmen die Sorge artikulieren, dass die Theologie ihre höheren Wahrheiten dem kritisch-destruktiven Blick der wissenschaftlichen Vernunft preisgeben könne, oder – noch ärger – überhaupt die Vernunft zum Glauben in radikaler Feindschaft stünde (so die fundamentalistischen Glaubensauslegungen). Für die Theologie als vernunftbegründete Reflexion des Glaubens sind diese inneren Angriffe nicht weniger gefährlich als jene äußeren Angriffe, die bspw. in einem strengen Wissenschaftspositivismus, Naturalismus oder Materialismus gründen.

Inhaltlich berühren all diese Aspekte die Aufgabe der katholischen Theologie, genauer der sogenannten Fundamentaltheologie, deren wesentliches Anliegen die demonstratio religiosa, die demonstratio christiana und die demonstratio catholica sind, was bedeutet, dass sie sich mit der prinzipiellen ‚Vernehmbarkeit‘, der „Sicherstellung einer rationalen Gotteserkenntnis“ und der „fortwirkende[n] Aktualität eines vor vielen Jahrhunderten geschehenen Offenbarungsereignisses“ „vor dem Forum der historischen Vernunft“7 beschäftigt. Es ist also die Aufgabe der Fundamentaltheologie, die Vernünftigkeit des Gottesglaubens im Allgemeinen, des christlichen und genauer katholischen Glaubens im Speziellen darzustellen und die Theologie als nach vernünftigen und wissenschaftlichen Kriterien geordnet zu denken. Die Fundamentaltheologie hieß früher übrigens Apologetik, hatte also die Funktion einer Verteidigungslehre. Schon in dem begrifflichen Wandel zeigt sich auch ein Wandel im Selbstverständnis der Theologie als Wissenschaft, die sich nicht mehr verteidigen, sondern ihre Grundlagen und Fundamente kritisch und vernünftig im Forum der Wissenschaften reflektieren will.

Die Entwicklung der Theologie zu einer heute oft nur leidlich gelittenen Wissenschaft im universitären Kontext ist historisch auch deshalb interessant, weil die Theologie die Grundlage oder Vorgängerin für die Entwicklung vieler anderer Wissenschaften darstellt. Bei Aristoteles, dem Rationalität nur selten in Abrede gestellt wird, steht die Theologie an erster Stelle. Sie ist dort die oberste der theoretischen Wissenschaften und richtet sich auf das Göttliche, d.h. das erste und eigentliche Prinzip (Metaphysik 1064a–b). Und bekanntermaßen waren es später ja die septem artes liberales (Trivium: Grammatik, Rhetorik, Dialektik; Quadrivium: Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie), die als Vorbereitung auf die eigentlichen Wissenschaften – Theologie, Jurisprudenz und Medizin – galten. Seit damals hat sich vieles geändert, aber der Blick auf das, was einmal war, mag uns helfen, eine Entwicklung besser zu verstehen, gleichwohl er kein Argument an sich sein kann.

Für mich als Forschenden in einer kirchenhistorischen Disziplin, legt sich ein solcher Blick besonders nahe. Die Kirchengeschichte versteht sich selbst als eine historische Disziplin, in der die gleichen Methoden wie in den profangeschichtlichen Zugängen – Methoden der Literatur- und Geistesgeschichte, der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte usw. – Anwendung finden; sie erhebt auch den gleichen Anspruch an den Umgang mit den Quellen.8 Auch greift sie immer wieder auf ergänzende Bereiche der Geschichtswissenschaft zurück und ist nur sinnvoll im Austausch mit profangeschichtlichen Zugängen und Ergebnissen zu betreiben. Als theologische Disziplin hat sie in besonderem Maße von „ihren hermeneutischen Voraussetzungen Rechenschaft zu geben, ihre Fragestellungen und Methoden zu reflektieren und ihre Quelleninterpretation zu begründen“9. Dem eigentlichen Anspruch nach unterscheidet sie sich aber allein aufgrund ihres Objektes von der Geschichtswissenschaft: der Kirche als geschichtlicher Wirklichkeit und Institution. Allerdings ist die Abgrenzung schwierig. Der hermeneutische Ausgangspunkt ist dazu unbedingt zu beachten. Schließlich kann sich auch die Profangeschichte der Institution Kirche widmen. Wesentlich ist aber, dass sich die Kirchengeschichte damit von anderen theologischen Disziplinen unterscheidet, da es in ihr nicht vorrangig um eine Reflexion und Begründung eigener Glaubenshermeneutiken geht. Die Alte Kirchengeschichte beispielsweise ist zwar essentiell für die Theologie heute („Christentum ist immer auch Antike“10), doch hat sie eine Vielzahl an Ansprüchen: Die Aufarbeitung der Geschichte und Theologie der Alten Kirche anhand der vorliegenden Quellen (‚quellenhermeneutischer‘, ‚historisch-wissenschaftlicher‘ Anspruch), die Förderung des Bewusstseins für die zeitlichen, räumlichen, sozialen, politischen, geistesgeschichtlichen etc. Kontexte der Theologie der Zeit (‚geschichtshermeneutischer‘ Anspruch) und sodann auch der Theologie insgesamt (Theologie ist nicht ahistorisch!; ‚theologiehermeneutischer‘ Anspruch), sowie die Bewusstseinsbildung für die Bedeutung der Alten Kirche für die Theologie und die Geschichte der Gegenwart: (‚gegenwartshermeneutischer‘ Anspruch).

Fundamentaltheologie, Kirchengeschichte – nur zwei der klassischen theologischen Disziplinen. Diese Vielzahl der Disziplinen ist spannend, denn sie verunmöglicht es, überhaupt von dem Wissenschaftsverständnis der einen theologischen Disziplin zu sprechen. Tatsächlich habe ich das Problem, dass es innerhalb der Theologie sehr divergierende Wissenschaftsselbstverständnisse gibt. Theologie ist eben nicht eine Wissenschaft, sondern ein Sammelsurium an Wissenschaften. Sie bedient sich literaturwissenschaftlicher, philologischer, der historischer, der philosophischer, ethischer, juristischer, sozialwissenschaftlicher und anderer Forschungsmethoden. Eigentlich darf man also sagen, dass es die Theologie als eine einheitliche Disziplin nicht gibt. Aber gerade das ist etwas, was mich an ‚der‘ Theologie anspricht: Sie ist ein Spiegel der Vielfalt von Zugängen und Forschungsmethoden in den Wissenschaften, der zeigt, dass es sie in der Singular-Form nicht wirklich gibt. Dieser Spiegelcharakter beschäftigt mich auch in anderer Hinsicht. Es wird der Theologie, wie gesagt, oft vorgeworfen, sie sei, weil nicht voraussetzungslos und nicht ergebnisoffen, nicht wirklich Wissenschaft. Nun lässt sich aber sagen, dass diese Voraussetzungslosigkeit niemals, in keiner wissenschaftlichen Forschung am Anfang steht. Es ist offensichtlich, dass wissenschaftliches Denken nie im Sinne einer tabula rasa ansetzt, dass der Wissenschaftler als Subjekt immer vor dem Hintergrund des eigenen hermeneutischen Horizontes denkt und agiert, und er also diese subjektbedingte Hermeneutik immer auch mit reflektieren muss. Das ist etwas, dass die Theologie aufgrund ihrer eigentümlichen Gegenstandsbezogenheit (dem Glauben an Gott) im Zuge der vermeintlichen Rationalisierung schon früh zu leisten hatte. Aufgrund der steten Reflexion der eigenen Voraussetzungen, des hermeneutischen Bodens und der Horizonte ließe sich heute sagen: gerade weil die Theologie mit Gott rechnet und diese Unbekannte (sozusagen in jeder Gleichung) immerzu als solche ausweist, ist sie umso mehr Wissenschaft, keinesfalls aber weniger wissenschaftlich.

Auch hinsichtlich der Ergebnisoffenheit ist ein gelegentlich gern gepflegtes Wissenschafts(miss)verständnis bei genauerer Betrachtung nicht haltbar. Nicht selten sind im Kontext wissenschaftlicher Schlussfolgerungen Plausibilitätsabschätzungen nötig, die wiederum auf unseren vorgeprägten Begriffen und Wirklichkeitsbildern basieren und als solche gerade nicht vollkommen ergebnisoffen sind. Es gibt Grenzen der Wissenschaft, wie auch die einzelnen wissenschaftlichen Methoden begrenzt sind, und also nicht universalisierbar. Eine Theory of all, worum sich einige moderne theoretische Physiker seit einiger Zeit bemühen, kommt gewissen religiösen Erklärungsmustern dazu schon recht nahe – ein Umstand, den ich sehr interessant finde, weil er darauf hinweist, dass wir uns irgendwie um Letzterklärungen mühen, wobei unser Weltbild – auch in der Wissenschaft – bestimmten Mustern folgt, die einem Streben bspw. nach Sinnhaftigkeit und Kongruenz nachzukommen scheinen. Wissenschaftler*innen folgen notwendigerweise gewissen Narrativen und haben selbst an ihrer Fortschreibung Anteil.

Wie man sieht, sind die Fronten, an denen die Theologie als Wissenschaft in Bedrängnis gerät, zahlreich. Auch sind die Angriffe gegen sie, wenn man einmal zentrale Positionen der von außen und der von innen kommenden Kritik vergleicht, scheinbar widersprüchlich: Den einen ist die Theologie zu spekulativ und unvernünftig, den anderen geht sie dagegen in ihrem Erkenntnisstreben zu weit und ist also gleichsam zu vernünftig. Wie sollte sie es in diesem Spannungsfeld jemals jemandem recht machen können? Doch lässt sich diese Diskrepanz auch positiv wenden, denn sie kann helfen, die besondere Funktion der Theologie und ihre Aufgabe breiter zu verstehen. Als Disziplin hat sie – und das unterscheidet sie grundsätzlich von anderen Wissenschaften – eben auch Anteil an Fragen der persönlichen Identität von Gläubigen, sie ist nicht nur nüchterne Vernunft, sondern tangiert auch existentielle Horizonte und Betroffenheiten. So steht sie im Kreuzfeuer zwischen Lebenswelt und Vernunft und erfüllt hier eine doppelte Funktion, indem sie gegenüber den Vernünftigen für die Sache des Glaubens, gegenüber den Glaubenden hingegen für die Sache der Vernunft eintritt (Höhn). In ihr begegnen sich also Rationalität und Existentialität des Menschen.

Auf die im Detail vorgetragene Kritik beider Seiten kann ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen. Ich möchte nur wenige exemplarische Aspekte aufgreifen. So fällt auf, dass die äußere Kritik allzu oft von einem engen, streng naturwissenschaftlich orientierten Wissenschaftsbegriff ausgeht, der in der Tradition des Positivismus steht und Anspruch auf Objektivität erhebt. Dieser Begriff aber, so verbreitet er heute auch noch ist, ist lange nicht mehr zeitgemäß und kann nach differenzierten Betrachtungen nicht mehr aufgehen. In der Wissenschaftstheorie gab es spätestens seit den 1960er Jahren grundlegende Einsichten und Entwicklungen, die diesen strengen, objektiven Wissenschaftsbegriff ins Wanken brachten (so etwa Thomas S. Kuhns Hinweis, dass bei der Entscheidung von Forschern für oder gegen einen Paradigmenwechsel ebenfalls psychologische Faktoren mitwirken; ebenso die analytische Philosophie). Da mag es wie ein Treppenwitz der Geschichte anmuten, wenn der (absolute) Objektivitätsanspruch in den (Natur-)Wissenschaften als antiquiert zurückgewiesen wird und damit plötzlich neben dem von ihm zuvor zurückgewiesenen Wahrheitsanspruch der Theologie steht. Wissenschaft ist niemals nur vernünftig, objektiv, sie ist niemals ohne den Menschen denkbar. Wo aber der Mensch seinen Anteil hat, da ist auch stets mehr von ihm involviert, als ihm lieb sein mag.

Was hat nun das alles mit Muße zu tun? Schließlich geht es ja nicht einfach nur um die Frage der Wissenschaftlichkeit allein. Muße und Wissenschaft – diese beiden Momente gehören untrennbar zusammen, oder genauer: sie sollten untrennbar zusammengehören, davon bin ich überzeugt. Ich könnte mich im Rekurs auf die aristotelisch-klassische Bestimmung der Muße als Raum der Kontemplation (Theoria) aus der Affäre ziehen, könnte darauf hinweisen, dass Kontemplation in kaum einer Wissenschaft mehr Raum habe als in der Theologie. Aber ich halte den antiken Begriff der Muße heute für wesentlich zu eng und außerdem zu antiquiert – allein schon aufgrund der häufig nicht berücksichtigten sozialen Bedingungen dieser Muße, die einen Ausschluss von Frauen, Kindern, Handwerkern, Sklaven etc. bedeutete. Die Muße, von der hier die Rede ist, soll allgemeiner verstanden werden als die selbstzweckhafte, d.h. von äußeren Zwecken freie Öffnung des Denkens, sondern mehr noch auch als Ermöglichung des Sich-Einlassens auf Unbekanntes, Offenes, Fragwürdiges – etwa wie das arendtsche Denken ohne Geländer in der Gelassenheit der geistigen Erhebung über das bloß Offensichtliche. Die Theologie ist die vielleicht wagemutigste Form wissenschaftlicher Freiheit. Sie widmet sich den Fragen, die ohne Zweifel fragwürdig sind, und nimmt sich, wo sie gelingt, diesen Fragen offen an. Sie hat aufgrund ihrer Vielfalt an Methoden und Disziplinen viele Weisen und Wege der geistigen Erhebung zur Hand. Die Muße, so schrieb Augustinus einmal, erhebe den Menschen ein Stück weit über Raum und Zeit. Die Theologie verbindet die mannigfaltigen Disziplinen in der Orientierung auf eine zentrale Frage, der Frage nach Ursprung und Ziel, dem Prinzip, das sie Gott nennt. Diese gleichzeitig so zeitlose und höchst zeitgebundene Frage hat das Potential, den Fragenden selbst, den Menschen, immer wieder in seinem alltäglichen Lebensfortgang innehalten zu lassen, ihn ein Leben lang umzutreiben und dazu zu bringen, sich in der gewohnten Welt wach und kritisch zu bewegen, den blinden Trott in Zeit und Raum auszusetzen. Wieder und wieder steht der Theologe/die Theologin in der Welt wie ein Fremdling, wird selbst zu einer großen Frage. Theologie birgt ein eigenes Moment der Befreiung, bietet Chancen der raumzeitlichen Neubestimmung, ja stellt unsere gewohnte Einhegung in Raum und Zeit selbst durchgehend in Frage. So scheint sie mir eine Förderin der Muße und der Wissenschaften insgesamt zu sein, wenngleich sie andererseits auch immer die heimelige Behaglichkeit der gewohnten Wissens- und Handlungslandschaft ungemütlich werden lässt.

Wenn ich mir also die Frage danach stelle, inwieweit das theologische Denken einem wirklich wissenschaftlichen entspricht, dann steht zum Schluss für mich die doch auch überraschende Erkenntnis, dass Theologie durchaus ein geeignetes Paradigma von Wissenschaft ist. Ihre Vielfalt und ihre offensichtlichen, immer wieder reflektierten Voraussetzungen erweisen sich als beispielgebend, wo verschiedene Vertreter einzelner Disziplinen und auch der ‚strengen Wissenschaften‘ eine Voraussetzungslosigkeit postulieren (oder wenigstens vorauszusetzen scheinen), die nur mehr die mangelnde Reflexion der eigenen Verstehensbedingungen spiegelt. Das theologische Paradigma oder auch Narrativ steht heute immer wieder in der Kritik und ist unentwegt gefordert, Rechenschaft zu geben. Heute wie damals trägt es längst nicht für alle gleichermaßen, weil sich Wirklichkeitsdeutungen und Erklärungsmuster gewandelt haben. Ansprüche und Selbstverortungen des Menschen in der Welt haben sich verändert. Diese Veränderungen führen indes soweit, dass wir unsere gewohnten wissenschaftlichen Rollenzuschreibungen überdenken müssen, wenn z.B. mehr ‚die Naturwissenschaften das Märchen [sind], das wir uns erzählen, um ruhig schlafen zu können‘ als die mythologisch gescholtene Theologie. Die Theologie, die für mich – aus oben beschriebenen Gründen – durchaus als eine Wissenschaft gelten kann, muss aber dazu einige grundlegende Ansprüche erfüllen (und, weiß Gott, das machen in der Öffentlichkeit präsentierte Theologien nicht immer): Offenbarung, Dogma, Gott etc. – diese Glaubensinhalte dürfen in den Begriffen der Tradition am Anfang des Nachdenkens stehen, aber das Ende dieses Denkens muss offen und frei bleiben. Theologie als Wissenschaft kann nicht einfach als eine dogmatische Interpretation von Lehramtstexten begriffen werden, als ein Lernen von Vorgedachtem oder eine Apologie von Traditionen und 2000 Jahre alten Gedanken, weil die einmal als Wahrheit gesetzt wurden. Das zu behaupten ginge tatsächlich am Anspruch von Theologie als Wissenschaft völlig vorbei. Mir ist durchaus bewusst, dass dem längst nicht jede Form von Theologie, die heute gepflegt wird, genügt. Aber es trifft jene Formen einer nach Erkenntnis strebenden Theologie, die m.E. allein gemeint sein können, wenn von Theologie als Wissenschaft die Rede ist.

Wo Theologie die Freiheit der Forschung und Lehre unterminiert (im Sinne der kirchlichen Autoritäten), wo also Dogma nicht nur am Anfang, sondern mit ihm auch kirchliche Autorität und Lehramt als Ziel des ‚Wissenschaftsweges‘ stehen, genügt sie nicht dem Anspruch, dem sie sich als Wissenschaft stellen muss. Noch einmal: Die Theologie geht von bestimmten Voraussetzungen aus; am Anfang stehen Offenbarung, Gottesglauben, dogmatische Konstitutionen etc., aber die dürfen nicht zugleich der Schlusspunkt sein, sonst genügt die Theologie tatsächlich nicht dem Anspruch der Wissenschaft. Man mag hier argumentieren, dass die Theologie den ‚Zaun des Dogmas‘ brauche (wie auch andere Disziplinen nur im abgesteckten Bereich eines vordefinierten Gegenstandsverständnisses operieren können). Das aber ist problematisch, weil das Dogma selbst immer wieder neu verstanden werden muss. Theologie droht dann zur Schreibkraft oder zum Büttel der Rechtfertigung des Machterhalts historisch gewachsener kirchlicher Strukturen zu verkommen und nur mehr die ‚Herde der Gläubigen‘ (die Lämmer) ängstlich einzuhegen. Wenn ich auch darum weiß, dass diese letzte Gefahr der Verzwecklichung wissenschaftlicher Rede und Strukturen lange nicht allein der Theologie eigen ist, so entbindet das mich als Theologe nicht von der Wachsamkeit (und dem gebotenen entschiedenen Widerspruch) gegenüber derartigen Entwicklungen. Wie könnte ich mich selbst sonst noch als Wissenschaftler begreifen?

Die Größe der Theologie als Wissenschaft liegt in der Kunst des Fragens und des unmissverständlichen Ausweises von Fragwürdigkeiten, nicht aber in der hybriden Behauptung definitiver Antworten. Wo Theologie Antwort geben möchte, da muss diese Antwort immer Versuch bleiben und sich auch so verstehen. Der wohl bedeutendste katholische Theologe des 20. Jahrhunderts, der Dogmatiker und gebürtige Freiburger Karl Rahner, sprach am Ende seines Lebens in einem exzellenten und sehr persönlichen Vortrag (1984 in Freiburg) über seine Erfahrungen als katholischer Theologe davon, dass alles theologische Reden von Gott immerzu analog bleibe. Wenn wir das ernstnehmen und wirklich verstehen, dann kann es aus dem Munde eines Theologen kein stures Traditionsargument, keinerlei basta! mehr geben. Sicher, die katholische Theologie geht davon aus, dass in Jesus Christus ‚Gottes letztes Wort‘ ergangen sei. Aber das letzte Wort Gottes muss (wie auch jedes Dogma) verstanden werden – und der Prozess des Verstehens und Begreifens ist niemals an seinem Ende. Gott mag ewig sein und unbewegt – der Mensch und alles Menschliche hingegen bleibt immer Prozess. Keine Theologie kann jemals für sich beanspruchen, das letzte Wort zu haben, wenn sie nicht den Urfehler wiederholen und sich selbst an die Stelle Gottes setzen möchte. Was bei diesem Verstehensprozess herauskommen wird, vermag niemand zu sagen. Wissenschaftliche Theologie heute ist fundamental verschieden von der Theologie des sogenannten Mittelalters und beide Theologien sind untrennbar mit ihren jeweiligen Zeiten verbunden. Mit dem Wandel der Voraussetzungen des Verstehens muss sich auch das Verstehen selbst wandeln, weil wir sonst eben nichts verstehen, sondern ängstlich an Autoritäten festhalten, die nichts anderes machten, als sich in ihrer Zeit und vor dem Hintergrund der ihnen vorliegenden Probleme mit Fragen zu beschäftigen, die ihnen wichtig und wesentlich schienen.

Wo Theolog*innen heute es ihnen gleichtun und sich also gerade nicht einfach nur wieder an alte Antwortversuche klammern möchten, wo sie sich der eigenen und für die Zeit offenen Vernunft bedienen und den Argumenten der Gegenwart begegnen, statt sie zu verteufeln, da erfüllen sie ihren wissenschaftlichen Auftrag. Dann ist Theologie, was sie sein sollte: „die analoge Schwebe zwischen Ja und Nein über dem Abgrund der Unbegreiflichkeit Gottes“, „die Rede im letzten Augenblick vor dem Verstummen“. Für mich ist sie dann eine aufrichtige Wissenschaft in der uralten Tradition der mußevollen Suche nach Einsicht in den grundlegendsten Fragen des Menschen.

Empfohlene Zitierweise:


Andreas Kirchner: Theologie als Wissenschaft? Zur Frage nach der Wissenschaftlichkeit einer umstrittenen Disziplin
In: Muße. Ein Magazin, 5. Jhg. 2020, Heft 2, S. 101-110
DOI: 10.6094/musse-magazin/5,8.2020.101
URL: http://mussemagazin.de/2020/04/theologie-als-wissenschaft/
Datum des Zugriffs: 22.09.2020

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