Werkstattberichte – subjektive und disziplinäre Zugänge zur Wissenschaft

Philologische Gelassenheit

Christian Schmidt

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Beim nächsten Ausatmen schließe ich die Augen. Die ersten Eindrücke der Innenwelt flackern auf, darunter eine hartnäckige Wut auf Ostereier mit Marc de Champagne-Füllung, dann, ich kann nichts dafür, sofort der Buchanfang „The first time I drank piss was on a fire escape overlooking downtown Los Angeles“. Ich konzentriere mich auf den Atem, weil der Herzschlag zu unheimlich ist.

Einatmen. Von der gesellschaftlichen Aufgabe der Literaturwissenschaft habe ich keine genaue Vorstellung. Manche sagen, sie macht gar nichts, manche trauen ihr etwas mehr zu. Vielleicht ist sie gesellschaftlich irrelevant, aber existenziell. Steuererklärungen sind gesellschaftlich relevant und bedeutungslos. Aus dem Bilderstrom taucht ein Konferenztisch auf, in manchen Gesichtern sitzen Erinnerungen an das 20. Jahrhundert, manche Hände wissen nicht, wie sich eine Wählscheibe anfühlt, aber die dazugehörigen Gehirne streiten, unter dem Einfluss von Zweifeln, Glück und Koffein, über zwei oder drei Verse aus dem Hochmittelalter. Für den Rest der Welt geht es um nichts, gleichzeitig geht es ums Ganze. Auf diese Situation passen die Wörter ‚Exzellenz‘ und ‚Passfähigkeit‘ nicht. Was immer sie da draußen sein mag, in meinem Lebenslauf ist Literaturwissenschaft eine angesehene und verlässliche Einrichtung zur Steigerung von Unsicherheit und Euphorie.

Auch die Grenzen der Literaturwissenschaft sind mir nicht ganz klar. Sind Laufen, Schwimmen und im Kreis Spazierengehen philologische Arbeit? Die körperliche Bewegung lässt die Textprobleme absinken und in Schichten des Gehirns weiterarbeiten, in denen sie gerade noch wahrnehmbar sind. Lässt man sie dort für eine Weile los, tauchen sie irgendwann in Form von Einfällen wieder auf und erzeugen als ‚Ereignis‘ eine treffende Beobachtung oder eine glückliche Formulierung. Habe ‚ich‘ das gemacht? Hatte ‚ich‘ nicht gerade Pause? Werde ich dafür bezahlt? Sollte ich meinem Lieblingsbadehosenhersteller (Arena) in der ersten Fußnote danken? Geht es hingegen um Fehler, die ungeliebten Zwillinge des Einfalls, stellen sich solche Zuschreibungsfragen meistens nicht.

Und das Ausatmen nicht vergessen. Philologische Fehler, vor allem die eigenen, haben die Eigenschaft minimaler Auswirkungen auf die Umwelt und maximaler Auswirkungen auf die Innenwelt. Nicht dass irgendein Leben von einem falsch übersetzten Halbsatz bedroht wäre. Es fliegt nur ab und an ein kreischender Selbstwert, der sich ans Lenkrad klammert, statt rechtzeitig loszulassen und abzuspringen, über die Klippe der Nachsicht und in den Abgrund der Scham. Ein überfüllter Hörsaal am Institut für Gefühlte Geisteswissenschaft. Wir wissen inzwischen, bitte schreiben Sie das mit, dass auch literaturwissenschaftliche Arbeiten nur zu etwa 20% aus Thesen, Beobachtungen und Argumenten bestehen; der Rest ist vollgestopft mit einer Art dunklen Materie, die Kaskaden psychologischer Wechselwirkungen erzeugt – Aufregung, Niedergeschlagenheit, Freude, Angst, Zweifel, Wut, Glück – deren Natur jedoch für uns nach wie vor – Kunstpause – ein Rätsel bleibt.

Einatmen. Haben Sie das? Dann bewerten Sie bitte folgende Wörter auf einer Skala von eins (Abwehr) bis zehn (Anerkennung): Privileg – Prekarisierung – Publikationsliste – Perfektionismus – Spielen – academia.edu – Wochenende – Professor*in – Drittmittel – Opferbereitschaft – Elfenbeinturm – Muße – Professor – Sprechstunde – Genauigkeit – Wettbewerb. Bitte schicken Sie Ihr Ergebnis an christian.schmidt1@uni-goettingen.de. Ihre Daten werden höchstwahrscheinlich weder anonymisiert noch professionell ausgewertet. Aber interessieren würden sie mich schon.

Während der nächste Atemzug wieder sehr gut gelingt, entgleist der Kontemplationszug endgültig und ich sehe mich auf Koffein exzellente Einfälle herauskreischend in Badehose, Man in the Arena, durch einen überfüllten Hörsaal fliegen. Dann fühle ich das Gewicht meiner Füße auf dem Boden, öffne langsam die Augen und die Welt setzt sich zusammen: ein Buch, ein Bildschirm, eine etwas schiefe, undichte Tasse voller Stifte, ein leerer Kaffeebecher und ein angebissenes Osterei, das am Ende im Mülleimer landen wird.

Empfohlene Zitierweise:


Christian Schmidt: Philologische Gelassenheit
In: Muße. Ein Magazin, 5. Jhg. 2020, Heft 2, S. 111-112
DOI: 10.6094/musse-magazin/5,8.2020.111
URL: http://mussemagazin.de/2020/04/philologische-gelassenheit/
Datum des Zugriffs: 25.05.2020

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