Gespräch

Muße als Bedingung der Möglichkeit inter- und transdisziplinärer Forschung

Gert Dressel und Marion Mangelsdorf

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Mangelsdorf: Im Rahmen der vom Sonderforschungsbereich „Muße. Grenzen, Raumzeitlichkeit, Praktiken“ im Sommersemester 2018 organisierten Vorlesungsreihe „Muße und Wissenschaft“ sind wir zu einem Gespräch zusammengekommen. Wie, so möchte ich den Dialog eröffnen, würdest du das moderne Wissenschaftsverständnis beschreiben?

Dressel: Mit dem Soziologen Rudolf Stichweh, der davon spricht, dass sich die moderne Wissenschaft einhergehend mit disziplinären Strukturen Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelt hat. Seither wurde das disziplinäre System an der Universität institutionalisiert. Stichweh schreibt, eine Disziplin sei „eine Forschungsgemeinschaft und ein Kommunikationszusammenhang von Wissenschaftlern und Gelehrten, der durch gemeinsame Problemstellungen und Forschungsmethoden und nicht zuletzt durch die Entstehung effektiver Mechanismen disziplinärer Kommunikation zusammengehalten wird“1. Das bedeutet, Disziplinen und (Sub-)Disziplinen lassen sich als zentrales Struktur- und Organisationsprinzip von Wissenschaft beschreiben, was zahlreiche Implikationen hat: Wie und wo stehen Ressourcen und Karrieremöglichkeiten zur Verfügung? Welche Fachsprachen, Paradigmen, aber auch welche Formen des Habitus, welche Regeln der Wissenschaftlichkeit setzen sich in Qualifikationsarbeiten durch? Das heißt, es haben sich jeweils spezifische Wissenschaftskulturen etabliert, in denen spezifische Sprachen gesprochen werden, in denen ganz unterschiedlich damit umgegangen wird, was auf welche Weise geforscht wird, welche Fragen gestellt, aber ebenso welche Fragen gerade nicht gestellt werden. Solche disziplinär disziplinierten Wissenschaftskulturen machen durchaus Sinn. So muss innerhalb dieser Forschungsgemeinschaften nicht permanent aufs Neue verhandelt werden, was richtig und was falsch ist, was Begriffe bedeuten etc. Das ist ja nicht die schlechteste Grundlage für ein gemeinsames Kommunizieren und Tun. Aber wenn es darum geht, dass Menschen aus verschiedenen akademischen Disziplinen miteinander, also interdisziplinär forschen, stehen alle in gewisser Weise vor multi- oder interkulturellen Herausforderungen. Die Medizinerin und Palliativ-Care-Forscherin Katharina Heimerl, mit der ich unter anderen den Sammelband „Interdisziplinär und transdisziplinär forschen. Praktiken und Methoden2  herausgegeben habe, hat das in einem Gespräch einmal so ausgedrückt: „Sich auf ein gemeinsames Forschungsvorhaben zu einigen, ist ein unglaubliches Abenteuer, und das Missverständnis ist von vornherein natürlich einfach mitgebucht, sitzt als fünftes Teammitglied mit am Tisch.“3

Mangelsdorf: Das moderne Wissenschaftsverständnis ist also konstituiert durch Disziplinarität, diese prägt die universitären Strukturen, insbesondere den akademischen Austausch.

Dressel: Die Visualisierung ‚Die Befragung der Kartoffel‘ der beiden Lehrbuchautoren Joachim Stary und Horst Kretschmer veranschaulicht das Beschriebene äußerst prägnant. Den Hinweis darauf verdanke ich übrigens meiner Kollegin Claudia Brunner, einer Politikwissenschaftlerin und Friedensforscherin. Was dieses Bild zeigt: Auf ein und denselben Gegenstand können wir durch ganz unterschiedliche fachliche ‚Brillen‘ blicken.

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Mangelsdorf: Und mit welcher ‚Brille‘ blickst du auf die Welt? Als Historiker und Historischer Anthropologe?

Dressel: Ja, wie schaue ich als gelernter Historiker auf die Welt? Als Historiker hat für mich alles einen konkreten zeitlichen Kontext. Das bedeutet eine gewisse Vorsicht vor Verallgemeinerungen und Typisierungen zu haben, und immer auch für das Einzelne, das Besondere aufmerksam zu sein. Das unterscheidet mich, zumindest zuweilen, trotz aller inter- und transdisziplinärer ‚Infiltrierung‘, die ich dankenswerterweise auch durch Sozialwissenschaften erfahren habe, von vielen Sozialwissenschaftler*innen, die ihren Blick eher auf das Allgemeine richten, die auch im Besonderen das Allgemeine suchen. Außerdem erlauben es sich Historiker*innen mitunter mehr als andere, sich nicht nur einer überzeugenden Theorie anzuhängen, sondern sich eklektizistisch aus einem Angebot verschiedener Theorien und Perspektiven zu bedienen. Das heißt, das, was gerade ganz gut passt bzw. hilfreich ist, aufzugreifen. Diese Vorgehensweise kenne ich sehr gut von mir und sie ist durchaus kompatibel mit inter- und transdisziplinären Praktiken. Was man womöglich als beliebig kritisieren kann, ist in einer konkreten inter- und transdisziplinären Zusammenarbeit ungemein hilfreich und produktiv, nämlich eine Grundhaltung der Beteiligten, mit der die verschiedenen Perspektiven und Brillen, die in einem Forschungsteam vertreten sind, anerkannt und fürs eigenen Projekt fruchtbar gemacht werden.

Aber um noch einmal auf mich zurückzukommen und meine Brillen und mein Tun zu konkretisieren: Ich bin vor allem ein mit qualitativ-empirischen und partizipativen Methoden arbeitender Forscher, ein Oral Historian, Biografieforscher und Biografiearbeiter und jemand, der inter- und transdisziplinär, der also mit Menschen aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und anderen gesellschaftlichen Systemen gemeinsam forscht. Aktuell befasse ich mich in diesem Zusammenhang unter anderem mit Fragen von Sorgekulturen und Caring Communitys. Eigentlich geht es dabei um ein gutes Leben bis zuletzt, zum Beispiel in städtischen Quartieren oder in Seniorenwohnhäusern. Und in gewisser Weise bin ich auch so etwas wie ein ‚Handwerker‘, der ich in meinem sonstigen Alltag so gar nicht bin. Man könnte auch sagen, ich bin Berater, Begleiter oder Moderator von inter-, transdisziplinär beziehungsweise partizipativ angelegten Kommunikations-, Forschungs- und Erkenntnisprozessen. Ich organisiere und rahme unter anderem mit dialogischen narrativen Methoden solche Prozesse. Ich begleite Teams, damit überhaupt gemeinsam Sinn und Erkenntnis generiert werden kann. Diese Prozesse erlebe ich als ungemein lehrreich, auch für mich persönlich. Aber über mein individuelles Lernen hinaus finde ich es natürlich wichtig, solche Prozesse mit der Frage zu reflektieren, wie inter- und transdisziplinäre sowie partizipative Forschungsprozesse gelingen können. Dabei hilft mir die Wissenschafts(kultur)forschung, mit der ich eine Zeitlang zu tun hatte, aber auch das Wissen systemischer Organisations- und Interventionsforschung. Georg Zepke oder Elisabeth Reitinger weisen schon seit Längerem darauf hin, dass inter- und transdisziplinäre Forschungsprozesse besondere Kommunikationsarchitekturen benötigen.5 Und mitunter biete ich unabhängig von konkreten Projekten kollegiale Beratungs- und Intervisionssettings für Wissenschaftler*innen und ebenfalls für Doktorand*innen an. Das Bedürfnis nach Coaching, Gehörtwerden und Unterstützung, auch nach einem vertrauensvollen Austausch über eigene Unsicherheiten und Verletzlichkeiten ist im real existierenden Wissenschafts- und Unibetrieb ja gar nicht so klein.

Dabei hängt das, was ich im Hier und Jetzt tue, immer auch damit zusammen, welche Gelder momentan für was zur Verfügung stehen, weil ich seit Jahr und Tag, trotz meiner universitären Anbindungen, meinen Lebensunterhalt meist selbst organisiere. In der Summe bin ich vielleicht eine ‚eierlegende Wollmilchsau‘, das heißt, ich bin für nichts ein wirklicher Spezialist, und oft sitze ich auch zwischen den Stühlen. Manchmal nagt meine eigene Uneindeutigkeit auch an meiner eigenen Sicherheit. Ich selbst brauche ja ebenso Orte des vertrauensvollen Austauschs. Katharina Novy, eine liebe Freundin und Kollegin, und ich gönnen uns selbst immer wieder wechselseitig so etwas wie eine Intervision. Vor einigen Jahren hat sie zu mir gesagt: „Du bist zwar kein Experte für etwas ganz Spezielles, aber du bist ein Experte für die Schnittstellen.“ Dieser Satz tut mir bis heute gut.

Mangelsdorf: Du beschreibst deine wissenschaftlichen Praktiken als inter- und transdisziplinär ‚infiltriert‘. Um bei deinem Anschauungsbeispiel zu bleiben: Leitend ist für dich eine empirische Fragestellung, die den Forschungsgegenstand, hier die Kartoffel, aus verschiedenen Fachrichtungen zentral setzt. Über den Blick des Historikers hinaus, der sich für die Einführung des Lebensmittels in Deutschland oder vielmehr in Österreich interessiert, suchst du den Austausch mit Kolleg*innen aus anderen Disziplinen, um sich den verschiedenen Facetten des Gegenstands anzunähern. Als Biografieforscher wirst du dich zwar weniger für die Kartoffel, als vielmehr für Menschen interessieren, aber dennoch wird dadurch deine Herangehensweise deutlicher. In der partizipativen Forschung wird ein solches Vorgehen als problemzentriert verstanden, nicht wahr?

Dressel: Stimmt … und ich würde noch ergänzen wollen: orientiert an gesellschaftlichen Problemen. Inter- und transdisziplinäre oder partizipative Forschungen sind ja nicht besser oder von vornherein sinnvoller als Forschungen, die innerhalb einer Disziplin stattfinden. Es kommt auf die Fragestellung oder auf die Problemstellung an. Bestimmte Fragen oder Probleme können spezifische Fachexpert*innen am besten alleine beantworten. Aber wenn es um bestimmte gesellschaftliche Problemstellungen geht, liegt es auf der Hand, dass hier keine Disziplin allein befriedigende Antworten oder Erkenntnisse liefern kann. Das gilt zum Beispiel, wenn es um Fragen der Nachhaltigkeit oder wenn es ums Altern, Pflege, Sterben und eine Sorgekultur geht. Da braucht es die Kooperation zwischen den Fächern und die Zusammenarbeit mit anderen relevanten Akteur*innen und Systemen in der Gesellschaft; es braucht viele Brillen und Expertisen und deren In-Beziehung-Setzung, es bedarf der Kooperation zwischen Mediziner*innen, Psycholog*innen, Soziolog*innen, Ökonom*innen, auch Theolog*innen, Philosoph*innen und selbst Historiker*innen. Umso besser, wenn dann auch noch Organisationen des Gesundheitswesens, der Pflege oder der Sozialen Arbeit eingebunden werden. Und noch besser, wenn zum Beispiel Bewohner*innen von Senior*innenwohnhäusern mit ihren Erfahrungen, Hoffnungen, Ängsten und Bedürfnissen eingebunden werden. Das ist ja ein Kern partizipativer Forschung: nicht über, sondern mit Menschen zu forschen.

Mangelsdorf: Im Sinne Stichwehs verhältst du dich somit nicht im strengen Sinne ‚disziplinär diszipliniert‘. Das heißt, du bewegst dich quer zu den Wissenschaftskulturen und zwischen Wissenschaft und Praxis. Oder vielmehr: ‚Du sitzt zwischen den jeweiligen Stühlen‘, forderst einen inter- und transdisziplinären Dialog heraus. Ich frage mich, wie sich das zu Entwicklungen verhält, wie sie etwa Jutta Weber beschreibt: „Interdisziplinarität gilt als zentraler Wissensmodus in einer globalisierten und komplexer gewordenen Welt. Lange Zeit wurde dieser Modus mehr postuliert als praktiziert, doch scheinen am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts interdisziplinäre Forschung und ihre Verbünde(ten) an Fahrt zu gewinnen.“6 Gleichzeitig gibt sie jedoch zu bedenken: „Es gilt zu prüfen, ob interdisziplinäre Forschung per se neue kreative, alternative und kritische Formen des Wissens ermöglicht, wie es häufig a priori angenommen wird, oder ob sich eine Interdisziplinierung der Forschungsfelder formiert, die die Ausrichtung der Technowissenschaften auf das Erzeugen von Produkten, Pragmatik und Tinkering durchsetzt, das sich vom epistemischen Projekt der Natur- wie der Geistes- und Sozialwissenschaften grundlegend unterscheidet. Letzteres speist sich idealiter aus Neugierde und ist primär an Erkenntnisgewinn interessiert. Gerade auch die Geistes- und Sozialwissenschaften sind dabei weniger produkt- als reflexionsorientiert.“7 Die Philosophin, Technik- und Geschlechterforscherin reflektiert damit einen Trend, den sie mit dem Begriff der „Technowissenschaft“ bezeichnet. Technowissenschaft stelle ein Konglomerat aus Natur- und Technikwissenschaften dar, wie es vorrangig in der Forschung zur Künstlichen Intelligenz, der Robotik, den Computerwissenschaften, aber auch der technisch orientierten Medienwissenschaften oder Sozialökologie zu beobachten ist. Also in Forschungszweigen, in denen momentan Gelder zur Verfügung gestellt und sogenannte gesellschaftliche Innovationen vorangebracht werden (sollen).

Wenn du also betonst, dass es dir darum geht, ein ‚Setting‘ und einen ‚Rahmen‘ zu schaffen, damit ‚inter- und transdisziplinäre sowie partizipative Forschung‘ gelingen kann, um überhaupt gemeinsam Sinn und Erkenntnis zu generieren, dann bist du weder modern noch nachmodern im Sinne der Technowissenschaften. Auch wenn du dich als Historiker mit Interesse am ‚Handwerk‘ und der Empirie beschreibst, fokussierst du dennoch nicht auf Erkenntnisprodukte, sondern auf den Reflexions- und Erkenntnisprozess.

Dressel: Eigentlich geht es mir um beides. Um den Prozess und auch um – im weitesten Sinne – das Produkt. Und zuweilen kann der Prozess ja schon selbst ein Produkt sein. Und das sage ich jetzt aus einem Verständnis partizipativer oder transdisziplinärer Forschung heraus, die immer auch Interventionsabsichten hegt8 – intervenieren in jenes gesellschaftliche System und mit jenen Akteur*innen dieses Systems, mit denen man gemeinsam forscht. Um ein Beispiel zu nennen: Gemeinsam mit Elisabeth Reitinger und anderen Kolleginnen vom Institut für Pflegewissenschaft der Uni Wien habe ich zusammen mit der Arbeiterwohlfahrt Bielefeld das partizipative Projekt „Wege des Abschieds“9 durchgeführt, in dem es darum ging, in Wohnanlagen für Senior*innen Bedingungen für ein gutes Leben bis zuletzt zu schaffen. Dabei haben wir unter anderem Interviews und Gruppengespräche mit Bewohner*innen und anderen wichtigen Akteur*innen in den Wohnquartieren durchgeführt, unter anderem mit Mitarbeiter*innen der dort tätigen Pflegeteams. Die Gruppengespräche waren einerseits Erhebungsmethode, mit denen wir Erfahrungen und Bedürfnisse von Bewohner*innen und anderen erfragt haben. Andererseits waren einige dieser Gespräche auch schon ein Produkt, weil sie eine Intervention darstellten. Denn dabei haben sich zum Beispiel manche Pflegeteammitarbeiter*innen überhaupt zum ersten Mal miteinander über Situationen im eigenen Pflegealltag ausgetauscht, die sie als schwierig erleben – Situationen, in denen es kein eindeutiges Richtig oder Falsch für das eigene Handeln gibt. Oft sind das existentielle Situationen, manchmal geht es um Leben und Tod, und oft hängen solche Situationen diesen Mitarbeiter*innen lange nach. Die Gruppengespräche waren zwar Erhebungsmethode, aber sie hatten auch einen supervisorischen Effekt. Bei den Erzählenden war danach etwas anders als vorher. Und, was mir auch noch wichtig ist: Wir haben die Erhebungen in bestimmten Teilen mit verschiedenen Akteur*innen in den Wohnquartieren gemeinsam ausgewertet, vor allem im Hinblick auf ganz konkrete, machbare und sinnvolle Aktivitäten hinsichtlich einer Sorgekultur bzw. eines guten Lebens bis zuletzt. Ein Teil dieser Maßnahmen wurde dann auch umgesetzt.

Was ich sagen möchte, nicht unbedingt als Historiker, aber als jemand, der inter- und transdisziplinär tätig ist – du, Marion, Doris Ingrisch und ich haben das ja in dem Intro zu dem Band Wissenskulturen so formuliert: Es geht um „den kollektiven Reflexionsprozess auf Augenhöhe, der letztlich über einen Dialog zwischen Menschen aus verschiedenen Wissenskulturen generiert wird – quasi über eine inter- oder transkulturelle Praxis, die das Expert_innentum, aber ebenso ein Nicht-Wissen unter den Beteiligten gleichmäßig aufteilt. Es gibt also keine Person, […] die es besser weiß als andere. An dessen Ende, das immer ein vorläufiges ist, geht jede und jeder anders heraus, als sie oder er hineingekommen ist. Weniger in Projektmanagementsheets, sondern im Dialog findet Erkenntnis statt.“10

Diese Überlegungen sind umso wichtiger, und das sage ich jetzt wieder als Historiker, weil moderne Wissenschaft seit vielen Jahrhunderten auch eine Veranstaltung vor allem von weißen, europäischen, bürgerlichen Männern ist, die die jeweils Anderen – Frauen, Außereuropäer*innen, Arbeiter*innen u.v.m. – zu Objekten degradiert, ausgegrenzt, pathologisiert haben. Und im Mainstream der Geschichtswissenschaft herrschte vor allem eine Ignoranz bis in die 1960er Jahre vor. Viele von uns kennen das noch aus dem Geschichtsunterricht in der Schule. Wer hat überhaupt eine Geschichte? Lange Zeit waren das ausschließlich die ‚großen weißen Männer‘. Wer aber nicht? Wer ist quasi in einem permanenten Naturzustand und damit ohne Geschichte, ohne Gesicht, ohne Identität? Über diese Formen der Diffamierung, des Eurozentrismus und der Vernichtung anderer Wissensformen und Wissenskulturen, über die epistemische Gewalt von Wissenschaft hat Claudia Brunner, die ich vorhin bereits erwähnt habe, übrigens nicht nur ihre Habilitation, sondern auch ein absolut lesenswertes Buch geschrieben.11 Und diese Wissenschaftstraditionen, in denen wir alle stecken, stellen eine Bürde und Verantwortung dar, die uns nicht nur bescheiden machen sollte, sondern die uns auch herausfordert, neue oder andere Formen der Wissensgenerierung zu schaffen, die einschließen und nicht ausschließen.

Mangelsdorf: Um sich mit einer solchen Bürde und Verantwortung sowie mit partizipativer Forschung, insbesondere der Biografieforschung beschäftigen zu können, braucht es Raum und Zeit. Es benötigt Sorge- und Fürsorgekulturen. Doch bevor wir auf diese näher eingehen, treibt mich zunächst die Frage um: In welchem nicht nur universitären, sondern gesellschaftlichen Kontext gestalten wir eigentlich wie Wissenschaft aus? Byung-Chul Han vergleicht in seinem Essayband Die Müdigkeitsgesellschaft uns, die wir in zeitgenössischen Gesellschaften leben, mit einem müden Prometheus. Wir wähnten uns in Freiheit, dabei seien wir Gefesselte. Der Adler, der im Mythos an Prometheus’ Leber frisst, sei unser Alter Ego. Zeitgenössisch gewendet symbolisiere der Adler unser Selbstverhältnis, das eines der Selbstausbeutung sei. In Anlehnung an Kafka unternimmt Han eine interessante Umdeutung des Mythos: „Die Götter wurden müde, die Adler wurden müde, die Wunde schloss sich müde.“12 Kafka, so fährt Han weiter fort, schwebe eine „heilende Müdigkeit vor, eine Müdigkeit, die nicht Wunden aufreißt, sondern sie schließt“13.

Von 2000 bis 2003 hast du gemeinsam mit deiner Kollegin Nikola Langreiter narrativ-autobiografische Interviews mit Wissenschaftler*innen durchgeführt. Die Ergebnisse habt ihr unter anderem in dem Artikel „WissenschaftlerInnen scheitern (nicht)“ 2005 veröffentlicht.14 Was haben die Interviews verdeutlicht? Sind Akademiker*innen ihrer Selbstausbeutung müde, wie Prometheus in Hans Erzählung?

Dressel: Sehr deutlich wurde mir in dieser Forschungsperiode, dass Akademiker*innen Wissenschaft eben nicht nur als einen Beruf, sondern oft als Berufung ansehen. Das lädt zur Selbstausbeutung – wie es Byung-Chul Han beschreibt – nahezu ein. Lohnt sich die Aufopferung im Dienst an der Sache? Das lässt sich immer mehr bezweifeln in einem Unibetrieb, der sich dem Paradigma beziehungsweise der Behauptung einer Effizienz verschrieben hat, die sich dann in der Anzahl von in Peer Reviewed Journals publizierten Veröffentlichungen in Wissensbilanzen der Universitäten niederschlägt. Auch hier zählt ja, was gezählt werden kann, nicht, was erzählt wird.

Mangelsdorf: Was braucht es dem gegenüber?

Dressel: Im Palliativ-Care-Bereich wird gesagt: ‚Sicherheit schaffen durch geteilte Unsicherheit am Lebensende‘. Das gilt nicht nur für das Lebensende, sondern kann auch auf den Wissenschaftsbetrieb übertragen werden: Sicherheit und ‚Entmüdung‘ schaffen durch das Teilen und das Mit-Teilen eigener Unsicherheit und Müdigkeit mit anderen wäre auch hier möglich. Warum gibt es in den Universitäten eigentlich kaum Intervisionen, kollegiale Beratung oder einfach nur einen vertrauensvollen erzählerischen und zuhörenden Austausch? Wo haben wir unsere Orte und Zeiten, wo, um nun auch Hartmut Rosa zu erwähnen, Resonanz mit- und untereinander entsteht? Wir sind ja alle keine völlig autonomen Individuen – auch wenn es seit der Aufklärung darüber einen mächtigen Diskurs gibt –, sondern wir stehen immer schon in Bezügen und in Beziehungen. Im Bereich der Care-Ethik wird von ‚relationaler Autonomie‘ gesprochen und darüber, welcher Infrastrukturen es bedarf, Relationen nicht als Abhängigkeit, sondern als Ressource zu erfahren.

Mangelsdorf: Das erinnert mich an ein Gespräch, das der ehemalige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und Mediävist Peter Strohschneider mit zwei Forschern des Sonderforschungsbereichs „Muße“, Burkhard Hasebrink und Peter Philipp Riedl, geführt hat. Darin spricht er von „Ermöglichungsstrukturen“15. Ihm stehen infrastrukturelle Maßnahmen vor Augen, die nicht nur unabdingbar für innovative Forschung seien, sondern als Voraussetzung gelten müssten, um eine „Veralltäglichung“16 von dem zu ermöglichen, was bislang nur in Enklaven von Collegestrukturen und infrastrukturell gut ausgestatteten Forschungskollegs eröffnet wird. Er schreibt: „Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Professionen in unterschiedlichen alltäglichen Arbeitszusammenhängen haben alle ein Wissen davon, dass sie Möglichkeitsstrukturen für die Entstehung von Kontingenz brauchen. […] Auch bei finanziell aufwendiger Forschung ist den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern immer klar, […] dass man mit demjenigen rechnen muss, womit man nicht rechnen kann. Man muss organisatorische, institutionelle Vorkehrungen treffen, die dasjenige wahrscheinlicher werden lassen, womit man gerade nicht rechnen kann.“17 Und an einer anderen Stelle spricht er davon, dass er sich schlecht vorstellen könne, „dass anspruchsvolle intellektuelle Tätigkeiten ohne (…) Entspannungsphasen wie die, für die wir den Begriff Muße verwenden, gelingen könnten. Ich glaube nicht, dass kreative, produktive, originelle, gedankliche Arbeit ohne so etwas auskommt.“18

Dressel: Die infrastrukturellen Fragen sind von entscheidender Bedeutung. Eigentlich geht es um Ermöglichungsstrukturen. Verständigungs- und Begegnungsprozesse benötigen Zeit und damit auch finanzielle Ressourcen. Das sollte von Fördergeber*innen wissenschaftlicher Projekte gewürdigt und letztlich genehmigt werden. Aber man kann sich natürlich nicht nur auf Fördergeber*innen herausreden. In konkreten Instituten haben es die dort Wirkenden, umso mehr, wenn sie Entscheidungsträger*innen sind, natürlich auch selbst in der Hand, solche Orte zu etablieren. Oft kommt dann das Zeitargument. Ja, das stimmt schon, wir haben alle volle Terminkalender. Aber wie viel Zeit verbringen wir mit Krisen und Konflikten in Instituten, die vielleicht erst gar nicht entstanden wären, wenn es dialogische Orte gegeben hätte. Und das führt dann doch wieder zu einer Haltung, zu einer bestimmten Kultur. Inwiefern ist es uns ein Anliegen, und damit komme ich auf den Beginn des Gesprächs zurück‚ interkulturelle Kompetenzen auszubilden, wie gehen wir mit den unterschiedlichen Wissenschaftskulturen um? An dieser Stelle möchte ich nochmals auf Byung-Chul Han zu sprechen kommen. In seinem Buch „Die Austreibung des Anderen“ hat er über das Zuhören als Gabe im doppelten Sinne geschrieben.19 Als Gabe, die einem selbst innewohnt, und als Geschenk für andere, weil ihnen endlich wieder einmal jemand zuhört. Auf uns Wissenschaftler*innen bezogen, bedeutet das: Eine gewisse Bescheidenheit an den Tag zu legen, Nicht-Wissen zuzulassen, sich mit Neugierde dem Anderen anzunähern und sich von ihm/ihr irritieren zu lassen. Nachfragen, weil es normal (und nicht blöd) ist, dass man einiges erst einmal nicht versteht, und unseren Forschungspartner*innen mit Staunen begegnen – dies einmal mehr in inter- und transdisziplinären Zusammenhängen. Das bedeutet, sich eines ausschließlich defizitorientierten Blicks zu verwehren, das heißt, nicht nur darauf zu warten, dass ich anderen widersprechen, sie kritisieren kann. Damit einher geht, zu akzeptieren, dass wir – um an die ‚Befragung der Kartoffel‘ zu denken – Expert*innentum teilen. Dafür benötigen wir Zeit für Verständigungsprozesse, um Vertrauen aufzubauen, um auch einmal in Sackgassen gehen zu dürfen und um Scheitern – was auch immer Scheitern bedeutet – zuzulassen. Das erfordert auch den Mut, noch nicht Fertiges auszusprechen. Gerade davon leben Dialoge! Quasi wie am Lagerfeuer, zuerst einmal den Raum öffnen, soziale und emotionale Aspekte hereinholen und damit ein Stück weit die Verzauberung der Welt wieder ermöglichen. ‚Interkulturelle Kompetenz‘ zu entwickeln, heißt dann Fachsprachen und das Namedropping ‚abzurüsten‘ als Bedingung für inter- und transdisziplinäres Tun. Und den Begriff ‚Abrüsten‘ wähle ich ganz bewusst, weil Sprache immer auch eine Waffe oder ein Herrschaftsinstrument ist. Sie stellt Autorität her, gerade in universitären Räumen.

Mangelsdorf: Zum Abschluss dieses Gesprächs möchte ich das von uns Entfaltete zunächst in kurzen Zügen rekapitulieren und dann vertiefen hinsichtlich der Frage nach Muße in der Wissenschaft. – Zunächst haben wir über das sich im Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert entwickelnde Wissenschaftsverständnis gesprochen, das auf ‚diziplinärer Disziplinierung‘ basiert. Dadurch haben sich Wissenschaftskulturen herausgebildet, die Missverständnissen vorbeugen, aber auch den inter- und transdisziplinären Austausch erschweren. Mit dem Übergang vom 20. ins 21. Jahrhundert lässt sich zwar ein Hype um Inter- und Transdisziplinarität durch die sich ausgestaltenden Technowissenschaften beobachten, jedoch geht dies mit einer immer deutlicheren Produktorientierung und klaren Zielvorgaben einher, da es vor allem um technische Entwicklungen im Bereich der Computer- und Medienwissenschaften, der Künstlichen Intelligenz-Forschung oder Robotik geht. Demgegenüber wurde deutlich, wie du dich als Historiker, Biografieforscher und jemand, der inter- und transdisziplinär tätig ist, innerhalb dieser universitären Strukturen bewegst. Dir ist es wichtig, dich gegenüber dem inter- und transdisziplinären Gespräch nicht nur zu öffnen, sondern darüber hinaus zu fragen, welcher Rahmenbedingungen es bedarf, damit ein Dialog zwischen unterschiedlichen Menschen mit ihren jeweiligen Wissens- und Wissenschaftszugängen gelingt. Muße haben wir in diesem Kontext zunächst als ‚Ermöglichungsstruktur‘ verstanden, um Raum zu öffnen für einen respekt- und vertrauensvollen Umgang, der einen kreativen, ergebnisoffenen Erkenntnisprozess befördert, in dem Kontingenz erst möglich wird. Aber geht es nicht um noch mehr? Du sprachst davon, dass du dich um die Rahmung bemühst, „damit überhaupt gemeinsam Sinn und Erkenntnis generiert werden kann“. Und im Weiteren hast du betont, dass du „Wert darauf legst, diese Prozesse zu abstrahieren, darüber zu theoretisieren“. Das heißt, es geht dir sowohl um die Ermöglichung von Verstehensprozessen, die auf Unterscheidungen und Bestimmungen, damit auf kritischer Reflexion beruhen, wie auch um eine Abstandnahme. Letztere, so beschreiben Jochen Gimmel und Tobias Keiling et al. in „Konzepte der Muße“, bedarf es, „um den Prozessen des Lebens nicht blind durch die eigene Verwobenheit mit denselben gegenüber zu treten. Diese Abstandnahme, […] die es erst erlaubt, die Dinge als solche vor Augen zu bringen, sie als solche zu ‚schauen‘, ist dann ermöglicht durch die Muße, die es verbürgt, nicht verwickelt zu werden mit den Obliegenheiten der (alltäglichen) Welt. Somit ist es gerade diese Ausnahme-von (die zugleich eine Freiheitvon meint), welche die Distanz einräumt, sich der Welt im Sinne der Erkenntnis wiederum zuzuwenden. Muße als distanzierende Ausnahme ermöglicht ein wahrheitsfähiges Einlassen auf die Welt, ist eine Freiheit zu Theorie und Erkenntnis. Dieser Muße-Freiraum zur Theorie ermöglicht aber nicht bloß ein harmonisches Weltverständnis, sondern birgt durchaus existentielles Krisenpotenzial in sich.“20 Im Manifest „Das Verblassen eines Ideals. Zur Atemlosigkeit der Wissenschaften“, das dieses Sonderheft des Muße-Magazins einleitet, verweisen Jochen Gimmel, Andreas Kirchner und ich in den Punkten (6) (Selbst-)Kritik der Wissenschaft und (7) Wissenschaft als Gesprächskultur darauf, wie eng Selbstreflexion und Gespräch in der Wissenschaft miteinander verwoben gedacht werden können: Wissenschaft verlange grundlegend nach einem ‚Pathos der Distanz‘ (Nietzsche), das die (Selbst-)Kritik erst ermögliche. Diese Form der Selbstreflexion jedoch gründe im kritischen Dialog mit Anderen. Dieser Dialog „wird als Verfahren internalisiert, d.h. Wissenschaft versteht sich in ihrem Ausdruck immer als ein (Streit-)Gespräch mit Anderen, selbst da, wo sie Monologe hält. Die Ideen eines inneren ‚Gerichtshofes der Vernunft‘, diskursiver Logik, oder der Überzeugungskraft des besseren Arguments zeugen von diesem fundamentalen Gesprächscharakter der Wissenschaft.“21 Was meinst du zu diesen Überlegungen? In welchem Verhältnis stehen diese zu deinen Erfahrungen als Forscher, der sich um inter- und transdisziplinäre Praktiken innerhalb der disziplinären Strukturen der Universität bemüht?

Dressel: Das ‚Ideal der Muße‘… Das erinnert mich an das ‚Ideal der Liebe‘. Im vergangenen Sommer habe ich den wunderbaren Roman „Sozusagen Paris“ von Navid Kermani gelesen. Der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller, trifft bei einer Lesung aus seinem neuen Roman, in dem es um seine Jugendliebe geht, eben diese Jugendliebe. Und es folgt eine aufregende gemeinsame Nacht. Aber nicht so, wie wir es vielleicht erwarten würden. Der Ich-Erzähler und seine Jugendliebe verhandeln stundenlang, die ganze Nacht lang, was denn die Liebe nun eigentlich sei – und all das mit zahlreichen Bezügen zu der kilometerlangen Literaturliste, die es über ‚die Liebe‘ gibt. Und beide fragen sich, ob das, was sie jeweils in ihren Partnerschaften in den vielen vergangenen Jahren erlebt haben, vor allem ob das, was und wie sie es heute erleben, Liebe ist oder noch Liebe ist. Und die Antworten sind ernüchternd. Sie können nur ernüchternd sein, wenn die Ideale die Norm sind.

Vielleicht ist das mit der Muße ähnlich. Um noch beim Ideal zu verweilen: Womöglich sind Forschen und Muße untrennbar miteinander verbunden. Ist Forschen nicht etwas, und das sage ich jetzt wieder als Historiker, der ansonsten den großen Verallgemeinerungen gegenüber auch skeptisch ist, das uns Menschen von Anfang an, von Kleinkindbeinen an innewohnt: die Welt mit Neugierde und immer auch mit einer gewissen Distanz zu beobachten, zu erkunden, zu entdecken und zu erfragen, Analogien und Vergleiche herzustellen, manchmal zu staunen, dann wieder abzuwägen, zu abstrahieren. Und diese Beobachtungen, Reflexionen und Erkenntnisse mit anderen zu teilen: im Dialog, manchmal auch im kritischen Gespräch. Wissenschaften kann man ja durchaus als etwas verstehen, das dieses menschliche Grundbedürfnis nach Erkunden und Verstehen von Welt systematisiert und kanonisiert hat. Und das ist ja durchaus gut so. Aber wir alle wissen, dass der real existierende Wissenschaftsbetrieb heutzutage nicht unbedingt so strukturiert ist, dass ein Ideal von Muße und Forschen selbstverständlich gelebt werden könnte. Und weil wir das ohnehin alle wissen, muss ich dazu auch gar nicht viel mehr sagen: Wissenschaft und Universität sind keine Systeme, in denen ein kooperatives, einander zugewandtes, durchaus auch kritisches, aber stets wertschätzendes Gespräch an der Tagesordnung wäre. Auch die ‚Überzeugungskraft des besseren Arguments‘ ist erst einmal – aber immerhin – ein Ideal. Auch das wissen wir alle, dass die Überzeugungskraft eines Arguments nie unabhängig ist von dem Status des Sprechers oder der Sprecherin. Auch die Wissenschaft und die Universität sind keine Räume herrschaftsfreier Kommunikation.

Aber vielleicht sollten wir damit aufhören, eigene Erfahrungen dahingehend zu prüfen, ob sie voll und ganz einem Ideal entsprechen. Ob bei der Liebe oder bei der Muße. Vielleicht können wir danach fragen, wo, wann, wie und mit wem wir Facetten oder Elemente von dem, was Liebe sein kann, erleben. Genauso können wir danach fragen, wo, wann, wie und mit wem wir Facetten oder Elemente von so etwas wie Muße in der Wissenschaft bereits erfahren, also eine vermehrte Aufmerksamkeit für Erfahrungen und Erzählungen des Gelingens.

Ich selbst habe das große Glück, und das ist wirklich ein Glück, dass ich seit vielen Jahren mit Menschen und in Teams wissenschaftlich, inter- und transdisziplinär arbeiten darf, wo unabhängig von der disziplinären Zugehörigkeit, unabhängig vom formalen Status innerhalb der Wissenschaft, etwas stattfindet, was dem ‚Ideal der Muße‘ schon sehr nahekommt: Begegnungen in einem Hier und Jetzt, in einem weitgehend bewertungsfreien und nicht leistungsorientierten Raum, wechselseitige Akzeptanz, ein wechselseitiges Lernen, manchmal Staunen, ja, auch so etwas wie eine gemeinsame intellektuelle Lust. Und genau daraus entstehen dialogisch immer wieder Erkenntnisse – Erkenntnisse, die ich individuell nie hätte generieren können. Ich habe auch das Glück, solche Workshops wie vor einigen Monaten an der Universität für Bodenkultur in Wien leiten zu dürfen – zum Thema „Kooperation und Konkurrenz in der Wissenschaft“. Und auf diesem Workshop wurden persönliche Erfahrungen erzählt und es wurde wechselseitig zugehört. Innerhalb von zwei Stunden ist so etwas wie eine gemeinsame Sehnsucht entstanden – nach ein wenig mehr an Begegnung und Kooperation, ja, nach einem Stück mehr gutem Leben in Wissenschaft und Universität.

Ich möchte das jetzt nicht – eben – idealisieren. In diesem Workshop war auch Thema, dass nicht nur ‚die Anderen‘, sondern auch ‚wir selbst‘ zu dem beitragen, was wir uns eigentlich nicht wünschen. Auch mein eigener Alltag ist oft und immer wieder alles andere als ein mußevoller Erkenntnisprozess. Und ich selbst trage dazu bei. Ich stehe ja nicht außerhalb der dominanten Strukturen, ich bin ein Teil derselben. Um in diesen Dominanzen dialogische Erfahrungs- und Erkenntnisräume zu ermöglichen, muss man sie dezidiert schaffen und rahmen. Am besten gemeinsam mit Verbündeten. Das kann durchaus anstrengend sein, auch Widerstände hervorrufen. Aber es lohnt sich.

 

Empfohlene Zitierweise:


Gert Dressel und Marion Mangelsdorf: Muße als Bedingung der Möglichkeit inter- und transdisziplinärer Forschung
In: Muße. Ein Magazin, 5. Jhg. 2020, Heft 2, S. 75-85
DOI: 10.6094/musse-magazin/5,8.2020.75
URL: http://mussemagazin.de/2020/04/musse-transdisziplinaer-forschung/
Datum des Zugriffs: 22.09.2020

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