Wissenschaftlicher Beitrag

Muße als Voraussetzung einer Dialogkultur quer zur zeitgenössischen Alma Mater?!

Marion Mangelsdorf und Doris Ingrisch

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„Dialoge sind umwegig“, schreibt Christina Thürmer-Rohr in Neugier und Askese – Vom Siechtum des dialogischen Prinzips an der Dienstleistungs-Universität. Dialoge „brauchen Zeit. Sie halten auf. Ihr Ausgang ist offen. Die Wege sind nicht planbar, die Einsichten, Faszinationen und Enttäuschungen unerwartet. Im Dialog bewegen Menschen sich wie Fremde. Niemand weiß genau, was geschehen wird. Der Dialog hält nicht Kurs, er wird nicht durch Ziele stimuliert und nicht durch Resultate dirigiert. Er zeigt den einzelnen ihre Grenzen. Er braucht und stiftet Verwirrung. Er begibt sich in Gefahrenzonen. Er vervielfältigt das Feld der Fragen. Er löst die Gesten der Belehrung und Bekehrung ab und wird zum Wagnis für Herrschaft jeder Art.“1


Einem Dialog gleich mäandert dieser Text durch Themengebiete, die der (Un-)Muße in der zeitgenössischen Alma Mater auf der Spur sind. Er begibt sich auf eine Suchbewegung, die sich auf umwegigen Pfaden windet, die zurückzuführen sind auf ein Gespräch im Rahmen der vom Sonderforschungsbereich „Muße. Grenzen, Raumzeitlichkeit, Praktiken“ organisierten Vorlesungsreihe zum Thema „Muße und Wissenschaft“ im Sommersemester 2018. Beginnen wir also den Gang durch unsere gemeinsamen Überlegungen mit einem Blick zurück in die Zeit der platonischen Dialoge. Für den antiken Philosophen wird die Muße, die das Gespräch ermöglicht und rahmt, als basal vorgestellt. So schildert Platons Symposium eine Situation geselliger Muße, in der bei Speisen und Trank leidenschaftlich diskutiert und gemeinsam nachgedacht wird. Im Rahmen dieser Erzählung entwickelt Sokrates in der Wiedergabe eines fiktiven Gesprächs mit der Seherin Diotima eine Vorstellung des Eros als Triebkraft, die hinter allem Verlangen nach dem Schönen, Guten und Wahren stünde. Damit begreift Sokrates den Eros ebenso als Grundlage allen körperlichen Verlangens wie auch allen philosophischen Fragens und Suchens. Der Eros ist demnach die Wurzel eines unstillbaren Verlangens nach Erkenntnis und somit nach wissenschaftlicher Forschung.2

Halten wir für einen kurzen Moment inne, um – angeregt durch Platons Symposium – über unsere von zeitgenössischer ‚Sachlichkeit‘ ausgenüchterten akademischen Praktiken zu reflektieren und uns zugleich mit dem Siechtum sowie den Möglichkeiten ‚des dialogischen Prinzips an der Dienstleistungs-Universität‘ auseinanderzusetzen. Wie, so lautet unsere leitende Frage, lässt sich dieses Prinzip im Hamsterrad universitärer Betriebsamkeit wiedergewinnen? Kaum zu leugnen ist, dass sich das akademische Dasein weit entfernt hat von den im Leitartikel dieses Sonderheftes beschriebenen wissenschaftlichen Muße-Idealen. Ebenso, wie es schwer vorstellbar ist, dass sich das akademische Gespräch im Rahmen einer Tischgemeinschaft oder während des Spaziergangs inmitten mediterraner Haine, von denen noch Platons Academia gesäumt war, in freier, selbstzweckhafter Hingabe ans Denken entfalten könnte. Jedoch, um nicht missverstanden zu werden: Wir möchten uns an dieser Stelle keineswegs in nostalgischen Schwärmereien verlieren. Vielmehr skizzieren wir vor diesem Hintergrund möglichst kontrastreich das inzwischen allzu vertraute Bild einer Universität, in der, wie es die Wissenschaftstheoretikerin Karin Knorr-Cetina in den späten 1990er Jahren in einer ‚Anthropologie der Wissenschaft‘ beschreibt, Erkenntnisprozesse von einem Produktionszwang überformt wurden.3 In den Vordergrund moderner Wissenschaft tritt eine Akkumulation von Wissen, ein Nutzenkalkül, dem zufolge Leistungen zielorientiert vorangetrieben werden müssen. Auf diese Weise begegnen wir im akademischen Kontext inzwischen allenthalben dem Schreckens- und Leitbild eines „kategorischen Imperativs der Gegenwart“4, der da lautet „Handle unternehmerisch“, wie es Ulrich Bröckling treffend in seinem Buch Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform beschreibt. Das bedeutet, dass sich Menschen allezeit kreativ, flexibel, eigenverantwortlich und risikobereit verhalten müssen. Ein Imperativ, der sich auch an Universitäten finden lässt. Was aber geschieht, wenn der Erkenntnisprozess der Orientierung am Erkenntnisprodukt und damit einem „akademischen Kapitalismus“5 weicht? – Lässt sich in Distanz zu einer „Fabrikation von Erkenntnis“6 Muße als Voraussetzung einer Dialogkultur quer zur zeitgenössischen Alma Mater dennoch fördern? Kann dem ‚Siechtum des dialogischen Prinzips an der Dienstleistungs-Universität‘ begegnet werden? Und wenn ja, wie? Die Frage nach dem wie scheint uns in der Tat grundlegend zu sein, denn zunächst gilt festzuhalten, dass die akademische Gesprächskultur nicht allein von den Prinzipien eines akademischen Kapitalismus durchkreuzt wird, sondern ebenso von Hierarchisierungen, die einem gleichberechtigten Dialog zuwiderlaufen.

Wer wird als fähig angesehen, das wissenschaftliche Gespräch voranzubringen? Wer darf sprechen? Wer bestimmt die Rede? Universitäre Hierarchien tragen dazu bei, Ausschlüsse vom Diskurs zu verfestigen, die auf geschlechterdiskriminierenden und eurozentrischen Strukturen beruhen. Ein solches Verständnis haben Karin Hausen und Helga Nowotny in Wie männlich ist die Wissenschaft? näher ausgeführt. Sie haben problematisiert, dass die Wissenschaft einem geschlechtlichen bias unterläge ebenso wie Gayatri Chakravorty Spivak in Outside in the Teaching Machine deutlich macht, dass die Wissenschaft eurozentrisch präformiert sei.7 Das heißt, wenn wir uns dem Dialogischen Prinzip zuwenden, das selbstredend weniger den Monolog, sondern das (interdisziplinäre) Gespräch zu kultivieren vorgibt, fragen wir zugleich danach, in welcher Umgebung dies stattfindet: Zweifelsohne ist es ein von Distinktionen gekennzeichnetes Feld, in dem vielfältige Ausschlüsse provoziert werden. Dem gegenüber möchten wir dem Paradigma von Francis Bacon „De nobis ipsis silemus“8 („Von uns selber schweigen wir“) keine Gefolgschaft leisten. Vielmehr fragen wir nach den Bedingungen der Möglichkeit, sich gegenüber den Hierarchisierungen ebenso wie gegenüber der inzwischen undurchschaubaren Fülle an Wissen und Daten sowie gegenüber einem schwindelerregenden Leistungsdruck und Verwaltungsaufwand auf jeweils individuelle Art und Weise zu positionieren. Das bedeutet, Distanz nehmen zu können, um einem Interesse an intrinsisch motivierten Forschungsfragen überhaupt erst einmal Raum zu geben und der eigenen Stimme im Austausch mit anderen Gehör zu verleihen. Eine solche akademische Dialogkultur, wie wir sie im Weiteren im Anschluss an Martin Buber und David Bohm skizzieren möchten, zielt darauf ab, sich nicht dem Mainstream zu beugen, sondern sich den Phänomenen, die erforscht werden, mit staunender Begeisterung hinzugeben. Muße könnte dann das Potential eröffnen, um ins Staunen zu geraten über das, was uns begegnet, um eine Erkenntnissuche voranzutreiben, die dem Dialogischen zur Entwicklung verhilft.

Dialogkulturen im Kontext der Fabrikation von Erkenntnis

In Die Fabrikation von Erkenntnis beschreibt Karin Knorr-Cetina, wie der Siegeszug von homo faber sich ebenfalls in den Universitäten fortsetzt. Sie fasst die Wissenschaft nicht mit idealisierten epistemologischen Begriffen, sondern sie rekonstruiert diese durch ethnografische Studien aus der „Alltagswelt wissenschaftlicher Handarbeit“.9 Jedoch, so möchten wir hinzufügen, die von ihr in naturwissenschaftlichen Laboren beobachtete Herstellungslogik lässt sich nicht problemlos auf die Universität schlechthin übertragen. Das gilt es zu beachten, auch wenn die Herstellungslogik nicht nur in der „Manufaktur der Natur“10 wie sie in den Natur- und Technikwissenschaften vorangetrieben wird, zu finden ist, sondern ebenso die Erkenntnissuche in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften infiltriert hat. Dieser um sich greifenden Herstellungslogik und der mit ihr einhergehende Ergebniszwang steht jedoch ein Motiv entgegen, das sich in fataler Weise tief in das Selbstbild eines Großteils der fleißigen „Arbeiter*innen“ im Dienste des Wissens eingeschrieben hat: Nämlich, dass sie Berufene seien, die durchaus mußevoll an ihren Schreibtischen hinter Bücherbergen sinnierend Wissenschaft betreiben könnten. Auch wenn die Bücherberge heutzutage nicht selten den Laboren gewichen sind, gehört es zum inneren Selbstwiderspruch in der Wissenschaft, trotz der skizzierten widrigen Strukturen am Ideal der Wissenschaft als Berufung festzuhalten und sie gerade nicht als schnöde Erwerbsarbeit zu begreifen.

In Wie männlich ist die Wissenschaft? beleuchteten Karin Hausen und Helga Nowotny darüber hinaus, wie sich die akademische Infrastruktur vollends von den Lebenswelten und Verpflichtungen des Alltags entkoppelt und damit eine Vorstellung von Menschen, die sich an den Universitäten einzig der Wissenschaft hingeben würden, herausgebildet hat. Helga Nowotny spricht in diesem Zusammenhang vom „Mythos der Unvereinbarkeit der Wissenschaft“11, der besagt, dass diese einzigartige Berufung nur unter Ausschluss aller anderen Lebensbereiche betrieben werden könne und der ungeteilten Loyalität ihrer Mitglieder bedürfe. Frauen würden damit aufgrund der ihnen gesellschaftlich zugeschriebenen Rollenerwartungen und lebensweltlichen Verpflichtungen per se ausgeschlossen. Auch wenn Geschlechtervorstellungen, wie diese, dass Frauen die emotionale Fürsorge im privaten, Männern die intellektuelle Verantwortung im öffentlichen Bereich zukomme, im Wandel sind, so unveränderlich erweist sich doch der, von Nowotny beschriebene ‚Mythos der Unvereinbarkeit von Wissenschaft‘. Das erschwert Frauen nach wie vor die Beteiligung am akademischen Leben, ebenso wie es Männern mehr oder minder verunmöglicht wird, sich von den an sie gestellten Erwartungen im akademischen Kontext zu emanzipieren. Solange sich das Diktum hält, Wissenschaft verlange ungeteilte Aufmerksamkeit, wobei Alltagsaufgaben, Haushalt, Fürsorge für Kinder oder andere Personen, also alle über die Wissenschaft hinausgehenden Interessen hier keinen Platz hätten, ihn nicht haben dürften, solange bleibt wenig Spielraum, strikt dichotom angelegte Geschlechtervorstellungen zu verändern. Mit der Setzung von Wissenschaft als Berufung geht es gerade nicht darum, Freiräume und Eigensinn zu befördern, sondern darum, ganze Lebenskonzepte, die sich um eine Öffnung des sogenannten Elfenbeinturms der Wissenschaft bemühen, aus der Institution auszuschließen. Ist Wissenschaftler*innen dies nicht bewusst, sind Konflikte, die nach wie vor aus diesen Ansprüchen erwachsen, nicht zuordenbar. Verunsicherung und Zerrissenheit entsteht. Dies zehrt an den Lebenskräften. Wie kann dieser Zerrissenheit widerstanden werden?

Feministische und gendertheoretische Epistemologien ebenso wie kritische Hochschulforschung fragen danach, welche Akteur*innen wie Wissen herstellen. Wer und was wird in diesen Prozessen eingeschlossen, wer und was ausgeschlossen? Aus welchen Gründen? Das sind nach wie vor zentrale Fragen. Dabei ist klar, dass es um eine Balance gehen muss, gewissen institutionellen Erfordernissen zu genügen, um nicht herauszufallen, gleichzeitig aber zu fragen: Inwieweit darf ich mich als (nicht) arrivierte Wissenschaftler*in in Neues hineinwagen und Erstarrtes hinterfragen? Wie kann ich die mir jeweils zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nutzen und gleichzeitig anders ausformen? Die Literaturwissenschaftlerin bell hooks, Verfechterin feministischer und antirassistischer Ansätze, setzt bei der Lehre an, um ein verändertes Wissenschaftsverständnis zu etablieren. Dialogische Formate gehören dabei für sie zum elementaren Bestandteil der Auseinandersetzung. Lehren bedeutet für bell hooks kein Welt-Erklären, sondern stellt für sie eine Einladung zum kritischen Denken dar: “Learning and talking we break with the notion that our experience of gaining knowledge is private, individualistic, and competitive”.12 Denken versteht sie als eine Form des Handelns. Es geht darum, zu hinterfragen, zu suchen, den Forschungsprozess miteinander zu teilen und gemeinsam eine „learning community13 zu werden. Das heißt ebenfalls, einander zu unterstützen, die eigene Stimme zu erheben. Mit anderen Worten: Es geht darum, Nischen aufzuspüren, Räume zu schaffen, in denen ein Miteinander auf Augenhöhe möglich ist, auch wenn das vielleicht bedeutet, einen vermeintlich sicheren Boden zu verlassen. Hier spielt die Muße eine wesentliche Rolle, denn das bedeutet, sich Zeit und Raum füreinander und für sich selbst zu nehmen, dafür, Prioritäten zu setzen. Dabei kann die Muße als Prüfstein verstanden werden, der uns vor die Frage stellt, ob wir nur frei sind von: entfremdeter Arbeit, ungestillten Bedürfnissen, Fremdbestimmung, Willkür, Rollenerwartungen, Zwang, Hierarchie, Routine und Konflikten, oder ob wir auch frei sind zu: selbstzweckhaftem Tun, Offenheit, Unbestimmtheit, Gelegenheiten, Handlungsmöglichkeiten, Selbstverwirklichung, geselligen Formen des Sozialen, Ausnahmen, Friede und Ruhe.14 Um sich sowohl dieser Formen eines frei seins von, d.h. einer negativen Freiheit, ebenso wie eines frei seins zu, d.h. einer positiven Freiheit, annähern zu können, ist Muße von entscheidender Bedeutung und dies gerade auch in der Alltagswelt „wissenschaftlicher Handarbeit“15.

Dialog als Element mußevollen Agierens in der Alma Mater

bell hooks betont: “The future of learning lies with the cultivation of conversation, of dialogue”.16 Im Gespräch, im Dialog wird Macht und Wissen geteilt, kann eine Auseinandersetzung mit einer dominierenden Geschichte und der Vielfalt von Geschichten vorangebracht werden. Dies ist ein Prozess, der als Basis für eine vielfältige Ausgestaltung von Forschungspraktiken begriffen werden kann. Es geht darum, um mit Christina Thürmer-Rohr und Laura Gallati zu sprechen, „am Thema zu bleiben: nach Wesentlichem [zu] suchen, auf Wesentlichem [zu] bestehen. Es ist auch die Entscheidung, gegenwärtig zu sein und zugleich das zu bewahren, was in der Zeit vergangen ist. Denken braucht nicht nur die Gegenwartserfahrung, sondern braucht Gedächtnis – jenen bevölkerten Raum der Vergangenheit, in dem Trümmer und Perlen zu finden sind. Nicht nur im zeitlichen Nacheinander, sondern im räumlichen Nebeneinander tun sich geistige Parallelen zwischen Gegenwart und Vergangenheit auf. Das Gedächtnis steht quer zur Zeit.“17

Im zeitgenössischen Kontext hat der Religionsphilosoph Martin Buber ebenso wie der Quantenphysiker und Philosoph David Bohm wesentliche Impulse für die Entwicklung der Dialogmethode im 20./21. Jahrhundert gesetzt.18 Sie verstehen den Dialog als Gesprächsmethode und Form der Wissenskommunikation, in der ein gemeinsames Lernen im Vordergrund steht. Diese Methode, die für Individuen ebenso wie für Organisationen offensteht und für alle Formen des Wissens Raum bietet, fokussiert also nicht ausschließlich auf den akademischen Kontext. Dialog ist danach ein ‚tool‘, das historisch gesetzte Grenzen zwischen wissenschaftlichem und lebensweltlichem Erfahrungswissen oder auch zwischen wissenschaftlichen und künstlerischen Ausdrucksformen zu überschreiten vermag. Dabei finden nicht nur verbalsprachliche Aspekte des Gesprächs Beachtung, sondern es werden ebenso verschiedene Formen der Wahrnehmung (aisthesis) und Artikulation miteinander in Verbindung gesetzt. Mit anderen Worten: Neue, auf Prozesshaftigkeit beruhende Denkweisen können mit dialogischen Methoden erschlossen werden.

Im Dialog haben wir die Chance, unser Bewusstsein zu erweitern und Verantwortung für unser Denken zu übernehmen. Dieser Ansatz zielt darauf ab, den Fokus auf das Erfassen von Zusammenhängen, statt auf das Trennen und Zerteilen wie in der Diskussion – von lateinisch discutere: zerschlagen und zertrümmern – zu legen. Zumindest in der Weise, wie Martin Buber und David Bohm den Dialog verstehen, soll durch das Aussetzen von vorgefassten Werturteilen, nicht-hegemonialen Wissensformen Anerkennung gezollt werden, sodass Menschen ebenbürtig miteinander in Kontakt treten können. Dadurch fordert das Dialogische Prinzip Machtverhältnisse heraus, wie sie etwa Vandana Shiva in Reductionist Science as Epistemological Violence oder Shannon Sullivan und Nancy Tuana in Race and Epistemologies of Ignorance beschreiben.19 Sich dieser epistemologischen Ignoranz und Gewalt zu widersetzen, ist für das dialogische Denken entscheidend, weil es gerade eine Ordnung aus dem Dazwischen der beteiligten Positionen gewinnen möchte. David Bohm fasst die Bedeutung dieses Umgangs folgendermaßen: “To take part in truth we must see our part in it. There are no ‘good guys’ and ‘bad guys’ separate from ourselves. As members of modern society, we all participate in creating the forces that give rise to what exists, both what we value and what we abhor.”20 Im Dialog tragen somit alle Beteiligten Verantwortung für das Gespräch. Positionen wie Gewinnen versus Verlieren, sich im Gespräch mit der eigenen Meinung durchsetzen oder eben ignoriert werden, werden in diesem Setting obsolet. “In a dialog, everybody wins.”21 Der Dialog öffnet den Raum für ein Denken im Und. Selbst das Zeitgefühl verändert sich. Sich dem Rhythmus des Gesprächs zu überlassen, transformiert die Zeiterfahrung von einer sequenziellen, chronologischen zu einer Eigenzeit. Dabei kann der Gedankengang des eines “participatory thought” annehmen, bei dem Grenzen als permeabel verstanden und von einer „Relatedness“ der Dinge zu- und miteinander ausgegangen wird. Hier kommt eine andere Haltung als im Modus des wörtlichen Denkens – “literal thought” – zum Ausdruck, das uns in den Glauben versetzt, Worte seien in der Lage wiederzugeben, wie etwas ist. Damit steht selbst der Wirklichkeitsbegriff und das ihm zugrunde liegende Weltbild zur Disposition: Bewegen wir uns in einem mechanistischen Denkgebäude? Oder korrespondiert unser Weltbild mit einer – wie es David Bohm vor Augen stand – quantenphysikalisch motivierten Philosophie, welche innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses nicht die Erlangung von Konvergenz und Objektivität, sondern die Ermöglichung einer auf Wechselseitigkeit beruhender Divergenz und damit die potentielle Schaffung von Kontingenz zentral setzt?

Die Physikerin und Gender in Science and Technology Studies (STS) Forscherin Karen Barad spricht darüber hinaus von Interferenz und überträgt das physikalische Phänomen auf soziale Fragen: „Interferenz bezeichnet das physikalische Phänomen der Überlagerung von Wellen, die sich an bestimmten Stellen verstärken oder aufheben. Es bilden sich Interferenzmuster, in denen Unerwartetes sichtbar und scheinbar Selbstverständliches verschwinden kann. Karen Barad hat diesen Begriff (…) aufgegriffen, um eine Prozessualität zwischen Lebens- und Wissensformen zu denken, die weder nach einer Ausschließungs- noch nach einer Logik der Ermächtigung funktioniert und bei der Verletzbarkeit als eine ontologische Dimension des Lebendigen gedacht wird, ohne sie sofort in identitäre Muster zu überführen.“22 Denken im Dialog, so ließe es sich in Anschluss an Barad formulieren, lässt Interferenzen hervortreten, wodurch scheinbar Selbstverständliches aufgelöst werden kann. Es geht darum, Gedankenmuster nicht zu reproduzieren, sondern Unerwartetes zu ermöglichen. Martin Buber beschreibt dies wie folgt: „Geist in seiner menschlichen Kundgebung ist Antwort des Menschen an sein Du. Der Mensch redet in vielen Zungen, Zungen der Sprache, der Kunst, der Handlung, aber der Geist ist einer, Antwort an das aus dem Geheimnis erscheinende, aus dem Geheimnis ansprechende Du. Geist ist Wort. Und wie die sprachliche Rede wohl erst im Gehirn des Menschen sich worten, dann in seiner Kehle sich lauten mag, beides aber sind nur Brechungen des wahren Vorgangs, in Wahrheit nämlich steckt die Sprache nicht im Menschen, sondern der Mensch steht in der Sprache und redet aus ihr, – so alles Wort, so aller Geist. Geist ist nicht im Ich, sondern zwischen Ich und Du. Er ist nicht wie das Blut, das in dir kreist, sondern wie die Luft, in der du atmest. Der Mensch lebt im Geist, wenn er seinem Du zu antworten vermag. Er vermag es, wenn er in die Beziehung mit seinem ganzen Wesen eintritt. Vermöge seiner Beziehungskraft allein vermag der Mensch im Geist zu leben.“23

Im Dialog denken heißt, sich in den Bereich des bisher Ungedachten zu begeben. Buber spricht von Geist, der „Antwort [ist] an das aus dem Geheimnis erscheinende, aus dem Geheimnis ansprechende Du.“24 Es geht, wie bereits angedeutet, nicht, obwohl auch das mitunter sehr wichtig ist, darum, die eigene Position entschieden zu vertreten. Vielmehr zielt die Dialogmethode darauf ab, zu neuen Sichtweisen, neuen Einsichten zu gelangen. William Isaacs nennt es die Kunst, gemeinsam zu denken25. Das Potential, die Macht eines solchen gemeinsamen Gesprächs hängt von der entsprechenden Intention wie der dahinterstehenden Haltung ab. Der Bezug auf die/den/das Andere/n, die Bereitschaft, den Fokus auf Interferenzen zu legen, eröffnet neue soziale und politische Dimensionen. Die Bedeutung des Du für das Ich anzuerkennen, ermöglicht, neue Arbeits- und Lebensweisen. Sie markiert den Wechsel von einer Ich-Es-Beziehung zu einer Ich-Du-Beziehung, um noch einmal auf Martin Buber Bezug zu nehmen. Er betrachtete alles wirklich Lebende als Begegnung, als Beziehung in der Gegenwart. Das Denken in Begegnungen befürwortet ein gegenseitiges Erleben und ein intensives Kommunikationsniveau – auf einer gleichberechtigten Ebene. Aus dem Anspruch des Beherrschens wird die Qualität des Anteilnehmens. Eine Qualität, die in der Lage ist, Ordnungen ohne hierarchische Wertzuschreibungen herzustellen. Ein wesentliches Prinzip der Dialogpraxis ist dabei der Respekt – Respekt für die anderen, für sich selbst und Respekt vor den Unterschieden. Einen solchen Respekt gilt es erst (wieder) zu entwickeln.

Im so verstandenen Dialog tritt das sich im Dazwischen Befindliche, das Inbetween, in den Fokus.26 Unser Sprachgebrauch zielt vielfach auf ein Festschreiben, nicht auf ein Denken in Veränderung. Feststellungen werden jedoch sehr schnell zu Bewertungen und diese laufen Gefahr zur Wirklichkeit stilisiert zu werden. Das Dialogische Prinzip ist eines, in dem das Und wirkt. Denn was ist für wen, wo, wann richtig oder falsch? Sich der eigenen Denkmuster zunächst einmal bewusst zu werden, um auch andere wahrnehmen zu lernen, regt einen Perspektivenwechsel an, kratzt an vermeintlichen Sicherheiten und Gewissheiten. Die Grenzen unseres Denkens werden in der Schwebe gehalten. Donald Schön prägte dafür den Begriff ”reflection in action” und verband damit die Anregung, die eigenen Denkprozesse zu beobachten.27 Was damit befördert wird, ist ein Bewusstmachen dessen, was gerade ist, ein Bewusstmachen des Gedankenstroms und der ihn auslösenden Impulse. Dabei wird auf Bewusstseinsstrukturen rekurriert, aus denen heraus die Welt erfahrbar ist. Insbesondere im akademischen Kontext, in dem das Ansehen und der Status oft dadurch gefestigt wird, Antworten sofort und scheinbar zweifelsfrei geben zu können, gesichertes Wissen zum Ausdruck zu bringen, stellt das Innehalten, das Suspendieren vorschneller Antworten eine enorme Herausforderung dar. In der dialogischen Praxis gibt es, anders als in der gewöhnlichen, weithin verbreiteten gesellschaftlichen Praxis, ein Commitment darüber, wie wir uns in der Welt bewegen wollen. Es ist eine bewusste Entscheidung, einen anderen – vielleicht sogar mußevoll zu nennenden – Umgang mit sich, den anderen und der Welt zu kultivieren. Gadamer bezeichnet ein solches Vorgehen, das sich der eigenen Vorannahmen und Werturteile im Prozess des Verstehen-Wollens dem/der Anderen bewusst macht, auch als „hermeneutischen Zirkel28. Bestenfalls lässt sich dieses Um-Verständnis-Kreisen als Spiralbewegung beschreiben, aber dieser hermeneutische Prozess endet niemals, da es kein vollständiges Verständnis von dem/der Anderen geben kann. Eine Neubewertung der immer auch mit Genderkonnotationen versehenen Sinne, wie sie Mark Michael Smith in Sensing the Past. Seeing, Hearing, Smelling, Tasting and Touching in History näher beschreibt29, wird angeregt, die Aktiv-Passiv-Dichotomie samt deren Implikation von Tun und Nicht-Tun werden in Frage gestellt. Sich der Genderkonnotationen bewusst zu werden, bedeutet sodann: das Sprechen nicht mehr länger nur als aktiv führende, männlich dominierte Geste und das Zuhören als passive, dem Weiblichen zugeordnete Tugend zu beurteilen. Zuhören im dialogischen Sinn heißt, an Vorverständnissen, Klassifikationen und Projektionen vorbei wahrzunehmen, was gesagt wird. In dieser Art und Weise fordert Zuhören Partizipation heraus. Das Prinzip des Dialogs kann dementsprechend in eine selbstreflexive Haltung, ein sensibles Ohr für die eigenen ebenso wie für die Denkmuster der/des Anderen übersetzt werden. Es entspricht und folgt einem aufrichtigen Verstehen-Wollen, setzt einen hermeneutischen Zirkel allererst in Gang.

Epilog

Mit diesem Beitrag haben wir mittels einer Suchbewegung danach gefragt, ob sich Muße als Voraussetzung einer Dialogkultur in der akademischen Erkenntnisfabrikation fruchtbar machen ließe. Gleichzeitig haben wir uns mit den der Wissenschaft innewohnenden Machtstrukturen und ihrer epistemologischen Ignoranz und Gewalt befasst, die dem hier vorgeschlagenen Verständnis von Dialog widerstreben. Dieser Aspekt ebenso wie der kategorische Imperativ ‚Handle unternehmerisch‘, der auch in Universitäten Einzug gehalten hat und Erkenntnisse zu „Bildungsprodukten“30 erstarren lässt, steht einer universitären Dialogkultur entschieden entgegen. Eine Antwort, ob sich Muße dennoch als Voraussetzung eines Dialogischen Prinzips fruchtbar machen ließe, kann aus unseren Ausführungen kaum gewonnen werden, allenfalls konnten wir einen Geschmack davon geben, was es bedeuten könnte, der Muße und damit dem von uns anvisierten akademischen, auf Gleichberechtigung aufbauenden Gespräch Raum zu geben. Unter den vorherrschenden Arbeitsbedingungen der Wissenschaft bleiben solche Konzepte nur schwer vorstellbar, lässt sich ein solches Muße-Bestreben doch nur anvisieren, wo Schutzräume des Vertrauens geschaffen, der Respekt vor dem/der Anderen sich entfalten und jenseits prekärer Strukturen ein staunendes Einlassen auf die Welt, auf sich und auf andere möglich wäre. Dennoch oder trotzdem ist es unseres Erachtens notwendig, Gelegenheiten und Rahmenbedingungen zu schaffen, um solcherart Freiräume der Muße zu ermöglichen: So fand in Rückbezug auf Platons eingangs kurz beschriebenes Symposium im Rahmen der Tagung Verkörperte Muße. Interdisziplinäre Perspektiven auf das Verhältnis von Körper, Leib und Muße ein performatives und musisch gerahmtes „Gastmahl“ statt. Ebenso integrierte die Tagungstrias Wissenschaftskulturen im Dialog, die in den Jahren 2013, 2015 und 2016 an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien (mdw) Raum fand31, eine Reihe von gelungenen Gesprächsformaten – insbesondere im Austausch zwischen Wissenschaftler*innen und Künstler*innen. Bei den genannten Veranstaltungen zeichneten die beiden Autorinnen mitverantwortlich, um mit solcherart Interventionen im Sinne von Thürmer-Rohr ‚am Thema [zu] bleiben‘, um dem ‚Siechtum des dialogischen Prinzips an der Dienstleistungs-Universität‘ entgegenzuwirken und die Wissenschaft lebendig zu halten. Denn „Leben heißt inter esse – unter Menschen weilen, zwischen Menschen sein, mit Menschen zu tun haben: Leben als politische Existenz verstehen, Dialog. Sprechen ist nicht Befehlen, Hören nicht Gehorchen. […] Im Sprechen geben wir Anderen und geben Andere uns Aufschluss darüber, wer wir sind und wer sie sind. Im Miteinander sprechen baut sich erst die Welt und die Welterfahrung auf. Da Welt sich jedem anders zeigt, wird sie nur in dem Maße verständlich, als Viele miteinander über sie reden und ihre Meinungen, ihre Perspektiven miteinander und gegeneinander austauschen. Erst in der Freiheit des Miteinanderredens entsteht überhaupt die Welt als das, worüber gesprochen wird.“32 – Wissenschaft, die auf diese Form des vitalen Dialogs, dem Zuhören und Austausch nicht (mehr) basiert, beraubt sich der elementaren Grundlagen ihrer selbst: Der Muße, dem Staunen über die Welt, der Kontingenz und der niemals zu stillenden Liebe zur Erkenntnissuche.

Empfohlene Zitierweise:


Marion Mangelsdorf und Doris Ingrisch: Muße als Voraussetzung einer Dialogkultur quer zur zeitgenössischen Alma Mater?!
In: Muße. Ein Magazin, 5. Jhg. 2020, Heft 2, S. 65-73
DOI: 10.6094/musse-magazin/5,8.2020.65
URL: http://mussemagazin.de/2020/04/musse-als-voraussetzung-einer-dialogkultur-quer-zur-zeitgenoessischen-alma-mater/
Datum des Zugriffs: 04.07.2020

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