Wissenschaftlicher Beitrag

Es war einmal eine Fröhliche Wissenschaft

Zur Funktion von Muße und akademischer Freiheit für die Entstehung der Universitäten und Intellektuellen in Europa

Marcel Bubert


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Radulphus Brito, ein Philosoph an der Pariser Universität, schrieb gegen Ende des 13. Jahrhunderts über seine Wissenschaft: „Die Philosophie macht nämlich den Menschen frei. Denn […] frei ist das, was um seiner selbst willen besteht und nicht für etwas anderes da ist“.1 Die Philosophie verschafft für Radulphus „Freiheit“, weil sie nur um ihrer selbst willen betrieben werde und keinem äußeren Zweck diene. In diesem, auf die Selbstgenügsamkeit seiner Disziplin bezogenen Sinne hält der junge Magister fest: „Ebenso ist es in der Wissenschaft, denn eine Wissenschaft, die für sich selbst (propter se) besteht, ist frei; eine Wissenschaft jedoch, die auf etwas anderes als auf Wissen hingeordnet ist, ist sklavisch. Da aber die Philosophie lediglich für das Wissen da ist (tantum propter scire), so ist also die Philosophie, ebenso wie ihr Besitzer, frei“. Ein solches Konzept von ‚akademischer Freiheit‘, das hier in eher abstrakter Form begegnet, haben andere Denker zum Anlass genommen, konkretere Konsequenzen für die Arbeitsfelder der Wissenschaft zu ziehen. Ungefähr zur selben Zeit diskutierte ein Kollege des Radulphus, der Magister Johannes Vath, die Frage, ob sich Philosophen mit Politik befassen sollten. Seine Antwort fällt wie folgt aus: „Dazu ist nein zu sagen. Denn Herrscher haben viele Sorgen über weltliche Probleme. Ein Philosoph aber beschäftigt sich mit derartigen Dingen nicht, sondern ausschließlich mit dem, was die philosophische Theorie (speculatio) betrifft“.2

Über die Ausrichtung und den Zweck ihrer Wissenschaft machten sich die mittelalterlichen Scholastiker bereits in der Frühzeit der europäischen Universitäten intensive Gedanken.3 Dass die Frage nach der Legitimation des gelehrten Wissens dabei immer wieder Thema dieser Selbstreflexionen wurde, hängt nicht zuletzt mit der spezifischen sozialen Organisation der Universitäten zusammen, die seit den Jahren um 1200 in verschiedenen Städten Europas wie Oxford, Cambridge, Paris, Toulouse oder Bologna entstanden waren. Als genossenschaftliche Schwureinungen (conjurationes) wurden die ersten Universitäten nicht im engeren Sinne von Obrigkeiten gegründet, sondern entstanden als freie Zusammenschlüsse von Magistern und/oder Scholaren nach den Prinzipien der Autonomie und Autokephalie. Dies hatte zunächst ganz einfach zur Folge, dass weder die Posten und Ämter innerhalb der Universität, wie Rektoren oder Dekane, noch die Lehrinhalte und „Prüfungsordnungen“ von Königen, Fürsten, Bischöfen oder Päpsten, sondern allein von den Universitätsmitgliedern selbst in Prozessen kollektiver Entscheidungsfindung bestimmt wurden. Erhielten die Universitäten zwar mitunter weitreichende Privilegien von königlicher oder päpstlicher Seite, so standen sie jedoch keinesfalls im Dienst eines äußeren Herrn oder Systems. Bis ins späte 13. Jahrhundert jedenfalls forderte der König von Frankreich so gut wie keine Gegenleistung für den Schutz und die finanziellen Privilegien, die er der neuartigen Organisation des studium gewährte. Das Prestige, das mit der Universität Paris als wissenschaftlichem Zentrum der Philosophie und Theologie verbunden war, reichte dem Herrscher offenbar aus.4

Die Freiheit im Inneren, die sich daraus ergab, barg in der Tat ein enormes kreatives Potential. Dies bedeutet nicht, dass die Universität ein abgeschotteter Rückzugsort indifferenter Freigeister gewesen wäre, die in gänzlich sorgloser Müßigkeit auf ihren nächsten Einfall warteten. Der Leistungsdruck der Scholastiker konnte durchaus massiv werden, aber dieser Motor geistiger Produktivität beruhte vor allem auf der inneren Dynamik der gelehrten Konflikte, Konkurrenzen und Abgrenzungen zwischen den verschiedenen Fakultäten, Denkrichtungen und „Schulen“ der Universität. Mit anderen Worten: Gerade weil die Universität aufgrund ihrer besonderen Organisation einen privilegierten und innerhalb der Strukturen einer stratifizierten Gesellschaft relativ ‚autonomen‘ Freiraum der Wissenschaft bereitstellte, konnten mittelalterliche Gelehrte die Muße finden, sich vollends dem eigensinnigen Spiel einer spezifischen Debattenkultur in der akademischen Welt zu überlassen. Philosophen hatten jede Menge Zeit, untereinander über wissenschaftliche Probleme zu streiten, die mit den praktischen Problemen der Welt jenseits der Universität nur indirekt oder gar nichts zu tun hatten. Die Frage, warum ein Wurfprojektil eigentlich weiterfliegt, nachdem es die Hand des Werfers verlassen hat, bewegte die Gemüter ebenso heftig wie die Definition des menschlichen Intellekts, die Klassifikation der Tiere, das Verhältnis von Sprache und Realität, die Reichweite der Allmacht Gottes oder das Problem, ob Prostituierte beim Sex eigentlich noch Lust empfinden. Dynamisch wurden diese Debatten dadurch, dass sehr verschiedene Antworten möglich waren, die sich gegeneinander ins Feld führen ließen, Anlass zum gelehrten Streit boten und damit die stetige Weiterführung der Kommunikation anregten. Die sozial organisierte und politisch geförderte ‚Muße‘ der Gelehrten, so ließe sich sagen, begünstigte die Entstehung einer agonalen Debattenkultur in der Universität und damit die „Selbsterzeugung“ (autopoiesis) des wissenschaftlichen Systems.

Dafür, dass sich ‚Wissenschaft‘ als ein eigenständiger Kommunikationszusammenhang im Laufe des 12. und 13. Jahrhunderts herausbilden konnte, war die verhältnismäßig ausgeprägte ‚Muße‘ des akademischen Betriebs zweifellos konstitutiv. Die frühe Ruhephase ermöglichte die Konsolidierung eines gelehrten Feldes, das durch die damit verbundenen institutionellen Verstetigungsprozesse für spätere Herausforderungen, auf die noch zurückzukommen sein wird, gewappnet war. Der genossenschaftliche Zusammenschluss der Lehrenden und Lernenden (universitas magistrorum et scholarium), der die Gelehrten als eigenständige, nach außen abgegrenzte „soziale Gruppe in der Ständegesellschaft“ (Otto Gerhard Oexle) etablierte, die sich mit selbst formulierten Statuten organisierte und durch intern bestimmte Vertreter gegenüber ihrer Umwelt repräsentierte, darf als wesentliche Voraussetzung dafür gelten, dass ein solcher, vor äußeren Zugriffen weitgehend geschützter, Denk- und Kommunikationsraum der frühen Wissenschaftsentwicklung entstehen konnte.

In der Tat hielt der Denkraum der akademischen Frühgeschichte gleichsam epistemische Nischen bereit, in denen sich Disziplinen entfalten konnten, die „für sich selbst“ (propter se) bestanden und offenbar nur auf das Wissen um des Wissens willen hingeordnet waren. Philosophische Metaphysik, Naturphilosophie und theoretische Mathematik zählten zu den Bereichen, an die Radulphus Brito mit seinen Bemerkungen dachte, aber auch die Logik und die Sprachphilosophie entwickelten sich zu gelehrten Feldern, in denen sich in hohem Maße ‚selbstreferentielle‘ Diskussionen entfalteten. Diese konnten bemerkenswert innovative, ja sogar erschreckend ‚moderne‘ Resultate zeitigen: Was die Denker des 13. Jahrhunderts über Zeichentheorie und Grammatik schrieben, ist von der Semiotik und der Sprechakttheorie des 20. Jahrhunderts mitunter nicht weit entfernt; einschlägige Neuerungen, welche die Magister im Bereich der philosophischen Logik erzielten, zählten schon für die Zeitgenossen explizit zur logica modernorum. Die Scholastik, also jene Form akademischer Philosophie und Theologie, welche die Universitäten Europas fortan bis weit in die frühe Neuzeit dominieren sollte, war in diesem Sinne durchaus eine „fröhliche“ Wissenschaft. Frank Rexroth hat dafür jüngst den Begriff der „Fröhlichen Scholastik“ geprägt.5

Auf eine bestimmte Weise fröhlich und müßig war die kulturelle Praxis der Universitätsmitglieder aber nicht nur im engeren Sinne einer ‚Lust‘ am freien Debattieren und Lernen. Als totales soziales Phänomen (Marcel Mauss) schloss das Studium an den Hohen Schulen auch gemeinsames Wohnen und Freizeitaktivitäten ein. Besonders die jungen Scholaren waren in den Straßen der Städte mitunter lautstark präsent, was zu nicht unbeträchtlichen Spannungen mit der restlichen Stadtbevölkerung führte. Zeitgenössische Kritiker klagen über umherziehende junge Männer, die sangen, tranken, randalierten und die ganze Stadt in Unruhe brachten. Diese Scholaren hatten offenbar genügend Freizeit, um neben den Schulen auch ausgiebig die zahlreichen Kneipen der Städte, ja sogar die Bordelle zu frequentieren. Der Prediger Jacques de Vitry hat in einer berühmt gewordenen Polemik zu Beginn des 13. Jahrhunderts den Lärm kritisiert, den die Disputationen der Gelehrten in der einen, die Streitigkeiten der Prostituierten hingegen in der anderen Etage ein und desselben Gebäudes machten. Die für den Rest der Stadtbewohner offen sichtbare und zur Schau gestellte Freizeitgestaltung der Scholaren war für viele eine Provokation, da dieser zwanglose Lebensstil unweigerlich den Eindruck einer unverhältnismäßigen Müßigkeit evozierte. Als Mitglieder einer gemeinwohl- und praxisorientierten Wissenskultur definierten sich die Gruppen der hochmittelalterlichen Stadtkultur immer auch über ihren jeweiligen Beitrag zum sozialen Ganzen. Die Gruppe der scholares aber fiel ihren städtischen Nachbarn zunächst vor allem durch eine legere und unbekümmerte Lebensführung auf, deren konkreter Nutzen für die Gemeinschaft kaum ersichtlich war.6

Das Spannungsverhältnis, das zwischen der fröhlichen universitas und ihrer städtischen Umwelt bestand, deutet bereits darauf hin, dass die ‚Freiheit‘ einer sich selbst genügenden akademischen Subkultur in der mittelalterlichen Gesellschaft keinesfalls unumstritten war. Eine Philosophie, die „nur um des Wissens willen“ (tantum propter scire) da ist, aber keinen praktischen Nutzen vorweisen kann, musste zwangsläufig unter einen Rechtfertigungsdruck geraten. Waren die Muße der Gelehrten und die organisatorisch gewährleistete Autonomie der Universität in der formativen Phase des Wissenschaftssystems unabdingbar konstitutive Voraussetzungen, so wurde die junge scholastische Gelehrtenkultur gleichzeitig mit einer gesellschaftlichen Relevanzerwartung konfrontiert, auf die sie langfristig reagieren musste. Die Einsicht, dass die nicht zu übersehende Selbstreferentialität der akademischen Debatten irgendwie argumentativ begründet und legitimiert werden musste, weil ein vollends weltfremdes Glasperlenspiel kaum ohne weiteres auf Akzeptanz stoßen würde, machte sich daher im Laufe der Jahrzehnte zunehmend in den Reflexionen der Scholastiker bemerkbar. Die Legitimität der gelehrten Muße und der akademischen Freiheit verlangte eine Erklärung.

Theologen wie Heinrich von Gent oder Gottfried von Fontaines stellten sich am Ende des 13. Jahrhunderts die Frage, ob es überhaupt gerechtfertigt sei, nach dem Studium als Magister an der Universität zu bleiben, statt in die Heimat zurückzukehren, um das erworbene Wissen dort zum Nutzen der Mitmenschen praktisch anzuwenden. Die Diskussion solcher Fragen im Rahmen öffentlicher Disputationen, deren Themen frei gewählt wurden und die prinzipiell jedes beliebige Problem adressieren durften, zeugt bereits von einem Bewusstsein davon, dass die gesellschaftlich gewährte und institutionell verankerte Fröhlichkeit der gelehrten Lebensform nicht per se über jeden Zweifel erhaben war, sondern sich mit der Frage nach ihrer Legitimation auseinandersetzen musste.7

Die Antwort, welche die Theologen gaben, war einfach, aber in ihrer Struktur durchaus signifikant: Die Gelehrten seien berechtigt, so hieß es, dauerhaft ihrer Wissenschaft nachzugehen, da sie draußen in der Welt zwar einzelnen Personen, als Theologen an der Universität aber mit ihren Erkenntnissen der gesamten Christenheit nutzen konnten. Die Muße des von den praktischen Pflichten der Gemeinschaft entbundenen Erkenntnisstrebens wird hier also mit dem indirekten Nutzen begründet, den die akademische Theologie als Wahrheitswissenschaft für die Menschen haben würde. Als Begründung für einen langfristigen Verbleib an der Universität kamen solche Argumente einigen Studierten gerade recht. Die Notwendigkeit, die Universität nach dem Examen möglichst schnell wieder zu verlassen, um eine Karriere in der Welt zu verfolgen, verspürten manche Absolventen offenbar überhaupt nicht mehr. Magister wie Petrus von Auvergne, Heinrich von Brüssel, Radulphus Brito oder später Johannes Buridan blieben mitunter jahrzehntelang an der Universität, um an einer Vielzahl philosophischer Themen zu arbeiten und über sie zu lehren. Der „magister per longa tempora“ wurde – auch als stolze Selbstbezeichnung – ein kultureller Rollentypus der akademischen Welt.

Die Denkfigur, die in der skizzierten Argumentation sichtbar wird, begegnet seit diesen Jahren immer häufiger im Umfeld der Universitäten und sollte noch in viel späteren Jahrhunderten die Selbstbeschreibung von Wissenschaftlern prägen. In dieser Perspektive ist die Müßigkeit des gelehrten Betriebs unbedingt notwendig, um Erkenntnisse zu erzielen, die eine im Dienst konkreter praktischer Interessen stehende Wissenschaft nie erreichen könnte, da ihr die Ruhe fehlen würde, sich langfristig einer zweckfreien Wissbegierde hinzugeben und dabei auch Themen ohne erkennbare praktische Relevanz zu adressieren. Eine von externen Verwertungs- und Leistungszwängen befreite Wissenskultur hingegen, deren Akteure die Gelassenheit hätten, ihren intellektuellen Lüsten ungehemmt nachzugehen und der Eigendynamik akademischer Debatten freien Lauf zu lassen, würde wie von selbst ein Wissen von zwar mittelbarer, aber umso höherer Nützlichkeit hervorbringen. Der Philosoph Johannes von Jandun hat zu Beginn des 14. Jahrhunderts dieses Argument prägnant auf den Punkt gebracht, als er sich in einer seiner Schriften gegen den allgemeinen Vorwurf der Nutzlosigkeit philosophischer Theoriedebatten wandte: „Aber jene Philosophen, wenn man sie in ihrer eigenen Arbeit lässt, wie der Spekulation und der Lehre, so dass sie nicht durch die Arbeit der Politik und des Handwerks gestört werden, dann nutzen sie am allermeisten der Vollendung des menschlichen Glücks, etwa wenn sie die Erkenntnis Gottes und der abstrakten Substanzen lehren und anleiten“.8 Die Philosophen verfolgen mit ihren „Spekulationen“ zwar keinen direkten praktischen Zweck, aber wenn man sie nur in Ruhe machen lässt, ohne sie für die Politik oder die Lebenspraxis einzuspannen, ohne sie von außen unter Druck zu setzen, dann werden sie durch ihre in Muße gewonnenen Erkenntnisse am Ende doch besonders wertvolles Wissen produzieren.

Dass man es in den europäischen Universitäten im Laufe der Zeit zunehmend für nötig befand, die interne Freiheit und Autonomie der akademischen Welt, die deren Emergenz erst ermöglicht hatten, mit Argumenten zu rechtfertigen, stellt zweifellos eine Reaktion auf gesellschaftliche Vorbehalte gegenüber der neuartigen, von Beginn an vielfach privilegierten Institution gelehrter Müßigkeit dar, die sich nicht in etablierte soziale Hierarchien oder Dienstverhältnisse einfügte, sondern das Eigenrecht eines gelehrten Milieus reklamierte, das von außen betrachtet um sich selbst zu kreisen schien. Sicher hatte es aber auch damit zu tun, dass in Frankreich gegen Ende des 13. Jahrhunderts der französische König, der sich in den frühen Jahren der Universität als Schutzherr und Förderer hervorgetan, kaum aber für das Innenleben der Schulen interessiert hatte, verstärkt damit begann, die Gelehrten der Universität mit politischen Anliegen zu konfrontieren. Was in den Vorlesungen gelehrt oder in wissenschaftlichen Arbeiten thematisiert wurde, war davon zwar zunächst nicht betroffen, aber der Herrscher bat die Professoren nun wiederholt darum, Stellungnahmen und Gutachten zu aktuellen Problemen zu verfassen. Besonders die Konflikte Philipps IV. von Frankreich (1285–1314) mit Papst Bonifaz VIII. sowie mit dem Templerorden gaben Anlass, die Meinung der Gelehrten zu einzelnen Streitpunkten einzuholen.9 In ihrer Fröhlichkeit gestört, wurden die Scholastiker auch auf diese Weise angeregt, über die Rechtmäßigkeit ihrer Muße und das Umweltverhältnis ihrer Gruppe nachzudenken.

Das intensivierte Interesse der Politik an der Expertise und der Autorität der Professoren und die damit verbundenen Reflexionen über die besondere Beziehung eines essentiell fröhlichen Wissenschaftssystems zu seiner sozialen Umwelt wurden aber auch in einer anderen Hinsicht kulturell produktiv. Dass die Meinung der Gelehrten zu gesellschaftlich relevanten Fragen eine große Rolle spielen, mitunter auch politische Entscheidungen beeinflussen konnte, schien das Ideal einer freien und ‚unpolitischen‘ Wissenschaft zunächst in Frage zu stellen. Das Argument von der mittelbaren Relevanz bot hier eine gangbare Lösung: Ließ man die Wissenschaft in ihrem Inneren in Frieden, gewährte man ihr durch Privilegien und Schutz die Muße einer selbstreferentiellen Debattenkultur, dann würde dadurch eine kognitive Exzellenz entstehen, welche die Gelehrten in die Lage versetzt, jenseits ihrer akademischen Arbeit zu politischen Fragen auf spezifische Weise Stellung zu nehmen. Der eingangs zitierte Johannes Vath, der das Ideal einer politikfernen Philosophie propagierte, hat seinerseits genauso argumentiert. Nachdem er festgehalten hatte, dass sich ein Philosoph in seiner Tätigkeit nicht mit den drängenden Sorgen der Herrscher befassen, sondern ausschließlich der freien Spekulation widmen sollte, fügte er die Bemerkung hinzu: „Aber in besonders wichtigen Fällen (in magnis negotiis) sollte man dennoch auf ihn zukommen, um seinen Rat zu hören“. So gesehen, ergäbe sich in der Tat eine handliche Aufteilung, insofern die interne Autonomie wissenschaftlicher Wahrheitsfindung durch den unpolitischen Alltag eines müßiger Wissbegier verschriebenen akademischen Betriebs gesichert wäre, Gelehrte aber gleichzeitig die Möglichkeit hätten, auf der Grundlage ihres (in Muße erworbenen) Sonderwissens situativ in die Rolle des Ratgebers zu schlüpfen und auf diese Weise die Relevanz einer fröhlichen Wissenschaft zu erweisen.

Doch so einleuchtend dies auf den ersten Blick scheinen mag, so war das Problem der ‚akademischen Freiheit‘ damit keinesfalls geklärt. Eine derartige Regelung, wie sie einigen Magistern offenbar als Idealzustand vorschwebte, musste unweigerlich die Frage aufwerfen, ob die gewährte Autonomie im Inneren der Universität ihren Preis darin hatte, dass die Professoren in ihrer Rolle als Gutachter und Ratgeber die Erwartungen ihrer jeweiligen Förderer unmittelbar bedienten. Einzelne Scholastiker haben dies durchaus getan: Der Theologe Jean de Pouilly etwa argumentierte zu Beginn des 14. Jahrhunderts ganz im Interesse des französischen Königs vehement für eine Beurteilung der Templer als „rückfällige Häretiker“. Darüber, ob eine solche Haltung angebracht war, war man allerdings geteilter Meinung. Andere Professoren der Universität waren deutlich zurückhaltender, wenn es darum ging, dem Monarchen in die Karten zu spielen. In einer kollektiven Stellungnahme zu einer Reihe von Fragen, die der königliche Hof zuvor an die theologische Fakultät gerichtet hatte, wiesen die Gelehrten einige der vom König nahegelegten Sichtweisen entschieden zurück. Das Vorgehen des Herrschers gegen den Templerorden erklärten sie in bestimmten Punkten für illegitim.10

Derartige Streitigkeiten sowie das grundsätzliche Spannungsverhältnis, das sich zwischen einer Organisation, die auf ihrer internen ‚Freiheit‘ beharrte, und ihrer gesellschaftlichen Umwelt ergab, waren für die Selbstverortung der akademischen Akteure äußerst stimulierend. Für manche Beobachter scheint die Notwendigkeit, die Rolle und Aufgabe der neuen sozialen Kategorie des ‚Universitätsgelehrten‘ zu bestimmen, daher auch zu Überlegungen darüber geführt zu haben, welche ‚Verantwortung‘ diesem neuen Typus des studierten Denkers zukommt.

Ein derartiges Bewusstsein findet sich bei dem Theologen Gérard d’Abbeville, der bereits 1265, als er die Münzpolitik König Ludwigs IX. von Frankreich diskutierte, zu dem Schluss kam, der Herrscher müsse auf diskrete Weise ermahnt werden, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Dabei kritisierte er die Personen am Hof, die um die Gunst des Herrschers warben, indem sie seine Pläne unkritisch guthießen: „[Sie] suchen nur ihre eigenen Interessen und sagen ihm, was ihm gefällt“.11 Eine unabhängige Position, oder zumindest die Forderung, dem König nicht nach dem Mund zu reden, sondern kritisch Stellung zu beziehen, war also schon früh Bestandteil des Ideals, welches die Pariser Theologen für sich reklamierten. Als Element ihres Selbstverständnisses stand dieser Anspruch einer zu weit gehenden Parteinahme zugunsten des Königs entgegen. Dass aber ein solches Ideal einer prinzipiellen Unabhängigkeit der gelehrten Meinung artikuliert werden konnte, hängt ganz offensichtlich mit der spezifischen sozialen Organisationsform zusammen, innerhalb derer die Scholastiker als eigenständige Gruppe sozialisiert waren. Die Unabhängigkeit und die Autonomie, welche die Universität als Schwureinung in der mittelalterlichen Gesellschaft für sich beanspruchte, bildeten die Grundlage dafür, dass ein derartiger ‚Standort‘ eingenommen werden konnte.

Eingenommen und in ihrer kommunikativen Praxis realisiert haben ihn auch andere Gelehrte. Schon Johannes de Garlandia, der an der Pariser Universität Grammatik, Rhetorik und Poetik lehrte, forderte in seinen didaktischen Schriften aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts nachdrücklich eine gesellschaftskritische Aufgabe der Poesie. In seinen eigenen Dichtungen, die er an hochrangige Personen adressierte, prangerte Johannes die moralischen Missstände seiner Zeitgenossen unverhohlen an. Noch paradigmatischer aber findet sich die Figur des Intellektuellen im europäischen Spätmittelalter zweifellos in der Person des Theologen Jean Gerson verkörpert, der sich in vieler Hinsicht in einem Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Autonomie und gesellschaftlichem ‚Engagement‘ verorten lässt. Wie die Theologen des 13. Jahrhunderts trat er für die Unabhängigkeit der gelehrten Meinung ein, forderte dazu auf, dem Herrscher nicht nach dem Mund zu reden, sondern offen Kritik zu üben. Gerson war offenkundig darum bemüht, sich als „öffentlichen Intellektuellen“ zu positionieren, seiner Stimme in der Öffentlichkeit Gewicht zu verleihen und auf diese Weise auch die soziale Relevanz seiner Expertise nach außen zu kommunizieren.12

Der Historiker Jacques Le Goff hat in seiner klassischen Darstellung über „Die Intellektuellen im Mittelalter“ (Les intellectuels au Moyen Âge) die Sichtweise nahegelegt, dass die Entstehung der Intellektuellen in Europa seit dem 12. Jahrhundert besonders mit der neuen Gruppe der universitären Gelehrten verbunden war.13 In der Folgezeit hat man wiederholt diskutiert, ob die modern anmutende Definition eines Intellektuellen der Tätigkeit der scholastischen Philosophen und Theologen des Mittelalters wirklich angemessen sei, da mit diesem Begriff doch Attribute und Konnotationen verknüpft seien, die in mittelalterlichen Gesellschaften noch nicht möglich oder nur geringfügig ausgeprägt waren. Eine solche Skepsis gegenüber moderner Begrifflichkeit scheint durchaus berechtig, wenn man bedenkt, dass die Bedingungen eines kritischen, sozial unabhängigen, ‚freien‘ Denkens, wie man es mit der Figur des neuzeitlichen Intellektuellen verbindet, in den Gesellschaften des europäischen Mittelalters zweifellos ganz andere waren. Zieht man aber in Betracht, welche Reflexionen, Selbstverortungen und Interaktionen bei einigen Gelehrten nach der Entstehung der Universitäten rund um das neuartige ‚Problem der akademischen Freiheit‘, das mit der Institutionalisierung der Fröhlichen Scholastik aufgekommen war, zu beobachten sind, stellt sich die Situation anders dar. Der Umstand, dass die Universität als organisatorisch autonome Schwureinung (conjuratio) eine soziale Form erhielt, die sie aus bestehenden Hierarchien und Abhängigkeitsverhältnissen prinzipiell exkludierte, gleichzeitig aber in eine dynamische Relation zu ihrer gesellschaftlichen Umwelt setzte, ermöglichte und stimulierte durch die damit verbundenen Reflexionsprozesse die Genese eines intellektuellen Gelehrtenprofils. Das dialogische Wechselspiel zwischen einem in der Universität abgegrenzten Freiraum und einem durch diese Exklusion hervorgerufenen Bedürfnis, die eigene Aufgabe und Position im Verhältnis zur Außenwelt zu bestimmen, war gleichsam die generative Kraft, welche die Entstehung des ‚Intellektuellen‘ in der europäischen Universitätsgeschichte bedingte. Dessen kritische Potenz und dessen kognitive Fähigkeit, sich außerhalb seiner akademischen Arbeit in wichtigen politischen Angelegenheiten (in magnis negotiis) kompetent zu Wort zu melden, beruhte aber, wie viele Gelehrte hervorhoben, auf einer Wissenschaft, die insofern ‚fröhlich‘ war, als sie ein Studium und eine Wahrheitsfindung in Muße und ein Eigenrecht akademischer Selbstreferenz ermöglichte.

Das Ende der Intellektuellen in der Gegenwart haben manche Beobachter mit dem Verlust dieser institutionalisierten akademischen Muße in Verbindung gebracht. Die zunehmende ‚Ökonomisierung‘14 der Wissenschaft und der Imperativ der Beschleunigung in der Steigerungsgesellschaft hätten die universitäre Kultur alteuropäischer Prägung, deren formative Phase hier beschrieben wurde, in entscheidender Weise transformiert und damit die Existenzbedingungen des Intellektuellen untergraben. Die Zwänge zur Selbstvermarktung und der wettbewerbsbedingte Leistungsdruck, denen die Akteure in der unternehmerischen Hochschule ausgesetzt seien, hätten die Fröhlichkeit der freien Themenwahl in Forschung und Lehre zugunsten eines Einzugs außerwissenschaftlicher Relevanzkriterien in der Universität verdrängt. Der alte akademische Habitus, der ein Wissen um des Wissens willen (tantum propter scire) vorsah, sei zunehmend dem unternehmerischen Habitus gewichen, der eine derartige Selbstreferentialität nicht mehr zulasse, sondern eine Beschränkung auf profitfähiges ‚Humankapital‘ und karriererelevante Zeitinvestitionen forciere. Die Muße einer nur auf Erkenntnis und philosophische ‚Spekulation‘ (speculatio) ausgerichteten Lebensform, welche die Scholastiker der Frühzeit reklamierten, finde in einer solchen Wissenschaftskultur keinen Raum mehr.15

Der andere Umgang mit Zeitressourcen, den die Dominanz der „instrumentellen Vernunft“ (Horkheimer) in der Wissenschaft bewirkt habe, wird darüber hinaus noch in einer anderen Hinsicht für das Ende der Intellektuellen (sowie den daran gekoppelten Aufschwung anderer meinungsbildender Akteure) verantwortlich gemacht. Die zunehmende Notwendigkeit, sich auf dem akademischen Markt in knapper Zeit mit einer Vielzahl an Veröffentlichungen zu positionieren, scheint auch die Binnendifferenzierung der Wissenschaft intensiviert zu haben. Die fehlende Muße, sich neue Themen zu erschließen, wirft den Einzelnen stets wieder auf seine ohnehin bereits bearbeiteten Felder zurück, wodurch eine differenzierte Expertenkultur begünstigt, die Ausbildung generalistischer Intellektueller aber erschwert werde.16

Dieser Beitrag sollte nicht als eindimensionales Plädoyer für eine dringend nötige ‚Entschleunigung‘ missverstanden werden. Der Wettbewerb und die durch Konkurrenz bewirkte Dynamisierung der Wissenschaftskultur, die mit den Dialektik-Schulen des 12. Jahrhunderts in der Nachfolge Peter Abaelards massiv an Fahrt gewann und sich in den Konflikten und Konkurrenzen gelehrter Gruppen, Schulen und Akteure in der Universität fortsetzte, war für die produktive Wissenschaftsentwicklung und die Entstehung der europäischen Universitäten um 1200 vollends konstitutiv. Dennoch kann man kaum bestreiten, dass die institutionell geförderte Muße der akademischen Welt, welche auch die Emergenz des historischen Phänomens des ‚Intellektuellen‘ in Europa erst ermöglicht hat, in den gegenwärtigen Tendenzen einer stärker als zuvor ‚ökonomisierten‘ Wissenschaft spürbar beeinträchtigt wurde. Die soziale und politische Relevanz der Wissenschaft wird in dieser Hinsicht durch erhöhten Relevanzdruck unterlaufen. Vorsichtige Mittel der Regulierung, die ein Mindestmaß an Muße in der Wissenschaft gewährleisten könnten, ohne den dynamischen Wettbewerb zu unterbinden, sehen manche in einer ‚Obergrenze‘ für die Publikationen eines bestimmten Zeitraums, um den Fokus von der Quantität wieder stärker auf die Qualität zu lenken. An dieser Stelle darüber zu spekulieren, wie realistisch eine solche Regelung in naher Zukunft scheint, wäre freilich müßig.

Empfohlene Zitierweise:


Marcel Bubert: Es war einmal eine Fröhliche Wissenschaft. Zur Funktion von Muße und akademischer Freiheit für die Entstehung der Universitäten und
Intellektuellen in Europa
In: Muße. Ein Magazin, 5. Jhg. 2020, Heft 2, S. 27-35
DOI: 10.6094/musse-magazin/5,8.2020.27
URL: http://mussemagazin.de/2020/04/froehliche-wissenschaft/
Datum des Zugriffs: 12.08.2020

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