Wissenschaftlicher Beitrag

„… dass der Mensch heimgeholt wird in die Heimat des Geheimnishaften“

Zur Muße unter den Bedingungen der Gegenwart

Andreas Kirchner

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„Die Muße ist der Anfang, der Urgrund von allem!“1 – „Wir arbeiten, um Muße zu haben, und wir führen Krieg, um Frieden zu haben.“2 – Das schrieb Aristoteles vor mehr als 2300 Jahren. Damit wollte er nicht weniger sagen, als dass die Muße sowohl der Zweck unseres Daseins ist als auch der Grund allen Arbeitens, Herstellens und Handelns und überhaupt aller Unruhe des Lebens. Für ihn sucht alle Unruhe zuletzt nach ihrer Vollendung in der Ruhe selbstzweckhafter Selbstverwirklichung, das heißt: eines Tuns, das nichts außer sich selbst will. Für den antiken Philosophen ist diese vollkommene Selbstzweckhaftigkeit allein im Denken erreicht. Auf die philosophisch sehr voraussetzungsreiche Beschreibung dieses ‚Tuns‘, das nichts anderes ist als das Denken um des Denkens, des Verstehens und Begreifens willen, soll hier nicht näher eingegangen werden. Es lässt sich aber erahnen, dass hier ein Verständnis von Wissenschaft angesprochen und begründet wird, wie es für die Frage nach Muße und Wissenschaft bis heute brisant ist. In der Selbstbezüglichkeit des Denkens, dem es nur um das Verstehen als solchem geht, kommt der Mensch, so die aristotelische Anthropologie, zu seiner höchsten möglichen Vervollkommnung.

Es ist diese Selbstzweckhaftigkeit, die von Beginn an Signum der Wissenschaften, des wissenschaftlichen Denkens, der sogenannten Theoria ist. In der weiteren Tradition wird sich dann – vor allem mit Plotin – der Fokus noch weiter ‚himmelwärts‘, wenn man es einmal so nennen möchte, verschieben. Das Ziel ist nicht mehr nur die Selbstbezüglichkeit des Denkens, sondern diese wiederum wird als das menschenmögliche Streben nach Einheit eingesehen, und diese Einheit und die in ihr gegebene Ruhe sind nun das noch höhere Ziel, dem sich der Philosoph widmet. Auch die frühe christliche Theologie folgt diesem Einheitsstreben und setzt die philosophisch abstrakt bleibende Größe der absoluten Einheit ihrerseits mit der absoluten Gottheit gleich. Gott ist Alpha und Omega, Anfang und Ende, Ziel allen Strebens. Der Theologe mag nun vermutlich an Augustinus denken, der zu Beginn seiner Confessiones (1,1) an Gott gewandt bemerkt: „Unruhig ist unser Herz, bis dass es Ruhe findet in Dir, mein Gott!“ Die Muße ist für Augustinus so etwas wie ein Vorgeschmack auf die himmlische Herrlichkeit und das jenseitige Ziel der vollkommenen Ruhe.

Muße und Ruhe also einerseits. Andererseits kann kaum geleugnet werden, das hat aktuell auch noch einmal Ralf Konersmann3 vor allem in Bezug auf die Moderne gezeigt, dass doch gerade die Unruhe das entscheidende Signum menschlicher Zivilisation und Kultur ist. Der Mensch erhebt sich mit der Kultur über seine natürliche Einbindung in Umwelt und Natur und beginnt, selbstmächtig diese Natur und Umwelt zu gestalten und zu verändern. Das Geschöpf schafft nun nach Kräften selbst. Und je eifriger es wirkt, je rastloser und unruhiger ihm also Hand und Geist werden, desto stärker sehnt es sich doch auch immerfort nach Ruhe und Muße, wie nach der Heimat (auf diesen Ausdruck werden ich an späterer Stelle noch einmal zu sprechen kommen), an die es sich dunkel noch erinnert, die aber nur ein fernes, unverfügbares Schattenbild bleibt. Christian Morgenstern hat diese Erfahrung einmal in einem trefflichen Vergleich illustriert: „Ich bin wie eine Brieftaube, die man vom Urquell der Dinge in ein fernes, fremdes Land getragen und dort freigelassen hat. Sie trachtet ihr ganzes Leben nach der einstigen Heimat, ruhelos durchmisst sie das Land nach allen Seiten. Und oft fällt sie zu Boden in ihrer großen Müdigkeit, und man kommt, hebt sie auf, pflegt sie und will sie ans Haus gewöhnen. Aber sobald sie die Flügel nur wieder fühlt, fliegt sie von neuem fort, auf die einzige Fahrt, die ihrer Sehnsucht genügt, die unvermeidliche Suche nach dem Ort ihres Ursprungs.“4 Nur dort, in der Heimat, am Ursprung, kann der Mensch die Ruhe finden, nach der es ihm immerzu verlangt und die zugleich, das ist die paradoxe Wendung, gerade der Ursprung der Unruhe und des Immer-Weiter ist. Ruhelos, rastlos erfährt sich der Mensch, wenn er denn einmal innehält und sich der Betrachtung öffnet. Dieses aktive Innehalten – es ist etwas ganz anderes als eine Pause, die nichts weiter will als neuerlich die Kräfte für ein Weiter-So zu sammeln.

Muße ist ein Wort, das zunächst bei jedem recht unterschiedliche Assoziationen hervorrufen mag und nicht wenige werden einfach nur an freie Zeit, Freizeit oder Faulheit denken. Doch diese Begriffe sind keineswegs deckungsgleich mit dem, was Muße meint. Das Großthema ‚Muße‘, das als solches nur epochenübergreifend und interdisziplinär erforscht werden kann, erscheint oft abstrakt genug, dass manchmal man selbst gar nicht so genau weiß, wovon man da eigentlich gerade spricht. Die Frage bleibt: Muße – was ist das eigentlich? Diese Frage lässt sich auch nach vielen Jahren intensiver Auseinandersetzung nicht definitorisch oder abschließend beantworten. Die Muße hat die bedauernswerte Eigenschaft, dass sie uns, wo immer wir uns ihrer annehmen, sie erforschen und theoretisieren, also auf sie fokussieren, sie unschärfer wird. Diese Beobachtung ist nicht so mysteriös wie es zunächst scheinen mag, sondern begleitet das hermeneutische Arbeiten insgesamt. Die Unschärfe ist die Konsequenz des geschärften Blickes, der die vagen Ränder und Grenzen von Konzepten und Begriffen auskundschaftet. So ist es mit der Muße ein wenig wie mit der Zeit, von der Augustinus ja so irritiert bemerkte, dass er solange wisse, was sie sei, wie man ihn nicht danach frage. Der Sonderforschungsbereich Muße versucht, Muße behelfsweise als ‚produktive Unproduktivität‘, ‚tätige Untätigkeit‘ oder ‚bestimmte Unbestimmtheit‘ zu fassen. Man bedient sich damit einer Rhetorik des Paradoxons, die klug klingt und doch auch nur Versuch einer Näherung bleiben möchte. Mit der bloß negativ konnotierten Faulheit und der unerfüllten Langeweile teilt die Muße zwar auch eine gewisse Verwandtschaft, aber wesentlich kommt ihr eine positive Offenheit zu. Sie ist eine erfüllte, ja ganz übervolle Zeit in geistiger Weite und Ausspannung. Das wiederum heißt nicht, dass ihr nicht auch krisenhafte Momente eigen sein können. Das Spannende an der Muße-Forschung ist gerade, dass es in ihr nicht nur um die Muße geht. Vielmehr steht und fällt mit der Muße immer auch viel mehr. In einer gewissen Weise darf man sagen, dass es mit der Muße immer auch um alles geht: Um Gesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft, Denken, Handeln und Leben insgesamt. Die Muße stellt dabei nicht einfach nur die Frage nach den Prioritäten, sondern vermag verdeckte Normativitäten offenzulegen und damit grundsätzlich die Frage nach dem richtigen Leben im Falschen laut zu halten. Muße – das bedeutet in den Ohren der euphorischen Wachstums- und Fortschrittsvertreter eben immer auch Stillstand, und das wiederum: Tod. Eine bittere Ironie, wenn wir daran denken, dass die größten kulturellen Entwicklungen des geistigen Lebens – an vorderster Stelle die Wissenschaften – allein der Muße, dem freien und offenen Denken und Fragen-Können zu verdanken sind. Dass mit der Muße alles zur Disposition steht, erweist sie gerade als wesensverwandt mit der Haltung der Wissenschaft.

Wissenschaft und Muße

Natürlich wissen Wissenschaftler heute (wie zu allen Zeiten) auch von den Krisen der Muße einiges zu berichten: von festgefahrenen Denkweisen und unproduktiven Stunden. Die Wissenschaftskultur ist für sich nichts als ein Abbild der Gesellschaft und also: Unruhe, Getriebensein, Hektik, Stress, Rankings, Wettbewerb und vieles mehr. Hier die Muße zu pflegen, sie überhaupt zu ermöglichen und zu fördern, ist eminent wichtig. Die Muße braucht Freiraum, eine Freiheit zu, die auf einer Freiheit von aufbaut: Freiheit von Erwartungs- und Leistungsdruck, Freiheit von Nöten und Zwängen – finanziellen, materiellen, ideellen. Das ist es, was beispielsweise verschiedene Stipendienprogramme der Universitäten leisten. Gleichwohl sind derartige Programme nicht nur freiheitsschaffend. Gibt es da nicht auch eine Erwartung (auch an sich selbst), dass die großzügige Unterstützung nicht eben für sich steht, sondern auch zu bestmöglichen Ergebnissen führen soll? Und sticht uns diese Erwartung nicht wiederum unablässig und lässt uns schwer werden durch die Ketten, mit denen solche Erwartungen unsere Beweglichkeit an Resultate knüpft? Wenden wir die Perspektive weg vom Ergebnis und hin zum Menschen. Keiner sucht sich den Misserfolg eigener Forschung und Suche aus. Das Kriterium für Erfolg oder Misserfolg sollte nicht allein im Ergebnis, sondern im Weg, der Methode und der Vehemenz der Suche gesehen werden. Wenn bei der Suche nach Wahrheit am Ende doch wieder nur ein unsicheres Ergebnis vorliegt, dann ist das kein Misserfolg, sondern eigentlich ein jedem „Erfolg“ ebenbürtiger, entscheidender Schritt der Forschung. Alle Wissenschaften haben ihren Anfang im Staunen der Philosophie und nicht in der nüchternen ratio. Zwar ist die nüchterne ratio ihr Werkzeug, doch wird sie zugleich angetrieben durch den Eros, die leidenschaftliche Wahrheitssuche, ja -liebe. Damit ist der ganze Mensch involviert, wo Wissenschaft im alten (und ich möchte sagen: eigentlichen) Sinne gepflegt wird. Die leidenschaftliche Suche nach Erkenntnis kann uns so sehr mit unserem Denken identifizieren, dass wir dabei eine grundlegende Wirklichkeit vergessen: Nicht wir haben einen Gedanken, der Gedanke hat uns. Diese Wirklichkeit wird oft von der Illusion der Verfügbarkeit des eigenen Denkens überwuchert, doch ist gerade die Unverfügbarkeit des eigenen Denkens, dessen Launenhaftigkeit uns auch die wichtigsten Dinge gern vergessen lässt und ein andermal wieder ganz plötzlich Ideen und Lösungen für noch so schwierige Probleme schenkt, auf das engste mit der Unverfügbarkeit der Muße verbunden. Der Denkende braucht den weiten Raum der Muße, um in ihm dem Denken Platz zu machen und sich offen zu halten für den Einfall, das heißt: für den in den Versuch des Denkens einfallende Gedanken. Die Erfahrung der Unverfügbarkeit, die das Denken selbst wie auch die Bedingungen von Denken und Genuss, und damit die Muße auszeichnet, diese Erfahrung nimmt auch dem Zwang von Produktivität seine Notwendigkeit und sollte uns mehr befreien und öffnen für die Wahrnehmung der Wirklichkeit, welche nicht sofort als verfügbare und gestaltbare Größe zu betrachten ist. Das Innehalten, und sei es nur das innere Innehalten im sonst mahlenden Getriebe der Welt, kann uns neue Freiheit schenken und uns öffnen für eine zuletzt oft doch ganz ‚produktive‘ Sicht auf die Welt – wenngleich ich dafür plädieren möchte, das Produktivitätskalkül nicht zum schlechthinnigen Maß zu erheben. Doch die Muße lässt sich, wie auch das Denken, nicht zwingen. Die Wissenschaft ist, wie auch die Weltgeschichte als solche, zu einem ungleich viel größeren Teil eine Geschichte des Irrens, des Scheiterns, des mutigen Versuchs und des Fehlers. Damit Entdeckungen und der sogenannte Wissenschaftsfortschritt möglich wurden, mussten unzählige Sackgassen als solche entlarvt, Fehler gemacht, falsche Berechnungen vorgenommen, irreführende Gedanken gedacht und Umwege gegangen werden. Auch hierzu war und ist die Muße nötig. Sie ist keine Garantie für Gelingen, Genie oder Erfolg. Wissenschaft – das ist nicht allein die Sensation. Die um sich greifende Selbstvermarktung der Wissenschaften muss uns zu denken geben. Sicher, Wissenschaftskommunikation ist ohne jeden Zweifel wichtig und notwendig. Peter Strohschneider, der frühere Präsident der DFG, hat natürlich recht, wenn er bemerkt: „Es reicht nicht, wissenschaftliches Wissen einfach bereitzustellen. Dieses muss vielmehr auch außerhalb des Forschungssystems in seinem methodischen Zustandegekommensein ausgewiesen werden. Die Wissenschaften sind […] sozusagen auf eine ‚Aufklärung zweiter Ordnung‘ verpflichtet.“5 Allerdings darf diese notwendige Kommunikation nicht einfach im Sinne eines ökonomischen Wettbewerbs der Selbstvermarktung missverstanden werden. Julika Griems Worte, sie ist die Vizepräsidentin der DFG, dürfen deshalb als Ergänzung gelten: „Grundsätzlich möchte ich dafür plädieren, unser Publikum nicht einfach irgendwo ‚abzuholen‘, sondern sorgfältig, umsichtig, furchtlos und man könnte auch sagen zärtlich zu überfordern. Als Oberbegriff umfasst Wissenschaftskommunikation auch Marketing. Aber es kann nicht nur darum gehen, Personen, Drittmittelrekorde oder ganze Hochschulen zu verkaufen wie Schokoriegel oder Kleinwagen. Da Wissenschaft immer wettbewerbsförmiger wird, zieht sie sich professionalisierende Expertinnen und Experten für akademischen Kapitalismus heran – und diese sehen ihre Aufgabe häufig in der Produktion von Alleinstellungsmerkmalen, Standortwerbung und Hochglanzbroschüren. Wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler […] sollten uns gut überlegen, wo wir uns verbessern müssen, um diesem Trend kompetent gegenübertreten zu können.“6

Wir sind also unbedingt gefordert, uns hier kritisch zu verhalten. Kommunizieren ja, unbedingt, und ja, dazu gehört auch eine Form der Vermarktung, aber: Es darf niemals dazu kommen, dass die Vermarktung dann der Wissenschaft selbst den Ton vorgibt und die ihrer Provenienz nach nüchternen Wissenschaften zu aufmerksamkeitsheischender Sensationsrhetorik verleitet. Die Ökonomie der Wissenschaftsorganisationen mag auf der institutionellen Ebene ihre Notwendigkeit und also ihre Berechtigung haben, doch darf sie auf der Ebene der Wissenschaften selbst nicht zu einer Chrematistik, die nach Aristoteles schlechte, weil nur gierig auf Mehrung des Reichtums bedachte Form des Wirtschaftens, verkommen, sondern muss immerzu den Grund und das Ziel der Wissenschaften selbst im Blick behalten, um Erkenntnis zu mehren und Verstehen zu fördern. Neugier und Staunen waren der Anfang aller Wissenschaften. Besinnen wir uns wieder mehr auf diesen Grund, um die Wissenschaften heute auf diesem Grund neu pflegen und kultivieren zu können. Und was da für die Wissenschaften gilt, das gilt gleichfalls für die Gesellschaft als Ganze: Auch sie ist immerzu in der Gefahr, leerzulaufen und unter dem Produktivitätsdruck und der marktgesetzlichen Optimierungs- und Steigerungslogik das Warum? und Wozu? zu vergessen. Die schlichte Frage danach, die weder auf Nutzen noch auf Anwendung zielt, gleicht oft einem beinahe empörend rebellischen Drohgestus. Nichtsdestotrotz – oder vielleicht auch: gerade deshalb? – ist sie so eminent wichtig. Gesellschaft ist niemals einfach nur, sondern sie wird. In diesem Prozess gestalten wir heute immer auch die Gesellschaft der Zukunft mit, können heute Denkweisen und Ideen kultivieren, die das Morgen vorzeichnen. Dazu braucht es die Muße – sie ist der Anfang und Grund von allem, der Grund auf dem wir stehen, handeln, denken.

Die Wissenschaften haben so also nicht einfach nur eine irgendwie tiefe Verbindung zur Muße, sondern vielmehr: Sie können einzig einer zuinnerst erwachsenen Haltung der Muße entspringen und allein aus dieser wachen Haltung der Muße heraus ihrem selbstzweckhaften Anspruch genügen. In diesem Verhältnis werden sie wiederum ergänzt durch die Religionen.

Religion und Muße

Die Religionen sind es, die das Innehalten institutionalisiert haben und sich als Instanzen der, wenn man es einmal so nennen möchte, ‚Rekalibration‘, der neuerlichen Bestimmung des Menschen widmen. Den horizontalen Lauf der Zeit, dem endlosen Progress von Augenblick zu Augenblick zu Augenblick zu Augenblick …, dem sich der Mensch nicht zu entziehen vermag, durch den er vielmehr selbst mit unnachgiebiger Macht gezwungen wird, ergänzen die Religionen durch die vertikale Ordnung, den Kairos der göttlichen Gegenwart und also die Dauer – oder auch Ewigkeit. Die Rituale der Religionen sind also immerzu gleiche Abläufe und beständige Wiederholungen das Momentum, um in der Zeit über die Zeit hinauszureichen, um Anteil zu erlangen an Beständigkeit und Dauer. Die Religionen zielen, so gesehen, auf die umfassende Verwirklichung von Muße, deren Aktualisierung im emphatisch-existenziellen Sinne. Sie wollen den umfassenden Mangel an Gegenwart7, der dem Menschen aus seinem Menschsein heraus eignet, durch die Einsicht in diesen Mangel und die Hinwendung zum unvergänglichen Grund von allem, der unerkennbar und unaussagbar bleibt, ergänzen und erheben. Der heute weithin eher unbekannte Psychologe, Theologe und Religionsphilosoph Fritz Leist hat schon 1956 einen Text verfasst, der m.E. zu den tiefsten und klügsten Werken über Muße und Religion überhaupt gehört. Von der Religion, oder besser von ihrem Urgrund, spricht er als ein Geheimnis. Er schreibt: „Das Wesen des Menschen wird krank, das nicht aus der Nähe des Geheimnisses west. Eine Weise der Begehung des Geheimnisses ist das Fest, eine andere die Liebe, eine dritte die Versenkung, eine vierte ist die Ordnung eines geordneten Daseins. Die Weisen der Muße sind nicht um der Erholung, sondern um der Heimholung willen dem Menschen dargeboten, darum daß der Mensch heimgeholt wird in die Heimat des Geheimnishaften. Geschieht diese Heimholung wahrhaft, dann eröffnet sich im unräumlichen Raum des Geheimnisses eine letzte Dimension. Je mehr wir zu uns gesammelt werden, desto mehr werden wir bereitet auf das Geheimnis aller Geheimnisse, darauf, daß aus dem Verborgenen Gottes Gegenwart uns ergreift und wir als Ergriffene um ihre Nähe wissen.“8 Die Muße also ist nicht Erholung, das wäre ein großes Missverständnis. Sie ist vielmehr die Heimholung des Menschen – ein Gedanke, der trotz der problematischen Geschichte des Heimatbegriffs verdient, in uns nachzuklingen. In der Muße kommt der Mensch zu sich selbst, tritt aus der Selbstverlorenheit der Vergangenheit und der Zukunft, in der er sich so oft sorgenvoll bewegt, heraus, und tritt ganz bei sich ein – und findet sich dann zugleich, wenn er sich wirklich auf diese Gegenwart einlässt, vor dem großen Ganzen, dem Geheimnis seines Daseins, seiner Existenz. Der Wunsch nach mehr Muße, den vermutlich jeder kennt, bedeutet also keinesfalls einfach eine Sehnsucht nach ein bisschen Erleichterung und Freiraum. Hier geht es um mehr, oder vielmehr: hier geht es um alles. Das ganze Geheimnis menschlicher Existenz, den ganzen Menschen. Wo wir das außer Acht lassen, können wir die Frage nach der Muße nicht verstehen. Die Ahnung für diese fundamentale Bedeutung der Frage nach der Muße hat mich immer wieder fasziniert innehalten lassen. Es war, als fände man im unerbittlich reißenden Strom der Zeit einen archimedischen Punkt und erhasche einen Blick auf die Grundfeste, das tragende Fundament aller Wirklichkeit. Hierzu forschen zu dürfen – was für ein Privileg!

Für Leist ist die Muße dazu auch immer eine Form der Öffnung gegenüber dem Anderen. „Wir sollen in der Muße nicht zugreifen sondern empfangen. So wie wir Empfangene waren im Schoß der Mutter, so sollen wir uns selbst empfangen, indem wir einfach da sind, Zeit gewinnen für uns selbst und für das Du, für die Dinge, die uns gegeben werden, ohne dass wir sie machen konnten.“9 Und: „Das dürfen wir als die Aufgabe der Muße, als die zentrale Aufgabe des Menschen überhaupt, bezeichnen: daß der Mensch wieder fähig wird, zu hören, zu sehen, mit allen Sinnen zu vernehmen die Sprache des Geheimnisses; und daß seine Welt, die jetzt noch für ihn ein Gefängnis ist, erfüllt wird von der reichen Wirklichkeit des Kreatürlichen, um durch es hindurch auf allen Wegen und Straßen der Erde die Gegenwart Gottes zu erfahren. […] Wenn wir die Muße auf diese Weise verstehen, so ist sie gerade das Notwendige im Gegensatz zu dem erzwungenen Müßiggang des Pensionisten, der in der Entlassung aus dem Arbeitsprozess den furchtbarsten Einbruch von Sinnlosigkeit und Leere erlebt.“10 Es ist offensichtlich, dass die Ebene der Religionen einem tiefen Verlangen, der Frage des Menschen nach Sinn folgen und so der wissenschaftlichen Suche nach Erkenntnis, Verstehen und Gesetzmäßigkeiten ergänzend zur Seite stehen kann.

Wo wir uns der Muße berauben lassen, da lassen wir uns also auch des Vermögens berauben, anzufangen. Das aber nicht nur, weil die Muße selbst – nach Aristoteles – ja „der Anfang von allem“ ist. Wir verlieren die Fähigkeit des Anfangens, weil wir nur mehr immerfort im Getriebe von Zwecken, Nutzen und Effekten ‚funktionieren‘ und uns nicht selbstbestimmt und frei in unserem Handeln und Denken, einer entschiedenen Emphase für das, was für uns Bedeutung hat und das wir darum in die eigene Hand nehmen wollen, selbst entschließen. Dann verlieren wir die Verbindung zu unserem Grund. Der Grund ist es aber, auf dem wir stehen. Ohne ihn schwimmen wir, werden getrieben im Meer der Ereignisse und der Ansprüche, die an uns gestellt werden. Muße ist eine Freiheit, die wir dringend brauchen (gerade weil sie uns vom Bedrängenden befreit). Und gerade deshalb braucht die Muße uns, müssen wir uns einsetzen für diese Freiheit des Menschen von den Zwängen, denen er auch da unterworfen wird, wo doch das Denken und Forschen eine fundamentale Freiheit benötigt.

Es war Aristoteles, der die Muße als Ziel und Zweck aller staatlichen Organe erkannte. Was wäre, wenn heute wieder Ziel und Zweck staatlicher Ordnung in der Muße bestünde? Nicht in der „schwarzen Null“, im „Wirtschaftswachstum“ oder im materiellen „Wohlstand und Reichtum“. Diese mögen wichtig sein, bergen aber zugleich auch, das bezeugen die Entwicklungen unserer Zeit überdeutlich, Gefahren. Für wie wichtig man diese ‚praktischen Ziele‘ auch immer nimmt: Sie dürfen niemals allein Handlungsziel sein! Wo wir uns nur auf sie verlegen, da droht unserer Gesellschaft eine andere Form der Armut. Es klingt vor dem Hintergrund realer Politik und dem Anspruch des Wohlfahrtsstaates vielleicht zunächst absurd, aber ich möchte nachdrücklich dafür plädieren, dennoch die Frage nach dem Ziel und Zweck staatlicher Ordnung überhaupt erst in uns klingen zu lassen. Wozu das alles? Um des Wohlstandes willen? Was ist Wohlstand? Woraus schöpfen wir unsere Kraft? Worin finden wir unser Glück? Wenn wir so darüber nachdenken, mögen wir feststellen, dass Muße und Glück oft Hand in Hand gehen – und allzu oft auch Hand in Hand vergehen. Wo wir die Muße unachtsam vernachlässigen, da ist nicht weniger als unser Glück, unsere Bestimmung und also der Grund des Menschseins selbst in Gefahr. Es sei daher noch einmal mit dem nötigen Pathos auf Fritz Leist rekurriert: Nur die Muße kann uns retten!11

Empfohlene Zitierweise:


Andreas Kirchner: „… dass der Mensch heimgeholt wird in die Heimat des Geheimnishaften.“ Zur Muße unter den Bedingungen der Gegenwart
In: Muße. Ein Magazin, 5. Jhg. 2020, Heft 2, S. 49-55
DOI: 10.6094/musse-magazin/5,8.2020.49
URL: http://mussemagazin.de/2020/04/dass-der-mensch-heimgeholt-wird-in-die-heimat-des-geheimnishaften/
Datum des Zugriffs: 22.09.2020

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