Essay

Eine gute Zeit, und eine geteilte Erfahrung: Schweine finden, schlachten und essen

Yannick van den Berg

DownloadTate Festus Kagumo sagt mir an diesem Tag die ersten, ernsten Worte:

“Listen,” meint er und hebt den Zeigefinger, “first: Don’t let too many hands on your phone. Second, we are under one roof here, and the main roof is Meekulu. So, whatever you think can go to this house – you give it to Meekulu. Be it money for electricity or whatever. She will know how to distribute it.”1 Dann steigen wir in seinen weißen Toyota Corolla, knallen die Türen zu, denn sie gehen anders nicht zu, und fahren in Richtung Stadt.

Mit seinen Worten referiert Kagumo auf Meekulu Ndapandula, seine Mutter – der Vorsteherin des Hauses und der Familie. Er bedient hier die Vorstellung von ‘Häusern’ oder ‘Haushalten’ mit Meekulu Ndapandula an der Spitze als zentrales – und verwandtschaftlich organisiertes – Moment täglicher Sozialität.2 Es ist die Vorstellung eines mehrgenerationalen Wohnens, Miteinanders, Arbeitens sowie der sorgsam gepflegten Nachbarschaftsbeziehungen. Indem Tatekulu Kagumo dieses Moment mir gegenüber in so klare Worte fasst, fordert er es gleichzeitig ein. Die an mich gerichtete Botschaft ist eindeutig: Sofern ich die Familie unterstützen wolle, habe ich dies auf die angemessene Art und Weise zu tun – ich gebe, was immer ich gebe, dem ‘main roof of the house’.

Wir biegen auf eine der sandigen Pisten ein, die vom Dorf Okatate nach Oshikango führen. Da setzt Tatekulu Kagumo von Neuem an. Allerdings, und konträr zu seiner vorherigen Äußerung, verschafft er nun seinem Unmut über die matrilinearen Aspekte dieser Form der Sozialität Luft. Es sei unfair, sagt er und seine schlechte Laune ist spürbar, dass ein Kind eines Mannes weniger Unterstützung erhalte als das Kind einer Frau. Als Beispiel nimmt er die noch bevorstehende Hochzeit seines Sohnes. Heirate sein Sohn – ein wichtiger Schritt im Leben eines jungen Menschen, auf dem Weg vom Jungen zum Mann und elder – so würden sie beide, sein Sohn wie auch Kagumo, vonseiten Meekulu Ndapandulas keine Unterstützung erhalten. Der Vater und sein Sohn gehören nicht denselben Abstammungslinien an. Kagumo gehört zu derjenigen von Meekulu Ndapandula, sein Sohn aber zu derjenigen seiner eigenen Mutter, der Partnerin Kagumos. Für Kagumos Sohn also fällt die Unterstützung der matrilinearen Seite Kagumos weg. Wahrscheinlich, meint Kagumo nach einem kurzen Zögern, sei er der einzige, der sich verpflichtet fühle, seinem Sohn eine gute Hochzeit zu ermöglichen. Wirsch dreht er am Steuerrad seines Toyotas. Wir schweigen eine kurze Zeit.

Im Falle einer Heirat obliegt die Verantwortung der Mutterseite. Die väterliche Seite versucht sodann, den Aufwand der Mutterseite zu überbieten. Das hieraus resultierende Wetteifern der beiden Abstammungslinien gipfelt sodann im feierlichen Zeremoniell der Hochzeit und einem rauschenden Fest am Wohnort des Bräutigams.

Ich lasse mir Kagumos Ausführungen durch den Kopf gehen und erwidere dann, dass der Junge ja eine Mutter hätte. Vorsichtig, denn aufgrund Kagumos initialer Ermahnung, wir wären ‘ein Haus’ und was ich gäbe, gäbe ich Meekulu, bin ich mir in diesem Moment nicht sicher, welche weiteren Erwartungen mit seiner Äußerung verbunden sind, welches Benehmen nun im Weiteren von mir gefordert ist. Zwar bin – und blieb – ich im Verständnis der meisten meiner namibischen Bekannten ein weißer Europäer. Doch als unverheirateter und kinderloser Mann (omumati) dürfte ich einem elder nicht direkt in die Augen schauen. Oder widersprechen. Seine Mutter würde ihn doch sicherlich unterstützen, füge ich daher in fragendem Ton hinzu.

Das sei richtig, stimmt Tatekulu Kagumo zu. Doch das Verhältnis zwischen ihm und der Mutter seines Sohnes sei schwierig. Ihre Beziehung sei weder legal noch kirchlich anerkannt, und sie lebten getrennt.

Hinzu kommt: Mit ihren über 90 Jahren ist Tate Kagumos Mutter, Meekulu Ndapandula, das älteste noch lebende Familienmitglied. Sie wird in Okatate respektiert und für ihr genaues und realistisches Denken geachtet. Die Menschen im Dorf beschreiben ihren Charakter als stark und aufrichtig. Meekulu Ndapandula steht in einer direkten Abstammungslinie zu König (ohamba) Mandume ya Ndemufayo, des letzten Königs des alten Oukwanyama.3 Dieser König kämpfte mit der Unterstützung seiner Landsleute und Kämpfer vehement (und mit einigem Erfolg) gegen die Kolonialmächte; im Jahr 1917 schließlich wurde König Mandume vom Militär der South West Africa Administration („the Union“) besiegt und getötet.4 Doch Meekulu Ndapandulas prominente Abstammung verkompliziert die Sache weiter, ihre matrilineare Abstammungslinie ist verhältnismäßig reich und angesehen. Es ist Meekulu, die in familiären Belangen eine zentrale Rolle einnimmt, in wichtigen Entscheiden konsultiert wird, deren Wort Gewicht hat. Auf ihre Erblinie rekurrieren stolz ihre Nachfahren; auch ihr Sohn, Tate Kagumo. Sie ist, wohlwollend, alt und weise: ‘the head of the house’.

Tatekulu Kagumos Missmut wird mir verständlicher, aber wahrscheinlich habe ich noch nicht alles begriffen, wie ich ihm gegenüber zugebe: Zum einen gehöre sein Sohn nicht derselben Matrilineage an wie er selbst. Tate Kagumo nickt. Zum anderen, fahre ich fort, werde die hierdurch fehlende Unterstützung umso wahrscheinlicher ausbleiben, als dass ein Kind aus einer standesamtlich nicht eingetragenen und kirchlich nicht getrauten Beziehung es sowieso von Beginn weg schwieriger hat. Auch mit diesem Punkt ist Kagumo einverstanden. Doch dann sieht er sich genötigt, meine Interpretationen mit einigen Episoden aus der Biographie Meekulus Ndapandulas in richtigere Bahnen zu lenken. Denn, so dachte ich laut, geschähen Schwangerschaften ohne kirchliche Trauung zwar regelmäßig, ‘gehörten sich’ aber nach moralischem Empfinden vieler ‘überhaupt nicht’. Sie gefährdeten die Integrität und den sozialen Stand eines eumbo – zumal Meekulu nicht nur eine von vielen geschätzte Person königlicher Abstammung sei, sondern ihren Glauben auch mit großer Tiefe praktiziere – ob ich wisse, wie ihr Onkel über die Schulbildung von Meekulu entschied, fragt mich Tate Kagumo. Ohne es zu bemerken, unterhalten wir uns zunehmend ungezwungen über Verwandtschaftsverhältnisse, königliche Abstammung, Macht und das Entscheidungsgewicht von ‘Mutterbrüdern’.

Währenddessen fahren wir über sandige Pisten, an Gehöften vorbei, mit ihren Palisaden und Zäunen und abgeernteten Hirsefeldern davor. Wir schlängeln uns zwischen freistehenden Bäumen hindurch, denn es gibt keine asphaltierten Straßen, es gibt Wege und Pisten. Wir diskutieren die knappen Weideflächen auf der namibischen Seite von Oukwanyama.

Das Gespräch kommt zu seinem vorläufigen Ende als Tatekulu Kagumo auf eine Bar zusteuert und das Auto dort parkt. ‘Die Bar’ ist wenig mehr als ein Holzverschlag, sechs Hocker stehen davor, eine elektrische Kühltruhe rattert im Innern. Verkauft wird Cola, Bier und tombo, ein aus Sorghum und Zucker selbstgebrautes Bier. Kagumo hupt, wir steigen aus, grüßen die wenigen Anwesenden und werden von ihnen gegrüßt. Angeregt tauschen wir Neuigkeiten aus. Ich unterhalte mich mit einem Freund Kagumos, einem Mann, der ein altes Transistorradio mit sich herumträgt. Sein Gesicht hellt sich auf, sowie er erfährt, dass ich Deutsch spreche. In bröckligen aber deutschen Worten erklärt er mir seine Geschichte: Apartheid, Widerstand, SWAPO, dann Exil, DDR.5 Es sei kalt gewesen, damals. Er hätte aber viel Radio gehört und noch immer trage er deshalb eines um seinen Hals, jederzeit. Er zeigt auf das Radio, dreht am Empfänger, aber Gesprochenes kann ich durch das Rauschen hindurch nur schwer ausmachen. Ich nicke, verunsichert von seiner für mich sich sehr fern und unvertraut anfühlenden Vergangenheit.

Nach einer Weile jedoch lässt er von mir ab und die Barbesucher widmen sich anderen Dingen. Tate Kagumo und ich betrachten den uns gegenüberliegenden, kilometerlangen Maschendrahtzaun. Die Grenze nach Angola. Der Zaun ist von mannsgroßen Löchern durchsetzt – Menschen schnitten sie, gehen täglich hindurch, holen Wasser, schmuggeln Benzin. Man ist auf beiden Seiten der Grenze zuhause. Ich setze den Zaun mit Sehnsucht gleich. Angola, dahin darf ich nicht. Zu gefährlich. Für Kagumo, der die Kampfhandlungen im Norden Namibias direkt und am eigenen Leib erfuhr, und dessen Zuhause hier ist, besitzt der Zaun eine andere Bedeutung. Aber welche Gedanken ihm in diesem Moment durch den Kopf gehen, kann ich nicht erfassen. Er spricht nur ungern über seine Erlebnisse vor der Unabhängigkeit Namibias, sagt nur, jetzt sei es besser.

In diesem Moment der Ruhe lasse ich meinen Blick schweifen und bemerke die Baumkronen: Mit ein wenig Glück (oder den richtigen Gebeten) wird bald der erste Regen fallen. Vereinzeltes Grün, vereinzelte Farbtupfer: Vereinzelt schlagen die Bäume und Büsche schon aus, fangen gar zu blühen an, in Erwartung der Regenzeit, die im Dezember einsetzen wird. Aber jetzt, Ende Oktober, ist die Landschaft noch trocken und beige und weiß. Es dominieren gebleichte Kontraste: das helle, unerbittliche Blau des Himmels, das vergraute Grün der Pflanzen, das Grau ihrer Dornen, das erdige Orange des Bodens. Außer dem gleißenden Blau sind alle Farben Pastell.

Christopher gesellt sich zu uns und nimmt auf der Rückbank im Toyota Platz; das Zeichen für uns, unsere Fahrt fortzusetzen. Christopher – Knecht, Ziehsohn Kagumos und Haushaltshilfe. Er stammt aus demjenigen Teil des Königreiches Oukwanyama, das heute auf angolanischem Staatsgebiet liegt. Viele wie Christopher, Männer wie Frauen, arbeiten für ein Entgelt von ungefähr 1000 bis 1200 Namibia-Dollars (NAD) in den Haushalten und Farmen des namibischen Nordens. Dort kochen sie, waschen die Wäsche, hirten das Kleinvieh, hämmern, zimmern und helfen bei der Feldarbeit. Für ihn, der nicht lesen und schreiben kann, der aber über ein robustes landwirtschaftliches Wissen und entsprechende Fähigkeiten verfügt, ist die geregelte Anstellung im Haushalt Meekulu Ndapandulas eine zufriedenstellende. Sie ermöglicht ihm den Unterhalt der eigenen Familie. Diese sieht er einmal im Monat: dann, wenn er das gesparte Geld nach Angola zurückbringt.

Wir erreichen Oshikango, eine Handelsstadt an der Grenze zu Angola. Gelassen, und in der Reihenfolge, in der sie anfallen, erledigt Tatekulu Kagumo seine Besorgungen: Er bestellt Ziegelsteine und Ersatzteile für sein Auto. Wir halten kurz auf dem Markt, scherzen, zeigen uns, essen. Dann geht es weiter, im weißen Toyota Corolla von Tate Kagumo, in die Gegend von Omatunda, östlich von Ohangwena, dem Sitz der regionalen Verwaltung. Es ist Mittag, wir sind nun schon einige Stunden unterwegs. Es ist hell.

Sonne, alle Farben immer noch Pastell, wir fahren wieder über Sand. Das Auto schlingert und holpert. Um uns die Büsche und Bäume und immer wieder die eumbo, die Gehöfte mit ihren Rundhütten, teilweise mit Gras aus dem Osten überdacht, oft aber mit Wellblech. Wir befinden uns nun auf dem Land, oder ‘in the village’. Hier sind die Abstände zwischen den Gehöften weiter, die Hirsefelder größer, das Grün dichter und die Schlaglöcher weniger; Pfade und Wege schlängeln sich vielfach verzweigt durch die Landschaft. Tiefliegende Äste streichen über das Auto. Kagumo dreht das Radio auf und hört amerikanischen Country. Johnny Cash singt von einer Liebe, die zu verlassen er nie im Sinn hatte. Dann Dolly Parton. Das Auto ruckelt beruhigend; die Musik liefert den Soundtrack zu einer surrealen Reise durch eine Gegend, deren Elemente, Bäume, Erde, Pflanzen, sich immer nur kurz und ohne einzelne Bedeutung zeigen. Christopher und ich sehen diesem Reigen schweigend zu, dösen ein.

Kagumo verfährt sich. Er weckt uns und weist uns an, nach Wegmarken Ausschau zu halten. Sie sagen uns, wo wir sind: Ein Wasserloch, ein großer Baum, eine Holzpalisade – ein erster Schritt nun auch für mich, die Landschaft als bedeutungsvoll zu erleben und mich als Teil von ihr. Kurz bevor uns das Benzin ausgeht, erreichen wir unser Ziel: Meme Ndahafas Gehöft.

Schon von außen, durch die teils mit Maschendrahtzaun, teils mit Palmblättern gefertigte Palisade des Gehöfts sehen wir das vorrätige Stroh für die neuen Dächer der Hütten gut und ordentlich gestapelt. Nicht nur Meme Ndahafa verfügt über ein regelmäßiges Einkommen; ihr Mann arbeitet beim Militär in der Nähe von Grootfontein. In aller Regel bestehen die ein Gehöft umfassenden Palisaden nicht mehr aus Holzpfählen, sondern aus Wellblech (Geld) oder Mauerwerk (mehr Geld). Nur vermögende Familien oder Familien von hohem sozialem Stand leisten sich neues Holz; die armen Haushalte können an den alten, verfallenden Holzpfählen erkannt werden, Holz für welches das Geld fehlt, es zu ersetzen. Auch die einzelnen Hütten eines Gehöfts werden nicht mehr mit Stroh gedeckt, und nicht mehr aus Lehm gebaut. Denn wie Bäume ist das Gras heute rar und deshalb teuer. Stroh wird vom Osten her importiert, aus Kavango und Caprivi.

Meme Ndahafa selbst kenne ich als besonnene und freundliche Frau mittleren Alters. Sie arbeitet im Okatate Primary Health Center als Krankenschwester. Da der Weg von Okatate nach Omatunda zu weit wäre, um ihn jeden Tag zu gehen, übernachtet sie zwischen ihren Arbeitseinsätzen im Gehöft von Meekulu Ndapandula. Sie schläft in derselben Hütte wie Meekulu und sieht abends mit ihr fern. Hier, in Omatunda, unterhält sie eine kleine Schweinezucht, die ein unregelmäßiges, aber zusätzliches Einkommen generiert. Als Dank für die Gastfreundschaft und als Ausdruck persönlicher Verbundenheit übergibt sie Meekulu ab und an ein ausgewachsenes Tier. Dieses Zeichen der Wertschätzung wie auch das frische Fleisch wird von allen im Haushalt geschätzt. Ein für diesen Tausch vorgesehenes Schwein nach Okatate zu bringen – das ist unsere Aufgabe für den heutigen Tag.

Ein junger Mann empfängt uns höflich. Er führt uns vom südlichen Haupttor hinein ins Haus, zum Hof. Dort setzen wir uns in den Schatten einer überdachten Holzkonstruktion. Die Gastgeberin erscheint, eine Verwandte Meme Ndahafas; sie gesellt sich zu uns und heißt uns willkommen. Quer über den offenen Hof, in die Richtung der Küche (epata), wo zwei Mädchen hinter einem Sichtschutz aus geflochtenen Palmblättern hervorlugen, gibt sie die Anweisung, uns oshikundu zu bringen, ein nahrhaftes Getränk aus Hirse. Durstig trinken wir. Während wir Jüngeren schweigen, richtet Tatekulu Kagumo Grüße aus und erkundigt sich nach Neuigkeiten. Wir sollen warten, meint da die Gastgeberin, die Schweine müssten erst noch angelockt werden. Es ist omutenya, mittlerweile, die heißeste Zeit des Tages, die Temperaturen stiegen schon vor einiger Zeit auf über dreißig Grad Celsius. Wir sind nicht in Eile.

Meme Ndahafa hält ihre Schweine nicht in Gehegen, die Herde bewegt sich frei in der Landschaft. Nur abends, zur Futterzeit, kehrt die Herde zum Haus zurück. Tagsüber vertun sich die Tiere anderswo. Und es scheint, als wären die Schweine um diese Zeit ebenso träge wie wir Menschen, die nun versuchen, die Herde anzulocken.

Wiederholt schlagen wir auf blecherne Futternäpfe. „They are used to it“, meint unsere Gastgeberin. Es bedeute für die Tiere, dass es Futter gäbe. Doch falls diese das metallische Schlagen der Futternäpfe wahrnehmen, so ignorieren sie es. Wir warten zehn Minuten. Dann versucht es die Gastgeberin noch einmal selbst. Aber nirgends in der weiten Landschaft ist eine der vierbeinigen Gestalten auszumachen. Auch nicht nach einer weiteren halben Stunde.

Und auch nicht nach einer Stunde.

Nichts zu machen.

Also werden Christopher und ich losgeschickt, die Schweine zu suchen. Tatekulu Kagumo verbleibt unterdessen im Schatten des Hofes. Zwei uns unbekannte Nachbarn allerdings kennen die Gegend gut und erklären sich bereit, uns zu begleiten. Wir gehen als Gruppe; erst halten wir uns nordwärts, leicht östlich, gehen einen weiten Bogen – zu Beginn schwatzen wir angeregt miteinander. Später schweigen wir, ich tippe mir die Namen der Bäume, an denen wir vorbeikommen, ins Smartphone –, gehen volle zwei Stunden lang, und finden nichts; nicht einmal Spuren.

Treffen wir auf andere Leute, dann fragen wir sie, ob sie die Tiere gesehen haben. Aber niemand sah sie.

Einmal, da lädt uns ein altes Paar dazu ein, uns doch zu ihnen zu setzen und das Essen mit ihnen zu teilen. Wir setzen uns auf die umgedrehten Farbkessel vor ihrem Haus, beten, essen, ich bin froh um ein paar Minuten Schatten. Ziehen weiter.

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Ich liebe diese Landschaft, denke ich, trocken, raschelnd, das Laub unter den Füßen, brechende Zweige, den Sand zwischen den Zehen. Es ist sehr ruhig. Die Luft ruht, der Sand bindet jeden Geruch aus ihr, und jedes Geräusch. Nur ein mineralisches Schimmern bleibt, weit und fern und hell. Die Sonne brennt.

Vereinzelt sitzen Menschen in der Nachmittagshitze, unter Bäumen, im Schatten, vor ihren Füßen das Licht der Sonne. Sie sitzen in shebeens oder tombo-places.7 Wir nähern uns ihnen von weit her, wie aus einer Landschaft, in der nichts ist, und aus der wir die einzigen sind, die kommen. Sie winken uns zum Bier. Wir lehnen keine Einladung ab. Doch die Schweine hat niemand gesehen. Ob wir noch einen weiteren Becher tombo wollten? Jemand bietet uns Schnaps an. Wir nehmen dankend an.

Wir fangen an, uns zu betrinken. Die Sonne, das Licht brennt auf den Kopf.

Der Alkohol frisst am Gehirn. Wasser trinken wir keines.

Gefühlt nach Stunden gelangen wir zurück zu Meme Ndahafas Gehöft. In einer nahe gelegenen shebeen legen wir eine Pause ein, gesellen uns zu den Menschen im Schatten des Baumes davor. Ich bin froh, mich in den Sand setzen zu können. Kagumo fährt mit dem Auto vor; er setzt sich auf eine Bank, schwatzt, wie wir, mit den Anwesenden. Er wechselt von Tafel Lager zu dem selbstgebrauten Schnaps, der gerade die Runde macht. Die Zeit vergeht.

Wir kommen auf Gott zu sprechen. Der Bezirksvorsteher (omwene womukunda) von Omatunde sitzt mir gegenüber, kann sich nicht vorstellen, nicht an Gott zu glauben. „It is not good to drink that hard beer [ombike, Schnaps],“ erklärt er mir.

„When I’m drinking”, fährt er fort, “I’m out of the Word of God. But on Sunday, I can pray, even on my knees and ask for forgiveness. Because I know, I’m doing wrong. To pray to God makes me feel well… To have good undertakings, we ask from God.”

Den tieferen Sinn von Aussagen wie dieser werde ich erst viele Monate später anfangen zu begreifen – wie fühlt es sich beispielsweise an, so ein Leben zwischen Sünde und dem Wort Gottes? Wie sieht die alltägliche Lebenserfahrung dieses Mannes aus? Wie sind die Momente beschaffen, in denen er sich wohl fühlt und sein Leben gelingt?

Und ich werde begreifen lernen, wie sehr unsere heutige Erfahrung für viele Menschen im Norden Namibias eine alltägliche ist. Die Menschen sitzen herum, im zentralen Norden Namibias, und warten darauf, dass etwas geschieht. Oft gelingt es ihnen, die Zeit zu genießen. Dennoch stellt sich vor allem für viele Jüngere die Frage: Wo führen diese Leben in den Schatten der Bäume denn nur hin?8

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Nach einer Weile, es muss sein, wagen wir einen neuen Versuch, rappeln uns auf. Nur Christopher ist gut gelaunt, wie er oft guter Laune ist. Er sagt, er möge es, solche Dinge zu tun. Er laufe gerne, trinke allerdings nur wenig. Wie zur Bestätigung murren unsere zwei Begleiter, greifen ein letztes Mal nach ihrem Bier, bevor auch sie sich aufsetzen. Schweigend ziehen wir los.

Nun gehen wir einen Bogen in Richtung Nordwesten. Dieses Mal finden wir die Schweine auf Anhieb; nach ungefähr dreißig Minuten Gehen entdecken wir inmitten einer kleineren Baumgruppe sechs ausgewachsene Tiere und einige Ferkel. Dösend und kauend liegen sie in einer Kuhle in der Erde, kühlen sich, das Fell ihrer Körper so erdfarben wie der sie umgebende Sand.

Wir geben uns Handzeichen; umgehen die Tiere in grossem Abstand, verteilen uns in einem weiten Halbkreis um sie. In Richtung von Meme Ndahafas Hof, aus unserer Sicht: nach vorne hin, da lassen wir eine Lücke. Dann, Schritt für Schritt, treten wir an die Tiere heran. Einzelne Schweine merken auf, alarmiert. Sie heben ihre Köpfe, kräftige Nacken drehen sich in unsere Richtung, und fast wie bei Hunden, denke ich, schauen die Augen, hängen die Ohren. Wachsam. Je näher wir treten, desto unruhiger werden die Tiere. Wir halten inne, tun einen weiteren Schritt, alle Tiere stehen auf. Tun noch einen Schritt – und die Herde rennt los, die Ferkel eng an der Seite der Säue.

Von hinten treiben wir sie an, gehen im Schritttempo, wenn es sich anbietet. Rennen mit, wenn nötig. Christopher und einer der Begleiter schauen, dass kein Tier seitlich ausbricht. Eine Muttersau mit ihrem Ferkel ist schnell, versucht wiederholt, uns zu entwischen. Doch bis zu Meme Ndahafas Haus treiben wir die Tiere. Dort werden sie gefüttert und nach einer Weile beruhigen sie sich.

Wir trinken ein weiteres Bier; Tatekulu Kagumo spendiert es, als Lohn für unsere Mühen.

Und dann binden wir das für Meekulu Ndapandula bestimmte Schwein zusammen.

Christopher und die beiden Nachbarn fesseln seine Vorder- und Hinterläufe, binden seine Schnauze zu, stecken das Tier dann in einen Sack. Ich stehe betrunken daneben, überrascht von der plötzlichen Heftigkeit der Situation, denn das Schwein wehrt sich, und weil es sich wehrt, den Rücken verbiegt, strampelt und sich windet, panisch quiekt, wird es weiter verschnürt. Bis es sich nicht mehr bewegen kann. Einer der Männer tritt es. Wir fassen den Sack und hieven das Schwein in den Kofferraum von Tatekulu Kagumos Toyota. Das Tier schnauft schwer.

Nach unserem ersten, fehlgeschlagenen Versuch, die Schweine zu finden, war die Stimmung eine missmutige, nur unwillig und langsam bewegten wir uns von Neuem. Nun ist sie freudiger; alle sind erleichtert, dass die Arbeit getan ist. Und unsere Gastgeberin – dieselbe Person, die uns früher am Tag empfing – tischt uns gutes Essen auf: Huhn, mit dem Öl der Amarulanüsse gewürzt, ein kulinarisches Erlebnis, serviert in der Tonschale. Die Qualität des Essens deutet auf die Freundschaft zwischen den beiden Familien hin, ein Zeichen der Wertschätzung. Mit Genuss essen wir, fahren dann nach Okatate zurück.

Unterdessen erstickt, ohne dass wir es ahnen, das Schwein im Kofferraum.

Zurück in Okatate zerren Christopher und ich den schlaffen Körper aus dem Auto; das Tier muss in Panik erstickt sein, denn eingetrockneter Schaum bedeckt seine zugebundenen Lefzen. Für einen kurzen Moment stehen wir ratlos vor dem toten Tier. Dann ist klar, was wir zu tun haben: Denn zwar dunkelt es bereits, und lange werden wir kein Tageslicht mehr haben. Eigentlich ist es schon zu spät am Abend, umdas Tier noch in Ruhe ausnehmen zu können. Aber noch kann das Fleisch Verwertung finden.

Wir arbeiten schnell. Zuerst tragen wir das Tier quer über den Hof, hinter die Küche (epata). Dort, nahe dem Feuer, aber hinter einem gemauerten Eck einer Hütte und damit der unmittelbaren Nähe der Kochstelle entzogen, schneiden wir dem Tier die Halsschlagader durch. Es blutet nur wenig.

Wir legen das Tier auf ein Wellblech. Christopher bedeckt den Körper mit einem Plastiksack. Wir warten, bis das Wasser kocht, das inzwischen in einem Topf auf dem Feuer steht. Dann gießen wir dieses, Schwall für Schwall, über den toten Körper, die oberste Hautschicht löst sich, wir schälen sie mit Messern vom Körper. Anschließend holen wir trockene Palmblätter, zünden sie an, brennen die Borsten ab. Diese zwei Arbeitsschritte erledigen wir sehr genau, minutiös, auch die Ohren reinigen wir, den Schwanz, unter dem Schwanz, bis hinunter zu den Hufen und auch vorne, um die Schnauze herum, schaben und brennen wir.

Der Topf soll aufs Feuer, ruft da Meekulu Ndapandula. Sie sitzt um die Ecke bei epata auf ihrem Stuhl, vor den drei Steinen, auf denen gekocht wird. Sie hat Hunger. Nehmt das heiße Wasser weg, sagt sie. Sie will kochen. Wir beeilen uns noch mehr.

Christopher, der weiß, was er tut, denn er hat das schon viele Male getan, schneidet das Tier auf, greift nach den Innereien, eine Bewegung nach der anderen, kein einziger Moment des Zögerns dazwischen: unverwertbare Teile, die Blase, der mit dem Futter noch gefüllte Darm, das alles kommt in einen Plastiksack. Stück für Stück schneidet Christopher das Tier auseinander, während ich es halte: Die essbaren Teile landen in Plastikbecken. Die guten in dem einen, Kopf, Huf und andere Teile in anderen. Christopher langt das Fleisch mit vollen Händen an, ich drehe den Plastiksack mit den unverwertbaren Teilen zu, trage ihn in eine Ecke des Hofes, die Hunde streiten sich um den Inhalt.

Nach knapp einer Stunde Arbeit rösten wir die Leber des Schweines auf dem Feuer. Diese Stücke sind für die Männer reserviert, für diejenigen, die das Schwein fingen. „You must eat it, it was us, who catched it“, wird mir gesagt, als ich meine, auf das Fleisch verzichten zu wollen. Was wir nicht essen an diesem Abend, lagern wir in einer der zwei Tiefkühltruhen des Hauses.

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Und endlich zieht Christopher sein Hemd aus, denn es ist voll Blut, Flüssigkeit und Unverdautem. Er taucht seine Hände ins Wasser, und wäscht seine Hände, Arme, seinen Oberkörper. Dann setzt er sich zu mir und den anderen Mitgliedern des Gehöfts zum Essen. Er ist glücklich.

„The slaughter of the pig,“ schreibe ich am nächsten Tag mit mittelschwerem Kater und einem Sonnenstich in mein Feldforschungsjournal, „I could only cope with some sensationalism. Irgendwo zwischen aufgekratztem Wahrnehmungsapparat und seelischer Betäubung.“ Und über den Mann, der das Schwein trat, bevor wir es ins Auto hievten: „Ich meine, einen gewaltbereiten Wahn gesehen zu haben, in den Augen des einen Mannes, der das Schwein trat. Trunken, ein Blitzen ‘gleichgültiger Gewalt’, nebensächlich und böse, aus Alkohol und weil es nichts Besseres zu tun gibt. In diesem Moment zog ich mich emotional aus dem Geschehen zurück.“

Krass steht mein Empfinden dem Empfinden der anderen Menschen gegenüber: Für sie ging es an diesem Tag um etwas gänzlich Anderes: nämlich darum, ein Schwein zu fangen und es nach Okatate zu bringen. Ein Schwein liefert Fleisch für viele Wochen. Und um dieses zu lagern, muss das Tier zuerst geschlachtet, dann ausgenommen und schließlich zerteilt werden. Das ist eine wiederkehrende und normale Aufgabe für viele Menschen im zentralen Norden Namibias und seiner bäuerlichen Haushalte. Wie die Geschehnisse des Tages verdeutlichen, ging es für alle Beteiligten aber auch darum, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und die glückliche Unbeschwertheit einer erfreulichen Situation zu erfahren.

Aufgrund ihrer persönlichen Situation trugen alle Beteiligten verschiedene Wünsche und Vorstellungen an diese Situation heran. Alle Beteiligten wurden, auf die ihnen mögliche Weise, jeweils in diesem – also ihrem – Sinne tätig. Die beiden Nachbarn beispielsweise halfen uns zwar, das Schwein zu finden. Sie tranken aber nicht nur wann, sondern beinahe soviel sie konnten. Ihre Motivation, die Aufgabe erfolgreich zu ihrem Ende zu bringen, ließ nach den ersten Bieren stark nach.

Christopher hingegen erfreute sich an anderen Dingen als Alkohol (und hierin liegt, wie Tatekulu Kagumo mir später einmal verraten wird, das Wohlwollen begründet, das er Christopher entgegenbringt). Ihm war die Aufgabe des Tages genug und er wollte sie erfüllen. Außerdem empfand Christopher die körperliche Bewegung, den Wechsel zwischen Schlafen, Gehen, Arbeiten, Essen und Geselligkeit als angenehm, anregend und wenig ermüdend.11 Tatekulu Kagumo wiederum befand sich in nochmals einer anderen, vor allem sozial determinierten Position. Ihm oblag es, den Transport zu ermöglichen und den guten Austausch zweier befreundeter Familien zu pflegen. Als elder war es außerdem nicht an ihm, die Arbeit zu verrichten, die wir Jüngeren verrichteten.

Der Wechsel der Tätigkeiten, zwischen Aktivität und Ruhen, nüchternem Fokus oder Betrunkenheit war eine Gruppenangelegenheit mit ihrer eigenen Dynamik; gleichzeitig nahm sich jede der am Geschehen beteiligten Personen in der ein oder anderen Weise ihre Freiheiten heraus – soweit es eben ging. Ergo: Neben den verschiedenen Tätigkeiten, dem Rhythmus ihres Wechsels und der erwähnten Gruppendynamik wurde das Erleben einer beglückenden sozialen Situation durch richtiges (oder falsches) moralisches Verhalten begünstigt. Normen und Werte, Erwartungen und Rollenbilder sanktionierten das Geschehen. Es ist nicht vorherzusehen, für welche Person in welcher Situation die Achtung oder Missachtung dieser moralischen Vorgaben in welcher Weise einen besonders wertgeschätzten Moment zur Folge hat; schon gar nicht in welcher Form.

Auch Muße sei nicht willentlich zu erzwingen und bliebe als solche unverfügbar; ihr Zweck ist im Moment ihres Vorhandenseins ein Selbstzweck. Es kann allerdings ohne Weiteres aufgezeigt werden, wie moralisches Handeln das Entstehen von Muße begünstigen kann – ganz im Unterschied zu einer von ihrer Ethik befreiten, körperlichen Tätigkeit oder Verfasstheit.12 Es genügt also nicht, sich mit einer instrumentellen Anwendung einer Tätigkeit oder gar Objekten, Symbolen und Substanzen zu begnügen – wenn, dann sollte man sich im richtigen Moment betrinken (oder, alternativ: Selbstsorge und -aufmerksamkeit üben).

Hierauf möchte ich nun unter besonderer Berücksichtigung der sinnlichen Qualitäten weiter eingehen. Denn es sind die sinnlichen Qualitäten eines Innehaltens, die einem Erleben Tür und Tor öffnen. Sie sind es, die ein Geschehen für Menschen erinnerungswürdig machen.

Nicht nur existiert für das Ausnehmen eines Schweines ein angemessener Ort und existieren für den vorgängigen Tausch des Tieres spezifische moralische Erwartungen wie auch gesellschaftliche und ökonomische Vorbedingungen. Sondern: Das Schwein verendete, in Panik, bei weit über dreißig Grad im Kofferraum eines Autos.

Man hatte ihm die Schnauze zugebunden. Wahrscheinlich konnte es nicht richtig atmen. Nachdem Tatekulu Kagumo das Auto auf dem Hof von Meekulu Ndapandulas Gehöft geparkt hatte, ging er schnell davon. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er seinen Teil der Arbeit damit als beendet ansah, oder ob er ahnte, was kam: Sowie Christopher und ich den Kofferraum öffneten, bestürzt auf das tote Tier schauten, es dann hinaushievten und es behelfsmäßig auf einen Metalltisch im Hof legten, wo es liegen blieb, seine Glieder taub über die Tischkante gestreckt, der Geruch streng – da kam Meekulu Ndapandula von quer über den Hof auf uns zu und reagierte wie eine erwachsene und verantwortungsvolle Person in der Regel auf die Schnapsidee einiger Halbwüchsiger reagiert: Sie verdrehte die Augen.

Für Christopher und mich war ihr Missfallen klar spürbar, und wir getrauten uns kein Wort zu sagen. Meekulu schaute jeden von uns den Bruchteil einer Sekunde länger an, als nötig gewesen wäre. Dann schien sie das Ganze innerlich abzuhaken, drehte sich um und ging davon. Sie ließ uns – buchstäblich – stehen.

Hierdurch aber degradierte sie uns zu einer Bande verrohter Halbstarker. Unser Verhalten sprach nicht für uns. In der Folge fand es nur insofern Beachtung, als dass es abgestraft wurde. Wie drei weitere Gelegenheiten zeigten: Wäre das Schwein in diesem Moment noch lebendig gewesen, so hätte man es an einen Baum gebunden und weiter gemästet. Erst dann wäre es für die richtige Gelegenheit geschlachtet worden. Die Wertschätzung sowohl von Tier wie auch von Menschen wäre anders verlaufen.

An diesem Tag konnten wir die normativen Anforderungen an uns als junge Männer nicht erfüllen: ehrbar, aufrichtig, direkt im Handeln – verantwortungsvoll hätten wir sein können. Stattdessen hatten wir, wie omumati, als wären wir nicht ganz erwachsen, unsere eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund gestellt. Damit verpassten wir es nicht nur, unsere Pflicht zu erfüllen. Wir missachteten die Grundsätze guten Benehmens, und wir missachteten die elders, welche dieses verkörpern und in deren anzestralen Verlängerung wir handelten: „[…] whatever you think can go to this house – you give it to Meekulu.“

Die Wahrung einer solchen Harmonie repräsentiert die gewünschte und bisweilen schwierig zu erreichende Norm guten Benehmens. Es ist diese Verbindung zwischen moralischem Handeln, Weltvorstellung und Wohlbefinden, die durch bestimmte Techniken und ethische Verhaltensweisen beeinflusst werden kann.

In Christopher und meinem Fall verlief die Sache dann doch glimpflich und insgesamt ziemlich alltäglich. Doch war da etwas, eine Norm, eine Erwartung – ein Anecken an ihr und ein Gefühl, dessen Tiefenhall Christopher nicht in Worte fassen konnte. Es ließ ihn aber die Gravität des Ganzen erahnen – und es war nicht die mögliche Konsequenz einer Bestrafung. Betretenes Schweigen folgte. Das Bewusstsein über die Tat beschämte uns. Als wären wir kleine Jungs, schlugen wir im Moment der Begegnung mit Meekulu Ndapandula die Augen nieder. Erst durch den letzten Akt des Ausnehmens und Zerteilens des Schweines ‘spurten’ wir wieder ein in das Ordnungsgemäße.

Im Laufe des Abends taten wir, was richtig war und von uns erwartet wurde. Wir nahmen das Schwein auseinander, zerlegten es, arbeiteten schnell und zuverlässig. Die Stimmung Christophers hellte sich im Verlauf des Abends deutlich auf, ebenso diejenige von Meekulu Ndapandula: Das Fleisch war gerettet und konnte gekühlt werden, die Frauen kochten auf dem Feuer, die Männer verspeisten die Leber. Gemeinsam aßen wir zu Abend, saßen noch eine Weile zusammen und unterhielten uns. Schließlich verabschiedeten wir uns voneinander, wohlgesinnt, und gingen zu Bett. Dies entspricht dem gewohnten Ablauf eines gewöhnlichen Abends. Es lässt uns gut schlafen.

Die Schwierigkeit in der Beschreibung des Vorgefallenen bestand für mich lange Zeit darin, die passenden Worte zu finden. Das, stellte sich heraus, ist letztlich eine schriftstellerische Aufgabe. Ihre Bewältigung benötigt die Entwicklung eines narrativen Schreibstils. Sie meint das Zusammensuchen von Worten, Methoden, Gesten, Interrelationen, Satzkonstruktionen, Textur, Sprachgefühl, Ausdrucksvermögen und mehr. Sofern es sich anbietet, soll alles zur Verfügung Stehende genutzt werden. Denn es geht um mehr als verantwortungsvolle Hermeneutik – also hinzugehen, sich in einer anderen als erwarteten Weise berühren zu lassen, mitzumachen und versuchen zu verstehen (und wieder hinzugehen).

Die besondere, im Falle der Muße unvorhergesehene und unverfügbare, und ich meine: auch sich in einer ganz bestimmten Weise anfühlende, soziale Qualität eines Geschehens kann von Außenstehenden nur über ein gemeinschaftliches Gefühl nachvollzogen werden. Es kann entstehen, sofern erzählt wird. Nun kann über das Sein und Empfinden einer erlebenden Person berichtet werden, über das Richtig und das Falsch, das Wie und Warum, und damit kann auch ein wenig gelernt werden über die spezifische Verfasstheit der Gesellschaft, in der sich eine solche Person bewegt und lebt.

Ein mit Bedeutung aufgeladenes ‘Ding’, seine Fluktuationen, Beziehungen und Veränderungen in den Mittelpunkt eines sozialanalytischen Interesses zu stellen, bietet sich für diesen Zweck an. Denn ‘das Schwein’ befand sich über lange Zeit im Zentrum des Geschehens. Es fokussierte, auf verschiedenste Art und Weise, nicht nur die Handlungen und Handlungsabsichten aller Beteiligten auf sich. Sondern darüber hinaus deren jeweilige Wahrnehmung. Da jede Wahrnehmung ihre eigene Logik, Geschichtlichkeit und Organisation besitzt und fortwährend ausbildet, wäre es an dieser Stelle der Analyse möglich – in mehr als nur theoretischer Hinsicht –, vermeintlich feststehende Unterscheidungen wie Subjekt und Objekt hinter sich zu lassen.

Bezüglich einer Nachzeichnung der Kontingenz der nun wiederholt erwähnten und auf den vorhergehenden Seiten geschilderten Sozialbeziehungen können daher die sinnlichen Qualitäten eines Erlebens nicht genug hervorgehoben werden. Es sind diese Qualitäten und Stimuli, anhand derer sich die Absicht, eine besondere Situation in ihrer Eigenlogik wie auch -wertigkeit zu beschreiben, verwirklichen lässt.

Das heißt, in einem sehr alltäglichen Sinn und nicht-rituellen Setting, verweise ich hier auf das Vermögen einer jeden animistisch handelnden und denkenden Person, jederzeit die sie umgebenden Bedeutungen (Symbole, Worte, Dinge, …) angehen zu können. Eine solche Person ist fähig, sich auf diese Zusammenhänge (Wirkungsweisen), gewissermaßen als Antwort, verkörperte Praktiken einfallen zu lassen. Einer menschlichen Wahrnehmung erscheinen diese (und alle Praktiken) nie ohne ihre spezifische sinnliche Qualität; ja teilweise sind diese Qualitäten alles, was ein Mensch wahrnimmt. Daher sind verkörperte Praktiken mehr als körperliche Tätigkeiten: sie sind emphatische Antworten auf sinnliche Qualitäten wie beispielsweise visuelle und taktile Stimuli.13

Damit landen wir erneut bei den konkreten Geschehnissen des geschilderten Tages. Das Umschlagen der Erfahrungsqualität des Vorgefallenen wie auch das unvorhergesehene Auftreten von in ihrem Eigenwert geschätzten Situationen kann ich gut an den sukzessive sich verändernden Eigenschaften des Schweines veranschaulichen. In dieser Hinsicht sticht insbesondere der Vorgang seines Schlachtens hervor, und zwar nicht nur, weil es den beteiligten Personen gelang, eine moralisch sich ‘entgrenzende’ Situation durch ‘richtiges’ Benehmen ‘wieder einzufangen’ – also die oben kurz dargestellte Dynamik von Schuld, Scham und erneutem ‘Einspuren’.

Eine solche Herangehensweise verweist auf ein kategoriales Verständnis aufseiten des Interpretierenden (mir) und das mimetische Potential einer interpretierten Praxis. Doch eine Praxis kann nicht auf ihren Inhalt oder ihren taxonomischen ‘Ort’ innerhalb einer Systematik zurückgeführt (‘reduziert’) werden. Denn emotionale und kognitive Dimensionen eines Handelns helfen, eine handelnde Person in ihrem sozialen (oder kosmologischen) Umfeld neu zu orientieren.

Daher schlachteten wir das Schwein hinter epata, dem traditionellen Platz der Frauen, wo Meekulu Ndapandula ihren Stuhl hat, singt, sitzt, und von wo aus sie den Haushalt führt. Das ist, in diesem Haushalt wie anderswo, der angemessene Ort dafür. Daran war nichts Besonderes und es brachte nichts Unbegreifliches mit sich. Während wir das Schwein schlachteten, gingen die Alltagsgespräche weiter. Dieses Fehlen eines Unbegreiflichen rief verschiedentliche ‘Lücken’ hervor. Betreffend einer Beschreibung des Geschehenen ringt man, und rangen wir, Christopher und ich (aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven), nach Worten. Eine solche ‘Lücke’ kann nicht anders überbrückt werden als mit Poesie; einer Neukonfiguration bereits bestehender Elemente.

Poesie, schreibt Vilém Flusser im Einklang mit etymologischen Bestimmungen des Wortes, sei das Gegenteil von Imitation, nämlich das Herstellen von Erlebnismodellen. Ohne diese Erlebnismodelle, ohne diese Dichtkunst, also das poetische ‘Verfertigen’ von Wirklichkeit durch – im Falle von wissenschaftlichen Texten – logische Bausteine und Worte, ohne sie wären wir Menschen blind, taub und gefühllos. „Wenn wir Farben sehen, so durch Van Gogh und Kodak hindurch, wenn wir Töne hören, so durch Bach und durch Rock, wenn wir schmecken, so durch Brillat-Savarin und durch Fastfood.“ 14

Das Schwein war zwar nicht Fastfood, dafür aber Bestandteil eines alltäglichen Geschehens. Das heißt, konkret: Wir betranken uns, die Sonne brannte. Das Schwein wehrte sich nach Kräften. Es wurde getreten und seine Läufe mussten zusammengebunden werden. Es erstickte hiernach bei über dreißig Grad Celsius im Kofferraum eines Toyota Corolla. Durch Hitze, Alkohol und gefühlt endloses Stolpern durch eine verlassene Landschaft schien zumindest für mich der ganze Tag ins Absurde abzudrehen. Ich erschrak über die Brutalität, mit der die Männer ein lebendiges Tier behandelten. Und ich erschrak über die Unbekümmertheit, mit der wir danach seinen toten Körper auseinandernahmen. In den Händen von Christopher und mir schien der tote Körper des Schweines zunehmend eigenschaftslos zu werden. Aber gerade durch dieses Erschrecken und wiederholte Aufmerken wurden meine Sinne geschärft; sie waren nun aufgeweckt genug, um die besondere sinnliche Qualität, mit der sich ein Geschehen als Prozess ausweist, zu erfassen.

Das Geschehen war intensiv. Wir arbeiteten schnell und fokussiert. Es roch nach Blut, Rost, Feuer, Rauch. Wir Handelnden waren sozial aufeinander bezogen, durch unser Tun, unsere Vorstellungen, durch diesen Körper, mit dem wir umgingen, durch die gesamte Materialität und sensorische Qualität der Situation. Hierdurch wurden auch wir eigenschaftslos, ohne dass wir dies bedachten, auch wir gingen, als diejenigen, die rochen und fühlten und auseinandernahmen, zunehmend in die Handlung ein. Bleiches Fleisch begann, gehäutet und die Borsten abgebrannt, sich unterschiedslos in die Umgebung einzupassen – in das, was geschah. Nachdem wir das Tier ausgenommen hatten, war sein Körper nicht mehr schwer. Ohne Probleme konnten wir ihn auf dem Wellblech hin und her drehen, während wir ihn auseinanderschnitten. Danach war der Körper nicht mehr Körper, sondern Fleisch, nun, und in Stücken. Doch wir, und das ist entscheidend, wir wurden zu Menschen, die tun, was in so einer Situation eben getan wird.

Der Übergang von Leben zu Tod verdeutlicht diesen Punkt der Transformation oder Generierung von sozialer Bedeutung und Änderung des Handlungsvermögens aller Beteiligten in krasser Weise. Dennoch besteht die qualitative Veränderung nicht nur in einer ‘einfachen’ Gegensätzlichkeit, beispielsweise darin, dass sich das Handlungsvermögen des Schweines auf null reduzierte, während einige Menschen das ihrige erhalten oder gar ausbauen konnten. Nein, die Qualität ihres Wirkens insgesamt veränderte sich.

In der poetischen Verfertigung neuer Erlebnismodelle gibt es nie ‘null’ – es gibt beinah nichts, das nicht schon vorhanden und sich nicht in der ein oder anderen Weise der menschlichen Wahrnehmung und Erfindungsgabe ‘anbieten’ würde. Diesem Zustand des ‘nie null’ kann, unter Berücksichtigung seiner sinnlichen Eigenschaften, im Sozialen nachgespürt werden. Es bedeutet das freundschaftliche Akzeptieren, Zulassen und Empfinden von fremden (und in der Konsequenz unverstandenen) aber im eigenen Erleben präsenten ‘Andersheiten’ (Eigenschaften, Effekte, andere Menschen oder Wesen, …). Nicht der Zustand selbst, schon gar nicht ‘das Andere’, aber die im Sozialen wirksamen Eigenschaften sind für unsere menschliche Wahrnehmung sinnlich verfasst und unmittelbar nachspürbar. Damit sind ethisches Verhalten, verantwortungsvolles (wissenschaftliches) Arbeiten, das Ringen um Adäquanz, Plausibilität und Worte vorausgesetzt. Gefordert ist jedoch mehr: Sobald in einer Weise erzählt wird, die sich bewusst wird über die Mittel, die sie einsetzt, kann Geschehenes in einer erneuten Darstellung ein weiteres Leben finden.

Es liegt also an mir, dem Autor, die besondere Textur des bleichen Schweinefleisches möglichst genau zu beschreiben, sich richtig darin zu wälzen, den Geruch des Feuers nacherlebbar zu gestalten, das Holz, unsere Beschämung und unser Glück. Es sind die erzählenden Worte, die dem Anspruch einer Abbildung gerechter werden als andere Darstellungs-, Interpretations- und Übersetzungsweisen: An diesem Abend, in diesem Teil der Welt und in diesem spezifischen Gefüge dessen, wie die Welt sein kann, war das Schwein genau an dem Ort, an dem es sein musste: in unserem Alltag und als Essen. Als Essen hatte es eine vorgängige Geschichte der ökonomischen wie freundschaftlichen Beziehung zweier Familien, der Beschaffung wie der Zubereitung. Aber immer fühlte es sich – während all dieser Vorgänge – auf eine ganz bestimmte Weise an. Damit war es Teil, und wir mit ihm, eines von Menschen gelebten, glücklichen und sozialen Miteinanders.

Literaturverzeichnis

Crane, Thera, Karl Lindgren-Streicher, and Andy Wingo. ‘Hai Ti! A Beginner’s Guide to Oshikwanyama’, 2004. https://wingolog.org/pub/hai-ti/hai-ti.pdf.
Dobler, Gregor. ‘Arbeit, Arbeitslosigkeit und Rhythmus’. In Muße und Gesellschaft, 61–80. Otium 5. Tübingen: Mohr Siebeck, 2017.
———. ‘“Work and Rhythm” Revisited. Rhythm and Experience in Northern Namibian Peasant Work’. Journal of the Royal Anthropological Institute 22, no. 4 (2016): 864–883.
Flusser, Vilém. Die Schrift. Fischer Wissenschaft. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuchverlag, 1992.
Napier, A. David. Making Things Better. A Workbook on Ritual, Cultural Values, and Environmental Behavior. Oxford Ritual Studies. New York: Oxford University Press, 2014.
Tönjes, Hermann. Wörterbuch Der Ovambo-Sprache. Osikuanjama-Deutsch. London: Forgotten Books, 2018.
Wallace, Marion. Geschichte Namibias: von den Anfängen bis 1990. Mit einem Beitrag von John Kinahan. 1., deutsche Originalausgabe des 2011 im Hurst Verlag erschienenen Werkes. Basel, Frankfurt am Main: Basler Afrika Bibliographien, BAB, Brandes & Apsel, 2015.

Empfohlene Zitierweise:


Yannick van den Berg: Eine gute Zeit, und eine geteilte Erfahrung: Schweine finden, schlachten und essen
In: Muße. Ein Magazin, 5. Jhg. 2020, Heft 1, S. 19-38.
DOI: 10.6094/musse-magazin/ 5,7.2020.19
URL: http://mussemagazin.de/2020/03/eine-gute-zeit-und-eine-geteilte-erfahrung-schweine-finden-schlachten-und-essen/
Datum des Zugriffs: 30.03.2020

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